Читать книгу «KNUCKLEDUSTER» онлайн полностью📖 — Andrew Post — MyBook.

Kapitel 6

»Nectar?«

Sie war zehn Jahre jünger als Thorp und sehr zierlich, elfengleich. Sie hatte rotblondes, golden glänzendes Haar und funkelnde grüne Augen, die sofort alle Blicke auf sich zogen. Brody war ihr nur einmal begegnet und hatte das Mädchen völlig vergessen, bis zu genau diesem Augenblick im Garten beim Cranberrymoor.

Thorp und er waren praktisch selbst noch Kinder gewesen, hatten die Grundausbildung gerade abgeschlossen. Brody begleitete ihn damals im ländlichen Illinois auf ein Familienpicknick. Er erinnerte sich daran, dass Thorp Nectar von der Schaukel herbeirief. Als sie vor ihm stand, wusste Brody nicht recht, was er tun sollte und streckte ihr die Hand entgegen. Zögerlich und verwirrt nahm sie diese an. Das war vor der Brandbombe gewesen, die ihn blendete, und vor den zehn Jahren Tätigkeit als Vergütung-bei-Gebrauch-Ordnungshüter. Er war dreiundzwanzig gewesen, Thorp vierundzwanzig, und beide auf dem Sprung in das Boot eines ruderlosen Lebens.

Nun standen sie wieder in einem ländlichen Garten und sprachen über ein Mädchen, an das er nicht mehr gedacht hatte, obwohl er vieles andere lieber vergessen hätte.

»Ja. Sie ist völlig …«, Thorp wedelte mit der Hand um seinen Kopf, »… verwirrt … und so 'nen Scheiß. Ich meine, der Dienst ist eine gute Sache, wenn man jung ist. Aber wie man uns behandelt hat, als wir nach Hause kamen und alle sauer auf uns waren, obwohl wir nur getan hatten, was uns befohlen wurde. Ich kann mir nicht vorstellen, wie sie das überstehen soll, wie sie da drüben überleben soll.«

»Es ist eine andere Zeit heute, ein neues Kuba. Das ganze Chaos wird sich wahrscheinlich erst in ein paar Wochen zeigen. Wir sind nicht mehr in Ägypten. Die Einstellung der Menschen hat sich geändert, gegenüber dem Militär, der Uniform. Ich glaube nicht, dass sie dasselbe durchmachen wird wie wir.«

Thorp wandte sich ab. »Ich will nicht, dass sie daran beteiligt ist.«

»Weißt du noch, wie sich dein Umfeld gegen deinen Beitritt stellte? Du hast mir erzählt, du hättest dich mit deinem Vater darüber gestritten und dich trotzdem eingeschrieben. Dasselbe wird mit Nectar sein. Da bin ich mir sicher. Je mehr du ihr sagst, sie soll es nicht machen, desto mehr wird sie es wollen.«

»Ich dachte, dass gerade du auf meiner Seite stehst. Himmel. Hier sind wir, beide abgefuckt von all dem Bullshit, den sie uns angetan haben. Du blind, ich verkorkst im Kopf. Und du redest, als hättest du noch die beschissene Uniform an.«

»Ich sag nur, dass deine Schwester ihre eigenen Entscheidungen treffen kann. Auch wenn sie dir nicht gefallen, es sind ihre. Ginge es nach mir, würde ich auch nicht wollen, dass sie geht. Aber wir können nicht viel dagegen tun, oder?«

»Der heilige Brody«, spottete Thorp. »Gegrüßt seist du, Sankt Brody, Schutzpatron des Bullshits. Herrgott. Was ist eigentlich los mit dir? Nie hattest du eine gottverdammte Meinung zu irgendwas. Wann immer der kommandierende Offizier uns irgendwohin befohlen hat, hast du nie gefragt. Du bist einfach geradeaus marschiert. Und was machst du jetzt? Verprügelst Frauenschläger und Drogendealer in Minneapolis? Jesus.«

»Du hast meine Akte gelesen?« Brody dachte nicht mal, dass Thorp einen Fernseher besaß, geschweige denn sich die Mühe machte, Geld für die Suche nach öffentlichen Dokumenten auszugeben und in Polizeiberichten zu wühlen. Er spürte, wie seine Wangen erröteten und seine Stimme wankte. »Ich weiß, dass es öffentliche Akten sind, aber denkst du nicht, du warst ein wenig zu neugierig? Besonders als Freund?«

»Freund«, spie Thorp. »Der war gut. Wie viele Jahre hab ich nicht mit dir geredet? Und spiel nicht den Aufgebrachten. Deine Akte ist für jeden einsehbar. Wen interessiert's? Willst du meine Akte hören? Seit unserer Entlassung dreimal Trunkenheit am Steuer und Führerscheinentzug. Ein paar Kneipenschlägereien. Und ich hab vor eineinhalb Jahren einen Cop verprügelt. Trotzdem sperren die mich nicht weg, da ich als ›Problemfall‹ gelte, wegen dem, was da drüben verfickt noch mal passiert ist. Weißt du, wie es ist, wenn man nicht mal in 'ne Ausnüchterungszelle kommt und einen alle mit Samthandschuhen anfassen, weil man ja offensichtlichemotionale Probleme hat? Du Arschloch nennst mich Freund? Nenn mich noch mal so und ich schwör bei Gott, ich schlag dir die Zähne ein.«

»Halt mal die Luft an«, entgegnete Brody, der das Gespräch gern zurückgespult hätte. »Ich will nur wissen, was zur Hölle los ist. Klar, du bist verärgert wegen Nectars Einschreibung. Aber hast du ihr die Geschichten erzählt? Sie kann nicht wissen, wie du dich fühlst.«

»Oh, ich hab es ihr gesagt. Ich habe ihr alles darüber erzählt. Sie hört nicht zu. Sie hat keine Vorstellung davon, wie es sein wird. Ich meine, sie ist zerbrechlich, sie ist nur ein Kind. Sie glaubt, sie spielt die Schülerlotsin für ein paar koreanische Kinder, aber es wird Gewehrfeuer und Flächenbombardements geben und das ganze verfickte Zeug. Was, wenn sie nicht mehr zurückkommt?«

Brody führte Thorps Gedankengang fort. Wenn er seine Schaltkreise jetzt schon für verkorkst hielt, wie wäre es dann erst, wenn sie sterben würde oder gelähmt nach Hause käme und den Rest ihres Lebens über Schläuche ernährt und beatmet werden müsste? Er dachte wieder an die Nachrichten im Zug über den Ex-Soldaten, der all die Leute im Einkaufszentrum erschossen hatte, und gab sich sofort eine mentale Ohrfeige für diesen neuerlichen Vergleich.

Er wollte Thorp fragen, ob er für ihn mit seiner Schwester reden sollte, und erkannte, dass genau dies wohl auch der Hauptgrund für die Einladung gewesen war. Er hatte schon mit etwas gerechnet, aber Nectars Einschreibung hatte er nicht kommen sehen.

Brody blickte Thorp an, der nun völlig aufgelöst wirkte. Er stand da, gealtert, mit schütterem Haar und geröteten Wangen, seine Flasche hausgemachtes Bier vor die Brust haltend, während die andere Hand über seinen Nasenrücken strich.

Tröstend legte er eine Hand auf die Schulter seines Freundes.

»Ich kann dich bezahlen. Was immer du verlangst.« Thorp sah auf, die Augen mit Tränen durchnässt. »Ich habe Geld. Wie gesagt, Hark Telecommunications. Die zahlen ganze Schiffsladungen für diese Leitungen.« Er zeigte nach oben und Brody sah endlich die isolierten Kabel, dick wie Handgelenke. »So viel du willst, solange es dir nur gelingt, sie umzustimmen.«

»Ist sie schon in der Grundausbildung oder bleibt noch Zeit?«

»Sie muss erst durch die Theorie. In Fort Reagan. Erinnerst du dich? Bitte geh nach Chicago und rede mit ihr.«

Als Thorp die nahegelegene Stadt erwähnte, in die Brody eigentlich nicht so bald zurückkehren wollte, blinkte 00:09:59 unübersehbar in seinem Augenwinkel auf. Wie durch das Schicksal bestimmt, half es ihm bei seiner Entscheidung.

»Ja«, antwortete er und zwang sich zum Augenkontakt mit Thorp. »Ich rede mit ihr.«

Brody lauschte den Grillen vor dem Fenster. Ab und zu wieherte ein Pferd im Stall und alarmierte ihn. Er war das Schlafen in völliger Stille nicht gewohnt. Es überraschte ihn, dass es auch ein zu leise gab. Darüber hinaus konnte er nur in seinem eigenen Bett schlafen und hatte jetzt auch noch Nectar Ashbury im Kopf.

Alle paar Minuten hörte er den Piepton des Linsenladegeräts. Es wies ihn darauf hin, dass die Linsen so weit aufgeladen wurden, wie es die schwachen Batterien erlaubten. Er wollte keinesfalls mit dem Sonar nach Chicago, denn er hielt es für die Steilvorlage einer Katastrophe. Er würde Nectar nämlich nicht mal erkennen, wenn sie direkt vor ihm stünde, da alles in einem farblosen Netzgitter erschien.

Brody überlegte, ob er Thorp nach einem Vorschuss fragen sollte, um eine neue Batterie zu kaufen. Doch das käme nicht gut rüber und war ihm unangenehm, also entschied er sich dagegen. Er würde das Sonar auf der Fahrt nach Chicago tragen, die Linsen bei Ankunft in einer Tankstellentoilette einsetzen, mit der Restladung so viel wie möglich erledigen, mit dem Mädchen plaudern und auf der nächtlichen Rückfahrt wieder das Sonar aufsetzen. Zeitlich käme es hin, da er den Standort der Basis und des Gebäudes kannte, in dem die Frischlinge unterrichtet wurden.

Brody wusste nicht, was er Nectar sagen oder wie er an sie herantreten sollte. Sicher erkannte sie ihn nicht wieder. Er würde ihr Gedächtnis auffrischen müssen und dann langsam den Grund seines Besuchs ansprechen. Außerdem hoffte er auf ihre Bereitschaft, für das Gespräch an einen anderen Ort zu gehen, denn wer mit neuen Rekruten sprach, ob Veteran oder nicht, galt als feindlich.

Er konnte sich noch gut daran erinnern, als er selbst unterrichtet wurde und ein Vater kam, um seinem Sohn ins Gewissen zu reden, aber alle hatten nur den versprochenen Krieg im Kopf. Der Ausbilder hatte ihn hochkant rausgeworfen. Ein paar Rekruten schubsten den Mann sogar durch das Eingangstor und riefen ihm Beleidigungen nach. Kommunistnannte ihn einer, Pazifisten-Arschloch ein anderer.

Brody stellte sich vor, wie er von muskulösen, jungen Männern umzingelt wurde, mit denen er nicht kämpfen wollte.

Tief in der Nacht, als es ihm endlich gelungen war, einzuschlafen, hörte er Schüsse. Er schreckte auf, griff nach seinem Sonar und befestigte es an der Stirn. Die Umrisse des Schafzimmers erschienen, dann die des Flurs und der Treppe. Er saß im Bett und horchte wachsam. Dann nahm er seinen Schlagring aus der Gesäßtasche seiner Jeans auf dem Boden. Er könnte Feuerstößen nichts entgegensetzen, aber es war besser, als unbewaffnet zu sein.

Brody ging die knarrende Treppe hinunter und spähte mit dem Sonar ins Wohnzimmer. Er sah die Form eines gespreizten, menschlichen Körpers auf der Couch. Gemessen an der Form des Schädels, der dicken Augenbrauen und des langen, breiten Kinns, war es Thorp, bequem vor einem Ordi sitzend, der auf einem Stapel alter Field-&-Stream-Magazine ruhte. Es war ein neueres, teures Modell, ein Canon Gizumoshingu, wörtlich: Gizmo-Ding.

»Oh, scheiße, tut mir wirklich leid«, sagte Thorp und richtete sich auf, als er ihn bemerkte. Er rückte nach vorn, schaltete den Monitor ab und zog das Kabel aus einem kleinen Zylinder, den Brody sofort erkannte.

»Nein, schon okay. Ich hab gehört, was immer du dir angesehen hast, und war nur überrascht. Das ist alles. Ich hab hier vorher keinen Fernseher oder irgendwas gesehen.«

Thorp wickelte das Kabel um die zylindrische Einheit, steckte sie unter das Couchkissen und klappte den Deckel des Ordis zu. »Ich hab nur das Gerät hier. Manchmal montier ich es an die Wand. Ich hab Angst, ausgeraubt zu werden, wenn ich hier ganz allein bin und alles ausgeschaltet ist.«

»Was hast du dir angesehen?«, fragte Brody, obwohl er die Antwort bereits kannte.

»Ein paar der alten Gewehrkamera-Aufnahmen vom Schießstand und solche Sachen.«

Brody wusste, dass die Schüsse nicht vom Schießstand kamen. Sie klangen zu verstreut und es gab keine Zeit zwischen den Feuerstößen für sorgfältiges Zielen. Es waren Aufnahmen vom Krieg. In den Selbsthilfe-Hörbüchern, die er sich auf der Flucht vor seinen eigenen Erinnerungen gekauft hatte, wurde das Anschauen solcher Videos nicht empfohlen.

»Die haben dich deine Gewehrkamera-Aufnahmen behalten lassen?«

»Ich hab darum gebeten«, sagte Thorp wieder zurückgelehnt. »Es hat eine Weile gedauert, aber sie haben sie mir vor ein paar Wochen geschickt.«

Brody lehnte gegen den Türrahmen. Das Wohnzimmer war kalt, die Hartholzdielen betäubten seine Füße. Das Sonar erfasste verkohlte Scheite durch die Schlitze der Ofentür. »Haben sie dir das ganze Material gegeben?«

Thorp zögerte. »Ja, ist alles drauf.«

Brody erinnerte sich, als ihm selbst ein solcher Zylinder übergeben wurde. Der Techniker hinter der Glaswand in der Waffenausgabe musste es ihm erklären.

Die Unterseite des Laufs … ja, die Befestigung da … japp, genau so. Jedes Mal, wenn Sie die Waffe entsichern, startet die Kamera. Alles, worauf Sie schießen, wird in diesem Zylinder festgehalten, Ihrer Gewehr-Black-Box. Nur für den Fall, dass etwas schiefgeht.

Brody wollte weiter nachhaken, noch mehr auf das Thema eingehen. Als er daran dachte, was Thorp während des Einsatzes in Kairo mit der Waffe getan hatte, fragte er sich, ob die Bilder überprüft worden waren, ehe sie in die Welt gesendet wurden. So konnte sie jeder sehen, vervielfältigen, ins Internet stellen und den Verdacht derer bestätigen, die diesen unpopulären Krieg in Ägypten verabscheuten. Er entschied, nicht zu fragen. Es war spät und die aufgekratzten Erinnerungen machten ihnen den Schlaf ohnehin schon schwer.

Thorp fühlte Scham, weil er beim Anschauen der Gewehrkamera-Aufnahmen erwischt worden war. Alte Gewohnheiten blieben hartnäckig und er war keine Gesellschaft gewohnt. Etwas in ihm verstand wohl nicht mehr, dass sich Geräusche ausbreiteten, oder aber sein Gehör ließ nach. Er dachte nicht, dass Brody sie bis oben hören konnte. Es musste laut gewesen sein, denn er hatte ihn erst nicht bemerkt. Jetzt wirkte Brody im Wohnzimmer wie ein Psychiater, der einfach nur dastand und nichts sagte, damit er immer weiter redete und sein ganzes Herz ausschüttete. Doch Thorp wusste es besser. Er hielt den Mund und wartete, dass Brody zuerst etwas sagte.

»Ich würde mir keine Sorgen um sie machen.«

»Wie könnte ich nicht?« Thorp sprach in die Dunkelheit, geradeheraus in Richtung Ofen. Brody hatte dieses Ding auf, das Sonar, und wenn er es trug, verdunkelte sich seine Sicht und wurde erst wieder klar, wenn er die Linsen einsetzte. Es fiel Thorp schwer, ihn so zu sehen, seine Lider blinzelnd über nutzlosen Kugeln in einem gespannt horchenden Kopf. Konnte er nicht einfach die Augen schließen? Nach einem flüchtigen Blick schaute Thorp von Brody und den toten Dingern weg.

Etwas klopfte gegen seine Gedanken, wie der Rumpf eines Bootes, der gegen metallenes Treibgut stieß. Wäre er nur ein paar Monate länger geblieben, hätte er womöglich dieses gottverdammte Teil, das Brody blendete, rechtzeitig entdeckt. Vielleicht könnte sein Freund heute ohne Linsen und dieses Sonar-Ding sehen, wenn er es verflucht noch mal einfach durchgezogen hätte.

Brody antwortete nicht.

»Sorry. Ich werde jetzt leise sein. Geh wieder ins Bett.«

Brody blieb. Das Geräusch, wenn er von einem Bein aufs andere stieg und seine nackten Sohlen am lackierten Holz klebten und sich wieder lösten, dauerte noch ein paar stille Momente an. Jetzt mit ihm in diesem Raum zu sein, war gleichermaßen schwer, wie ihn um Hilfe zu bitten. Geradezu quälend.

»Wir kriegen das schon hin«, meinte Brody, aber erst auf halber Strecke nach oben, als wollte er weiteren Debatten entgehen.

Brody konnte ewig diskutieren und war schnell aufgebracht. So sehr Thorp ihn auch hinterhersprinten und ihn zu den Plänen mit seiner Schwester befragen wollte, er ließ es.

Thorp wartete, bis er die Tür des Schlafzimmers und das Quietschen der Bettfedern hörte, bevor er nach dem Zylinder unter dem Kissen griff. Er entrollte das Kabel, steckte es in die Seite seines Ordis und schaute weiter. Wie ein Sporttrainer, der das letzte Spiel auf Fehler analysierte. Er pausierte ab und zu, um sicherzustellen, dass wahrgenommene Geräusche draußen vom Wind kamen. Nie ging er ohne Waffe aus dem Haus.

Die Nacht war wie jede andere, nur dass diesmal ein Gast im oberen Stockwerk zu schlafen versuchte und er leise sein musste.

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