Als Brody wieder in seiner Wohnung war, ging er sofort unter die Dusche, um den Geruch von Bohnerwachs und Industrieseife abzuwaschen. Außerdem schlugen ihm Chiffons Anrufe immer aufs Gemüt. Die Frau konnte angsteinflößend sein, ihn vergitterte Wände und unbequeme Gefängnismatratzen sehen, ihn das Feuer eines Gefangenenaufstands riechen lassen, bei dem er geliefert wäre, wenn die Wachen beschäftigt waren. Eine Dusche blieb das einzige Heilmittel. Linsen raus, Sonar aus. Nur diese improvisierte Sinnesentzugskammer erinnerte ihn daran, dass das Gesetz noch auf seiner Seite stand.
Als er sich abtrocknete und wieder anzog, sah er durch den Raum ein Licht auf dem Bildschirm des Anrufbeantworters blinken.
Konnte es sein, dass sich etwas in der letzten Stunde geändert hatte und Chiffon ihm gleich höhnisch mitteilte, dass er doch bald einige Zeit auf drei mal vier Metern verbringen würde? Für einen Herzschlag roch er wieder den Qualm des Gefängnisaufstands und hatte einen buckligen Mann vor Augen, der böswilligen Gedankens mit einem Klappmesser in der Hand aus der Düsternis trat, in freudiger Erwartung ihm die Kehle aufzuschneiden.
Er ging zum Bildschirm und las die Anzeige: Thorp Ashbury. Als er auf den schwarzen Schriftzug starrte, taumelte sein Verstand zurück in staubige Wüstenhitze, in der er schwer gepanzert mit diesem Mann auf der Ladefläche des Truppentransporters lachte. Miss Doyles Drohungen wichen einer Freude, die er längst vergessen glaubte. »Nachricht abspielen«, befahl er.
Thorps Stimme drang über die Lautsprecher in Brodys Wohnung. »Hey, hier ist Thorp. Wollte wissen, ob du ein paar Tage Zeit hättest. Vielleicht möchtest du mal raus und ein bisschen angeln. Bald ist Thanksgiving und wenn du bleiben willst, könnte ich was einrichten; also, wenn du noch nichts vorhast. Oder wir besorgen uns unseren eigenen Vogel. Fasane haben Saison. Zur Zeit. So oder so, äh, ruf mich an. Und wir … du weißt schon … stellen was auf die Beine. Pass auf dich auf, Kumpel. Wir sprechen uns bald. Ciao.«
Brody bat den Bildschirm, die Nachricht zu wiederholen. Beim ersten Mal hörte er, was Thorp sagte, jetzt wollte er hören, wie er es sagte. Der Kerl sprach sonst nie so abgehackt. Er war charismatisch und selbstbewusst, weil er in seiner kleinen Provinz als ehemaliger High-School-Football-Champion den Platzhirsch verkörperte. Offensichtlich sorgte ihn etwas.
Doch dann dachte Brody daran, was sie zusammen durchgemacht hatten. Die Orte, Katastrophen und Grausamkeiten, die ihre Augen sahen. Wieder reiste er zehn Jahre zurück nach Ägypten. Sie waren nur Friedenswächter gewesen, wie die Polizei, allerdings mit besserer Feuerkraft. Ihnen war gesagt worden, dass sie ihre Waffen nicht benutzen sollten und ihre Anwesenheit allein genügte, um die Bürger zu beruhigen.
Sie sind eine Erinnerung daran, mit wem man sich besser nicht anlegt, hatte ihnen der kommandierende Offizier gesagt.
Brody erinnerte sich, wie sie einem alten Mann helfen wollten, dessen Arm in einer Bärenfalle steckte, mitten in den Gassen Kairos. Er beschloss, sein Gedächtnis voranzutreiben und den schwierigeren Momenten auszuweichen. Er übersprang, was mit Thorp geschah, was der Kerl durchmachen musste, und den Rest der Friedensmission, bei der Brody schließlich erblindete und auf dieselbe Liste kam wie sein Freund. Invaliden, innerhalb eines Monats, wenn auch aus völlig verschiedenen Gründen.
Doch dabei beließ es der Filmvorführer nicht. Das Geschehen in der Gasse wurde ohne Umschweife abgespielt. Stückchenweise drang es zu ihm durch. Er bog um die Ecke, sah den gebeugten Mann, seinen Arm im metallenen Biss der Falle, mit zittriger Stimme um Hilfe flehend, die Augen weit aufgerissen, die Lippen voll Schmerz von den Zähnen gezogen.
Was danach geschah, übersprang Brodys Verstand, und er kam zum Teil, in dem Thorp introvertiert wurde und selten mehr mit jemandem über etwas sprach. Sein Wagemut war amputiert und durch eine unerschütterliche Ruhe ersetzt worden.
Es überraschte Brody, nun einen Anruf von ihm zu bekommen. All die Jahre, die sie wieder in den Staaten waren, hatten sie nie mehr als eine simple Karte um die Feiertage ausgetauscht. Und jetzt lud er ihn zum Thanksgiving-Essen ein? Warum? Er legte seinen Argwohn beiseite. Es spielte keine Rolle, wie lange es her war. Er entschied, einfach dankbar zu sein, dass es überhaupt jemanden gab, der Zeit mit ihm verbringen wollte.
»Rückruf«, befahl Brody dem Bildschirm und Thorps Nummer wurde gewählt.
Nach dem sechsten Klingeln antwortete er mit einem müden »Hallo.«
»Hier ist Brody. Wie geht's dir, Mann?«
»Hey«, antwortete Thorp träge, als wäre er gerade aufgewacht. »Wie läuft's?«
»Wollte mich nur zurückmelden. Klingt nach einem Plan für mich. Ich könnte mal eine Weile aus der Stadt raus. Wo wohnst du zur Zeit?«
Thorp machte grummelnde Laute, als er sich streckte, und sprach dann mit höherer Geschwindigkeit und Leichtigkeit weiter. »Chicago. Na ja, nicht direkt in Chicago. Ist ein gutes Stück Fahrt von dort. Ich kann es zumindest ein bisschen sehen, sagen wir mal so. Es ist keine Wanderung.«
Da war sie wieder, diese abgehackte Art zu sprechen. Vielleicht war er jetzt einfach so. Vielleicht hatte er Medikamente oder die Nachkriegstherapiesitzungen des Militärs in Anspruch genommen. Brody konnte es sich kaum vorstellen, der große Football-Star in einem engen Büro mit einem Psychiater oder beim Sortieren seiner wöchentlichen Pillenration in einen dieser Plastikbehälter. Aber man wusste ja nie.
»Angeln, hä? Klingt paradiesisch.«
»Ja, weißt du, ich hab mir ein gutes Stück Land gekauft mit ordentlichen Wäldern zum Herumwandern. Es ist altes Ackerland und ich dachte mir: Wieso nicht? Jetzt versuche ich das Ding mit den Cranberrys. Schließlich könnte ich die an die Firma Ocean Spray verkaufen, wenn ich es mal durch eine Saison schaffe, ohne meine gesamte Ernte zu killen.«
Brody lachte. Es fühlte sich gut an. Am Anfang war es ihm peinlich gewesen mit Thorp zu reden, wahrscheinlich weil er ihn so gut kannte oder eben nicht. Bei Fremden und seinen anderen Kontakten fühlte er nie so etwas. Aber sie beide fielen schnell zurück in ihre brüderliche Beziehung, die sie vor Jahren pflegten. Brody merkte, wie sehr er die Kameradschaft von Freunden wirklich vermisste, von Menschen, denen er Dinge anvertrauen konnte, die nur sie wissen durften und die sie verbanden.
»Welcher Tag passt dir?«, fragte Thorp.
Nächste Woche musste er bei Miss Doyle erscheinen. Eventuell würde er noch in der Nacht von Thanksgiving abreisen, um rechtzeitig zurück zu sein. Er verschränkte die Arme und sprach zum Mikrofon in der leeren Wohnung: »Wann immer es dir passt. Du bist der Gastgeber.«
»Alles klar, dann sagen wir morgen. Passt das? Ich halte ein Zimmer für dich bereit. Es sei denn, du willst in der Scheune schlafen.«
»Nein«, kicherte er. »Ist mir recht.«
Sie verabschiedeten sich und beendeten das Gespräch.
Brody rief die schönen Erinnerungen an seinen Freund wach, die alle vor den Ereignissen in der Gasse stattfanden. Thorp war immer ein Unruhestifter und Witzbold gewesen, der Glanz einer Party, auf der Resignation und Heimweh die Gedanken durchlöcherten. Wann immer ihre Kompanie in einen Terrapin-Geländewagen gezwängt wurde oder in einem Truppentransporter von einem staubigen Ort zum nächsten fuhr, erhellte Thorp den Trip mit einem derben oder richtig vulgären Witz. Brody erinnerte sich daran, wie er mal einen besonders fiesen raushaute, dabei in der Mitte zweier Truppenreihen stand, mit einem Gürtel schwingend die Luft rammelte und dabei wie ein Verrückter gackerte.
Er freute sich auf seine Reise.
Der Zug rollte pünktlich in den Bahnhof von Minneapolis ein. Brody hatte einen Sitzplatz am Fenster ausgemacht. Bevor er einstieg, sog er ein letztes Mal die Stadtluft ein. Er hoffte, die Abgase und das pausenlose Rauschen der Autobahn lange genug vergessen zu können.
Da es Sonntag war, fuhren nicht viele Menschen nach Chicago. Im Speisewagen fand er eine Sitzecke für sich allein und genoss einen Kaffee, während der Zug mit weit über zweihundert Sachen über die erhöhten Schienen in Richtung Südosten summte, wie bei einer Einschienenbahn-Zoo-Tour im Schnelldurchlauf, auch wenn es nichts Exotisches zu sehen gab. Nur Rinder und ein paar Pferde, dazwischen weites Ackerland, ab und zu ein herbstlich verfärbter Hügel und magere Baumareale, wild und unberührt. Leben, das nicht der Bewirtschaftung diente, sondern wuchs, weil es immer schon dort existierte.
Der Fernseher über der Bar fand unter den Fahrgästen kaum Beachtung. Die Nachrichten berichteten über den Sieg der Vikings letzte Nacht. Brody hörte abwesend hin, bis eine ernstere Meldung die Sportergebnisse ablöste. Ein Bericht über die freudlose Enthüllung eines Denkmals in einem Einkaufszentrum in Minneapolis. Es war ein Gedenken an die Opfer des 20. Oktobers letztens Monats, als der pensionierte Soldat Alton Noel zehn Menschen erschoss, bevor er sich selbst richtete. Das Midtown-Massaker, wie der Nachrichtensprecher es nannte, war eine der schlimmsten Tragödien der letzten Jahrzehnte in Minneapolis gewesen und schob ein neues Gesetz zur Durchführung einer Waffenkontrolle an.
Brody hörte die Geschichte zum ersten Mal. Er ging die Liste der Männer durch, mit denen er in Kairo stationiert war, kannte aber keinen Alton Noel. Dennoch blieben es deprimierende Nachrichten, die ihn traurigerweise an den Mann erinnerten, den er besuchen wollte, den einsamen Ex-Soldaten. Sofort schämte er sich für den Vergleich mit seinem Freund.
Das Nachrichten-Team wechselte zu einer sonnigeren Geschichte über den hohen Gewinn eines Paares in der Sendung Prize Mountainam vergangenen Abend.
Brody begrüßte den Themenwechsel, nippte an seinem Kaffee und sah Wisconsin am Fenster vorbeiziehen, wie eine Landschaft auf einem rollenden Banner.
Nach rund zwei Stunden Fahrt erreichte der Zug sein Ziel. Brody stieg am überfüllten Bahnhof aus und wusste sofort, dass er in Chicago war. Kein Zweifel. Die vielen Kulturen unterschieden die Stadt von Minneapolis. Frauen trugen Schleier und Abendkleider aus hauchdünnen Glasfasern. Lauftexte und Bilder schwimmender Meerestiere umspülten ihre eleganten, kegelförmigen Körper.
Nach dem Verlassen des Bahnhofs sah er auf dem Gehweg die Obdachlosen mit ihrer provozierenden Kleidung: Kettenmaschige Tuniken mit ausgeschnittenen Fenstern, um ihre prallen, künstlichen Brüste und tätowierten Ärsche zu präsentieren. Sie flitzten wie Insekten in altmodischen, weißledrigen Rollschuhen vorbei, auf die einige Schimpfwörter gekritzelt waren. Einer klatschte Brody gegen die Schulter und rief ihm auf Russisch zu: »Pass auf, Stück Scheiße!«
In Minneapolis würde so etwas niemand hören. Dort kam der beunruhigendste ausländische Slang von Norwegern.
Der Rest der Menschen trug meist Anzüge, und jeder Dritte eine Papiermaske oder ein Beatmungsgerät im Gesicht.
Brody schlängelte sich durch die vorbeiziehende Menschenwand, die so mit ihren Ordis beschäftigt war, dass jeder Passant einen Zusammenstoß riskierte. Er wusste nicht, ob er gegen den Strom lief, also bog er in eine Seitenstraße, in der es weniger Fußgängerverkehr gab. Tatsächlich musste er hier kaum jemandem mehr ausweichen.
Er konnte nicht anders, er musste sich umschauen, auch wenn er dadurch einem Touristen glich. Vor Jahren war Brody das letzte Mal hier gewesen. Er konnte nicht sagen, dass alles anders aussah, hatte jedoch vergessen, welch seltsamer Ort Chicago sein konnte, unabhängig vom Viertel.
Wie diesem.
Tentakel gebündelter Kabel verbanden die Gebäude, als wären die Bauten von einer riesigen Kreatur umschlungen. Manche wurden zu Laternenmasten mit Lichtern an horizontalen Säulen aus Leitungen und Rohren umfunktioniert. Wo die Ranken vor Geschäften verliefen, nagelten die Besitzer einfach ihre Schilder dran.
Brody hatte online mal einen Zeitungscomic über Chicagos Kabelproblem gesehen. Es zeigte einen Mann in Safari-Kleidung mit Machete und Aktenkoffer in den Händen, der sich seinen Weg zur Arbeit freischlug. Nun ergab es Sinn für ihn.
Als Brodys Vater jung war, dachte er, durch kabellose Technologie verschwänden alle Telefonmasten, Techniker bräuchten nur noch einen Computer, um Verbindungsprobleme zu lösen, und Schraubenschlüssel sowie Schraubenzieher würden aussterben wie Dodos und Hummer. Doch so schön die Fortschritte waren, sie bedeuteten viel Aufwand. Und mehr drahtlose Netzwerke machten mehr Technik hinter der Drahtlosigkeit notwendig, was ironischerweise zu mehr Kabeln führte.
In Minneapolis gab es auch viele davon, aber nicht in diesem Ausmaß. Auch sonst waren die Unterschiede beider Städte groß. Vereinzelt hingen alte Markisen an den Läden. Bei anderen, die das nötige Kleingeld besaßen, ersetzten Hologramme die Schilder. Wie zu Hause standen hier an jeder Straßenecke Luftreiniger, so allgegenwärtig wie Hydranten.
Erneut verspürte Brody das Bedürfnis, der Flut Passanten zu entkommen und noch weiter abseits zu laufen. Er fürchtete, rechts in den Lake Michigan gespült zu werden, wenn er weiter mit diesem Strom schwamm. Er blickte hinauf in den Himmel, zwischen die Wolkenkratzer mit ihren Kabelbrücken. Über dem schwarzen Netz patrouillierten unbemannte Polizeiflugzeuge, die wie an Schnüren befestigte Papierflieger aussahen. Er war erst fünfzehn Minuten in der Stadt und wollte sie schon wieder verlassen.
Taxi. Ich brauche ein Taxi, damit ich aus dieser Hölle rauskomme.
Nachdem ihn vier ignoriert hatten, reagierte endlich eines auf sein Winken. Er rutschte auf die Rückbank, froh, den Lärm aussperren zu können. Als die Tür geschlossen war, fragte ihn der Autopilot mit nüchterner Stimme nach seinem Ziel. Die Frage schien bereits vor Jahren aufgenommen.
Brody las die Adresse aus Thorps E-Mail vor.
»Bitte legen Sie die ID-Karte zur Kontoüberprüfung ein.«
Er kannte sich mit fahrerlosen Taxis nicht aus und suchte an der Glastrennwand nach einem Kartenleser. Er fand ihn und schob sie in die Anordnung schwarz-weißer Punkte und Striche, die nur mechanische Augen entziffern konnten.
Nach einer Pause hörte er: »Wir sind sehr erfreut, Sie heute an ihr Ziel bringen zu dürfen. Aber beachten Sie, dass Ihr Bankkonto derzeit im Minus ist. Ihr Bankinstitut war so freundlich, Ihnen die notwendigen Mittel für diese Fahrt zur Verfügung zu stellen. Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass wir Sie nicht weiter befördern können, als zu Ihrem gewünschten Ziel.«
»Okay«, sagte Brody in seinen Nasenrücken kneifend. Die Nachricht kam nicht überraschend. Das Zugticket hatte die letzten zehn Credits verschlungen und nun langte die Hand des Taxis in seine Notreserven. »Danke für die Mitteilung.«
»Ja, Sir.«
Brody erblickte durch das Glas die automatischen Drehungen des Lenkrads. Mit einem Ruck beschleunigte der Wagen und reihte sich in den Stadtverkehr ein.
Auf der anderen Seite Chicagos fiel Brodys Anspannung langsam ab. Das Taxi ruckelte auf der öden, zweispurigen Landstraße. Ausgedehnte Farmen und landwirtschaftliche Camps blühten unter dem grauen Schirm der Umweltverschmutzung.
Auf den Feldern suchten Bauern die Böden nach großen Steinen ab, die das Anpflanzen erschweren würden und warfen sie in Jutesäcke auf ihren Rücken. Einmal näher, bemerkte Brody, dass es keine Menschen waren. Sie liefen auf spitz zulaufenden, dünnen Beinen, elegant und schwerelos wie Flamingos. Schmale Torsos und Hälse, Köpfe mit einem Satz Glasaugen und runden Lautsprechern anstelle des Mundes. Artificials waren nicht üblich in der Stadt, was jeden bei ihrer Markteinführung gewundert hatte. Sie dienten harter Arbeit, kamen manchmal beim Kochen und Putzen oder bei der häuslichen Krankenpflege zum Einsatz, verrichteten aber hauptsächlich Hausmeistertätigkeiten und hielten Parks, Friedhöfe sowie Straßenränder in Ordnung.
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