Brennendes Fleisch. Zischen und Brutzeln wie Steak auf einer Garplatte. Es hören, es riechen, aber niemals sehen. Um Brody jubelten die Menschen, lachten sogar. Jemand schrie in einer fremden Sprache, überall Siegesfanfaren. Inmitten des Lärms und der Verwirrung lehnte Brody gegen die Wand des Busdepots, die Augen tot in ihren Höhlen. Seine Beine waren schwer verbrannt. Erschüttert von Terror und Schmerz, erblindet und mit einem Pfeifen in den Ohren, aber am Leben.
Stunden zuvor bewegte er sich noch mit seiner Einheit durch einen Busbahnhof in Kairos Innenstadt. Sie hatten einen Anruf von einer anderen Einheit bekommen, dass eine Bombe dort lokalisiert und entschärft werden und sie das Gelände überprüfen sollten, nachdem das gesamte Depot geräumt worden war, bis auf einen kleinen Schlafraum im hinteren Teil. Feldbettreihen, Ventilatoren, Töpfe mit eisgekühltem Wasser und Schöpfkellen. Solche Orte konnten auch Aufständischen gehören, die von einer Geheimbasis zur nächsten zogen.
Brody erinnerte sich, dass der Bereich, den sie erkunden sollten, neben einer Reihe Telefonkabinen um die Ecke einer Bank lag. Die Einheit marschierte schnell und geordnet. Brody blieb immer ganz hinten, darum lief er meist rückwärts. Sie stoppten und gingen neben der Tür in die Hocke. Alle Zivilisten lagen auf dem Boden, duckten sich hinter Schaltern, Topfpflanzen und Fahrplantafeln. Brody klopfte auf die Schulter seines Vordermanns, der den Klaps an den Späher weitergab. Wortlos verschwand dieser um die Ecke.
Als der Mann vor ihm aufstand, tat Brody es auch. Kurz drehte er sich nach vorn, um seine Position zu checken, und erblickte sie: eine in Klebeband eingewickelte Milchkanne zwischen zwei Mülleimern. Ein Stück Angelschnur. Er hatte kaum Zeit, seinen Gedanken zu beenden, geschweige denn etwas zu rufen, bevor das Schienbein des Spähers die Schnur berührte. Das Klicken des gezogenen Stifts hallte.
Die Soldaten verharrten zunächst erschrocken. Dann brach die Formation auf. Die Männer verstreuten sich und einige unzusammenhängende Schreie drangen über ihre Lippen, als der selbst gebastelte Sprengsatz detonierte. Brody rechnete mit einer Schockwelle, umherfliegenden Fragmenten, Schlackeklumpen, Kugellagern, Holzschrauben. Aber nichts dergleichen geschah. Die anfängliche Explosion war nur eine grausame, demütigende Wand entzündeten Phosphors, blendend wie der Blitz eines Zaubertricks. Danach folgte das Herz der Bombe. Er konnte sie nur hören: ein Knall, ein wütendes Zischen. Hitze schlug ihm ins Gesicht. Dann ertönte Geschrei.
Der Corporal erzählte ihm später, dass es das Innere einer Blendgranate mit einem halben Liter Feuerzeugbenzin und Lampenöl gewesen war. Eine Molotow-Stolperfalle. Alle Männer waren bei lebendigem Leibe verbrannt, blind und unfähig wegzulaufen. Als Schlusslicht des Trupps hatte Brody den Korridor noch nicht ganz erreicht und so als Einziger überlebt. Alle anderen waren vor Ort gestorben, die Haut verkohlt, die Hirne in den Schädeln gekocht.
»Sie haben Glück, dass Sie blind geworden sind, mein Sohn«, sagte der Corporal. »Sie hätten die Jungs todsicher nicht sehen wollen, als wir Sie fanden.«
Es machte keinen Unterschied. Zu hören, wie sie brannten, als er eilig die Handschuhe auszog und seine Augen rieb, während sie ihn brauchten, war gleichermaßen grausam. Er hatte nicht mehr tun können, als dasitzen und in ihre Richtung zu starren, ohne etwas in der Schwärze seiner Sicht zu erkennen.
Einer hatte nach seiner Mutter geschrien, ein anderer nach seiner Frau Helen. Ein weiterer rief zu Gott. Trotz seiner Verletzungen dankte Brody dem Schicksal, dass sein bester Freund die Einheit eine Woche zuvor verlassen hatte. Er wäre an der Spitze der Truppe gewesen und ganz sicher gestorben.
Bald darauf wurde es ruhig, doch das Zischen hielt noch lange an.
Die Bohnermaschine stieß gegen die Wand und riss Brody aus seinen Erinnerungen. Er begrub die fürchterlichen Bilder in seinem Kopf und hielt einen Moment inne, bevor er seine Arbeit fortsetzte. Sie kamen alle paar Tage, vor allem, wenn er seine Linsen und das Sonar nicht trug. Wenn es keine visuelle Ablenkung gab, funktionierte seine Vorstellungskraft am besten. Der Filmvorführer seiner Erinnerungen war immer glücklich, wenn er die Rolle mit dem schlechten Zeug für eine Nachmittagsvorstellung fand.
Brody warf einen Blick zurück auf die längst abgeriebene Politur. Er scheuerte bloß die Seele aus dem Klarlack. Er stellte das Gerät ab und sah auf die drei Meter Turnhallenboden, die er ausbessern musste, bevor er gehen konnte.
Nachdem er den Schaden mit einer neuen Lackschicht bedeckt hatte, stellte er das Frisch-gewischt-Schild auf und ging wieder nach unten.
Samantha dankte ihm für seine Arbeit und teilte ihm die Anzahl seiner verbleibenden Stunden mit: 295. »Na bitte, Sie kommen voran«, kommentierte sie und hing das Register wieder an den Nagel. Sie legte seine Sachen auf den Tresen und er steckte sie ein.
»Was ist los?«, fragte er im Wissen, dass sie irgendeine Lebensweisheit äußern würde, egal ob er danach fragte oder nicht.
»Nur Sie«, seufzte Samantha. »Alle paar Tage kommen Sie hierher und arbeiten Ihr Stundenprotokoll ab. Ich frage mich, was Sie täten, wenn Sie nicht laufend Ärger hätten. Ob Sie dann auch noch kommen würden.«
»Ich denke, das würde ich«, sagte Brody. Die Gespräche mit ihr taten gut. Er fühlte eine Verbindung zu der freundlichen alten Dame, die er schwer greifen konnte. War sie wie eine ältere Schwester für ihn? Oder eine weise Großmutterfigur, die Lebenshilfe ausspuckte wie ein Automat, dessen Rat stets zum Empfänger passte, der nie darum bat, ihn aber immer brauchte?
»Ich frage mich, warum Sie immer die Probleme aller lösen wollen und sich nicht um Ihre eigenen Angelegenheiten kümmern. Ich meine, die Dinge, die Sie für die Leute tun, den Ärger, in den Sie sich verstricken … man könnte meinen, Sie seien lebensmüde oder so was.«
Zufrieden, dass seine Sachen in den richtigen Taschen lagen, knöpfte Brody seinen Mantel zu. »Ich bin nicht lebensmüde«, murmelte er.
Sie warf ihm einen Ich-weiß-dass-Sie-mir-Lügengeschichten-erzählen-junger-Mann-Blick zu, den er noch von seiner Großmutter kannte.
»Was? Ehrlich nicht.«
Sie nahm einen tiefen Atemzug und veranschaulichte ihre folgenden Sätze mit großen, überdeutlichen Gesten. »Es ist ein ewiger Kreislauf. Sie geraten in Schwierigkeiten, weil Sie jemanden verprügeln, dann werden Sie hergeschickt, um Ihre Arbeit zu machen, Sie treffen eine traurige Seele, die will, dass Sie ihr helfen, was Sie auch tun, geraten innoch mehr Schwierigkeiten, belügen die Polizei, sagen, dass Sie die Mädchen im romantischen Sinne treffen, obwohl die Wahrheit offensichtlich ist, und so beginnt es wieder von vorn und geht immer weiter und weiter.« Sie kreiste mit einem Finger in der Luft. »Was haben Sie davon?«
»Was haben Sie davon?«, fragte er unbeabsichtigt barsch.
»Ich bleibe auf dieser Seite des Schreibtischs. Sicher, manchmal mache ich jemandem ein Bett oder ich schiebe einem Kind einen Hotdog in die Mikrowelle, wenn seine nichtsnutzigen Eltern es hier absetzen, aber ich laufe nicht herum und suche Ärger. Dieses Geschäft wird Sie umbringen. Sie sollten sich ein nettes Mädchen angeln und mit dem Schwindel aufhören. Sagen Sie mir nur, warum Sie sich so viel Schmerz aussetzen. Sagen Sie mir, was Brody davon hat.«
»Ich weiß es nicht, Samantha«, entgegnete er und benutzte ihren Namen, um seinen Ernst auszudrücken. »Wahrscheinlich habe ich gar nichts davon. Aber das ist okay für mich.«
Der Automat war nun leer und Samantha schüttelte den Kopf. »Denken Sie daran, was ich gesagt habe.«
»Werd ich.«
»Kommen Sie diese Woche noch mal?«, rief sie ihm nach.
Als die Glastüren beiseiteglitten und die ganzjährig angebrachte Weihnachtsdekoration klingelte, sagte Brody über die Schulter: »Wahrscheinlich. Wenn ich mich nicht vorher umgebracht habe.« Er lächelte. Die hydraulischen Türen schlossen sich und sperrten ihn in die kalte Luft aus.
Als Brody in eiligem Tempo lief, um den 3:45-Uhr-Zug zu erwischen, vibrierte sein Handy gegen den Oberschenkel. Auf dem Display erschien: Du steckst in Schwierigkeiten. Eine selbst gewählte Überschrift, die er seiner Bewährungshelferin zugeteilt hatte.
Zähneknirschend ging er ran und sah sich nach dem Zug um, in der Hoffnung, eine Ausrede zum Auflegen zu bekommen.
»Ich habe heute viel zu tun, also bekommen Sie die Kurzfassung: Ich bin enttäuscht. Das ist Punkt eins. Punkt zwei: Ich dachte, wir hätten über die Mitternachtfaustschlagstelldicheins gesprochen.«
»Es war nicht so schlimm, wie es sich anhört …«
»Punkt drei«, fuhr Chiffon fort, ohne seine Unterbrechung zu beachten, »weitere hundert Stunden wurden auf Ihre Registerkarte gesetzt.«
»Okay.« Brodys Schultern sanken. Was sollte er auch tun? Ablehnen? Der Zug kam um die Ecke gefahren und er atmete erleichtert auf. »Ich steige gleich in den Zug und i…«
»Sie haben Glück. Im Ernst. Läge es in meiner Hand, würde ich dafür sorgen, dass Sie Zeit bekämen, Ihren Hitzkopf in den Haftanstalten von Minnesota zu kühlen. Aber nach derzeitigem Stand kleben die Beschränkungen wie Tipp-Ex am Kapitolgebäude, daher mein Geschenk an Sie: Hundert kleine Gelegenheiten, das Leben in den Twin Cities zu verbessern und eine erhöhte Dosis dessen, was ich bereits verschrieben habe – Perspektive.«
»Danke, Chiffon«, zwang er sich zu sagen.
»Miss Doyle ist korrekt«, korrigierte sie. »Detective Pierce hat mich gebeten, Ihren Termin nach oben zu verschieben, also streichen Sie sich's im Kalender an. Diesen Freitag, der Tag nach Thanksgiving. In aller Früh. Mein Büro. Ist das klar? Angekommen?«
»Ja. Klingt gut. Danke sehr.«
»Wir sehen uns. Bis bald.«
Brody legte leise fluchend auf. Er fluchte ein zweites Mal, als er in die Bahn stieg und keinen freien Sitzplatz fand. Er hielt sich an einer Stange fest und ließ den Ruck der anfahrenden Bahn in einem übelkeiterregenden Geschwindigkeitsrausch an seinem Körper zerren.
Er dachte daran, was Nathan ihm letzte Nacht erzählt hatte, dass Anfang nächsten Jahres das Schlupfloch-Gesetz geändert würde. Er wusste, was Chiffon, Miss Doyle, von ihm und seinen Taten hielt. Viele ihrer Kunden waren die Männer, denen er in Kneipen Besuche abstattete. Ließe er im Januar immer noch die Fäuste fliegen, würde er sicher im Gefängnis landen. Äußerst unwahrscheinlich, dass er vom Lohn als Nummernschild-Presser in einer Bodega Batterien für sein Linsenladegerät kaufen könnte.
Natürlich wäre es möglich, dass sie am Freitag beschloss, den Hebel einer Falltür zu ziehen und ihn in eine Zelle fallen zu lassen. Dann bekäme der Begriff Black Friday eine ganz neue Bedeutung.
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