Читать книгу «KNUCKLEDUSTER» онлайн полностью📖 — Andrew Post — MyBook.

Kapitel 3

Es war Samstag, der einzige Tag in Brodys ruheloser Woche, der nicht für das Lungern in Bars und Klubs, sondern dem Malen vorbehalten war. Er nahm die Staffelei aus der Ecke und stellte sie vor der Fensterfront auf.

Das Gemälde, an dem er arbeitete, war eine Mischung aus Acryl- und Ölfarben und zeigte eine Momentaufnahme der Stadt hinter seinen Fenstern: wehende, rote Vorhänge im Vordergrund, die Metropole bei Tageslicht im Hintergrund. Ein seltener Anblick für ihn. Sobald es fertig würde, wollte er es in die Wohnung hängen, sein einziges Stück Dekor. Alle seine früheren Malversuche verschwanden unter der neuen Farbschicht. Bei diesem hier hatte er aber ein gutes Gefühl. Dank der aufgeladenen Linsen konnte er wieder sehen. Das Bild erinnerte ihn nicht nur an seine künstlerische Ader, sondern ebenso an die Tatsache, dass die Twin Cities auch am Tage existierten.

In verschlissener Jeans und einem T-Shirt malte er knapp zwei Stunden, bevor der Hunger seine Hände schüttelte. Er machte einen Schritt zurück und betrachtete sein Werk, um es mit der Realität dahinter zu vergleichen. Es sah gut aus. Er bemerkte ein paar rote und schwarze Kleckse auf dem Boden, aber er hatte den Mietvertrag für die kommenden zwei Jahre unterschrieben, also blieb genügend Zeit, sie wegzuschrubben.

Sein Mittagessen bestand aus einem Salat mit thunfischaromatisierten Sojabällchen und hydroponischen Cocktailzwiebeln, der Beweis, dass sich der Inhalt seiner Speisekammer leerte. Während er aß, stand er vor der Leinwand. In wenigen Minuten würden sich die Lichtstimmungen angleichen und dann könnte er es sehen: seine gemalte Ansicht der Stadt bei Tag.

09:59:59 blinkte es in diesem schrecklichen Signalrot auf, das nur eine Maschine produzieren konnte. Mehr gaben die neuen Batterien offenbar nicht her. Er seufzte und ging ins Bad, um die Linsen zu entfernen, da er den letzten Rest Ladung aufsparen wollte. Er schaltete sein Sonar an und drückte es gegen die Stirn.

Beim Verlassen des Badezimmers blickte er auf die Staffelei. Nur ein flaches, farbloses Quadrat. Es hätte auch eine nasse, schwarze Leinwand sein können. Er schaltete das Sonar aus und entschied, in völliger Dunkelheit durch die Wohnung zu navigieren. Er roch Farbe und falschen Thunfisch und hörte sein Handy klingeln. Ein Fall wäre schön, eine Frau, die ihn am anderen Ende anflehte, etwas gegen ihren furchtbaren Ehemann zu tun. Er wünschte niemandem etwas Schlechtes, doch er musste tun, was getan werden musste, wenn sein Gemälde fertig werden sollte.

In der wochenlangen Einsamkeit seiner Wohnung hatte Brody oft über einen ehrlichen Bürojob nachgedacht, damit er sich so viele Batterien leisten konnte, wie er wollte. Doch es ging ihm besser als freiberuflicher Problemlöser. Es erschien ihm passend für einen Kriegsveteranen mit erstaunlich kurzer Sicherung. Aber je länger er in der Stille der Wohnung mit seinen Erinnerungen an die weinenden Frauen aus dem Gemeindezentrum und ihren aufgequollenen Gesichtern war, desto erdrückter fühlte er sich, wie in den Händen eines erbarmungslosen Riesen.

Er konnte zwei Tage in der Isolation verbringen. Nicht mehr. Dann musste er raus, leistete seine Bewährungsstunden im Gemeindezentrum ab und traf dabei wieder eine Frau, die seine Hilfe benötigte. Anschließend war er unterwegs, mit einer anderen Schlange um den Hals, deren Würgegriff sein Leben zu einem Tunnelblick verengte. Dieses Mal ging es schneller. Zwar hatte er sich erst die Nacht zuvor um Jonah gekümmert, aber er spürte bereits diese Ablenkung, diese Enge.

Im Badezimmerschrank unter dem Waschbecken kramte Brody durch einen Schuhkarton mit alten Batterien für das Linsenladegerät. Er schüttelte eine nach der anderen und horchte nach den Säulenzylindern. Schwappten sie in der alkalischen Flüssigkeit, waren sie noch gut. Blieben sie fest, bedeutete das: trocken und verbraucht. Er fand schließlich eine mit halb geronnener Flüssigkeit, setzte sie in die Unterseite des Gehäuses und schaute, ob das Licht aufblinkte. Ach ja, richtig. Blind. Seltsam wie leicht er das vergaß.

Mit dem Sonar auf der Stirn ging er zurück und reinigte die Staffelei. Er stellte das Gemälde in die Ecke neben das Fenster, damit es in der Nachmittagssonne trocknen konnte. Er nahm eine Zigarette und beschloss, die Linsen einzusetzen, ohne zu wissen, ob sie eine ausreichende Ladung abbekommen hatten. Als er den Zeigefinger vom Auge nahm, sprang die Anzeige nach oben. 10:59:59. Elf Stunden. Nicht mal ein halber Tag.

Er seufzte. »Besser als nichts.«

Brody ging durch den Vordereingang des Gemeindezentrums. Es war fast leer. Nur ein einsamer, älterer Herr spielte auf beiden Seiten eines Kickers. Brody näherte sich dem Betonglas und klopfte.

Samantha, die rüstige Angestellte, die ihn immer an den Wochenenden für seine Gemeindearbeit eintrug, sah vom Rechner in ihrer Hand auf. Sie lächelte und schob die Trennwand beiseite. Ein pudriger, saurer Schwall Chanel No. 5 wehte ihm entgegen.

»Guten Morgen, Hübscher. Was verschafft mir das Vergnügen?«

»Dachte, ich schlendere mal vorbei und leiste ein paar Stunden ab.«

»Mal sehen, was ich für Sie habe.« Samantha legte das Gerät mit dem angefangenen Kreuzworträtsel beiseite und griff nach der ausgedruckten Liste mit den Aufgaben.

Brody bemerkte, wie neu und glänzend der Rechner war. Nicht wie sein Handy mit dem gebrochenen Display und den abgeriebenen Tasten. Er musste fragen. »Haben Sie einen neuen Ordi bekommen?«

»Wie bitte?« Samantha schaute mit dolchartigem Blick über ihre dicke Halbbrille. Korrektive Chirurgie wurde immer billiger, aber sie trug nach wie vor eine Lesehilfe.

»Ordi. Ordinateur«, erklärte Brody zu ihrer Verwirrung. »Äh, Minicomputer? Neumodischer Abakus?«

Samantha schaute zum Hand-Rechner auf dem Tresen. »Oh, dieses Ding? Pete hat es mir zum Geburtstag geschenkt.« Sie blätterte zur nächsten Seite im Klemmbrett.

Brody sah, dass die meisten einfachen Arbeiten, wie Staubwischen oder Wetterschutz an die Fenster anbringen, bereits von anderen erledigt worden waren, von denen er aber noch keinen hier je gesehen hatte.

»Alles, was ich mit dem verdammten Ding machen kann, sind Anrufe und Kreuzworträtsel. Aber was braucht man in meinem Alter auch anderes? Wie haben Sie es genannt?«

»Ordinateur. Kann ich mal sehen?«, fragte er auf das Klemmbrett zeigend.

Sie reichte ihm die Liste. »Ist das französisch?«

»Ich glaube schon.«

»Warum benutzen Sie französisch? Ist das jetzt cool oder so was?«

»Nicht, dass ich wüsste. Wer immer das Teil baut, hat entschieden, dass es so heißt.« Er deutete auf eine Zeile. »Was muss auf dem Basketballfeld gemacht werden?«

»Wischen und bohnern.« Sie runzelte die Stirn, in ihren Gedanken offensichtlich noch bei den Ordis. »Die Franzosen machen die Dinger?«

»Eigentlich die Kanadier. Und das Basketballfeld würde ich gern übernehmen.« Brody lächelte und gab ihr die Liste zurück. Er legte Schlüssel, Handy und Brieftasche auf den Tresen. So lauteten die Regeln: Während der Sozialstunden mussten alle persönlichen Gegenstände abgegeben werden. Es war nicht leicht, sich in einer Bar vor den Stunden zu drücken, ohne eine ID-Karte zum Bezahlen.

Sie hob ihren Ordi, trug drei Buchstaben in ein senkrechtes Kreuzworträtselfeld ein und fragte: »Also, das ist das Wort, was man heutzutage für Telefon benutzt?«

»Und alle anderen elektronischen Geräte.«

»Alle anderen? Was ist mit dem anderen Scheiß passiert?«

Brody grinste. »Wie bitte?«

»Sie wissen schon, Laptops, PCs, Tablets, E-Books, Festplatten, USB-Sticks und was nicht alles. Die Sachen, die jeder unbedingt haben musste, weil er sonst mit zwei Dosen an einer Schnur oder mit Rauchsignalen seinen Nachbarn hätte anrufen müssen. Der ganze Scheiß eben.«

»Die sind jetzt alle in einer glücklichen Familie vereint namens Ordinateur.«

»Das ist verwirrend. Ich sag Ihnen, was ich davon halte: gar nichts.«

Brody lachte. »Ich werde es weitergeben, schließlich bin ich für den umgangssprachlichen Ausdruck technologischer Geräte verantwortlich.«

»Und schon wieder reden Sie Unsinn.« Samantha sammelte seine Sachen vom Tresen und legte sie beiseite, bis auf seine ID-Karte. Die steckte sie in den allgegenwärtigen Nautilus-Kartenleser, einer großen, schwarzen Muschel, die im Gemeindezentrum und jeder Einrichtung zu finden war: Regierung, Restaurants und so weiter.

Sie winkte ihn zum Körperscanner rechts des Bürofensters. »Ich weiß, dass Sie nichts haben, aber als ich Sie das letzte Mal einfach habe durchgehen lassen, wurde ich ziemlich ausgeschimpft.«

»Schon in Ordnung.« Brody passierte den Kunststoffdurchgang und löste keinen Alarm aus. Von der anderen Seite ging er noch mal durch. Wieder kein Alarm. Er breitete die Arme aus und sah Samantha an, als wollte er fragen: Gut?

»Okay, gehen Sie durch.«

Als sich Brody dem Aufzug näherte, sprach er über die Schulter: »Sie sollten nicht so hart mit sich sein. Sehen Sie mein Handy? Das ist uralt.«

»Das Telefon, das ich vor diesem Ding hatte, besaß noch eine Drehscheibe, Schätzchen. Versuchen Sie es mal damit, wenn Sie schon alten Trödel vergleichen wollen.«

Er lachte und drückte auf die Ruftaste. »Steht die Bohnermaschine immer noch oben in der Dienstkammer?«

»Wissen Sie doch. Sie wird sein, wo Sie sie gelassen haben. Danke, Süßer. Sie sind der Einzige, der keinen halbherzigen Job macht.«

»Oh, ist mir ein Vergnügen.«

Die Tür glitt zur Seite.

»Und dem Justizsystem auch«, stichelte Samantha kurz, bevor der Aufzug schloss.

Brody war nicht in der Lage einen anständigen Konter zu geben. Er fluchte, aber mit einem Lächeln.

Die Sporthalle war verlassen. Sie erinnerte Brody an die gähnende Leere seiner Wohnung. Auch hier hallte jeder Schritt auf dem knarrenden Holzboden von den Wänden. Die Decke bestand aus getäfelten, getönten Dachfenstern, die den Großteil des Sonnenlichts aussperrten und jeden darunter in kränkliches Gelb tauchten.

Nach einer Stunde hatte er den kompletten Boden gewischt. Er rollte die Bohnermaschine heraus und steuerte sie geduldig in kreisenden Bewegungen durch die Halle.

Das Dröhnen der Maschine und das Zischen des Schrubbers auf der lackierten Holzoberfläche zwangen Brody, an etwas anderes zu denken. Er hielt den Gashebel gedrückt und bewegte das Gerät langsam nach rechts, nach links und dann wieder nach rechts. Die Geräusche bohrten sich in seinen Kopf und erinnerten ihn an einen ähnlichen Klang.

Die Zeit spulte zurück und nahm ihn zehn Jahre in die Vergangenheit mit.

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