Читать книгу «KNUCKLEDUSTER» онлайн полностью📖 — Andrew Post — MyBook.

»Gut«, sagte sie mit spürbar neuem Auftrieb und steckte den Rechner zurück in ihre Handtasche. »Noch ein paar Sitzungen und ich bin durch. Sie mussten ein großes Stück meiner Bauchspeicheldrüse entfernen, aber ich glaube, sie haben jetzt alles. Also, ja, es läuft gut.« Sie klang dennoch zweifelnd.

Bevor Brody wusste, was geschah, trat Marcy einen Schritt vor und schlang fest ihre Arme um ihn. Sie drückte ihr Gesicht an seine Brust, die rauen Dreadlocks kitzelten sein Kinn. Ihre Wärme, sprichwörtlich und körperlich, überraschte ihn.

»Vielen, vielen Dank«, sagte sie. »Ich weiß, dass es schlecht ist, jemanden verletzen zu wollen, aber ich glaube, er hätte es sonst nie verstanden. Mir geht es besser und schlechter zugleich. Ergibt das einen Sinn?« Sie weinte. Nässe durchdrang sein Hemd und berührte ihn kühl in der Novemberluft.

Marcy löste sich von ihm und wirkte für einen Moment verlegen. Mit dem Handrücken wischte sie vorsichtig über ihr geschwollenes Auge. Sie sah ihn nicht an, stand nur da, scheinbar unsicher, was als Nächstes kam.

Aus Erfahrung ahnte Brody, dass Marcy den Wunsch verspürte, ihre Freundschaft zu vertiefen, ihn um ein gemeinsames Mittagessen zu bitten oder dergleichen. Immerhin hatten sie das Ehebrecher-Schlupfloch genutzt. Warum ihr also nicht den Gefallen tun und es offiziell machen? Doch er wusste, der Blick in ihre Augen würde ihn stets an Jonah erinnern, obwohl sie grundverschiedene Männer waren. Wie ein Lesezeichen markierte es auf ewig das schreckliche Kapitel ihres Lebens. Es könnten gute Zeiten vor ihnen liegen. Großartige sogar. Aber jedes Mal, wenn sie über die Geschichte ihres Kennenlernens gefragt würden oder selbst während ihrer Beziehung darüber reflektierten, bliebe es ein Schandfleck inmitten umgebender Schönheit. Brody entschied stattdessen, die Transaktion mit dem üblichen Satz zu beenden. »Pass auf dich auf.«

»Ja, du auch. Und danke noch mal.«

»Keine Ursache«, sagte er und drehte sich in Richtung der Stadtbahnhaltestelle um.

Als er in der Nähe seiner Wohnung aus der Bahn stieg, bog er um ein paar Ecken und spazierte durch die kalten Straßen von St. Paul. Er überquerte die Brücke nach Minneapolis und betrat die erste noch geöffnete Bodega, die ihm begegnete.

Die roten Ziffern auf seinen Linsen erinnerten ihn daran, dass ihm nur mehr zwanzig Minuten blieben, ehe er hilflos erblindete. Mit fehlender Sicht durch die Stadt zu navigieren, war unmöglich, und ein eingesetztes Sonar ohne ausreichend Schlaf, würde sein ermüdeter Geist mit Migräne bestrafen.

Er fand die richtigen Batterien am hinteren Ende des Ladens zwischen einer bunten Mischung anderer Elektronikartikel. Es waren zwei herkömmliche AA-Batterien, geschützt durch eine lange Sicherheitshalterung, zu breit für die Taschen eines Diebes. Er brachte sie zur Theke, und mit einem schnellen Wisch wurden ihm fünfzig der sechzig Credits wieder abgezogen, die er wenige Minuten zuvor erhalten hatte.

»Gute Nacht noch, oder eher Morgen, nehme ich an«, sagte der Verkäufer, auf die Uhr an der Wand schauend.

Wieder draußen, schaffte er es zur Vordertür seines Wohnblocks, ehe die letzten zehn Minuten seiner Linsen abzulaufen begannen.

Brodys Wohnung gegenüber des Fahrstuhls, die wegen der Betonverkleidung an eine Höhle erinnerte, war ein gänzlich undekorierter Raum. Fenster entlang einer Seite spendeten morgens ausreichend Licht. In einer Ecke standen ein Fernseher, eine schwarze Kunstledercouch und ein Tisch; in der Kochnische daneben Schränke ohne Türen mit einer mageren Sammlung Teller und Gläser in der Auslage, sauber und geordnet. Ein schäbiger Papiervorhang, den er auf einem Flohmarkt gekauft und mit Klebeband an der Decke befestigt hatte, trennte das Schlafzimmer von den übrigen Räumen. Es beinhaltete eine in die Ecke geworfene Matratze und einen als Mülleimer missbrauchten Nachttisch.

Brody hatte keine Lust fernzusehen oder seinen Anrufbeantworter abzuhören. Er wusste ihn ebenso leer wie den Briefkasten unten, denn er bekam nie etwas, bis auf eine monatliche Entschädigungszahlung von der Regierung mit einer netten, unpersönlichen Entschuldigung der Army auf gelbem Papier und einem beigefügten Scheck, den er nur allzu gern einlöste.

Den letzten hatte er allerdings schon ausgegeben und noch zwei Wochen bis zum Nächsten vor sich. Er dachte an die zehn verbliebenen Credits auf seinem Bankkonto. Zehn Credits. Er begann gedanklich Listen von Dingen anzufertigen, die er davon kaufen könnte, ähnlich einer geplanten Ein-Dollar-Menü-Bestellung in einem Schnellimbiss. Klopapier gehörte zur Grundausstattung wie der Softdrink beim Fast Food. Weitere grundlegende Dinge bildeten natürlich Lebensmittel, Zigaretten und Waschseife. Farbe war unwesentlich, fand aber dennoch den Weg auf seine Liste. Ein paar Flaschen Schwarz und Grau wären schön. Momentan mischte er aus den vorhandenen Farben sein eigenes Schwarz, das nach dem Trocknen wie Kobalt aussah. Das erinnerte ihn an ein frisches Gemälde draußen, links des Balkons.

Er ging zu den Fenstern, die vom Boden bis zur Decke reichten, und öffnete sie, um frische Luft hereinzulassen. Die stickige Feuchtigkeit des Trockners, den er während seiner Abwesenheit hatte laufen lassen, beschlug jede Scheibe des Lofts.

Vom Balkon aus blickte er auf die Innenstadt von Minneapolis. Ein paar Monate, nachdem er den Mietvertrag unterschrieben hatte, war die Stadtbahn erweitert worden. Sie verlief nun direkt vor seinem Fenster und verdeckte einen Großteil der Aussicht.

Ein Trio Magnetschwebewaggons glitt lautlos über die erhöhte Fahrbahn. Nur in Kurven und Biegungen kreischte das Metall. Brody schnippte seine Zigarette über das Geländer und sah zu, wie sie langsam herunter auf den Asphalt fiel. Ein Hauch Glut stob empor und wurde von der leichten Brise fortgetragen.

Mit dem noch klebrigen Gemälde in der Hand, ging er wieder rein, bereitete sich eine Tasse grünen Tee und sank neben den offenen Fenstern auf die Couch. Brody verspürte den Wunsch nach einer anderen Sorte Lärm und befahl dem Fernseher, einen klassischen Musiksender zu suchen.

Dann entspannte er ein wenig auf dem angenehm kühlenden Kunstleder. Das Gemälde hereinzuholen und Tee zu machen, war eine automatisierte Routine, die er gedankenlos erledigte. Sein Puls blieb beschleunigt, sein Geist mit den nächtlichen Aktivitäten beschäftigt.

Er beschloss, die letzten Minuten seines Sehvermögens zu nutzen, um die über Jonah Billingsly gesammelten Dokumente auf seinem veralteten Mobiltelefon zu löschen. Das half ihm meist, mit einem verrichteten Job abzuschließen. Brody war kein Polizist, er durfte keine Ermittlungsaufträge auf seinem Handy haben, doch er hatte eigene angefertigt, die fast genauso gut, aber illegal waren. Jonah bekam, was er verdiente, und Brody konnte seine Hausaufgaben zu dem Mann nun im Vertrauen löschen, dass er den Typen nie wieder würde ausfindig machen müssen. Er wusste, seine präzise Art der Gerechtigkeit bedurfte selten einer Wiederholung.

Während der Einführung der Teilnehmer in der Wiederholung der Sendung Prize Mountain, döste Brody allmählich ein. Die blinkende Anzeige in seinem rechten Augenwinkel zeigte 00:00:59 und riss ihn sogleich aus dem eintretenden Schlummer. Die letzte Minute seiner Linsen nutzte er, um den Fernseher auszuschalten, eine Flasche mit Wasser zu füllen und ins Badezimmer zu trotten, dem einzigen Raum mit einer Tür und eigenen Wänden. Er näherte sich dem Spiegel.

00:00:32. Jonah hatte ihn tatsächlich erwischt. An seinem Jochbein waren drei winzige Kratzer, wahrscheinlich von einem Reißverschluss oder einem Ring. Er betupfte sie mit Salbe.

00:00:15. Er beugte sich über das Waschbecken, öffnete die Lider weit mit seinen Fingern und fischte mit der anderen Hand die Membran von der Oberfläche seines Auges. In den verbleibenden Sekunden, bevor das sichtspendende Carotinkonzentrat nachließ und die Welt vor ihm verschwand, starrte er sein Spiegelbild an. Gleich hätte sein Körper die künstlichen Vitamine aus den Linsen abgebaut und sein Augenlicht würde in die Finsternis entgleiten.

Brody sah jemanden, der ihm so vertraut wie fremd erschien. Er sah sein Alter, seine Narben. Mit jedem müden Blinzeln wichen die orangefarbenen Verfärbungen im Weiß seiner Augen blutunterlaufener Abgekämpftheit. Danach verschwanden sie allmählich im Dunkel. Natürlich hatte er seine Blindheit nie gesehen, aber in einer betrunkenen Nacht voll Selbstmitleid ein Foto gemacht, um zu schauen, wie ein blinder Mann aussah und ob er den Blitz erkennen könnte. Am nächsten Morgen hatte er die Linsen wieder eingesetzt und das Bild betrachtet. Es zeigte statt brauner Iriden nur zwei weiße Scheiben, ähnlich der Augen einer unfertigen Puppe.

Das Ladegerät der Linsen klickte unter den neu eingelegten Batterien und bestrahlte sie mit starkem UV-Licht. Es half, sie zu desinfizieren und die mikroskopischen Carotinkraftwerke wiederherzustellen, aus der die Membran bestand.

Mit Schatten begann seine Sehkraft zu schwinden. Er hörte über das Summen der Leuchtstoffröhren hinweg drei lange Töne, die den Beginn des Aufladens signalisierten, und sah auf zwei Schalen hinab, die in Blindenschrift mit L und R gekennzeichnet waren. Die Ladeanzeige blinkte einen Moment, bevor Schwärze den verbliebenen Teil seiner Sicht verschlang, wie bei einer sich schließenden Blende.

Brody tastete nach dem Sonarbehälter, doch er lag nicht an seinem gewohnten Platz. Er überprüfte die Regale des Medizinschranks. Nichts. Brody fluchte und drehte sich um. Nun vollends in Blindheit gehüllt, streckte er seine Hände zur Badezimmerwand aus. Klatschend und greifend führten sie ihn hinaus. Der frankensteinartige Gang musste aussehen wie die grausamen Pantomimen eines Blinden.

Seine Knie stießen an die Matratze. Er ließ sich auf sie fallen und suchte mit den Fingern den kalten Betonboden nach dem Sonar ab. Auch nichts. Er stand wieder auf und ging vorsichtig durch den Raum in den Wohnbereich; dann um die Couch zum Tisch. Wieder nichts.

Brody folgte dem leitenden Summen des Kühlschranks zur Küchentheke. Es ärgerte ihn, das Gerät nicht zurückgelegt oder zur Hand genommen zu haben, bevor er die Linsen auflud.

Nachdem er die ganze Wohnung abgesucht hatte, fand er das Sonar dort, wo er mit seiner Suche hätte beginnen sollen: in seiner Manteltasche. Er öffnete die Hülle mit dem Durchmesser einer Getränkedose, nahm das münzgroße, fast fleischfarbene Gerät heraus und drückte es mit der ewig klebenden Unterseite an die Stirn. Dann schaltete er es an und die Welt kehrte wieder, wenn auch anders.

Das Gerät sendete mit einem Ping Sonarwellen im Ultraschallbereich aus. Sie stimulierten die zerstörten Sehnerven und das Gehirn, das daraus einen geistig erfassbaren Strom verschwommener Umrisse und grober Details formte. Doch Farben, nützlich, um beispielsweise das Herrenklo zu finden, konnte das Echolot nicht illustrieren. Alles war lediglich ein Meer fluktuierender Pixel und Polygone, vereinfacht zu Grundelementen und klobigen Formen, besonders aus der Entfernung. Je näher er einem Objekt kam, desto detaillierter erschien es. Die Kurven einer üppigen Frau wurden zu einer kastenförmigen, schlecht gerenderten und insgesamt langweiligen Darstellung dessen, was er eigentlich vor sich hatte. Zeit zum Fokussieren, ein klarer Verstand, vielleicht etwas Alkohol, und die Details würden schärfer und Gesichter deutlicher aussehen wie … Gesichter.

Brody ging zu den offenen Fenstern und schloss eines nach dem anderen. Das Sonar sendete einen Ping, als das letzte halb zu war. Er konnte die Stadt hinter dem Balkon sehen. Die groben Formen verwandelten die versammelten Fahrzeuge an der Kreuzung in Seifenkistenrennwagen. Gebäude glichen riesigen Würfeln in einem Muster entlang der Straße. Strukturen, wie der brüchige Asphalt oder die stickerbeklebten Telefonmasten, wurden zu einfachsten, dreidimensionalen Formen geebnet. Zettel konnten nicht gelesen werden, es sei denn ihr Aufdruck wäre in Blindenschrift geprägt. Noch kleinere Objekte, wie die Fruchtfliegen, die immer einen Weg in die Wohnung fanden, waren winzige, huschende Bewegungssignaturen, die das Sonar aufnahm und für Brody zu schwebenden Pixeln codierte. Alles war ein einziges, lebensgroßes Netzgitter-Diorama.

Er schaltete das Sonar aus, ehe sein Gehirn vollends ermüdete. Wie ein Kind, das seinen Kaugummi für den nächsten Tag aufsparte, klebte er es an die Wand und legte sich auf die nackte Matratze, um zu schlafen, was ihm kaum gelang.

Brody blinzelte in der Dunkelheit seiner zerstörten Augen und lauschte den Klängen der Stadt durch die geschlossenen Fenster, die sie nie ganz aussperren konnten. Das ständige Rauschen der Autobahn, das Quietschen der Stadtbahn, die Heizkörper der Nachbarwohnungen, das Surren der Luftfiltersysteme an jeder Ecke der Straße. Er horchte nach dem Geräusch, das ihm am nächsten war: Gegen Glas stoßende Exoskelette von Käfern in ihren vergeblichen Versuchen das wärmende Innere der versehentlich angelassenen Lampen zu erreichen. Er würde am nächsten Morgen aufwachen und sehen, dass sie die ganze Nacht gebrannt hatten und den weiteren Stapel Credits auf seiner Stromrechnung verfluchen, die er nicht bezahlen konnte.

Er musste wohl eine weitere Auftraggeberin unter den Frauen im Gemeindezentrum suchen, die nirgends anders hingehen und mit niemandem reden konnte, und die Brodys Namen, Beinamen und das alles kannte. Ein weiterer Faustwurf, ein weiterer Credit-Transfer, ein weiterer Tag im Kalender markiert, an dem er genau das tat, was er nicht tun wollte, zu dem er sich aber gezwungen fühlte.

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