Nathan Pierce atmete tief durch, ehe er das Blatt las, das er im dicken Ordner fand. Er blieb stehen, während Brody am Tisch eines kleinen, überhellen Raumes saß.
»Bereit? Okay, hier sind wir also wieder. Broadwell Alexander Calhoun, wohnhaft in Minneapolis, Minnesota. Ihre Strafakte lautet wie folgt: Elf Belästigungsanklagen. Zwei missachtete Unterlassungsurteile. Zehn unabhängige Beschwerden wegen böswilliger Androhungen. Siebzehn Körperverletzungsdelikte, alle begangen mit tödlichen Waffen, diesen gottverdammten Messingschlagringen, die wir jedes Mal bei Ihnen fanden«, sagte er. »Und noch ein paar weitere Vergehen, wie beispielsweise einen Mann in einen Postsammelkasten zu stecken. Ein anderer erzählte, Sie hätten jemanden während seiner Arbeit in Tofu Pagoda in die Brust geschlagen. Gebrochene Nasen, gebrochene Arme. Einmal haben Sie einem Mann beide Hände gebrochen …«, erzählte er immer weiter und weiter.
Brody hörte wortlos zu. Er konnte die Anschuldigungen und früheren Vergehen, für die er verurteilt worden war, ohnehin nicht widerlegen. Jedes Mal, wenn die Polizei zu irgendeinem Treffpunkt fuhr, an dem er diesen Kerlen ihre wohlverdiente Strafe verpasst hatte, ließ er sich widerstandslos verhaften. Er nahm die klassische Pose ein: Still die Handgelenke nach vorn, bereit für die Handschellen.
Jeder Aushilfscop konnte seine ID-Karte scannen und die geordnete Liste seiner Verfehlungen sehen. Aber sein Ruf eilte ihm voraus. Alle wussten, was es bedeutete, wenn Brody KnuckledusterCalhoun kam. Auch wenn sie dadurch selbst Teil des stadtweiten Problems der Teilnahmslosigkeit wurden, so wussten sie, dass sie ihn besser tun ließen, was er tat. Er war ein unerschütterliches Nein in der Norm widerwilliger Zustimmung. Anders als viele in der augenabgewandten Masse, blickte er standhaft in den leeren Abgrund, den sich die Menschheit gegraben hatte. Ihr starrender Wettstreit blieb ein unumstößlicher Patt.
Nathan warf den Ordner auf den Tisch. Der Inhalt rutschte vor Brody heraus – die Akten und alten Polizeifotos, auf denen er noch einen Bart trug. Der eng geschriebene, gebündelte Text, die Berichte, die Aussagen der Officers, die als Erste am Tatort gewesen waren und ihre Beobachtungen der Geschehnisse schilderten. Worte wie gewalttätigund kooperativ tauchten mehrfach auf, obwohl sie nicht zusammenpassten.
Eine der Seiten beinhaltete die vielen Sozialstunden, die er abgeleistet hatte. Brody war sich sicher, dass sie nie Beachtung fanden. Die Vergehen taugten eher zum Hofieren und Angaffen. Cops mochten keine Straftäter, die Wiedergutmachung leisteten, sondern bevorzugten jene, die davonliefen. Sie waren die fieberhaften Bluthunde der Stadt. Ihnen ging es nur um Verfolgungsjagden, auch wenn ihre Beschränkungen sie von mehr als einer höflichen Befragung in einem kleinen, fensterlosen Raum abhielten.
»Also, was halten Sie davon? Ich freue mich, Ihnen mitzuteilen, dass es bald ein paar Gesetzesänderungen gibt. Dann können wir endlich mit diesem verdammten Rumgeeiere aufhören, Sie in eine Box sperren, den Schlüssel wegwerfen und sayonara sagen. Wenn so etwas ab dem ersten Januar noch mal passiert, könnten wir das tun, wenn wir wollten«, sagte er in einem Atemzug, strich über seine grauen Schläfen und brachte sein Haar dabei leicht durcheinander. »Aber bis dahin … wie auch immer. Wir reden über heute Nacht, nicht wahr? Heute. Nummer achtzehn. Achtzehn für Sie in der Kategorie ›Männern-das-Gesicht-brechen‹, da man es nicht mehr Angriff nennen kann. Chiffon wird nicht erfreut sein.«
Brody schwieg, bekannt dafür, kein Wort zu sagen und schließlich seine Strafe zu akzeptieren, was sowieso nicht Sache der Cops war. Die Sozialarbeiter und der Bewährungsausschuss würden ihn am liebsten hinter Gittern behalten. Aber solange die Männer, die er besuchte, noch einen Puls hatten, mussten sie ihn gehen lassen und ihm sogar seine Messingschlagringe aushändigen. Denn persönliches Eigentum durfte nicht beschlagnahmt werden, wenn er die Rechnung aus der Tabakladen-Schlitzer-Faustkampf-Accessoire-Boutique vorweisen konnte. Und das konnte er.
Sowohl Brody als auch der Detective wussten, dass ihn selbst die laschen Richter mochten. Sie sahen in ihm keinen Ordnungshüter, sondern einen menschlichen Coupon. Auf monatlicher Basis tat er, was den Cops verwehrt blieb, bezahlt von der Regierung. So wurde auf Umwegen der Gerechtigkeit genüge getan. Den kleinen Bonus gab's für sie obendrauf. Die Anzahl misshandelter Frauen in der Notaufnahme hatte sich halbiert, seit Brody dieses praktische Schlupfloch entdeckt und im Gemeindezentrum seinen Job als temporärer Arbeitgeber begonnen hatte.
»Ich sag Ihnen mal was. Nicht nur Sie müssen sich ordentlich was anhören, wenn Sie diesen Mist bauen. Ich muss mir das nämlich auchanhören. Und nur, um mir Chiffon vom Arsch zu halten und es aussehen zu lassen, als versuchte ich etwas mit Ihnen, habe ich sie gebeten ihren monatlichen Besuch auf Freitag zu verlegen. Sie wird wissen, was mit Ihnen zu tun ist und wie viele Stunden es noch braucht, bis endlich die Botschaft bei Ihnen ankommt, mit dieser Scheiße aufzuhören.«
Brody dachte an seine Bewährungshelferin. Ihr beengtes kleines Büro, die ständige Gospelmusik. Die antike Süßigkeitenschale in der Ecke des Schreibtischs, die zwar zum Naschen einlud, aber nicht für ihre ›Kunden‹ gedacht war, sondern eher als Symbol der Selbstbeherrschung diente. Was würde sie wohl über Nummer achtzehn sagen? Einige weitere hundert Stunden Böden wischen? Oder schickte sie ihn mit ihrer überstrapazierten Geduld ein paar Monate in die Strafanstalt von Minneapolis, damit er eine neue Perspektive gewann, wie sie es immer androhte?
Im linken Augenwinkel erkannte Brody flüchtig 00:59:59 grellrot aufleuchten. In einer Stunde bräuchten seine Linsen eine neue Ladung. Dies drängte Brody, das Gespräch schnell zu beenden. Er räusperte sich und sprach das erste Mal, seit ihm die Handschellen angelegt worden waren. »Ich habe nichts zu sagen. Sie haben mich. Ich sitze hier freiwillig und mache Ihnen keinen Ärger. Ich habe nur getan, was ich für richtig …«
»Ja, ein edler Ritter sind Sie.« Nathan sammelte die Akte zusammen und klopfte das Ende gegen den Edelstahltisch, um die Seiten zu begradigen. Er nahm die Schlüssel aus seiner Westentasche, signalisierte Brody, die Arme zu heben, schloss die Handschellen auf und klaubte sie mit metallischem Geklapper vom Tisch. »Sie können sich nicht ewig hinter diesem Ehebrecher-Schlupfloch verstecken. Irgendwann werden wir Sie für biologische Beweise scannen müssen, um zu sehen, ob Sie diese Frauen tatsächlich gevögelt haben.«
»Vielleicht im Januar«, murmelte Brody herausfordernd.
Der Detective ignorierte den Kommentar, steckte die Handschellen ein und starrte ihn an. »Schon komisch, wie Sie behaupten, mit all den Frauen eine Beziehung zu führen, aber wenn wir Sie durchs Suchgerät schicken, kommen Sie immer sauber raus. Man sollte meinen, Sie hätten sich längst was eingefangen, seit Sie Ihre Treffen im Gemeindezentrum abhalten, der letzte Ort, an dem ich eine saubere Frau vermuten würde. Und Sie sagen mir immer, Sie hätten absolut keine Ahnung, dass Ihre neuen Freundinnen von ihren Ehemännern und Freunden geschlagen werden.«
Brody zwinkerte. »Es passiert einfach.«
Nathan verkniff sich grummelnd, was er als Nächstes sagen wollte, und beließ es dabei. »Ich weiß, dass Sie schon eine ganze Sammlung davon haben, aber ich gebe Ihnen noch eine, nur zum Spaß.« Er nahm seine Visitenkarte und schnippte sie auf den Tisch. »Wenn Sie das nächste Mal ein armes Mädchen bittet, einzuschreiten, sagen Sie ihr, sie kann mich anrufen. Überlassen Sie das den bezahlten Fachleuten, Prinz Eisenherz. Und jetzt verpissen Sie sich.«
Zurück im Bearbeitungsbereich ging Brody an einer Gruppe Huren und einer Schar lederbekleideter Buckliger vorbei, Schulter an Schulter an die Bank gekettet, sortiert nach ihren vermuteten Geschlechtern. Er ging an den Schalter, um seine Habseligkeiten abzuholen.
Der uniformierte Cop auf der anderen Seite der kugelsicheren Scheibe beendete sein Telefonat, nahm einen Schluck Kaffee und fragte Brody schließlich durch die Sprechanlage nach seinem vollständigen Namen.
Als der Cop die Sachen präsentierte und in die Metallschublade fallen ließ, zählte er auf: »Brieftasche: schwarzes Leder, silberne Kette. Inhalt: Führerschein, abgelaufene Militär-ID, ID-Geld- und Privatkontokarte, Mega-Deluxo-Megasparkarte, ebenfalls abgelaufen. Ein Butan-Feuerzeug. Sieh sich einer diese Antiquität an: ein Mobiltelefon. Eine Schachtel Zigaretten ausländischer Marke. Ein Kontaktlinsenbehälter … was hängt denn da dran?«
»Das Ladegerät«, antwortete Brody ungeduldig. Er wollte nach Hause.
»Warum zur Hölle brauchen Kontaktlinsen ein Ladegerät?«
Brody wackelte mit einem Finger neben seinem rechten Auge. »Carotin-Linsen.«
Ein bisschen schneller, wenn ich bitten darf.
»Alles klar, eine Carobin … Caritin … was auch immer. Ein Kontaktlinsenbehälter. Und ein paar Schlagringe, schwarz.« Der schwerste der Gegenstände fiel mit ungeheurem Lärm in die Schublade.
Einer der Männer hinter Brody, der von Kopf bis Fuß in einem glänzenden Lederoutfit steckte, öffnete den Reißverschluss vor seinem Mund. »Hey, Mann, das ist Bevorzugung. Bekomme ich etwa meine Peitsche wieder? Wohl kaum. Das ist Bullshit. Hören Sie mich? Das istBullshit!«
Der Beamte ignorierte die Proteste des Masochisten und knallte die Schublade unter die Trennwand. »Beschwerden über die Behandlung während Ihres Aufenthalts können Sie über unsere Webseite einreichen. Bitte denken Sie daran, dass eine Freilassung durch das St. Paul Police Department Sie nicht dazu ermutigt, das Gesetz in irgendeiner Weise zu brechen. Ihr spezieller Fall wurde zufriedenstellend geprüft, um Sie in die allgemeine Bevölkerung unter der Bedingung entlassen zu können, dass Sie fortan Ihr Bestmögliches versuchen, im Staate Minnesota keine weiteren Probleme zu verursachen oder Gesetze zu brechen. Durch das Passieren der Vordertüren stimmen Sie diesen Bedingungen zu. Danke und haben Sie noch einen schönen Tag.«
Außerhalb des Geländes, zwischen einer Reihe parkender Streifenwagen und dem Nachtverkehr, entdeckte Brody nahe eines Telefonmastes Marcy, eine Zigarette mit einem Schauder rauchend, der jeden Zentimeter ihrer kleinen, schlanken Gestalt erzitterte.
Sie begegneten sich in der Mitte des Gehwegs. Im schwachen Licht des Eingangsbereiches erschien Marcys Gesicht noch zugerichteter und geschwollener als in seiner Erinnerung. Beim ersten Treffen hatte sie frische Verletzungen getragen, aber nun, nach einer Woche Heilung, sah es irgendwie noch schlimmer aus. Eine tintenfarbene Grube verschluckte ihr gesamtes rechtes Auge, da die Haut ihrer Braue den zutagetretenden, grün-lilafarbenen Knoten nicht halten konnte. Er achtete darauf, dass Marcy seine Blicke darauf nicht bemerkte.
»Hey«, sagte sie leise und strich eine ihrer bunten Dreadlocks hinter das piercingüberladene Ohr. Sie sah ihn entschuldigend an, als sie seine geröteten Knöchel und Handgelenke bemerkte. »Ich hoffe, du bist nicht in zu große Schwierigkeiten geraten.«
»Schon okay.«
Nun folgte dieser schrecklich peinliche Moment. Der Job war getan, alles war erledigt, bis auf das kleine Detail mit der Bezahlung. Kerle für Frauen verprügeln, die er im Gemeindezentrum traf, war eine Sache. Er hatte sie aufgespürt und ihnen mit gewisser Begeisterung gegeben, was sie verdienten. Aber hinterher über Geld zu sprechen, nahm den Wind aus seinen Heldensegeln.
Ein Mann muss essen, erinnerte er sich.
Und die Batterien für die Linsen waren auch nicht gerade billig.
»Also, was haben wir ausgemacht … fünfzig?«, fragte sie, ihren Rechner im Taschenformat herausholend.
Brody nahm seine ID-Karte aus der Brieftasche und spürte, wie sich sein Magen verknotete. Es fühlte sich falsch an, doch gleichzeitig glich die Aussicht auf Geld einem Heroinschuss. Es war jedem stets willkommen, ganz egal, wo es herkam oder was jemand zu empfinden vorgab.
Er sah die Tabellen auf ihrem Touchscreen und beobachtete, wie ihre Finger, behangen mit kitschigem Modeschmuck, auf die Tasten drückten und das Menü rauf- und runterscrollten.
Als sie fertig war, blickte Marcy mit einem breiten, unnatürlich schiefen Lächeln auf, als wollte die traurigere linke Seite die rechte herunterziehen. Es tat ihr sicher weh, hielt sie aber nicht davon ab. »Ich habe dir sechzig gegeben.«
»Das hättest du nicht tun müssen«, meinte er und nahm die Karte sanft von ihrer Hand.
»Nein, ist okay. Ich habe heute meinen Lohn bekommen, und ohne Jonah zu leben, erspart mir einen Großteil der Lebensmittelkosten.« Sie lächelte wieder. »Du verdienst es für das, was du heute Nacht getan hast. Ich meine, Gewalt erzeugt Gegengewalt, richtig? Ich denke, es ist besser so. Mit wem auch immer Jonah das nächste Mal zusammenzieht, er wird es sich bestimmt zweimal überlegen, ob er wieder stockbesoffen und angepisst nach Hause kommt.«
»Wie laufen die Behandlungen?«
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