Читать книгу «KNUCKLEDUSTER» онлайн полностью📖 — Andrew Post — MyBook.

Die Bar-KI musste Wind davon bekommen haben, dass sich hier jemand länger als zehn Minuten ohne ein bestelltes Getränk aufhielt. Eine Frau erschien in durchschimmerndem Blau und mit aggressiv entblößten Brüsten. Sie machte ihn an: »Hey, Süßer, wie wär's mit einem Tall Boy? Das wären nur fünfzehn Buckaroos für die nächsten zehn Minuten.«

Brody winkte dem Hologramm ab, woraufhin die Frau einklappte und verschwand, um vor jemand anderem belästigend aufzutauchen, dem sie etwas vorwackeln konnte.

Brodys Blick wanderte von einer Ecke zur anderen, vorbei an den tanzenden Transvestiten in ihren glitzernden Fummeln. Er nahm an, dass ein aggressiver Säufer, der seine Freundin jede Woche bewusstlos prügelte, nicht viel von einem Tänzer aufwies.

Brody beobachtete stattdessen die Gruppe an der Bar: Männer, gekleidet in schmutzige Overalls. Hafenarbeiter womöglich. Sie stießen mit dunklem Bier an und kippten Schnaps weg, der selbst dem stärksten Mann Tränen in die Augen trieb. Brody wusste nicht, welches Leben Jonah führte, denn Marcy hatte ihm nur vage Details gegeben. Aber es bestand eine gute Chance, dass er in dieser Gruppe stand.

Brody wollte sehen, wie viel sie preisgaben, wenn er sich als einsamer Betrunkener ausgab, der bloß ein wenig plaudern wollte. Schwankend ging er auf die verkleidete Gruppe zu. Dabei trat er absichtlich auf einen der Stahlkappenschuhe. Er entschuldigte sich überschwänglich und ließ seine Augen vergeblich nach einem Ziel suchen, um schwer betrunken zu wirken. »Hey, hey, tut mir echt leid«, lallte er.

Der Typ schob seine Strickmütze hoch, damit er den Störenfried besser sah. Als er sich in die Lichtimpulse drehte, erkannte Brody ein hartes Gesicht, aufgedunsen und rötlich, mit dicken Augenbrauen und engen Lippen, die so spröde waren, dass sie verbrannt wirkten. Er schien zu überlegen, ob er wegen des Trittes auf seinen Schuh eine Szene machen sollte, bis ein neues Bier hingestellt wurde und Brody seine ID-Karte auf die Bar klatschte, um dafür zu zahlen.

Der Barkeeper scannte sie mit seinem Handgerät und ging wieder, ohne sie berührt zu haben.

»Noch mal, tut mir leid, Mann. Wirklich.«

»Ist halb so wild. Sind sowieso alte Stiefel.« Der Hafenarbeiter klopfte Brody auf die Schulter, hob das Bier und nahm einen großen Schluck. Er ahnte nicht, dass er eindringlich beäugt wurde.

Marcy, die Frau mit dem zugeschwollenen Auge, die Brody kontaktiert hatte, erwähnte ein Tattoo am Handgelenk ihres Freundes, das einst ihren Namen beschrieben hatte, nun aber eher einem verschwommenen Strichcode gleichkam. Als der Mann erneut den Krug hob, um einen weiteren Schluck zu trinken, sah Brody das Tattoo flüchtig unter der Manschette des Overalls hervorblitzen.

Diesmal war es leicht. Kein Herumfragen, keine falschen Hinweise, kein Bezahlen für Informationen. Der erste Blödmann, den er angesprochen hatte, war der, wegen dem er hergeschickt worden war. Manchmal liefen die Dinge einfach. Es spielte keine Rolle, welches Paar Jonah und Marcy früher gewesen waren, wenn sie denn überhaupt je glücklich miteinander sein konnten. Es zählte einzig, was Jonah nun war: Ein gemeiner Säufer, der Frauen schlug.

Brody betrachtete sich manchmal als die Summe einer Gleichung. Das Plus entsprach ihm, der lebenden Summe schlechter Taten.

Er ließ die Maske des fröhlichen Betrunkenen fallen, richtete sich auf und spürte sein Herz in einem plötzlich wachen, schnellen Rhythmus schlagen.

Der Hafenarbeiter bemerkte, dass Brody immer noch dastand. Auch sein Gemüt wechselte und ging in offenkundige Feindseligkeit über. Er stellte seinen Krug mit den Schaumresten beiseite. »Nicht der richtige Laden, Nancy.«

»Bist du Jonah?«, fragte Brody, den Spott ignorierend.

Der Hafenarbeiter richtete seine Mütze. »Das ist richtig.«

»Geht dir dabei einer ab? Machst du es deswegen?«

»Wie bitte?«, entgegnete der Kerl und zog seine dicke Hand aus der gummierten Tasche des Overalls. Blaue Knöchel, geschwollenes Handgelenk; Indizien dafür, dass er kürzlich gegen etwas Hartes geschlagen hatte – wie einen Frauenschädel.

Es gab eine Boa constrictor, die von Brody lebte. Er trug sie Tag und Nacht. Beim Anblick von Jonahs verletzter Hand zog sie sich zusammen. Sie hing arglos um seine Schultern, wenn er Marcy oder andere Frauen im Gemeindezentrum traf. Wie eine Blumenkette um den Hals, ein Kuss auf der Wange, harmlos. Doch ganz langsam, als die misshandelte Freundin ihm mehr über diesen Mann erzählt hatte, war die kalte Haut der Wut um seinen Hals enger geworden.

Sein Siedepunkt war nun erreicht. Die ganze Woche hatte er von Jonah geträumt, während er geduldig auf Freitag wartete. Er wusste, dass dieser Typ nach der Arbeit mit seinen Jungs saufen ging. Solche Nächte hatten meist mit Faustschlägen in Marcys Gesicht geendet.

Dieses Mal nicht, beschloss Brody.

Er hatte Jonah trinken lassen, bis er locker und sein Blick trüb war. Bevor er seine Rechnung bezahlen und wütend heimgehen konnte, um die Frau, die er angeblich liebte, mit Hieben zu strafen, würde Brody ihn umdrehen, die Sache geraderücken und ihn auf einen neuen Kurs schicken. Statt in seiner beschissenen Wohnung seinen Rausch auszuschlafen, nachdem er seiner sterbenden Freundin ein paar Ohrfeigen verpasste, würde Jonah im Krankenhaus liegen und viel Zeit haben, über die Abwärtsspirale seines Lebens nachzudenken, die ihn dorthin gebracht hatte.

»Sie ist krank«, sagte Brody.

Jonahs Augen verengten sich. »Du kennst meine Freundin?«

»Hast du gemerkt, dass sie drei Tage lang weg war? Sie war im Gemeindezentrum, schlief auf einer Pritsche, aß kalte Suppe. Wir haben uns getroffen und geredet.«

»Bist du 'n Sozialarbeiter? Kommst hierher und willst mir sagen, dass ich zu viel trinke und meine Freundin nicht schlagen soll, obwohl mir die Schlampe mit ihrer gottverdammten Medizin die Haare vom Kopf frisst?«

»Nein. Sie hat mich gebeten, dir das zu geben.« In einer schnellen Bewegung zog Brody seine Faust aus der Manteltasche, die Finger in einem flachen Stück Metall steckend, und donnerte sie in Jonahs Wange.

Dessen Kopf wurde zurückgeworfen und die Mütze fiel herunter. Der Mann war benommen, seine Reflexe vom Alkohol betäubt. Er machte einen Schritt nach vorn und schwang seine Rechte.

Brody duckte sich und griff Jonahs Ellbogen. Er nutzte den Moment, um ihn von seinen Freunden wegzubekommen. Gewiss war ihnen das nicht entgangen, aber keiner eilte zuhilfe. Sie hielten die Griffe ihrer Bierkrüge fest und starrten wortlos vor sich hin. Als die Leute auf der Tanzfläche die Prügelei bemerkten, stellten sie ihre Rotationen ein und traten zur Seite. Manche tanzten in sicherer Entfernung weiter, offenbar zu ergriffen vom Song, um zwei betrunkenen Idioten Aufmerksamkeit zu schenken. Andere gafften ungeniert. Ein paar handelten mit hektischen Handbewegungen Wetten aus. Ein Finger auf Brody, eine offene Hand für Fünfziger.

Brody machte mit seinem Gegner kurzen Prozess und landete mit dem Messingschlagring mühelos einige Treffer. Jonah schwang wild umher. Seine weiten Schläge zogen ihn nach vorn und er stolperte in die Richtung, in der er Brody gerade vermutete. Er fluchte, zischte und sabberte. Wahrscheinlich wusste er, dass er nicht gewinnen konnte. Doch irgendetwas trieb ihn an, vielleicht tiefe Verachtung. Dabei konnte er keinen einzigen Gegenschlag landen.

Brody gab ihm einen rechten Haken, direkt auf den Mund. Der Klang von Metall auf Zähnen musste für seine Freunde deutlich hörbar gewesen sein.

Jonah nahm die Wucht auf wie jeder andere. Schläge gegen die Wange, den Bauch oder die Brust taten definitiv weh, waren aber kein Grund aufzugeben. Doch gegen die Zähne? Das streckte jeden Mann nieder. Er bedeckte seinen stark blutenden Mund und begann zu husten. Der rosa Nebel wurde vom flackernden Stroboskoplicht erleuchtet und sah aus wie die Zeitlupe einer gut platzierten Scharfschützenkugel.

Brody wartete, während Jonah sich krümmte und Zähne auf den Boden spuckte. Die anderen Hafenarbeiter sahen bloß zu, stießen einander mit dem Ellbogen an und blickten missmutig drein. Da war ein Zwiespalt in ihren Augen, als überlegten sie, einzugreifen. Aber keiner entfernte sich von der Bar und den Getränken. Brody konnte an ihren alkoholgeröteten Gesichtern ablesen, dass Jonah ein Arschloch war und diese Abreibung keineswegs überraschend kam.

»Tu das nie wieder«, befahl Brody deutlich. »Okay?«

»Ja, okay, schon gut … nur … schlag mich nicht wieder, okay?«, nuschelte er.

Dieser Schikaneur hatte seine eigene Medizin zu kosten bekommen und wiederholte jetzt die Worte seiner Opfer. Brody hätte am liebsten weitergemacht, bis Jonah bloß ein wimmernder Haufen gebrochener Knochen war, der sich seinen Bauch und das Gesicht mit Händen hielt, die nicht wussten, wohin sie als Nächstes fassen sollten, da alles wehtat.

Doch als Jonah gekrümmt seine Knie umfasste und Blut spuckte, bemerkte Brody den gelösten Würgegriff der Schlange. Ihr Hunger war gestillt. Sie hatte sich langsam entknotet und mit dem letzten Schlag abgelassen. Nun fort, hinterließ sie Leere durch den Drang zu schlagen und zu verletzen. Sie wurde gefüllt von einem Gewissen, das von irgendwo aus der Tiefe rief. Er sollte aufhören, innehalten, nachdenken, widerstehen.

Marcy wollte, dass du Jonah das antust, was er ihr angetan hat, erinnerte es. Nicht, dass du den Hurensohn umbringst.

Brody lockerte seine Faust. »Also, sind wir uns einig?«

»Ja«, würgte Jonah hervor. »Ich werde es nie wieder tun. Fuck, ichschwöre es!«

»Wunderbar.« Brody zog den klebrigen Schlagring von seinen wunden Fingern.

Als er in Richtung Ausgang lief, gingen ihm die Gäste aus dem Weg. Er verließ die Bar und zündete sich eine Zigarette an. 01:59:59 konnte er in kleinen, roten Ziffern im Augenwinkel erkennen, während er auf die Flamme zwischen seinen gewölbten Händen sah. Er musste bald nach Hause.

Brody vernahm den Türsteher, der mit verschränkten Armen und hochgezogener Augenbraue in seinem Stuhl saß. Er griff nach dem Stück Metall in seiner Tasche und bot es dem stämmigen jungen Mann an. Der Schlagring war blutverschmiert. »Schätze, ich schulde Ihnen mein Verdienstabzeichen.«

Der Türsteher starrte auf das Objekt in Brodys Hand, machte aber keine Anstalten es zu nehmen. »Nein, danke«, sagte er und schob sein Handy in die Jackentasche. »Aber ich habe Ihnen eine Mitfahrgelegenheit besorgt.«

In dem Moment vermischte sich der Schein des Barvordachs mit roten und blauen Blinklichtern. Brody blieb mit den Händen in den Taschen stehen und sah den Streifenwagen die heruntergekommene Straße entlangfahren.

Das Polizeiauto parkte. Auf der Beifahrerseite stieg ein Mann aus. Detective Nathan Pierce trug einen Fedora und einen schiefergrauen Nadelstreifenanzug. Er blickte Brody nur kopfschüttelnd an.

»Boss?«, fragte der andere Officer.

»Hol uns ein paar Aussagen.«

Detective Pierce kam lässig angelaufen, während sein Kollege die Bar betrat, und sagte: »Brody Knuckleduster Calhoun.«

Als der Ordnungshüter seinen Namen nannte, schnippte der Türsteher mit den Fingern. »Das war's! Wusst' ich's doch.«

Nathan ignorierte das und nahm die Handschellen vom Gürtel. »Nun?«

Brody seufzte und ließ die Zigarette zwischen den Lippen hängen, als er seine Handgelenke mit den blutigen Handflächen nach vorn hob.