Читать бесплатно книгу «Aus der Praxis» Wilhelm Walloth полностью онлайн — MyBook

»Die Dame ist sehr wohlhabend,« fuhr der Arzt, ob seiner Fälschung der Wahrheit ein wenig errötend, fort, »die Dame ist eine große Verehrerin der Kunst – kurzum – warum soll ich damit zögern —? Sie haben es ja längst erraten – die Dame, die erfuhr, Sie seien krank, seien in schlechten Verhältnissen, die Dame frug mich, auf welche Weise sie Ihnen nützlich sein könnte, ob sie etwas für Sie tun könne, ja sie ging noch weiter!«

»Bin ich dieser Dame in der Tat so interessant?« frug der Jüngling mit naivem Erstaunen.

Doktor Kahler nickte.

»Sie glaubt in Ihnen eine lebhafte Neigung voraussehen zu dürfen,« fuhr er fort, immer unruhiger auf seinem Stuhle hin und her rückend, »Fräulein Emma Pöhn lässt nun durch mich anfragen, ob sie sich betreffs dieser Neigung keiner Täuschung hingibt –«

Paul unterbrach den Sprecher.

»Das wird immer besser,« lachte er auf und der Arzt, durch dieses Lachen aus dem Zusammenhang gebracht, sah verwirrt zu Boden, während Pauls Stirne sich auf einmal zu verfinstern begann.

»Nun, nun, mein Freund,« meinte der Arzt mit unsicherer Stimme nach einiger Zeit, »die Sache ist keineswegs lächerlich. Sie kennen die Macht, die der Künstler auf das weibliche Gemüt ausübt, Sie haben auch schon von den extravaganten Leidenschaften vornehmer Damen gehört. Warum soll eine solche Dame sich nicht in Sie verlieben dürfen? Was ist da erstaunlich? Warum soll sie eine solche Liebe nicht gestehen dürfen? Ich sehe überdies nicht ein, warum man dem Glück, wenn es endlich einmal eintreten will, verdrossen die Türe schließen soll. Ob sich nun Fräulein Pöhn betreffs Ihrer Neigung täuscht oder nicht, jedenfalls sucht sie eine Annäherung und es wäre Torheit von Ihnen, mein Freund, wollten Sie eine Neigung, durch die Sie mit einem Schlage aller Nahrungssorgen enthoben wären, zurückweisen. Wie gesagt, die Dame ist sehr reich, und —«

Paul richtete sich hastig von seinem Lager empor.

»Nicht weiter, mein Freund,« unterbrach er den Sprecher, indem die Blässe seiner Wangen in erschreckender Weise zunahm und er rascher Atem holte, »ich kenne dieses Fräulein nicht, aber auch wenn ich sie kennte, und wäre auch ihre Neigung so tief, wie Sie sagten, und gäbe sie mir auch die Mittel an die Hand, glücklich zu werden, – nie —«

Er brach ab, fuhr sich mit der Hand seufzend durch die schwarzen, feuchten Locken und sank ermattet auf die Kissen zurück. Doktor Kahler schaute äußerst beklommen drein.

»Sie wissen noch nicht alles, mein Freund,« stammelte nach einiger Zeit der Maler kaum hörbar.

Doktor Kahler hatte die Photographie Emma Pöhns, welche ihm diese, ehe sie beide von Hause wegfuhren, eingehändigt, aus seinem Portefeuille genommen, hielt das Bild jetzt in der Hand und sah mit verlegen fragendem Blick zu dem in die Kissen Gesunkenen hinüber.

»Wie? Was weiß ich nicht?« frug er erstaunt, indes eine Ahnung in ihm aufstieg, als er des Kranken geisterbleiche Miene genauer beobachtete.

»Ach! Doktor,« fuhr jener nach einiger Zeit leise, fast verschämt fort, »ehe ich das Gift nahm – o Gott! Ich will es Ihnen gestehen – nicht allein meine Armut war schuld an der verzweifelten Tat —«

»Was?« rief der Arzt, als der Kranke abbrach, »sollte auch hier wieder einmal – die alte Geschichte – welche Torheit —!«

Er schwieg, als wolle er sich ärgerlich zeigen, und betrachtete dann den tief Atem holenden Freund, mit melancholischem Lächeln. Der Patient schwieg lange Zeit, das Gesicht mit beiden Händen bedeckend, als schäme er sich, seine Gemütsbewegung zu zeigen.

Nach einer längeren Pause sprach der Doktor mit weicher Stimme und in fragendem Tone das Wort: »Liebe« aus, worauf Paul wie erschrocken emporfuhr und den Freund mit seinen großen, schmerzlich leuchtenden Augen ansah.

»Nicht wahr, das ist Torheit?« sagte er, wie über sich selbst entrüstet, »ich weiß, es ist Torheit! Aber sehen Sie, uns Künstlern haftet ein einmal gesehenes interessantes Gesicht so tief im Gedächtnis, dass wir uns von dem liebgewonnenen Phantasiebilde nicht mehr zu trennen vermögen, dass es von unserem ganzen Wesen Besitz ergreift, uns völlig ausfüllt. Es war an jenem Tage, da ich hungrig und sehr erschöpft nach dem Schlosse wandelte, um in der Gemälde-Ausstellung mich durch geistige Genüsse für die Entbehrung der körperlichen zu entschädigen; das ist so meine Art, ich suche und finde Trost bei den toten Bildern, die sich vor meinen Blicken beleben. Ich war so ermattet, dass ich kaum die Treppe hinaufklimmen konnte, wandelte dann wie betäubt durch die Säle und suchte, indem ich zuweilen von meiner letzten Semmel aß, meine traurige Gemütsstimmung mittelst der Phantasiewelt, die mich umgab, zu verscheuchen. Ich brauche Ihnen meinen jämmerlichen Zustand nicht weiter auszumalen, nur das will ich hinzufügen, dass ein abscheulicher Menschenhass mir diesmal zu schaffen machte und der Gedanke, was andere in der Kunst geleistet und mir unerreichbar bleiben sollte, mich diesmal ganz besonders bitter stimmte. Im letzten Saale traf ich eine Dame, deren geistvoll schöne Gesichtszüge mir trotz meiner Sinnenverwirrung auffielen. Sie stand vor einem modernen Bilde, einer Hero, und ihr ernstes, von tiefer Glut beseeltes Auge schien mehr in sich hinein als auf das Bild zu sehen. Die Dame redete mich an und ich gab ihr, meinen Schwächezustand so gut es gehen wollte bemäntelnd, Antwort. Ich weiß nicht mehr ausführlich, was sie frug und was ich antwortete, nur so viel weiß ich, dass sie mich einmal, da ihr wahrscheinlich mein schlechtes Aussehen auffiel, mit sanfter Stimme frug: ob ich krank sei. Ich schüttelte natürlich den Kopf, obgleich ich kaum auf den Füßen stehen konnte. Trotzdem ich die Welt wie durch einen Schleier sah und mir die Ohren summten, bewegte ihre weiche Stimme, der mitleidige, so geistvolle Blick, den sie auf mir ruhen ließ, mein Innerstes. Kam es mir nur so vor, oder verhielt es sich in Wirklichkeit so, es schien mir, als wollte sie mir ein Anerbieten betreffs pekuniärer Aushilfe machen, als wage sie dies jedoch nicht. Die mitleidige Art, in der sie mit mir sprach, flößte mir seltsamer Weise ein tiefes, geradezu peinliches Mitleid mit mir selbst ein, ich glaube, ich konnte meine Tränen nicht länger beherrschen; ich benahm mich in dem nervösen Zustande, der mich befallen, beinahe kindisch. Ich weiß nicht, wie es kam, wahrscheinlich stand ich nicht mehr fest auf den Füßen, ich glaube, sie hielt mich am Arme, oder tat sonst etwas, kurzum, ich saß auf einmal in einem der Sessel, die zu allgemeinem Gebrauch aufgestellt sind. Die ganze Szene ist mir übrigens in einen Nebel gehüllt, ich könnte sie ebenso gut geträumt haben. Ich sah noch ihr bestürztes, seltsam schönes Auge in mein Auge blicken, hörte noch ihr Gemurmel: ›der arme Mensch!‹ Dann mag ich wohl die Besinnung verloren haben, ich fand mich später, wohl von einem der Saaldiener dorthin gebracht, auf der Steintreppe des Schlosses. Als ich nach meinem Taschentuch griff, um mir den kalten Schweiß von der Stirne zu wischen, fand ich zwei Fünfmarkscheine in der Tasche. Wie ich nach Hause kam, weiß ich nicht, doch es ergriff mich zu Hause in meinen kahlen, liebeleeren Wänden eine solche Sehnsucht nach der edelherzigen Freundin und zugleich ein so überwältigendes Mitleid mit mir selbst, dass ich —« Paul hielt inne, die Tränen drangen ihm in die Augen, seine Stimme zitterte, »nun, Doktor, Sie wissen am besten,« fuhr er, sich gewaltsam fassend, fort, »was alsdann geschah.«

Da er, die Augenbrauen finster zusammenziehend, vor sich niederstarrte und schwieg, machte der Doktor eine abwehrende Bewegung auf dem Stuhl.

»Und die fremde Dame,« redete er den Sinnenden an, »haben Sie nie wieder etwas von ihr gehört?«

Der Maler schüttelte den Kopf.

»Das sind romantische Träumereien, mein Lieber,« fuhr der Doktor fort, »halten Sie sich jetzt wieder an die Wirklichkeit. Sie machen sich das weis, dass Sie jene unbekannte Mildtätige lieben.«

»Ich weiß auch nicht, ob ich sie liebe,« entgegnete der Kranke träumerisch, »ihre Mildtätigkeit tat mir nach dem vielen Schlimmen, Gehässigen, das ich erlebt, so unendlich wohl, erfüllte mich mit so hingebender Dankbarkeit. Und dann ihre Schönheit; wenn Sie diesen Kopf gesehen hätten, Doktor, Sie würden anders reden. Diese Feinheit, diese Durchgeistigung in allen Linien, dabei diese Weichheit des Mundes, während um die Augenbrauen ein reizender Trotz schwebte und die Augen so tief aufmerksam leuchteten – wer das gesehen, vergisst es nie wieder.«

»Nun,« unterbrach ihn der Doktor lächelnd, »jene Fremde, von der ich sprach, ist auch nicht zu verachten, wenn auch Ihr Phantasiebild, das Sie von jener anderen im Kopfe tragen, unerreichbar zu sein scheint für arme Sterbliche. Sehen Sie sich einmal das Gesicht Fräulein Pöhns an, ich finde, diese Züge könnten einem Maler unter Umständen gefallen.«

Er hielt Paul die Photographie entgegen, die dieser ohne Interesse, fast widerwillig ergriff, dann aber, da seine Hände nervös zitterten, zu Boden fallen ließ. Er bückte sich, das Bild aufzuheben, warf einen Blick darauf, zuckte wie vom Schlag gerührt zusammen und legte dann das Bild, während ihn eine tödliche Schwäche anzuwandeln schien, mit zitternden Fingern aus das Bett, auf das er langsam zurücksank.

Der Arzt sprang dem, wie von einem Krampfe Befallenen bei, spritzte ihm aus einer nebenstehenden Schüssel Wasser in das erblasste Gesicht und frug erschrocken, was ihm denn fehle, was denn geschehen sei. Er erinnerte sich, dass er dem Kranken gestern durch einen Diener eine Flasche Portwein zugeschickt; nach dieser Flasche suchte er sogleich in allen Winkeln, fand sie auch schließlich hinter der Staffelei und flößte dem nun allen Ernstes in Ohnmacht Gesunkenen einige Tropfen ein. Die belebende Wirkung des Weins blieb nicht aus. Nach einiger Zeit begannen sich die Wangen des Ohnmächtigen zu röten, seine Augen verloren ihre verglaste Starrheit und indem er die Hand seines Helfers krampfhaft an die Brust drückte, bewegte er die Lippen zum Sprechen.

»Was wollen Sie sagen, mein Freund?« frug Kahler, der ihn nicht zu verstehen vermochte, mitleidig.

»Doktor, Doktor,« brachte der Kranke mühsam hervor, »sie ist es!«

»Wer?« frug Kahler, der zu erröten begann, »es ist doch nicht —«

Der Maler nickte, während sich ein glückseliges Lächeln in seinen vergrämten Zügen Bahn brach.

»Ja, sie ist es, es ist dieselbe,« flüsterte er »eben diese Augen, eben dieser Mund, so sah sie mich an – und Sie sagen, sie liebt mich —?«

»Wie? Es ist also jene Fremde, die auf dem Schlosse, vor dem Bilde mit Ihnen sprach?« frug Kahler und wusste selbst nicht, warum ihm bei dieser Vermutung das Blut in die Wangen stieg und ein fast an Zorn grenzendes Schmerzgefühl die Brust umklammerte.

Der Maler, der sich infolge der freudigen Erregung auffallend rasch von seiner Ohnmacht erholte, erklärte nochmals, dass er sich nicht täusche. Er ließ sich noch einmal die Photographie reichen, betrachtete sie mit inniger Aufmerksamkeit und sagte dann, während ein kindliches Lächeln seine Lippen kräuselte:

»Also habe ich ihr gefallen. Sie sagen, dass sie sich nach mir erkundigt, Doktor? Reden Sie doch! Teilen Sie mir doch ihre Schicksale, ihre Familienverhältnisse mit.«

Kahler, der in ein trübes Sinnen verfallen war, bestätigte die Neigung des Mädchens und fügte ein paar flüchtige Bemerkungen über ihre Familie bei, mit sich selbst uneins, was er nun beginnen solle, ob er seine Lüge aufrecht erhalten oder dem unerfahrenen Jüngling die offene Wahrheit, die ganze unselige Erbschaftsangelegenheit auseinandersetzen solle. Endlich stand er, nach seinem Hut greifend, auf.

»Ich muss gehen,« sagte er ein wenig rau, »werde aber heute Mittag gegen 3 Uhr wieder erscheinen; wenn es Ihnen recht ist, begleitet mich Fräulein Pöhn.«

Der Maler, den die Aussicht, jene unbekannte Wohltäterin von Angesicht zu Angesicht wiederzusehen in eine momentane Aufregung versetzte, konnte kein Wort hervorbringen. Er begnügte sich, tief aufatmend mit dem Haupte zu nicken.

»Also bis heute Mittag,« sagte der Arzt, als er bereits die Türe geöffnet, »denken Sie über das Glück nach, das Ihnen bevorsteht, mein Lieber! Die Dame scheint ganz ernstliche Absichten zu haben – denken Sie an Ihre der Pflege bedürftige Gesundheit und vor allem an Ihr unvollendetes Bild —«

Der Arzt hatte diese Worte sehr hastig, fast unverständlich hervorgestoßen, die letzte Mahnung hatte er durch den Spalt der fast geschlossenen Türe in das Zimmer hereingesprochen und war dann rasch von dannen geeilt. Er kennt sie also bereits, er liebt sie, klang es in seinem Innern nach, während er die finstre Galerie entlang schritt, aber wie töricht, wie charakterlos, einem Sterbenden diese Liebe verübeln zu wollen Gewaltsam lenkte er seine Gedanken von diesem ihm peinlichen Gegenstande ab, bemerkte jedoch mit Verwunderung, wie ihm alle Gegenstände, an welchen er vorübergehen musste, in ein flimmernd rotes Licht getaucht erschienen und seine Augen, oder seine Sinne sich in einer Verfassung befanden, die ihn mehrmals den Weg verfehlen ließ, der ihm doch genau bekannt war. Das Nervensystem des jungen Menschen ist überreizt, dachte er dann, er liebt sie wohl kaum, das ist eine krankhafte, sentimentale Anwandlung. Als er dann auf die Straße vor den noch immer haltenden Wagen trat, durch dessen herabgelassenes Fenster Fräulein Emma Pöhn, ihre Erwartung verbergend, herausschaute, konnte er anfangs vor Herzklopfen kaum reden, bezwang sich jedoch und berichtete, durch welche Lüge er sich aus der Affäre gezogen. Emma sah ein, dass diese Lüge eine Notwendigkeit gewesen und wusste, obgleich sie sich eines unbehaglichen Gefühls nicht zu erwehren vermochte, nichts dagegen einzuwenden.

»Natürlich muss diese kleine Täuschung aufrechterhalten werden,« mahnte Kahler, als beide Platz genommen und der Wagen abfuhr. Emma schwieg, auch Kahler war einsilbig und prüfte zuweilen das ernste, schöne Antlitz des nachdenklichen Weibes.

»Wie lange mag er noch leben?« frug sie nach längerem Stillschweigen.

»Einen Monat vielleicht,« sagte Kahler achselzuckend, während er die heftigsten Gewissensbisse darüber empfand, dass er es nicht über sich gewinnen konnte, dem Mädchen von jenem Zusammentreffen im Ausstellungssaale und der Dankbarkeit des armen Malers zu erzählen, ebenso wie ihn bei der Aussicht, sein Patient überlebe den kommenden Monat nicht mehr, ein ihm unerklärliches Gefühl anwandelte, ein Gefühl, das er, da er den jungen Mann doch wahrhaft liebte, verdammen musste, das er mit Gewalt verscheuchen wollte und das doch immer wiederkehrte.

* * *

Indessen lag der junge Maler auf seinem Bette, von einem Glücksrausch übermannt, der sein Herz beängstigte und ihn manchmal an seiner gesunden Vernunft zweifeln ließ. Wie? Träumst du nicht dies alles? murmelte er manchmal vor sich hin.

Oder hat dir die Nachwirkung des Arseniks die Verstandeskräfte verwirrt und du hältst Eingebildetes für Wirkliches. Aber hier stand noch der Stuhl, auf dem Kahler gesessen, noch klang ihm das Wort des Arztes im Ohr nach, und da lag sie ja noch, die Photographie, da blickten sie ihn an, die düster schönen, geheimnisvoll-unheimlichen Gesichtszüge.

O diese Gesichtszüge, wie sie ihn während seines Krankseins verfolgt, wie sie auch in der tiefsten Betäubung aller seiner Sinne nicht von ihm wichen, und wie sie ihn anlächelten, wenn diese Betäubung einem leichteren Traum Platz machte. Aus dem einen edlen Charakterzug dieses Weibes konstruierte sich der Schwärmer den ganzen Charakter, und noch jetzt rührte ihn ihr mitleidiger Blick, der damals auf ihm geruht, zu Tränen. In seiner jugendlichen Phantasie stand sie wie ein überirdisches Wesen; seine Seelenleiden, Hunger und Schwäche hatten seine Liebe ins Krankhafte gesteigert.

Also ein solches Glück stand wie ein Wunder plötzlich vor ihm und wollte ihn ans Herz drücken und sagte: fasse zu, hier bin ich, du hast lang genug gelitten, ich will dich erlösen. Und sollte er zugreifen? War es nicht beschämend für ihn, ohne Kampf den Sieg zu genießen? Er sah durch sein Dachfenster über die wirr durcheinander geworfenen Dächer, überall rauchende Schornsteine, trübe Fenster, moosbewachsene Ziegel, Windeln und Geschirr, eine öde, traurige Welt gähnte ihn an, so weit er blickte, dürre, erdrückende Prosa! Und aus diesem engen Gefängnis konnte er sich befreien, nur eines Wortes bedurfte es, so führte man ihn in ein reiches, glänzendes Leben! Ach! Und er gesundete vielleicht noch! War es ihm doch, als durchströme ihn jetzt schon ein nie gekanntes Jugendfeuer; die Aussicht, sein Bild zu vollenden, an der Seite eines geliebten Weibes zu wandeln, sie war schon hinreichend, ihn mit jenem stürmischen Lebensmut zu erfüllen, der den phantasievollen Künstler zuweilen mit göttlicher Kraft überfällt. Und wenn sie ihn wirklich liebte – ihr Wort, ihre Miene mussten es ja beweisen —! Und warum sollte sie ihn nicht lieben? Sprach doch schon damals, als er in der Bildergalerie auf einen Stuhl gesunken war, eine so tiefe Teilnahme aus ihrem Auge, konnte sich diese Teilnahme nicht mit der Zeit vergeistigt, verstärkt haben? Und wenn sie ein seltsam geartetes Weib war, einen außergewöhnlichen Charakter besaß – was schadete dies! Sollte das ihn abhalten, sie zu lieben? Konnten Untiefen und Absonderlichkeiten des Charakters einer Ehe nicht erst einen außergewöhnlichen Reiz verleihen? War er doch auch kein Philister, der immer nur die breite Heerstraße des Gewöhnlichen liebt, suchte er doch mit Vorliebe das Abenteuerliche.

Und dann sein nagender Ehrgeiz – wenn das Bild vollendet vor ihm prangte, allen Meistern mit seiner leuchtenden Farbenpracht zurufend: Seht, das hat ein seither Unbekannter, Verachteter geschaffen! Paul stand auf und schritt, wie im Fieber an allen Gliedern zitternd, in dem engen Gemach auf und nieder, zuweilen halblaute Worte vor sich hinmurmelnd.

Bald verwarf er den ganzen Plan als seiner unwürdig, bald war er freudeberauscht mit allem einverstanden, selig in dem Gedanken, ihr Sklave zu sein, und als jetzt Luise, die Tochter seiner Hauswirtin mit dem Mittagessen ins Zimmer trat, sah er sie so geistesabwesend an, dass das Mädchen ganz erschrocken frug, ob sie den Arzt rufen solle? Es scheine, als ob ihm unwohl sei.

Paul, der dem Mädchen, da es ihn während seiner Krankheit treu gepflegt, Dank schuldete, griff ihm lächelnd unter das Kinn und bemerkte in seinem trunkenen Zustande nicht, wie dem Kinde fast die Tränen in die Augen traten, er richtete, ohne recht zu wissen, was er sagte, stammelnd ein paar freundliche Worte an sie und war in seinem Taumel nahe daran, ihr die Ereignisse, die ihm bevorstanden, mitzuteilen. Er frug einmal, was sie wohl dazu sagen werde, wenn er Hochzeit halte, und gab dann in so humoristisch-verwirrter Weise ein paar Andeutungen, betreffs zu erwartenden Reichtums, dass Luise ihm wirklich mehrmals mit unverhohlener Angst in die Augen sah. Endlich bemerkte er selbst, dass man ihn heute nicht verstehen werde und er lenkte lachend von diesem Thema ab.

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