»Sonderbar, dass die meisten Menschen ehe sie mit dem Tode abgehen, glauben, sie müssten sich von irgendeiner interessanten Seite zeigen.«
»Da haben Sie recht,« entgegnete Fräulein Emma Pöhn, erfreut darüber, dass ihr Gegenüber die Sachlage ernstzunehmen begann. »Wie oft liest man von wunderlichen Testamenten; ich habe dergleichen Wunderlichkeiten stets für Erfindungen mäßiger Zeitungsschreiber gehalten und nun komme ich selbst in die Lage, in einer derartigen Komödie zu figurieren, die für mich freilich eher tragischer Natur ist. Es scheint für den Sterbenden ein gewisser Reiz darin zu liegen, die Lebenden durch irgendeine Absonderlichkeit zu verblüffen, als wenn hierdurch das Gedächtnis an den Geschiedenen länger erhalten bliebe.«
»Sie wollen nicht vergessen, dass der Reichtum gar manche Grille ausbrütet,« warf der Arzt ein, »doch in Ihrem Falle hat der Verstorbene so ganz unrecht nicht. Eine Ehe könnte eine ganz günstige Wirkung auf ihr Geistesleben ausüben.«
»Und das sagen Sie? Ein Arzt?« fiel sie ihm heftig ins Wort, »Sie, der doch wissen muss, wie leicht,—« sie brach ab und fuhr mit zitternder Stimme fort, »wie leicht sich Geisteskrankheiten vererben?«
Sie errötete, erblasste dann sehr tief und sah mit dem Ausdruck eines großen unauslöschlichen Seelenleids vor sich nieder, sodass Dr. Kahler, erschrocken einlenkend, von Mitgefühl erfasst, ihr Mut, einzuflößen suchte.
»Es ist unbedingt notwendig, dass Sie sich zerstreuen,« sagte er mit weicher Stimme, »das Leben, das Sie führen, muss Sie in kurzer Zeit aufreiben, denn nichts ist gefährlicher, als tagelanges Alleinbleiben und Grübeln über Unabwendbares; Sie müssen Gesellschaft aufsuchen und zwar heitere Gesellschaft, damit Sie das traurige Bild gewaltsam vergessen lernen, das Sie täglich vor Augen haben. – Am besten wäre es – wenn Sie dem düstern Anblick für immer entfliehen könnten, das würde Ihre angegriffenen Nerven wiederherstellen, würde Ihnen die Welt wieder in schönerem Lichte zeigen. Könnten Sie die Kranke nicht in einer Irrenanstalt unterbringen?«
Fräulein Pöhn erklärte mit einfachen, festen Worten, dass sie dies letztere nie tun werde, sie halte eine derartige Erleichterung ihrer Lebensaufgabe für ein Verbrechen, sie wolle ihre Mutter bis ans Ende pflegen und würde sie niemals fremden Händen anvertrauen. Sie sagte dies mit so schlichten, starken Worten, dass der Arzt, fast beschämt, nicht das Herz hatte, etwas Weiteres dagegen einzuwenden. Er neigte ergriffen das Haupt und sah dem Mädchen alsdann mit einem Blick innigster Hochachtung in das klare große Auge. Nach einiger Zeit begann er mit unsicherer Stimme:
»Ich glaube, nach dem, was sie mir erzählt haben, nicht, dass sich die Geisteskrankheit Ihrer Mutter in Ihrer Familie forterbt, da nicht angeborene Anlagen, sondern traurige Gemütszustände, fortgesetzte schlechte Behandlung die Krankheit Ihrer Mutter herbeigeführt. Etwas anderes ist es, wenn das Leiden ohne jede äußere Veranlassung ausbricht.«
»Einerlei!« entgegnete sie rasch, »man soll das Schicksal nicht auf die Probe stellen. Vielleicht ist der Widerwille, den ich der Ehe entgegenbringe, ein Fingerzeig der Natur; ich hatte mir vorgenommen, auf die Ehe völlig zu verzichten; ein Wesen, wie ich es bin, sagte ich mir, eine vom Schicksal Gezeichnete, begeht ein Verbrechen, wenn sie heiratet! Nun kommt diese Erbschaft, die uns auf einmal allen Nahrungssorgen entreißen würde, die so viel dazu beitragen könnte, das unselige Los meiner Mutter zu verbessern, ihre letzten Lebenstage zu verschönen. Ich würde in das prächtig ausgestattete Haus des Onkels ziehen, die Mutter erhielte ein größeres luftiges Zimmer, ihr Bett würde, da sie sich oft wund liegt, mit Luftkissen versehen werden, ich könnte ihr beständig ihre Lieblingsspeisen kochen; sehen Sie, das Essen blieb ihr einziger Genuss – ich könnte ihr einen Fahrstuhl machen lassen – kurzum, ich könnte ihr jede nur irgend mögliche Bequemlichkeit verschaffen. Mit dem Tode meines Vaters erlosch unsre kleine Pension; ich selbst könnte mir ja durchhelfen, aber nun dieses Elend, ohne genügende Mittel es zu lindern! Ich darf nicht daran denken.«
Wiederum hielt sie einen Augenblick inne, sah starr vor sich nieder, schüttelte sich dann ein wenig und begann fortzufahren:
»So bin ich denn nach langem, schwerem Kampfe zu einem Entschluss gekommen, zu dem Entschluss, mich um die Meinung der Welt möglichst wenig zu kümmern, dem Wohl meiner Mutter ein Opfer zu bringen. Mögen die Leute dazu sagen, was sie wollen, sie kennen die Verhältnisse nicht, haben keinen Überblick über meine Lage und dann bin ich ja auch, wenn ich die Erbschaft antrete, zum Glück so gestellt, dass ich das Gerede der Welt kühn verachten darf.«
»Sie folgen also dem Willen Ihres Onkels?« frug Dr. Kahler gespannt, »ah – jetzt begreife ich – warum Sie—« er brach ab, zündete seine Zigarre an und begann eine auffallende Unruhe zu zeigen.
»Ja, Herr Doktor,« sagte sie ruhig, »ich heirate, wie es sein letzter Wille ist – nur gehe ich ein wenig jesuitisch dabei zu Werk.«
Ihr schönes Gesicht nahm einen naiv-trotzigen Ausdruck an, der des Doktors Aufmerksamkeit in hohem Grade fesselte, als sie nach einer Pause mit leiserer Stimme fortfuhr:
»Ich werde heiraten! Aber, um möglichst bald wieder selbstständig dazustehen – einen todkranken Mann! Auf diesen Ausweg verfiel ich gestern Nacht, als mich das Nachdenken über diese ganze peinliche Angelegenheit nicht schlafen ließ. Ich war kaum ein wenig eingeschlafen, als ich plötzlich wieder emporfuhr, und da ging es wie eine Offenbarung in mir auf. Wenn du einen Sterbenden heiratest, sagte ich mir mit der Sophistik des Unglücks, tust du ja noch an dem Armen ein gutes Werk, dessen letzte Stunden du mittelst deines Reichtums verschönern kannst. Ich weiß sehr wohl, dass dies egoistisch gedacht ist, was aber bleibt mir, wenn ich meiner Mutter traurige Tage verschönen will, wenn ich uns dem drückendsten Elend entreißen will, andres übrig? Stellen Sie es sich nur vor! Eine Wahnsinnige, die Mangel leidet…?«
Der Arzt blies heftige Rauchwolken vor sich hin und frug dann ein wenig ärgerlich:
»Und ich soll Ihnen jenen todkranken Mann unter meinen Patienten auswählen, den Sie zu beglücken gedenken?«
»Wenn Sie nicht wollen, wird sich ein anderer finden,« meinte sie mit erzwungener Ruhe.
»Ich bewundere Ihre Energie,« sagte er dann herb.
»Die braucht man im Leben,« erwiderte sie ebenso kalt.
Es entstand eine peinliche Pause. Der Arzt schien unschlüssig. Sein Auge irrte im Gemach umher, er begann die Zigarre unruhig zwischen den Lippen zu drehen.
»Ich muss Ihnen gestehen,« sagte er rau, »dass mir diese Art, Ihnen zu einem Manne zu verhelfen, ebenso sonderbar wie widerwärtig vorkommt. Ich glaube, ich kann mich nicht entschließen, Ihrer Bitte entgegenzukommen.«
»Und warum nicht?« frug sie aufstehend, die schönen Lippen aufeinander pressend, »indes, wie Sie wollen.«
Sie trat einen Schritt dem Ausgang entgegen, während er, die Zigarre im Mund, am Schreibtisch sitzen blieb.
»Sind Sie fest entschlossen,« frug er noch einmal, »eine solche abenteuerliche Ehe einzugehen?«
»Was ist abenteuerlich?« gab sie zurück, »es kommt nur darauf an, von welcher Seite man die Sachlage betrachtet. Uns modernen Europäern kommt vieles abenteuerlich vor, was einem Beduinen oder einem Menschen vergangener Zeiten als etwas durchaus Gewöhnliches erschienen wäre. Sie verblüfft dieser Fall, weil er Ihnen zum ersten Mal mit seiner vollen Neuheit und Seltsamkeit vor Augen tritt; hätten Sie so lang darüber nachgedacht wie ich, er würde alles Ungewöhnliche für Sie verloren haben, wie er es für mich verloren hat. Ich habe mich an das Abenteuer so sehr gewöhnt, dass es keines mehr für mich ist.«
Sie hatte die Türklinke erfasst, ließ diese jetzt los und trat auf den noch immer nachdenklich Dasitzenden zu.
»Können Sie mir,« sagte sie ernst, »meinen Egoismus wirklich nicht verzeihen? Und ist meine Handlungsweise denn völlig egoistisch? Handle ich nicht unter dem Zwang der Notwendigkeit?«
»Ich muss Ihnen das zugestehen,« sagte er langsam, als prüfe er seine eigene Entscheidung, »doch —« er schwieg und setzte dann ganz rasch hinzu, ohne recht zu wissen, was er sagte: »warum wollen Sie es nicht einmal mit einem Gesunden probieren?«
Er runzelte darauf die gesenkte Stirne ein wenig; sie bemerkte das, sah ihn erstaunt an und entgegnete nach einer Pause: »Sie wissen es ja, warum nicht!« .
»Ach so!« sagte er errötend und sich tiefer herabneigend fügte er hinzu: »Dann gefiele mir es, offen gestanden, immer noch besser, Sie wiesen die Erbschaft von sich und ertrügen das Unvermeidliche so gut es eben gehen will.«
»Raten Sie mir das wirklich?« frug sie erstaunt, indem ein tiefer Ernst ihre Züge überschattete.
»Sie mögen recht haben,« fuhr sie leiser fort, als der Doktor schwieg, »obgleich Sie nicht wissen, was Sie von mir verlangen, welche Entbehrungen meiner harren, welche Opfer ich bringen muss, welche dunklen Pläne zuweilen von meinen Sinnen Besitz nehmen. Aber trotzdem, wenn Sie mir diesen Rat geben, will ich versuchen, die finsteren Gedanken zu verscheuchen, die alsdann, zuweilen Einlass begehrend, an mein Herz pochen werden!«
»Finstere Gedanken?« frug er wie träumend, neigte dann den Oberkörper langsam in den Sessel zurück und sah ihr ernst in das finster brütende Auge, in dessen verschleiertem Glanz er zu lesen suchte.
Und was las er in diesen Zügen? Unwillkürlich schrak er zurück, als er einige Zeit in dieses unter den schwarzen, hochgewölbten Brauen blitzende Auge gesehen. Vor einigen Tagen hatte er die berühmte Clara Ziegler in Grillparzers Medea bewundert. An diese Medea, wie sie über dem letzten, blutigen Entschluss brütet, musste er plötzlich denken, als er das seltsame Mädchen so in sich gekehrt, so starr in die öde Luft blickend an der Türe stehen sah. Er zuckte zusammen; welcher Tat wäre diese leidenschaftliche, starke Seele fähig, dachte er; nein! Da gibt es keinen Ausweg! Sogleich bemühte er sich zu lächeln, stand auf und erfasste die Hand Fräulein Pöhns.
»Nein, mein Fräulein, achten Sie nicht auf meine Worte,« sagte er herzlich, »ich habe mich geirrt! Handeln Sie nach Ihrem ersten Entschluss, es ist das Beste, das kleinere von zwei Übeln. Ich werde Ihnen behilflich sein.«
»Ich danke Ihnen,« sagte sie tonlos, ganz kalt.
»Wollen Sie mich morgen um diese Zeit wieder besuchen?«
Sie nickte und er fuhr in einem Tone fort, dessen Leichtfertigkeit seine tiefe, innere Bewegung bemänteln sollte:
»Da ist unter meinen Patienten,« warf er hin, »ein armer Maler, er heißt Paul Steinacher, dem hat die undankbare Muse so übel mitgespielt, dass ich vor einigen Wochen gerade noch recht kam, ihm ein Gegengift wider das Arsenik beizubringen, das er in einem Anfall von Katzenjämmerlichkeit genommen. Ich habe den jungen Mann in der Tat recht liebgewonnen, während der Zeit, da ich ihn behandelt und ich würde es ihm von Herzen gönnen, wenn er seine letzten Lebenstage statt in einer windigen Dachwohnung in einem guten Krankenhause bei ordentlicher Nahrung beschlösse.«
Er schwieg, ein Lächeln erzwingend.
»So wird er sterben?« frug Fräulein Pöhn nicht ohne eine gewisse Teilnahme.
Des Arztes Gesicht verdüsterte sich einen Augenblick.
»Voraussichtlich!« warf er achselzuckend hin, »ich möchte es ihm fast wünschen. Schade um den talentvollen Jüngling. Das Gift hat seinen ohnehin durch erzwungene Hungerkur angegriffenen Körper zu stark mitgenommen. Doch genug hiervon.«
Er zog die Uhr.
»Es ist Zeit, dass ich gehe,« unterbrach er sich, »ich werde also morgen das Vergnügen haben. Inzwischen werde ich den Patienten vorbereiten und da er mir sehr freundschaftlich zugetan ist, zweifle ich nicht, dass er nichts gegen die seltsame Verbindung einzuwenden hat.«
Fräulein Pöhn verabschiedete sich, da sie empfand, wie Dr. Kahler das Thema abzubrechen wünschte. Sie versprach, die nötigen Papiere, aus welchen er die ganze Angelegenheit näher kennenlernen werde, ihm durch ihren Rechtsanwalt einhändigen zu lassen; mit diesem Rechtsanwalt bitte sie das weitere ausführlicher zu besprechen.
Nachdem sie das Zimmer verlassen, stand der Arzt noch so lange sinnend am Fenster, bis er die schlanke, schwarze Gestalt über den Schlossplatz gehen sah, dann von dem eintretenden Diener an den harrenden Wagen erinnert, riss er sich aus seinen Träumereien, kleidete sich rasch an und eilte hinab.
Das Mädchen, musste er sich gestehen, war durch eigenartige Schicksale in ein eigenartiges Wesen verwandelt werden, aber je länger er über sie nachsann, desto geheimnisvoller wurde ihm ihr Auge, ihre ein wenig stark ausgeprägte Stirne, ihr eigentümlich ländlicher Dialekt, überhaupt das wunderlich Ungenierte und dabei Sichere, Nachdenkliche ihres Benehmens.
Den Kindern Geisteskranker, wenn sie gesund bleiben, verleiht die Natur oft außergewöhnliche Geisteskräfte – hatte der Arzt hier ein solch wunderbares Wesen vor sich, das unter dem schwülen, exotischen Hauch des Wahnsinns herangereift, besonders glänzende Geistesschwingen erhalten? War dies eines jener unglücklich-glücklichen Wesen, deren reiche Talente aus Grauen, Trümmern und Moder erblüht sind?
Als er nach der Bahn fuhr, begegnete er ihr im raschen Vorbeifahren noch einmal und fühlte, als sie ihn jetzt lächelnd grüßte, ein mit Hochachtung gemischtes Mitleid in seine Brust dringen. Wenn er sich die ganze Sachlage klarlegte, die Rolle, die er spielen sollte, verdeutlichte, befiel ihn stets ein Missbehagen und zuweilen kam es ihm zu Sinne: wie, wenn das, was du eben vernommen, die phantastische Erfindung einer tatsächlich Geisteskranken gewesen wäre? Doch ihr Vortrag war so ruhig, so sachlich, dass er diesen Zweifel bald fallen ließ. Und doch war er, als er jetzt aus dem Wagen stieg, so zerstreut, dass er sein Etui voll kostbarer Instrumente vergaß und am Billettschalter sich einige Zeit auf sein Reiseziel besinnen musste. – Wie ihn der Lärm, das Fahren, Laufen, Lachen betäubte! Er hätte einem beständig »Kaffee« in vier Sprachen schreienden Kellner einen Verweis erteilen mögen, so unzufrieden war er mit sich selbst; das »Achtung«, »Vorgesehen« der vorübereilenden Gepäckträger störte ihn, als sei es nur an ihn allein gerichtet, kurz, sein sonst so energischer, selbstbewusst ironischer Charakter war wie niedergehalten, wie gedämpft.
Ärgerlich über seine Versunkenheit schritt er nach dem Wartesaal I. Kl., sich gewaltsam verbietend, an die ganze, sonderbare Angelegenheit zu denken
»Kaffee,« ertönte noch immer des sprachfertigen Kellners Stimme, als er eben den Saal betreten und mitten im Gedränge der Passanten sich ihm eine Hand auf die Schulter legte.
»Wie Doktor, Sie hier?« frug es ihn.
»Ah, Rechtsanwalt Heinheimer,« sagte Kahler zerstreut, einen kleinen Mann bemerkend.
»Wohin, mein Bester?« schrie der kleine behäbige Rechtsanwalt, um sich im Lärm verständlich zu machen.
»Operation in Frankfurt, reiche Bankierfamilie,« erklärte der Arzt rasch.
»Ah!« rief Herr Heinheimer, »man merkt, Ihr Ruhm vergrößert sich von Tag zu Tag; Sie sind ein berühmter Mann, eine Autorität…«
»Alter Herr – Schlaganfall,« sagte Kahler ein wenig geschmeichelt, »werde das eine Auge herausnehmen müssen…«
»So, so! Gut, dass Sie nicht mich zu malträtieren brauchen – bin Gott sei Dank gesund,« fuhr der joviale Rechtsanwalt fort, einen scheuen Blick auf den Instrumentenkasten werfend, »aber was ich Ihnen sagen wollte, werde morgen das Vergnügen haben…«
»Morgen?« frag Kahler zerstreut.
»In einer sehr wunderlichen Erbschaftsgeschichte,« setzte der kleine Herr hinzu.
»Was?« stieß der Arzt erschrocken heraus.
»Hm? Mein Bester? Höre in dem Lärm nicht gut,« gab der Rechtsgelehrte zurück, indes der Menschenstrom die kleine Gestalt vier Schritte weit von der Tür wegriss.
»Sind Sie der Rechtsanwalt,« stieß der Arzt hervor, »mit dem Fräulein Pöhn jene Erbschaftsangelegenheit ordnet?«
»Ah! Sie wissen schon? Das Fräulein hat Sie bereits besucht?« lachte der Rechtsanwalt, »desto besser, erspart Einleitung, kostet das Fräulein 3 Mark weniger! Seltsamer alter Kauz, der Todesverblichene – nicht wahr? Doch hören Sie, Ihr Zug pfeift – komme von Mainz – leben Sie wohl – auf morgen also —«
Der Jurist empfahl sich, das heißt, er wurde von der Menge hinweggewirbelt und der Arzt schritt wie im Traume seinem anfahrenden Zuge entgegen. Also Wahrheit! Es verhielt sich alles so, wie sie angegeben? Es ließ sich nicht mehr zweifeln? Erst als er, im Coupé sitzend, einmal rasch sein Etui öffnete und ihm die wohlgeordnete Reihe der glänzenden Messer entgegenlächelte, kam wieder Sicherheit in seine Seele. Pflichterfüllung, das war es, das half ja auch ihr über den Jammer ihrer Tage hinweg! Pflichterfüllung bis zur Selbstaufopferung!
Sein ganzes Denken konzentrierte sich mit einem gewissen Stolz auf den ernsten Krankheitsfall, den er jetzt in Frankfurt zu behandeln hatte, er fühlte Kraft in den Händen, Mut im Auge und es durchströmte ihn jene beruhigende, erhebende Empfindung, die uns ergreift, wenn unser Vollbringen unsrem Wollen die Waage halten kann. —
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