Am folgenden Tag sehen wir Herrn Dr. Kahler nebst Fräulein Pöhn vor einem baufälligen Hause der Altstadt aus einer Mietskutsche steigen und sehen beide einen kleinen schmutzigen Hof durchwaten. Es hatte geregnet, der Frühling war indes noch nicht bis zu diesen alten Stadtmauern vorgedrungen, die grau und schläfrig ihre rieselnden moosigen Steine zeigten, wie Bettler, die hilfesuchend ihre Blößen enthüllen. Emma befand sich in nicht geringer innerer Erregung, die sie vergeblich vor ihrem Begleiter zu verbergen suchte; sie hörte wie im Fieberhalbschlaf den Regen leise durch die morsche Dachkandel rinnen und sein eintöniges Lied singen; ein feuchter Geruch von verfaultem Stroh drang aus der Holzgalerie, über deren schwankende Dielen sie beide jetzt wandelten, drüben an der zerbrochenen Sprosse der Feuerleiter, die von verrosteten Klammern getragen wurde, hing ein durchgeweichter Filzhut, ein melancholisches Symbol geschwundener Herrlichkeit; drunten die Gasse, in die sich der Brunnen entleerte, die Wäsche, die von der Galerie herabhing, der graue Himmel und der fern über die Dächer der Stadt herüberragende, in Duft gehüllte Kirchturm vervollständigte das Bild trübseliger, missmutiger Einsamkeit und legte um das für Natureindrücke empfängliche Gemüt des Mädchens eine bange, ungeduldige Spannung. Der Arzt hatte sie gebeten, einen Augenblick auf der Galerie zu warten, er wolle sich vorher überzeugen, ob sein Patient bereits angekleidet sei.
So stand jetzt Emma allein auf der feuchten, im Winde schwankenden Brücke und versuchte, das beängstigende Herzklopfen der Erwartung zu unterdrücken, indem sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf ihre armselige Umgebung lenkte. War es ihr doch zuweilen, als sei sie im Begriff, ein Verbrechen zu begehen, doch sobald im hintersten Winkel ihres Bewusstseins eine derartige Empfindung aufsteigen wollte, frug sie sich mit einem trotzigen Erstaunen, was denn Verbrecherisches sei an einer Handlung, zu der sie noch überdies durch außerordentliche Schicksale gezwungen werde? Und ob man denn, wenn man über eignen Geist und Verstand zu verfügen habe, sich nicht von der Meinung anderer emanzipieren könne? Nein! Sie wollte selbstständig sein, und begehe sie eine Torheit – was kümmere es die Welt, wenn sie töricht sein wolle?
So stand sie fröstelnd, von mannigfachen Vorstellungen gequält, und sah in den kleinen Hof hinab, wo soeben zwei Ratten aus einer Maueröffnung schlüpften und sich nach etwas Essbarem umschauten.
Sie stützte sich auf das Geländer und verfiel für einige Augenblicke in jene träumerische Geistesabwesenheit, wie sie uns öfter zu überfallen pflegt, wenn wir nach langen, ermattenden Gemütskämpfen uns zu einem gewagten Entschluss emporgerafft haben.
Der Regen rieselte weiter, die Dachkandel klagte ihr eintöniges Lied, einige Sperlinge piepsten auf dem Dache – ihr Geist ging plötzlich völlig in diese dürftige Umgebung über, es war ihr auf einmal, als sei sie zwischen diesen kahlen Mauern, dieser Wäsche, diesen Besen, Eimern und ausgetretenen Treppen geboren, als müsse sie nun bis an ihr Lebensende in dieser von Schmutz und Armut strotzenden Häuslichkeit verweilen – arm – elend; – ein entsetzliches Angstgefühl sank auf sie nieder, sie hätte aufschreien mögen, doch da kam der Doktor aus dem dunklen Hausgange zurück, sie atmete erleichtert auf. So war es nur ein böser Traum! Sie war nicht arm und elend, sie hatte es sogar in ihrer Hand, reich, sehr reich zu werden! Und sie musste lächeln und sich gestehen, dass es das Glück diesmal besser mit ihr gemeint, dass der Reichtum doch nicht so verachtungswert sei, wenn man eine kranke Mutter zu pflegen habe.
Indes war Doktor Kahler, dessen Gesicht eine gewisse Unruhe zeigte und der die Unstetigkeit seiner Bewegungen zu verbergen suchte, näher gekommen.
»Wollen wir eintreten?« frug er leise, »ich habe mich erkundigt, er ist aufgestanden.«
Sie nickte und folgte dem Voranschreitenden durch einen schmalen Gang, eine Treppe hinab, dann wieder eine Treppe hinauf, bis sie vor einer Tür Halt machten, die in ihrem oberen Teile ein Glasfenster trug, unter dessen Scheibe eine Visitenkarte befestigt war.
›Paul Steinacher, Kunstmaler‹, lautete die Aufschrift dieser Karte.
»Hier wohnt der arme Teufel,« flüsterte der Arzt, »soll ich anklopfen?«
»Ich kann mich noch nicht entschließen, einzutreten,« sagte sie ebenso leise.
Der Arzt entgegnete nichts, beugte sich vor und blickte einige Zeit durch das Glasfenster.
»Sehen Sie hier,« sagte er dann zu Emma, die ihr Herzklopfen zu unterdrücken suchte, und deutete mit ernster Miene nach der Glasscheibe, »sehen Sie nur hindurch.«
Emma zögerte ein wenig, stellte sich aber dann, da ihre Neugier den Sieg davontrug, auf die Fußspitzen und überblickte eine enge Kammer, in derem hinterstem Winkel ein verwahrlostes Bett stand. Dicht vor dem Fenster befand sich ein Tisch, an welchem ein schlanker, junger Mann von kaum zweiundzwanzig Jahren in sehr abgetragener Kleidung saß; er zeichnete oder wollte wenigstens zeichnen. Seine schmalen, krankhaft weißen Finger zitterten über das an das Fenster gerückte Reißbrett, zuweilen setzte er ab, fuhr sich seufzend über die breite Stirne und sah dann mit müdem, erloschenem Blick hinaus auf die Dächer und Schornsteine, die seine Aussicht bildeten. Dann suchte er sich emporzuraffen, Emmas Herz krampfte sich zusammen, als sie beobachtete, wie er den Stift fester zu fassen suchte, wie er die schmerzlich verzogenen Lippen, als wolle er sich zur höchsten, letzten Kraftleistung anspannen, zusammenbiss, während sich sein großes Auge mit Tränen füllte. Als sie länger in dies abgehärmte Gesicht geblickt, kam es ihr vor, als habe sie diese Züge, über die der Tod jetzt seinen geheimnisvollen Hauch breitete, irgendwo schon einmal gesehen, obgleich sie sich auf keine bestimmte Begegnung besinnen konnte. Doch vielleicht, sagte sie sich, ist es nur das Mitleid mit dem Armen, das mir die Täuschung vorspiegelt: ich habe diesen unglücklichen Gesichtsausdruck schon einmal gesehen.
Sie wollte sich, von peinlichem Mitleid ergriffen, abwenden, als sie gewahrte, wie der junge Mensch plötzlich einen unartikulierten Laut ohnmächtiger Wut ausstieß, den Stift heftig von sich schleuderte und darauf krampfhaft schluchzend in den Stuhl zurücksank, das Gesicht, in das die wirren, schweißtriefenden Haare herabhingen, mit beiden Händen bedeckend.
Emma traten die Tränen in die Augen, sie wollte sich, wie von einer peinlichen Marterszene, abwenden, und doch fühlte sie sich genötigt, den Unglücklichen zu beobachten, dessen wildnaiver Schmerzensausbruch einen eignen bestrickenden Reiz auf sie ausübte.
Endlich wandte sie sich zum Arzt.
»Ich kann nicht bei ihm eintreten,« sagte sie mit bebender Stimme, »gehen Sie allein! Teilen Sie ihm alles mit.«
Der Arzt nickte, sie verließ ihn, blieb dann stehen und sagte, unruhig vor sich niedersehend:
»Es ist nur zu seinem Besten, Doktor, nicht wahr? Sie sehen das selbst? Wo ist da ein Unrecht?«
»Sie sind unschlüssig geworden,« gab Kahler achselzuckend zurück.
Sie besann sich, ein wenig erblassend.
»Nein! Nein! Gehen Sie nur, ich erwarte Sie im Wagen,« stieß sie mit rauer Stimme, fast unverständlich hervor und ging.
Der Arzt hatte angeklopft; wie es seine Gewohnheit war, trat er, kaum das: »Herein!« abwartend, ein. Paul Steinacher ließ die Hände vom Gesicht gleiten und blickte mit finster drohendem, fast wildem Gesichtsausdruck nach der sich öffnenden Türe, errötete aber sofort, als er den Arzt, seinen einzigen Freund, eintreten sah. Indem ein kindlich verschämtes Lächeln seine bleichen Züge belebte und indem er sich mühsam erhob, fasste er, ohne das Wort, das ihm auf der zuckenden Lippe schwebte, aussprechen zu können, nach seines Ratgebers Hand.
Es lag etwas unbehilflich Demütiges in seinem ganzen Betragen, eine scheue, tiefgefühlte Dankbarkeit, die keine Worte fand. Doktor Kahler, sonst redselig, setzte sich diesmal schweigsam nieder, spielte mit seinem Stock und suchte das Gesicht abzuwenden.
»Sie sind heute so ernst, Doktor,« begann der Maler nach einiger Zeit mit aufrichtiger Besorgnis, aber auch einer gewissen respektvollen Ängstlichkeit die Miene seines Freundes studierend, »mache ich Ihnen Sorge?« setzte er dann leise hinzu.
Der Arzt hob langsam den Kopf.
»Wie haben Sie geschlafen?« frug er dann ablenkend.
»Wie immer, nicht gut,« sagte der zuweilen nervös mit dem Kopfe Zitternde, »ich träumte wüstes Zeug die ganze Nacht! Ich fühle mich matter denn je zuvor.«
Der Arzt griff nach dem Puls des Kranken.
»Ich habe von Ihnen geträumt,« setzte Paul leise hinzu.
»Von mir?« frug der Doktor zerstreut, ohne zu wissen, was er fragte.
»Ja,« fuhr der Maler erregt fort, das Haupt beschämt zur Erde neigend, »die ganze Nacht quälte mich mein Gewissen, Doktor, ich lag mit mir selbst im Zank, ich ohrfeigte mich, mein Stolz trat vor mich hin und spie mir ins Gesicht; du bist ein Undankbarer, ein ganz nutzloses Geschöpf, das von der Gnade anderer leben muss, ich warf es mir vor, dass ich Ihre Hilfe in Anspruch nahm, ohne doch nur im Geringsten, nicht einmal durch ein Bild —«
Der Arzt, der erriet, wie sein Patient den Satz schließen werde, unterbrach ihn heftig.
»Wie oft habe ich Ihnen schon gesagt, dass Sie meine Hilfe gar nicht in Anspruch nehmen,« entgegnete er mit ärgerlich-freundlichem Lachen. »Ich habe Ihnen meine Hilfe aufgenötigt, lieber Freund. Wie konnten Sie meine Hilfe in Anspruch nehmen, als Sie das Arsenik im Magen hatten und sich hier auf dem Fußboden vor Schmerz umherwälzten und mich der Schutzmann aus dem Bette holte! Da wussten Sie ja gar nichts von meiner Gegenwart, sondern lagen auf Ihrem Bett, stöhnten und riefen: Sie hätten nichts Eiligeres zu tun als ins bessere Jenseits abzureisen. Sehen Sie das nicht ein – –«
»Ja,« wandte der Künstler tief aufseufzend ein, »einmal wäre genug gewesen, aber dass Sie alsdann Tag für Tag kamen, mir Medikamente aufdrangen, die ich nicht nehmen wollte, mir für bessere Nahrung sorgten,« die Stimme versagte ihm: kaum hörbar, den Kopf tief auf die Brust herabgedrückt, fügte er hinzu: »nein! Das ertrag ich nicht länger! Das beschämt mich zu tief – –«
»Beschämen?« rief der Arzt jetzt beinah wirklich ärgerlich, »schämen hätten Sie sich vorher sollen, wie Sie das Gift an die Lippen setzten. Wissen Sie, das war ein ganz einfältiger Streich –«
»Im Gegenteil, es war der vernünftigste meines Lebens,« sagte der Künstler kopfschüttelnd, während er mit düstrem Auge vor sich niederstarrte, »und es war ein einfältiger Streich Ihrerseits, mich wieder ins Leben zurückzurufen, das mir zur Qual geworden. Was soll ich nun im Leben beginnen! Es ist auch nur Galgenfrist, denn glauben Sie, Doktor, ich fühlte es nicht, dass mir der Tod bereits am Herzen frisst?«
»Unsinn,« fuhr der Doktor dazwischen.
»Machen Sie nur kein solch’ ungläubiges Gesicht, ich sehe es Ihnen an, das ich recht habe, mein Körper ist ruiniert, zerstört für immer. Die Dosis Gift war zwar nicht groß genug, um mir in einer Stunde den Garaus zu machen, dafür wirkt sie desto sicherer nach. Ganz behutsam – ganz langsam – « er lächelte ein ironisches mattes Lächeln und strich mit der Hand durch die Luft, als wolle er die geheimnisvolle Nachwirkung des Giftes hierdurch andeuten. Der Arzt wollte etwas Tröstliches entgegnen, der fieberhaft erregte junge Mann holte mühsam Atem, erhob sich und wankte, sich an den Möbeln zuweilen haltend, in dem engen Gemach auf und ab.
»O, wenn ich wieder Muskel und Nerv’ hätte,« klagte er, indes sein sonst so edles Auge in krankhafter Glut schwamm, »sehen Sie hier diese angefangene Skizze – Antigone, wie sie zum Tode geführt wird – es ist meine beste Skizze, ausgeführt könnte mich dieses Gemälde mit einem Schlage zum berühmten Mann machen – sehen Sie nur, wie sie sich an den Altar klammert, wie sie der raue Kriegsmann packt, dieser Ausdruck in ihrem Auge – das heißt, Sie sehen noch nichts – aber ich sehe es – hier – hier im Kopfe – und wenn ich den Stift ergreife – glauben Sie, ich brächte eine vernünftige Linie heraus? Kaum zehn Minuten kann ich den Stift halten – ja! Kaum zehn Minuten, es ist um wahnsinnig zu werden, kaum zehn Minuten —«
Die letzten Worte mit zitternder, tränenerstickter Stimme hervorkeuchend, sank er hilflos auf sein Bett nieder, das Haupt zwischen beide auf die Knie gestützten Arme gepresst. Der Arzt legte gerührt seine Hand auf die Schulter des Trostlosen und bat ihn, sich zu beruhigen.
»Fassen Sie sich, mein Freund, es kann noch alles besser werden,« sagte er, »hören Sie mich an – ich habe Ihnen eine merkwürdige Begebenheit mitzuteilen – wollen Sie mich ruhig anhören —?«
Der Künstler ließ sein Haupt los, nickte mit einem kindlich-bitterem Gesichtsausdruck, der ihm sehr gut stand, vor sich hin und alsdann sich langsam dem Arzte zuwendend, sagte er leise:
»Verlassen Sie mich nicht, Doktor – bitte, verlassen Sie mich nicht, Sie sind mein einziger Freund.«
Den Arzt bewegten diese so einfach naiv ausgesprochenen Worte Pauls aufs Tiefste; er fühlte, wie nie zuvor, dass sich dieses Kindergemüt mit seiner offenen Hoffnungsseligkeit an ihn, den Verschlossenen, Strengen geklammert hatte, dass er einen großen Einfluss übte auf diese reine, hingebende Seele und dies erfüllte ihn mit einer seltsamen Weichheit. Die Tränen traten dem Manne in die Augen, als er die edelgeschwungenen Linien dieses von sanfter Traurigkeit überschatteten Gesichts mit dem Auge verfolgte und er fasste, von aufrichtiger Freundschaft bewegt, die Hand des Unglücklichen, sie innig drückend.
»Ach ja,« flüsterte der Künstler von einer Stimmung rasch in die entgegengesetzte verfallend, »es kann vielleicht alles noch besser werden, nicht wahr? Sie glauben es selbst, ich kann wieder gesund werden?«
Dr. Kahler nickte so heiter wie möglich, seine aufsteigende Rührung gewaltsam zurückdämmend.
»Armer Mensch,« dachte er, »der am Rand des Grabes noch dem Traum des Lebens nachjagt.«
»Ach! Wenn Sie mich retten könnten, Doktor,« fuhr der andere ermattet fort, die widerstrebende Hand des Arztes an die Lippen führend, »nur so lange mich am Leben lassen könnten, bis ich dies Bild vollendet habe – dann will ich ja gern sterben, nur noch so viel Kraft, um vier Wochen hindurch den Pinsel führen zu können —«
Kahler atmete auf.
»Wissen Sie, mein Freund,« fiel er rasch ein, »dass ich gekommen bin, um Ihnen diese Rettung, von der Sie sprechen, zu bieten?«
Da nun der Kranke freudig lächelnd aufzuhorchen begann, wich jedes Schuldgefühl, das ihn anfangs beklemmte, aus des Arztes Brust; er war im Begriff, diesem Unglücklichen eine Wohltat zu erzeigen, ihm die letzten Tage seines Lebens zu verschönern, und das in der Tat innige, fast väterliche Freundschaftsgefühl, das er dem jungen Mann, kaum da er ihn kennengelernt, entgegenbrachte, überwand seine letzten Zweifel. Voraussichtlich wird der arme Schelm innerhalb eines Monats sterben, sagte sich Doktor Kahler seufzend, doch darf ich deshalb ein Mittel unversucht lassen, das unter Umständen wenigstens sein Leben um einige Monate verlängern könnte? Die Heilkunde betrügt oft die scharfsinnigste Vorausberechnung. Wer weiß, wie lange ihn bessere Pflege am Leben zu erhalten vermag? Vielleicht wird es ihm in der Tat noch möglich sein, jenes Bild zu vollenden, dessen Skizze ihn nicht ruhig sterben lässt, und wie dankbar wird er sein, wenn sein brechendes Auge auf dem vollendeten Bilde ruht!
Als der Arzt sich einen Augenblick hindurch in der Phantasie Fräulein Pöhn als die Gattin des Malers vorstellte, wusste er selbst nicht, warum ihm auf einmal ein bitteres Gefühl die Brust beklemmte und es ihm war, als müsse er sogleich das Zimmer verlassen. Ein Blick in das abgemattete Gesicht des Kranken verscheuchte ihm jedoch, so schnell wie sie gekommen, diese seltsame Unruhe und sich rasch überwindend, teilte er dem gespannt Lauschenden lächelnd mit, da sei ihm in seiner Praxis ein höchst merkwürdiger Fall vorgekommen.
»Ganz außergewöhnlich, mein Lieber,« sagte er, »und zwar geht die Sache weniger mich als Sie an. Immer die Künstler, natürlich die Künstler, die haben das größte Glück!«
Der Kranke frug lächelnd, was ihm Glückliches denn bevorstehe, und der Doktor ging mit sich zu Rate, ob er ihm die ganze volle Wahrheit sagen, oder ob er der rettenden Arznei ein wenig täuschende Süßigkeit beimischen solle. Auf diese Art gelangte er rascher zu seinem Ziele, und durfte man einem Arzte es verübeln, wenn er eine kleine Notlüge ersann, um das Leben seines Patienten zu verlängern, unter Umständen zu erhalten? Wie oft war er in die Lage versetzt worden, mittelst einer Unwahrheit des Leidenden Los zu erleichtern, z. B. die sehr gefährliche Krankheit für gefahrlos zu erklären, und hier sollte er dies Mittel, das schon seit dem alten Galen jeder Arzt mit Erfolg angewandt, verschmähen? Trotzdem entschied er sich für die Wahrheit, dann aber erschien ihm die Sache doch gar zu wunderlich, der arme Freund, sagte er sich, würde gewiss den sonderbaren Heiratsantrag mit Entrüstung zurückweisen und sich nicht zum Werkzeug einer reichen Erbin erniedrigen wollen.
Er schwieg und überlegte, ob er nicht besser tun werde, seine Hände gänzlich aus diesem gefährlichen Spiel zu lassen, aber ein Blick in das bleiche Gesicht seines Freundes stieß diesen Vorsatz sogleich wieder um. Hier musste Rettung geschaffen werden, rief eine Stimme seines Innern, er fühlte, dass ihn die Zerstörung dieses unverfälschten, einst so lebensfrohen Gemüts tiefer erschüttern werde, als alles, was ihm seither Schmerzliches begegnet, obgleich er sich nicht zu erklären wusste, weshalb er eigentlich diesen lebhaften Anteil an Paul nahm. So entschloss er sich denn mit der Tollkühnheit der Ratlosigkeit.
»Hören Sie,« stieß er hervor, ohne recht zu wissen, was er sagte, »da kam eine Dame zu mir in mein Sprechzimmer; sie wusste, dass ich den Maler Paul Steinacher in Behandlung habe, sie will diesen hübschen Menschen irgendwo gesehen haben und —« er zögerte einen Augenblick, neigte dann den Kopf und fügte schelmisch lächelnd hinzu: »nun warum soll ich es nicht offen heraussagen, aus der Art, wie mich die Dame über Sie ausfrug, ging hervor, dass sie eine lebhafte Neigung zu Ihnen gefasst hat.«
Paul schüttelte ungläubig lächelnd den Kopf.
»Was Sie nicht sagen,« warf er hin.
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