»Der Winter ist so lang« seufzte die Wittwe, »und ich habe keine Arbeit. Der Hunger jagt mich jetzt zur Thür hinaus; im Sommer, wenn ich Beschäftigung finde, wird es wieder besser gehen!«
Unterdessen richtete das Kind unverwandt seine Blicke auf den Tisch, und seine Lippen wurden von Eßluft feucht.
Cäcilia blickte mitleidig auf das Mädchen. Mit einem Male warf sie einen bedeutungsvollen Blick auf Bart, in Folge eines Gedankens, der ihr durch die Seele fuhr. Bart verstand den Wink, oder folgte der Eingebung seines Gemüths – er ging auf die Wittwe zu, nahm sie bei der Hand und führte sie zu dem Stuhle, den er eben verlassen hatte.
»Setzt Euch, liebe Kaet,« sprach er, »und eßt mit uns. Was für Fünf genug ist, wird auch für Sieben reichen . . . Und wenn die Rechnung nicht richtig ist, so wird sie Gott schon ausgleichen.«
Cäcilia hatte die Kleine auf einen Stuhl gehoben.
Nun rückten sie andere Stühle herbei und genossen fröhlich die gute Kost. Die Wittwe konnte ihren Dank nicht anbringen; aber, sobald ihr erster Hunger gestillt war, blickte sie mit unbeschreiblicher Zärtlichkeit auf ihr armes Kind, das glücklich und ohne Sorgen sich an dem leckeren Mahle labte; dabei schossen ihr stille Thränen in die Augen.
Alle blickten sie mit Verwunderung an und schienen die Erklärung dieser plötzlichen Traurigkeit zu wünschen. Cäcilia allein verstand die Bewegung und frug die arme Wittwe:
»Ihr habt noch mehr Kinder, liebe Frau?«
»Ja, Fräulein, noch zwei. Dieses Mädchen ist das älteste. Die andern armen Geschöpfe sitzen zu Hause, ohne Feuer. Seit acht Tagen haben sie nichts gegessen, als etliche Bissen Roggenbrod.«
»Und warum sind Euere Augen voll Thränen?« meinte Wanna.
Die Frau senkte den Kopf und sprach, ohne aufzublicken:
»Ihr könnt das Gefühl einer Mutter noch nicht recht ergründen. Wenn ich meine Mieke [Maria.] so essen sehe, muß ich an die armen Schäfchen denken, die daheim Hunger leiden.«
Bart richtete sich auf, wischte sich den Mund und sagte:
»Das begreife ich doch.«
Dann wandte er sich zur Mutter:
»Ich will jeden Tag zwei Stunden länger arbeiten und des Sonntags nicht mehr in die Herberge gehen; doch dann müßt Ihr auch erlauben, daß die arme Wittwe täglich mit einem ihrer Kinder hier ißt, so lange ich durch die neue Arbeit und meine Ersparnisse die Ausgaben decke.«
Die Mutter blickte eine Weile auf ihren Sohn mit strahlenden Augen und sagte dann mit gerührter Stimme:
»Bart, ich hatte Euch stets recht gerne; jetzt aber seid Ihr mir doppelt lieb.«
Die Bettlerin war gleichfalls tief ergriffen; sie nahm den Jüngling bei der Hand und redete ihn feierlich an:
»Gott im Himmel ist gerecht. Ihr gebt Eurem Nächsten nicht bloß das Ergebniß Eueres Schweißes, sondern schenkt ihm auch Euer freundliches Herz. Ihr thut für die verlassene Wittwe, was Ihr für eine Schwester hättet thun können. Gott ist gerecht; Ihr werdet zum Lohne noch hienieden glücklich sein!«
Dabei warf sie einen Seitenblick auf Cäcilia, als wollte sie dem jungen Manne die Quelle seines künftigen Glückes andeuten.
Cäcilia"s Augen fielen auf Bart mit dem Ausdruck des innigsten Dankes. Durch diesen Blick und die Worte der Wittwe begeistert, erhob dieser stolz seinen Kopf; doch bald bekämpfte er die Rührung, die ihm fast lästig wurde, und rief lächelnd:
»Ihr wollt mich gewiß noch närrisch machen? Was frage ich nach Belohnung und Glück? Ich will jetzt schon mit keinem Könige tauschen. Kommt an’s Feuer, liebe Frau, und wärmt Euch gehörig. Und Ihr, Wanna, bringt etwas Reisig herbei, und blast, daß Alles kracht!«
Cäcilia saß bereits seit einigen Augenblicken am Heerd, mit dem armen Kinde auf dem Schooß.
Was sie da dem Lämmchen zuflüsterte hörte die Mutter nicht; doch mußten es engelsüße Worte sein, denn das Mädchen schlug die Aermchen um den Hals ihrer Beschützerin und küßte sie.
Die arme Wittwe blickte mit einem himmlischen Lächeln auf diese Szene.
Bald setzte Cäcilia das Kind auf die Erde, ging dann auf die arme Wittwe und sagte ihr etwas leise in’s Ohr. Wahrscheinlich ersuchte sie die Wittwe, mit ihr den Pachthof zu verlassen.
Wanna, die es gleich den Andern bemerkte, stellte sich neben ihren Bruder, um ihn zu fragen:
»Was hat denn Cäcilia mit des Maurers Wittwe vor? Sie wird sie doch nicht zu ihrem Onkel führen wollen?«
»Merkt Ihr es nicht? Sie will ihr Geld anbieten!«
»Ach ja, die sieben Stüber, die sie eben von der Wirthin aus dem Herzen für das Nähen der Kinderwäsche bekommen hat. Cäcilia verschenkt auch alles, was sie sich verdient. Wenn das ihr Onkel wüßte!«
»Warum Ihr Euch nur kümmert, Wanna? Das geht uns ja nichts an!«
»Es war auch nur nebenbei bemerkt, Bart!«
Die arme Wittwe bezeigte eben der alten Anna ihren herzlichen Dank.
Cäcilia warf einen freundlichen Blick auf Bart und nahm von Allen Abschied bis zum Nachmittag. Dann nahm sie das kleine Mädchen bei der Hand und verließ, von der Wittwe begleitet, den Pachthof.
Cäcilia schwieg, bis sie sich auf einige Bogenschüsse entfernt hatten. Am Ende des Fußpfades führte sie die arme Frau hinter ein Gebüsch, sah sich nach allen Seiten um, ob sie auch recht allein wären, und sprach dann mit gedämpfter Stimme:
»Euer Name ist Kaet Melsens, wenn ich nicht irre?«
»Ja, Fräulein,« war die Antwort, »mein seliger Mann hat, in seinen jungen Jahren, bei meinem Vater gewohnt.«
»Das weiß ich, Kaet.
Und hat er Euch nie von einem Ereignisse erzählt, das sich damals bei uns zugetragen?«
»Von einer Feuersbrunst? Jawohl; davon waren ihm die Finger seiner linken Hand steif geworden.«
Cäcilia blickte unverwandt auf den Grund; sie schien ganz in Kummer versunken. Das kleine Mädchen sah mitleidig auf sie und zog an ihrer Hand, um sie aus den düstern Gedanken zu wecken. Die Wittwe stand in stummer Verwunderung da.
Da erfaßte Cäcilia ihre Hand und sprach:
»Wißt Ihr wohl, Kaet, daß Euer seliger Mann mich mit Gefahr seines Lebens aus dem Feuer gerettet hat? Ja, ohne seine Dazwischenkunft wäre ich wohl zu Asche verbrannt!«
»Aber, liebes Fräulein, das hätte der erste Beste gethan! Darum müßt Ihr Euch nicht betrüben.«
»Auch bin ich nicht deshalb traurig. Aber ich möchte Euere Kinder gern vor aller Noth bewahren, und kann es leider nicht!«
»Ein gutes Herz, Fräulein, ist das reichste Almosen!«
»Hört mich an, liebe Frau, doch sprecht nicht weiter davon. Seht, hier habt Ihr sieben Stüber, und morgen, wenn Ihr mit Euerem Kinde auf das Kapellenhoefken kommt, hoffe ich Euch noch Etwas geben zu können; für Euere Kinder werde ich aus den Kleidern meiner seligen Mutter recht schöne und warme Kleider machen, und vielleicht auch etwas finden, das Euch paßt. Möge Gott mir in meinen Bestrebungen behilflich sein, um Euerm bittern Elend ein Ende zu machen.«
Diese milden Worte rührten die Witwe so sehr, daß sie zu weinen anfing, und erst, nachdem sie die Hand des Fräuleins mit ihren heißen Thränen benetzt hatte, zu Worte kam:
»O, liebes Fräulein, ich habe mich schon so unglücklich, so überaus unglücklich gefühlt, daß ich darob fast die Besinnung verloren hätte und vielleicht gestorben wäre, wenn die Fürsorge für meine armen Kinder mich nicht an das Leben gefesselt hätte. Jetzt aber macht Euere Herzensgüte, Euere Freundlichkeit mehr noch, als Euere Hilfe, daß ich mein Elend mit einem Mal vergesse. Wie will ich zum Himmel für Euch beten, und in meiner Hütte, sammt meinen Kindern auf die Knie fallend, Eueren Namen segnen!«
»O, wäre ich nur reich!« seufzte Cäcilia zerstreut.
»Reich?« wiederholte die Wittwe.
»Ihr sollt steinreich werden!«
»Darin täuscht Ihr Euch, Kaet. Freilich meint man das, doch fälschlich!«
»Beerbt Ihr denn nicht Eueren Onkel?«
»Mein Onkel ist selbst arm. Das alte Haus, worin wir wohnen, macht, nebst einigen kleinen Renten, sein ganzes Vermögen aus.«
»Nein, nein, Fräulein, er hat Geld, viel Geld liegen. Mein Mann, der Maurer war, hat vor Zeiten auf dem Klosterhof für Eueren Onkel heimlich gearbeitet. Niemand kennt die Lage der Dinge dort so gut wie ich.«
Cäcilia war ganz erstaunt.
»Ich sage das nicht aus Stolz,« fuhr die Wittwe fort; »aber es wäre mir erlaubt, Euch meine Nichte zu nennen, denn die Frau Eueres Onkels war die Schwester meiner Schwiegermutter. So geht es in den Familien; die eine Schwester kommt voran, die andere hat Unglück; man trennt sich, um sich sein Brod sauer zu verdienen, und zuletzt kennt man sich kaum mehr!«
»So wäre denn die liebe Mieke eine Nichte von mir?« frug Cäcilia mit wahrer Freude und liebkoste die Kleine.
»Die Verwandtschaft ist allerdings etwas weit,« antwortete die Wittwe. »Wenn Alles mit rechten Dingen zuginge, so würde auch mir ein Theil der Erbschaft zufallen; aber Thys, der scheinheilige Betrüger, wird schon dafür sorgen, daß von unserer Seite Niemand etwas kriege.«
»Doch ist der Onkel gerecht,« entgegnete Cäcilia.
»So sonderbar seine Lebensweise auch ist, so blieb doch ein Herz gut.«
»Das weiß ich, Fräulein, aber kennt Ihr Thys?«
Das Mädchen sah sie erstaunt an.
»Ich kenne ihn; er hat sich lange in meinem Geburtsorte aufgehalten. Thys ist ein Mann, der ehedem das ganze Vermögen seiner Eltern verschleudert und seinen Vater zu Tode geplagt hat. Da er etwas Erziehung hatte, so wurde er in der Noth zu einer Art von Seelenverkäufer und Sachwalter; man ließ ihn einmal auf den Klosterhof rufen, um eine krumme Sache gerade zu machen. Bald merkte er, daß sich dort ein guter Boden für seine Betrügereien zeigte. So stellte sich denn der lebenslustige Verschwender, als ob er ein sorgsamer und mäßiger Mann wäre. Wißt Ihr auch warum, bestes Fräulein? Um sich das Erbtheil meiner Kinder und der andern Verwandten von unserer Seite anzueignen. Und vielleicht – doch nein – dazu liebt Euch Euer Onkel noch zu sehr.«
Cäcilia senkte den Kopf und überdachte die seltsame Enthüllung der armen Frau.
»Fürchtet jedoch nichts, Fräulein; es hat Einer oft mehr Muth und Verstand für Andere, als für sich selbst. Thys weiß ganz wohl, daß die arme Kaet ihm vielleicht noch etwas in den Weg legen wird. Obendrein habt Ihr mit Niemandem zu theilen und seid direkte Erbin des Alten, da Euer Vater sein leiblicher Bruder war. Wir wollen die Sache ein andermal näher besprechen; ich wollte Euch nur gegen den Gleißner verwarnen. Ihr steht schon zu lange in der Kälte, um Euch der armen Wittwe gefällig zu erweisen. Ich will meine kleinen Kinder mit der guten Nachricht erfreuen und für Euch beten.«
Cäcilia richtete sich auf und ergriff die Hand der armen Wittwe:
»Wollt Ihr mir Etwas zu Gefallen thun? Doch gebt recht Acht!«
»Von Herzen gerne, liebes Fräulein.«
»Statt für mich zu beten, betet lieber für meinen Onkel! Ihr vergeßt es aber ja nicht?«
»Ihr habt mein Wort darauf.«
»Nun, lebt wohl bis morgen.«
Mit den innigsten Danksagungen lenkte die Witwe wieder auf den Fußpfad ein. Von Zeit zu Zeit sah sie sich nach Cäcilia um, die sich auf ihre Wohnung richtete. Gerührt sprach die arme Mutter zu ihrem Kinde:
»Mieke, diese Nacht habt Ihr von einem Engel geträumt. Das ist der Engel. Und der häßliche Thys auf dem Klosterhofe ist der leibhaftige Teufel. Nun wollen wir aber etwas rasch gehen!«
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