Читать бесплатно книгу «Der Geizhals» Hendrik Conscience полностью онлайн — MyBook
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»Weil die Wittwe zwischen ihrem Sohne und Cäcilia etwas anzetteln und Euerer Nichte den Jungen zum Mann geben will. Begreift Ihr jetzt, Onkel Jan?«

Der Alte schüttelte nachdenkend mit dem Kopf, wie Jemand der eine Erklärung nicht völlig versteht.

»Ich höre wohl, sagte er, doch was ist dabei für mich zu besorgen? Von mir hat Cäcilia doch keine Mitgift zu erwarten!«

»Guter Onkel Jan,« rief Thys mitleidig aus, »Euer edles und offenes Herz kann eine solche Falschheit und Habsucht nicht recht fassen. Ich muß mich klarer ausdrücken. Mutter Anna ist arm; ihr Sohn auch. Ihr aber seid reich.«

»Oh, oh,« entgegnete der Alte mit Entsetzen, als hätte er eine Gotteslästerung vernommen. »Wie? ich wäre reich? Von wem rührt diese Verläumdung her?«

»Freilich weiß ich es zur Genüge, Onkel Jan, wie schwer es uns fällt, aus einem Jahre in das andere zu kommen. Doch Mutter Anna macht sich ihre eigene Rechnung . . . und für einen Augenblick will ich den Irrthum der Wittwe annehmen. Sie ist arm, Ihr seid reich; Cäcilia erbt die Hälfte von dem, was Ihr zurücklaßt. Heirathet sie nun der Sohn der Alten, so bekommen diese Verschwender den schönsten Theil Euerer Habe in ihre Hände. So ist es kein Wunder, daß sie sich jetzt in Schulden stecken, um Euere Nichte an sich zu locken; denn die künftige Leibrente würde tausend Procent abwerfen. Habt Ihr jetzt verstanden?«

Der Alte sah zitternd und mit aufgerissenen Augen auf Thys, der sich an einer steigenden Angst zu freuen schien, und weiter sprach:

»Seht, Onkel Jan, die Taugenichtse hoffen, daß Ihr nicht mehr lange zu leben habt. Und kaum wird der alte Geizhals – so nennen sie Euch – unter der Erde liegen, so wird der Spielmann sich aufs Dach stellen; man wird das Geld vertrinken und verprassen; Bart in den Wirthshäusern herumziehen – der kleine Pfennig, den Ihr so mühsam zusammengebracht, vergeht so in Saus und Braus! Doch das ärgste ist dabei, daß unsere arme Cäcilia, am Ende vom Liede, auf nacktes Stroh gebettet sein wird, und dann ihre Lebzeit lang über ihre Verirrung zu weinen hat. Davor behüte sie der liebe Himmel!«

Der Alte wollte sprechen, doch ein schlimmer Anfall von Husten hinderte ihn daran; die Schmerzenstöne, die seine Brust beengten, fanden ihren Wiederhall in dem Gewölbe des Zimmers.

Thys war aufgestanden und setzte dem Alten eine hölzerne Schale mit Wasser vor den Mund, während er ihm dazu leise auf den Rücken klopfte. Er schien dem Alten mit inniger Liebe zugethan zu sein; seine Stimme war mitleidig, ein ganzes Benehmen tröstend. Ein liebender Sohn hätte seinem Vater nicht mit mehr Sorgfalt beistehen können.

Endlich legte sich der böse Husten; der arme Onkel konnte wieder zu Athem kommen. Er nahm Thys bei der Hand, drückte dieselbe, und sprach ganz gerührt, indem eine Thränenfluth über seine hohlen Wangen rollte:

»Dank, mein lieber Freund, Ihr allein habt Erbarmen mit mir! Die andern Menschen wünschen meinen Tod – selbst Cäcilia, die ich doch wie mein eigen Kind liebe, ist undankbar. Oh weh! Das bisschen Geld, das ich mir durch so viele Entbehrung abgespart habe, soll nach meinem Tode verschleudert werden! Diese Befürchtung wird meine letzte Stunde vergällen . . . Wie kann man nur sagen, daß ich reich bin, Thys?«

»Man heißt Euch den reichen Knauser.«

»Man denkt vielleicht, daß ich hunderte von Gulden besitze?«

»Auf fünfzigtausend schätzt Euch die Wittwe.«

»So verläumdet man leider die arme Tugend! Doch Ihr wißt es wohl besser, Freund Thys, der Ihr mein Elend theilt und mir in der Noth beisteht?«

»Es wäre an den Lästerzungen wenig gelegen, Onkel Jan, wenn wir nur die arme Cäcilia vor den Fallstricken der Verführer zu retten vermöchten!«

»Ja, die arme Cäcilia und mein armes Geld!« seufzte der Greis. »Wahrhaftig, Thys, wenn ich jünger wäre, wollte ich das Geld verprassen und vergeuden! Doch nein – denn ich möchte nicht gern vor Hunger sterben!«

Nach diesem Ausrufe schwiegen Beide eine Weile lang. Der alte Onkel schien das Fieber zu haben und seine bösen Ahnungen peinigten ihn sichtlich.

»Ihr müßt frischen Muth schöpfen, Onkel Jan,« sprach endlich Thys mit tröstender Stimme; »die Betrüger sind noch so weit nicht. Vielleicht weiß Cäcilia noch nicht das mindeste von ihrem schlimmen Vorhaben. Das arme Mädchen ist verführt. Es ist wahr, sie steht am Rande des Abgrunds; doch mit gutem Willen und muthigem Entschluß wird sie noch leicht zu retten sein.«

Der Onkel blickte ihm voll Hoffnung in die Augen und antwortete:

»Um Gotteswillen, Freund, rathet mir, was ich thun soll; mein Verstand ist schwach, und der Kummer nimmt mir vollends alle Besinnung.«

»Das Mittel ist einfach genug, Onkel Jan. Wenn Ihr verhindern wollt, daß Cäcilia nach Euerem Tode einem Verschwender zufalle, der ihr Erbtheil vergeudet und sie in’s Elend stürzt, so laßt sie jetzt einen sparsamen Gatten wählen, der ihr Lebensglück sichern kann.«

»Einen sparsamen Gatten,« wiederholte der Onkel in Gedanken, »ja, das wäre nicht so übel.«

Doch nach längerer Betrachtung rief er niedergeschlagen:

»Umsonst! Ich suche vergebens im ganzen Dorfe und finde Niemanden. Die redlichen Leute, die ich kenne, stehen in meinem Alter; die jungen leben toll in die Welt hinein.«

»Das könnt Ihr von mir nicht sagen,« meinte Thys lächelnd.

Mit freudigem Staunen blickte ihn der Onkel an und sprach:

»Ich war wirklich blind! An Euch allein hatte ich nicht gedacht, und doch seid Ihr der einzige, der für sie paßt . . . Aber Ihr werdet sie nicht nehmen wollen, Thys; Ihr habt sie ja nicht gern.«

Thys senkte, wie beschämt, den Kopf über die Brust.

»Das weiß ich nicht recht; doch wäre ich reich, Hab und Gut würde ich darum geben, sie glücklich zu sehen!«

»Dann muß Euere Liebe zu ihr sehr groß sein, Thys; leider ist sie Euch abgeneigt – freilich gegen allen Grund. Dieser Abscheu scheint aus einer kranken Einbildung herzurühren.«

»Ich weiß, daß sie mich haßt,« fiel ihm Thys ins Wort, ich bin überzeugt, daß sie in diesem Hasse verbleibt, und ich an ihrer Seite unglücklich sein werde.«

»Und doch wollt Ihr Euch um sie bewerben?«

»Es treibt mich zu dem Opfer sowohl mein Mitleiden mit dem Kinde als meine Dankbarkeit gegen Euch. In ihrem falschen Wahne verabscheut sie mich; doch will ich sie retten, ihr im Leben als Schutzengel dienen, für sie sorgen und sparen, und ihr kleines Vermögen ehrlich zusammenhalten. Vielleicht – wer kann es wissen? – wird mich allmälig ihre Freundschaft belohnen.«

Diese Worte, mit Edelmuth und Stolz vorgebracht, machten auf den Alten einen tiefen Eindruck; gerührt nahm er Thys bei der Hand:

»Dank, Ihr edler Jüngling! Ihr seid die einzige rechtschaffene Seele, die ich kenne. So wollt Ihr Cäcilia heirathen, mit ihr meine Wohnung theilen, mir dazu verhelfen, daß ich ohne größeres Elend mein Lebensziel erreiche; auch nach meinem Tode werdet Ihr Sorge tragen, daß meine Ersparnisse, falls welche übrig bleiben, nicht verschwendet werden. Dafür segne Euch Gott, ich nehme Euer Opfer als eine Wohlthat an.«

»Ist Euer Entschluß gefaßt, Onkel Jan?«

»Unwiderruflich, lieber Thys!«

»Und wenn Cäcilia sich sträubt?«

Der Alte schob die Schultern in die Höhe und wäre die Antwort gerne schuldig geblieben.

»Immer derselbe,« scherzte Thys ungeduldig.

»Die Kleine übt einen Zauber über mich. Gönnt mir ein wenig Zeit, um sie zu überreden. Inzwischen thut auch Etwas dazu; beweist Euch freundlich, redet sie öfters an, lärmt nicht um ein Stückchen Butter, bewahrt den Torf im Kamin zu ihrer Zurückkunft.«

»Was seid Ihr doch schwach,« spottete Thys, »wo das Laster eingewurzelt ist, läßt es sich nicht mit einem Stückchen Butter bezwingen!«

»Und dann,« fuhr der Alte unwillig fort, »wenn die Güte nichts ausrichten sollte, so bleiben andere Mittel.«

Mit diesen Worten stand er auf, richtete sich hustend gegen die Thür und sprach:

»Ich gehe hinauf, denn ich fühle mich etwas matt. Um Mittag sehen wir uns wieder; thut nicht zu viel Salz in die Rüben.«

»Sie sind gefroren, Onkel Jan.«

»Das macht sie um so mürber, Thys. Und nehmt denselben Topf; das Fett hat ihn durchdrungen.«

Der Alte zog sich zurück, und bald darauf hörte man seine Schritte auf der Treppe.

Thys lauschte, bis er vernommen, daß zwei oder drei Thüren geschlossen wurden.

Da veränderte sich plötzlich eine ganze Haltung. Der halbgekrümmte Rücken wurde wieder kerzengerade, seine Lippen verzogen sich zu einem spöttischen Lachen, seine Augen rollten schnell unter den dichten Brauen. Innerlich schien er sich über einen davongetragenen Sieg zu freuen.

Auf den Fußspitzen schlich er zu einem Kasten, nahm daraus ein halbweißes Brod, schnitt davon ein tüchtiges Stück herunter, auf das er die Butter, wohl einen halben Finger hoch, schmierte. Bei dem ersten Bissen strahlten seine Augen vor Freude und er verschlang seine Schnitte mit unerhörter Gierde. Dann verschloß er den Kasten, setzte Alles an den früheren Platz und ging wieder zum Kamine, wo er ein anderes Stück Torf auf das Feuer warf und mit dem Blasbalg so lange blies, bis die Flamme hell aufloderte. Eine Zeit wärmte er sich die Hände mit dem Ausdruck des innigsten Vergnügens, ward hierauf ruhig und sprach zu sich selbst unter hämischem Lächeln:

»O der einfältige Kerl! Er ist im Stande, ein Stück Bindfaden in vier zu verschleißen, und ehe er einen Heller ausgibt, kehrt er ihn zehnmal um, als wäre es ein Stück seiner Seele! Bald wird er darauf kommen, seine alten Schuhe in die Suppe zu thun, weil sie vielleicht einmal mit Fett geschmiert waren. Dabei ist er so arm und elend! Als ob ich nicht wüßte, warum er alle Thüren verriegelt, sobald er oben ist. Jetzt wühlt der Geizhals in seinen Zehnguldenstücken. Doch um so mehr wird er zurücklassen, und ich will dafür sorgen, daß ich meinen Theil davon kriege.«

Nach einer kurzen Pause verfolgte er sein Selbstgespräch:

»Es ist doch seltsam, daß der alte Geldteufel sich so sehr darum kümmert, was nach seinem Tode aus seinem Gelde wird. Er könnte dann wohl aus dem Grabe steigen und hier zur Nachtzeit seinen Spuk treiben! Von allen Dummheiten der Welt ist doch der Geiz die größte. Wie kann man das Geld lieben, bloß weil es glänzt! Das heißt sich in Porzellanscherben verlieben. Ja, Geld regiert die Welt, aber ein Glanz macht dabei nichts aus. Es ist der Mephisto des Doktor Faustus; wem er zu Gebote steht, der braucht nur Etwas zu wünschen, und im Nu ist es da! Ja, so lieb auch ich das Geld, mehr noch als Onkel Jan. Laßt den alten Scharrer erst unter der Erde liegen – dann mag er sich erkundigen, ob ich mich noch mit dem Brei aus Roggenbrod und Wasser begnüge, das eigentlich den Hunden zukommt. Mit wenig Kosten kann sich das spinnwebige Haus in ein schönes Schloß umwandeln, das von außen und innen zierlich gemalt ist; dazu kommen dann bequeme Stühle, feine Kleider, eine leckere Kost mit viel Fleisch und Bier – vielleicht erlauben wir uns auch Wein – und ein Pferd – und dann bin ich gnädiger Herr, und halte mir einen Bedienten und mache mich über die Bauern lustig. Trotzdem will ich immer sparsam leben, um lange auszukommen – Cäcilia erbt die Hälfte von Allem; sie ist die einzige Nichte – und wenn mir die andern Verwandten nicht in den Weg treten, denke ich die andere Hälfte zu erhaschen, obgleich ich nicht zur Familie gehöre. Wir werden schon sehen! Als ich mich hierher in den Klosterhof begab, um dem Onkel Jan als Sklave seiner Wünsche und Grillen zu dienen, berechnete ich eine Lebenszeit auf vier bis fünf Jahre. Seitdem sind volle zehn Jahre verflossen, die mich sehr erschöpft haben – die Hälfte ist nicht mehr hinreichend: ich muß Alles bekommen. Aber Cäcilia? Da steckt der Knoten. Ich muß mit ihr recht freundlich sein und ihr von Heirath sprechen. Wie fange ich das an? Wenn ich sie wirklich liebte? Ich glaube fast, daß sie mir nicht gleichgültig ist. Doch in meinen alten Tagen will ich nicht zum Narren werden; es würde auch so nicht gelingen; denn ich bin doch nicht hübsch genug, um ein Mädchen zu bethören. Aber es gibt andere Mittel, die eben so sicher, wo nicht sicherer, zum Ziele führen.«

Da umdüsterte sich plötzlich sein Gesicht und er schlug die Augen zu Boden:

»Wenn sie aber doch nicht zu gewinnen wäre und mein Vorhaben so scheiterte!«

Dabei bekämpfte er den aufsteigenden Unmuth und sprach hohnlächelnd weiter:

»Doch warum soll man sich böse stellen, ehe es wirklich Noth thut? Zuerst wollen wir Alles in Güte versuchen, und erst, wenn das nichts fruchtet, andere Saiten aufziehen . . . Indessen will ich in den Garten und dort für Onkel Jan etliche Rüben aus dem Schnee hervorsuchen: unterwegs sinne ich auf ein paar schöne Sprüchlein, die ich bei Cäcilia anbringe, sobald sie nach Haus kommt.«

Damit entfernte sich Thys durch die Hinterthür.

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