In einiger Entfernung von der unheimlichen Behausung des alten Knickers, ganz am Rande der nackten Haide, stand ein geringer Pachthof, dessen lehmene Mauern zur Genüge bewiesen, daß seine Bewohner recht arme Bauern waren. Doch trotz des ärmlichen Aeußern, trotz der einförmig weißen Felder, herrschte rund um die niedere Wohnung ein Ton von regem Leben und selbst von Freude, wie ihn die poetische Einbildung eines Künstlers nur hätte wünschen können.
An dem Ziehbrunnen, der seine langen Arme durch die Lüfte streckte, stand ein Bauermädchen und schöpfte Wasser, um darin die Wurzeln für das Vieh auszuwaschen. Ihr frisches Gesicht blühte wie eine Rose; sie fürchtete nicht, ihre Arme in dem halb gefrorenen Wasser zu rühren, und sang dazu so laut ein munteres Lied, daß man dadurch unwillkührlich an den kommenden Mai gemahnt wurde.
An der Thüre der Wohnung zeigte sich ein Bauernjunge, nicht minder frisch und gesund als das Mädchen. Seine schönen, sanften Augen verriethen ein friedliches Gemüth und eine liebende Seele; der Ausdruck eines ganzen Gesichts wies auf eine Lebensfülle. Das Ebenmaß seiner Glieder, seine freie, hübsche Haltung hätten ihn unfehlbar, unter hundert Bauern seines Alters, als Denjenigen bezeichnet, der in Hinsicht auf Herz und Verstand allen andern überlegen sein mußte.
Er war damit beschäftigt, die Aeste eines Haselnußbaumes zu Reifen zu spalten, und förderte rasch eine Arbeit. Seine Bewegungen waren ungehindert, und die Reife schienen durch seine Hände zu fliegen. Auch seine Füße blieben keinen Augenblick ruhig; es war als ob er Lust hätte, zu einer Arbeit zu tanzen. Und, während seine Schwester ihr munteres Lied sang, pfiff er ihr nach, und bewegte unwillkührlich Hand und Fuß im Takte des Gesanges.
Ein schwarzer Hund wedelte um den jungen Mann, sprang ihm dann zum Spiele nach den Händen, und bellte zuweilen, um in dem Concerte auch eine Stimme ertönen zu lassen.
In dem Kirschenbaume daneben saß das zarte Rothkehlchen; im Gebüsche fang die Bachstelze ihr frohes Lied, und der kleine Zaunkönig hüpfte durch die Hecken und Sträuche.
Auf das ganze Gemälde warf die Sonne ihre hellen Strahlen; der Schnee auf dem Dache der armen Wohnung glänzte in der Farbenpracht des Diamanten; und auch die Felder schienen in Rosa und Purpur gekleidet.
Das Mädchen war verstummt, sei es, daß ihr Lied zu Ende war, oder daß sie sich über die Kufe mit den Wurzeln zu tief beugen mußte.
Der Junge aber warf seine Mütze in die Luft, fing sie wieder auf und sang dazu nach einer heitern Melodie:
»Zum Henker fahre Sorg’ und Kummer,
Die schönste Schürze muß heraus!
Bald wecket mich aus sanftem Schlummer
Trompet’ und Flöte zu Saus und Braus!
Ach und Weh sei heut’ begraben,
Weil mir morgen Kirmeß haben.«
»Bart, Bart,« scherzte das Mädchen. »Ihr habt wieder Euere Narrenkappe aufgesetzt; Euere drolligen Verse bringen Einen zum Lachen!«
»Ja, liebe Wantje, [Johanna.] war die Antwort, »es wandelt mich die Luft an, ganz eigene Sprünge zu versuchen; ich fühle mich so aufgeräumt, als ob ich mehr Geld hätte als Cäcilias Onkel.«
»Und warum denn? Was gibt es Neues? Ihr wollt wohl Montag auf den Jahrmarkt gehen?«
»Ja, ich will dahin; es wird Zeit, Wantje, daß wir uns um ein Ferkel umsehen – doch hat meine Heiterkeit einen andern Grund – lange habe ich es geheim gehalten; jetzt aber dürft Ihr auch darum wissen.«
Damit ging er zu einer Schwester, nahm sie beim Arme und zog sie in eine Ecke des Hauses; seine Bewegungen waren so geheimnißvoll, daß Wantje ihn ganz verwundert mit großen Augen ansah.
»Nun, was soll das? Was geht denn vor?«
»Stille,« sagte Bart halblaut. Dann flüsterte er ihr ins Ohr: »In welchem Monat des Jahres sind wir, Wantje?«
»Laßt uns sehen! Die vorige Woche waren wir noch im ersten Monate; ich denke, daß wir jetzt im kurzen Monat sein müssen.«
»Ja, morgen ist der vierte Tag des kleinen Monats. Wißt Ihr, Wantje, welche Heilige an diesem Tage im Kalender steht?«
»Wie soll ich das wissen?«
»Es ist die heilige Johanna!« rief Bart ganz froh.
»Die heilige Johanna, die Schutzheilige der Mutter!« wiederholte das Mädchen, und blickte dazu neugierig auf ihren Bruder.
»Bin ich noch immer ein Narr, Wantje?« frug Bart lachend. »Ohne meine Mahnung hättet Ihr den Tag vielleicht vergessen.«
»Doch deswegen dürft Ihr nicht so ausgelassen sein, wenngleich die Nachricht erfreulich ist. Wir wollen Kuchen backen, Kastanien braten und Gerstenbier trinken, dazu Geschichten erzählen, und uns Räthel aufgeben. Ihr müßt an etwas Neues denken, Bart!«
»Und doch bin ich nicht darum allein so gut aufgelegt. Könnt Ihr schweigen? Werdet Ihr der Mutter nichts sagen?«
»Nein, kein Wort!«
»So hört denn. Meine Reife haben mir ein hübsches Sümmchen eingebracht, das wißt Ihr wohl. Dieses Jahr werden wir, zum ersten Male, etwas übrig behalten, nachdem Pachtzins und Abgaben bezahlt sind. Hier liegt noch ein Karren Reife bereit. Die Mutter weiß nicht, daß ich für jeden Bündel einige Cents mehr bekomme als vorhin. Morgen fahre ich in die Stadt, liefere meine Reife ab, bekomme das Geld – da kann ich etwas bei Seite legen, ohne daß die Mutter das Geringste merkt.«
»Pfui, Bart,« fiel ihm das Mädchen unwillig ins Wort, »das will ich sogleich der Mutter berichten!«
»Werdet nicht so geschwind böse, Wantje. Laßt mich aussprechen, und, so Ihr selbst nicht vor Freude tanzt, könnt Ihr mich einen Lügner schelten. Habt Ihr nicht bemerkt, Wanna, daß Mutters Halstuch so häßlich geworden ist und sie damit ganz ärmlich aussieht? Ich schäme mich fast, wenn sie so zur Kirche geht.«
»Da habt Ihr Recht, Bart; daran habe ich auch gedacht!«
Der Jüngling antwortete mit frohem Muthe:
»Ich will Euch noch mehr sagen, Wanna! Ich kaufe der Mutter ein großes, neues Tuch; Frau Meulemans auf dem Schloßhof soll kein schöneres haben. Darin sollen rothe, gelbe und blaue Blumen prangen, daß man sie von hier bis an die Kirche sieht!«
Wantje faßte ihren Bruder bei der Hand und sprach gerührt:
»Das ist brav von Euch, Bart. Was wird die Mutter froh sein!«
»Und das ist noch lange nicht Alles, liebe Schwester,« fuhr Bart fort. »Wir werden auch wirkliche Blumen haben; dazu weiß ich drei Liedchen, vier Geschichten und sieben Räthel, alles funkelnagelneu. Ich habe sie zu Fleiß gelernt, und für den Tag der Bescheerung bewahrt. Wir werden recht von Herzen lachen und singen und fröhlich sein. Die Thränen kommen mir jetzt schon in die Augen, wenn ich mir vorstelle, daß Cäcilia, so mitten im Winter, mit ihrem Strauße schöner Blumen kommt, und ihr das schöne Tuch um die Schultern legt.«
»Aber, Bart, ich sehe mich überall um – wo könnt Ihr jetzt Blumen finden? Ich glaube, daß Ihr von Sinnen seid.«
Der Jüngling gab seinem Gesicht den Ausdruck eines freundlichen Scherzes und sprach lachend, indem er seiner Schwester in die Augen sah:
»Wantje, Ihr kennt doch einen Jungen, der Franz heißt? Ein Blonder, mit großen Augen, der beim Schloßgärtner im Dienste ist?«
Das Mädchen wurde bis hinter die Ohren roth und blickte verschämt zu Boden.
»Nun, nun,« sprach Bart beschwichtigend, »Ihr müßt nicht erröthen, Wantje; es ist ein guter Junge, der sein Handwerk wohl versteht und gern heiter ist, wo er es sein darf. Glaubt Ihr nicht, Wantje, daß er mir die Blumen geben wird, weil ich Euer Bruder bin?«
Ehe das eingeschüchterte Mädchen antworten konnte, klang eine Stimme aus dem Hause; es war die Mutter, die rief:
»Bart, Wanna, kommt zum Essen!«
Das Mädchen benützte die Gelegenheit, um ihrem Bruder zu entschlüpfen, und richtete sich nach der Thür; Bart, der ihr auf dem Fuße folgte, wiederholte halblaut:
»Wantje, Cäcilia darf darum wissen, aber nicht die Mutter; kein Wort der Mutter!«
Im Hause war die Mutter daran, die Suppe in eine große Schüssel zu schöpfen.
Am Feuer saß ein junges Mädchen; in dem Schnitt ihrer Kleider, die fast so einfach waren, wie die der Wanna, in der Art, sie zu tragen, war die städtische Mode nicht ganz zu verkennen. Auch der minder gefärbte Teint, die feineren Züge, der zartere Gliederbau trugen nicht wenig dazu bei, daß man sie, auf den ersten Blick, von einer Bäuerin unterschied. Sanft war der Blick ihrer Augen, der Ausdruck des Gesichtes still und wehmüthig; über ihrem ganzen Wesen schwebte etwas Träumerisches, das bezaubern konnte – und dabei verrieth ihr ernstes Sinnen die Kraft und Tiefe ihres Gemüthes.
Sie war beschäftigt, an einem Frauenkleide zu nähen.
Die Mutter wandte sich zu ihr und sprach freundlich:
»Kommt, Cäcilia, das Essen ist bereit.«
Eben trat Bart herein, der noch immer sang:
»Ach und Weh sei heut begraben,
Weil wir morgen Kirmeß haben.«
Doch kaum war ein Blick auf das ernste und doch freundliche Gesicht Cäcilia"s gefallen, so verstummte sein Gesang, seine Schritte wurden gemessener, die Gegenwart des Mädchens schien in ihm ein ehrfürchtiges Gefühl geweckt zu haben.
Sie setzten sich Alle um den Tisch und begannen mit einem stillen Gebete, worauf sie die Löffel ergriffen und die schmackhafte Suppe mit wahrem Appetit verkosteten. Dann trug die Mutter eine große Schüssel Kartoffeln und etwas geschmorten Speck auf.
Die ganze Versammlung sah recht glücklich aus; Gesundheit und dankbare Zufriedenheit strahlte aus jedem Gesichte. Bart trieb allerlei Schwänke, stellte sich, als ob er sich die Zunge verbrannt hätte, und machte flüchtige und versteckte Anspielungen auf das morgige Fest, so daß er die Tischgenossen sämmtlich zum Lachen brachte.
Ein Millionär, dem es möglich gewesen wäre, diesem Mittagsmahle beizuwohnen, hätte die armen Leute vielleicht um ihr Loos beneidet.
Sie waren eben an dem zweiten und letzten Gerichte, als ein leises, schüchternes Klopfen an der Thür sie unterbrach.
»Das ist gewiß, die arme Wittwe des Maurers, der seit einigen Monaten todt ist,« meinte die Mutter; »ich habe sie Sonntag in der Kirche gesehen, und ihr gesagt, sie dürfe sich jeden Dienstag um ein Almosen melden. Wanna, schneidet ihr ein Stück Brod ab.«
»Tretet nur ein!« rief sie gegen die Thür gewandt.
Da zeigte sich eine Frau, die noch ziemlich jung war, aber deren bleiche, abgezehrte Wangen das bittere Elend lesen ließen. Ihre Kleider waren so erbärmlich dünn, daß es Einem bei ihrem Anblick eiskalt durch die Glieder fuhr. Ihre Züge hatten jedoch den Stempel eines kräftigen Verstandes, eines edeln Gemüths bewahrt: offenbar war die Frau nicht zum Betteln geboren.
Neben ihr lief ein kleines Kind, dessen Zähne vor Frost klapperten.
Mit gesenkten Augen fuhr die Frau fort das Vaterunser zu beten, das sie bereits an der Schwelle angefangen hatte.
Wanna reichte ihr die Schnitte und sprach dazu: »Arme Kaet, [Katharine.] wer hätte das gedacht, daß Ihr zum Betteln kommen. Eine so kluge und thätige Frau, wie Ihr seid. Ihr thut mir herzlich leid!«
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