Der Sommertag wirkte wie ein fauler Wechsel, der jeden Moment zu platzen drohte. Zur Zeit lag Deutschland von der Nordseeküste bis zur Donau unter dichtem Regen, aber von den Bergen her war in die oberbayerische Landschaft eine Art Föhn eingefallen. Die Wälder schimmerten blau, der Himmel trug orangefarbene Flecke, und die Luft wirkte verbraucht wie Spülwasser. Die am späten Vormittag im Chefbüro in Pullachs „Weißem Haus“ zusammengetrommelten Teilnehmer einer improvisierten Besprechung wirkten abgeschlafft.
Den Spitzenleuten des bundesdeutschen Geheimdienstes war natürlich bekannt, daß – meteorologisch gesehen – im Hochsommer keine Föhnlage entsteht, aber als Experten der unsichtbaren Front wußten sie nur zu gut, daß auf dieser Erde vieles existiert, das es gar nicht geben darf, und so litten sie sichtbar, und nicht nur unter der Wetterunbill.
Der Hausherr des 60 000 Quadratmeter großen und durch eine eineinhalb Kilometer lange Mauer abgeschirmten geheimen Hauptquartiers – im Isartal, zehn Kilometer südlich von München – saß an seinem Schreibtisch, ein schlanker, mittelgroßer Mann mit einem schmalen Kopf, kalten Augen, mit hohem Stirnansatz und schütteren Haaren. Auf den ersten Blick fielen seine übergroßen Ohren auf, überdimensionierten Horchgeräten gleich, wie sie einem Untergrundchef anstehen. Pullachs Chef nannte sich Dr. Schneider, aber jeder im Camp wußte, daß er in Wirklichkeit General Gehlen war, der frühere Chef der geheimen Nachrichtenabteilung „Fremde-Heere-Ost“. Hier, im engsten Mitarbeiterkreis, kannte jeder die wahre Identität des anderen, aber Pullachs legendärer und autoritärer Hausherr bestand darauf, daß sich seine Crew auch im internen Verkehr mit den falschen Namen anredete, und so kam es seinen Männern mitunter vor, als trügen sie ihre Pappnasen auch außerhalb des Karnevals.
Die Vertrauten des Chefs, von den Fernerstehenden mißgünstig „Pullachs Mafia“ genannt, waren fast vollständig zur Stelle: Dr. Grosse, der scharfsinnige Analytiker von der „Auswertung“, der kleine Karsunke, der schlaksige Söldner, der schieflippige, krummnasige Schluckesaft von der „Zentralen Abteilung“, Kleemann, der Schweigsame und der aggressiv intrigante Dennert mit dem Verschwörer-Gehabe.
Nur Bailauf fehlte, hatte die Aufforderung, bei Gehlen zu erscheinen, mit den rüden Worten: „Konferenzen sind der Sieg der Ärsche über die Köpfe“, quittiert, Ballauf, der mit seinen spektakulären Erfolgen an die großen ORG-Zeiten anknüpfte, konnte sich das Fernbleiben erlauben, obwohl er nicht mit dem General im gleichen Artillerieregiment gedient und weder der Canaris-Abwehr noch dem Generalstab angehört hatte, was sonst für Pullachs Spitzengarnitur eine kaum umgehbare Voraussetzung war.
Die Herren, die der Günstlings-Crew zugerechnet wurden, hatten ihre Stühle zwanglos im Halbkreis um den Schreibtisch des Chefs gestellt. Keiner von ihnen fühlte sich wohl an diesem Tag; übereinstimmend deuteten die Akteure des Untergrunds ein flaues Gefühl nach Eintritt des Debakels als Vorahnung. Die Besprechung war zunächst wie alle anderen verlaufen; es ging um Berlin, wie fast immer in letzter Zeit. Seitdem der rote Zar, Nikita Chruschtschow, und sein sächsischer Lautsprecher und Statthalter Walter Ulbricht der früheren Reichshauptstadt – zunächst verbal – die Daumenschrauben angelegt hatten, glich die Vier-Zonen-Stadt einem Pulverfaß. Mit sowjetischem Segen hatte der Spitzbart den Sowjet-Sektor, unter Bruch des Viermächte-Abkommens, zur DDR-Hauptstadt erklärt, mit Anspruch auf die westlichen Sektoren. Der neue US-Präsident Kennedy sprach offen aus, daß eine Abschnürung des alliierten Zugangs nach Westberlin den Dritten Weltkrieg bedeuten könne, und die Franzosen erörterten bereits die verhängnisvolle Frage: Mourir pour Berlin – Sterben für Berlin?
Es war ein heißer Sommer, und es herrschten viel Kraftmeierei und Defätismus auf beiden Seiten. Pankow hatte 8000 Soldaten um Berlin zusammengezogen, um für die Bürger des „Arbeiter- und Bauernstaates“ den Zugang in ihre eigene Metropole abzuriegeln. Viele Verkehrswege waren umgeleitet worden. Trotzdem ging ununterbrochen, Tag wie Nacht, ein Einbahnstrom von Flüchtlingen nach Westen. Die Ostdeutschen beteiligten sich zu Hunderten, zu Tausenden, zu Hunderttausenden, zu Millionen an der Volksabstimmung mit den Füßen.
Der Chef kam vom Thema ab. Ohne Übergang wandte er sich an Dr. Grosse von der Gegenspionage. „Noch immer keine Verbindung mit Metzler?“ fragte er. Obwohl er vor seinem Braintrust keine Geheimnisse hatte, bedeutete die Frage in Gegenwart von vier weiteren Mitarbeitern einen Verstoß gegen die selbst aufgestellte Regel einer lückenlosen Geheimhaltung.
„Sorry“, erwiderte der Referent; seine Stimme klang schläfrig, aber sein Adamsapfel bewegte sich aufgeregt.
„Seit drei Tagen keine Nachricht. Nach seiner letzten Meldung ist Metzler nach Gottbus gefahren, und seitdem –“
Grosse brach mitten im Satz ab, es bedurfte auch keiner weiteren Erklärung. Die unterbrochene Nachrichtenverbindung konnte ein normaler Vorgang sein. Tatsächlich hatten alle „im Feind operierenden Agenten“ den Befehl, die Funkstille nur bei außerordentlichen Vorfällen zu unterbrechen.
Es brauchte nichts zu bedeuten, aber so hatte es immer begonnen: im Fall Auer im Januar; bei der Grainer-Affäre im März und bei der Panetzky-Sache im Juli. Januar, März, Juli. Schlag auf Schlag auf Schlag. Bis Ende Juli dieses Jahres waren 29 hochkarätige Agenten dem ostzonalen Staatssicherheitsdienst (Stasi) in die Falle gegangen. Im Vorjahr waren es 92 gewesen. Selbst wenn man einige Doppelagenten und Überläufer abzog, die aus propagandistischen Gründen im Osten hochgespielt worden waren, drohte der Aderlaß die bewährte „Firma“ zu ruinieren, denn drei in kurzen Abständen aus unerklärlichen Gründen hintereinander aufgeflogene Agentenringe konnte auch sie nicht verkraften. Das wußte jeder in dieser Runde, aber nur einer sprach es aus: Dennert, ein großer, knochiger Mann, erschreckend hager. „Dann werden wir also auch Metzler abschreiben müssen“, sagte er. „Und womöglich auch noch Megede und Deschler.“
Der General schwieg verbissen. Karsunke und Schlukkesaft nickten zustimmend. Ausgerechnet der sonst so schweigsame Kleemann erwiderte gereizt: „Sie sollten wirklich keinen beerdigen, Herr Dennert, bevor er gestorben ist.“
„Meinen Sie?“ entgegnete der Vize der Sonderabteilung „Strategischer Dienst“. Als stellvertretender Sicherheitschef war er der zweithöchste Hauspolizist und zudem ein Intimus des Generals. „Wenn ein Agentenring auffliegt, ist es eine Panne.“
Dennert sprach in einem süffisanten, überheblichen Ton. Sein Plisseegesicht wirkte blaß und hautig. „Wenn zwei – oder gar drei – hochgehen und die Fehlerquelle noch immer nicht entdeckt ist, dann gibt es wohl nur eine Erklärung.“ Sein linkes Auge flackerte wie in einem Wackelkontakt. Jedenfalls litt er, mit seinem Drittel-Magen ohnedies kein Gesundheitsathlet, am sichtbarsten unter dem Wetter. Im übrigen geisterte über den Unbeliebten durch das Camp das vergiftete Bonmot: „Hoffentlich wird der Dennert so alt, wie er aussieht.“
„Was wollen Sie damit sagen?“
„Es liegt auf der Hand“, erwiderte Dennert. „Eine undichte Stelle. Hier in Pullach – im Camp Nikolaus, macht uns allmählich zu Weihnachtsmännern.“
„Das ist doch purer Unsinn“, warf Kleemann ein. „Wir hatten früher einen leichten Gegner gehabt und haben nunmehr einen schweren. Mit anderen Worten“, er lotete das Gesicht des Generals aus und registrierte stumme Zustimmung, „diese Stasti-Leute haben einfach dazugelernt – und wir müssen uns neue Wege einfallen lassen.“
„Und ich sage, daß es in Pullach einen Maulwurf gibt“, entgegnete Dennert unbeirrt. „Einen Verräter, der das ostzonale Ministerium für Staatssicherheit, wenn nicht sogar das KGB direkt bedient – eine Laus in unserem Pelz.“
„Hier im Camp?“ fragte Grosse verärgert.
„Womöglich sogar unter uns Pfarrerstöchtern“, erwiderte der stellvertretende Sicherheitsbeauftragte zynisch; er hatte nichts zu verlieren. Er war die rechte Hand des Generals und schon aufgrund seiner Position bei den anderen Vertrauten unbeliebt. Dazu galt er als ein erstklassiger Fachmann, auch wenn die anderen heimlich darüber witzelten, daß er sich in seinem Büro einschloß und nur auf ein bestimmtes Klopfzeichen öffnete, jede Woche den Namen wechselte und die Überprüfung neu angeworbener Sekretärinnen so konspirativ betrieb, daß die Kripo München in einem Fall gegen ihn wegen Verdachts des Mädchenhandels ermittelt hatte.
„Ich weiß, daß Sie unter dem Föhn leiden, Dennert“, griff der General ein. „Aber selbst wenn Sie rot sehen, sollten Sie nicht schwarz malen.“
„Und Metzler ist einer unserer fähigsten und zuverlässigsten Leute“, konstatierte der kleine Karsunke.
„Metzler schon“, erwiderte Dennert höhnisch. „Auer auch, um von Grainer und Panetzky gar nicht zu reden.“
„Wenn Sie einen konkreten Verdacht haben“, versetzte der General pikiert, „dann kommen Sie zu mir, teilen Sie es mir unter vier Augen mit, und wir werden sofort handeln.“ Während er seinen Intimus tadelte, betrachtete er ihn irritiert. „Andernfalls muß ich Sie wirklich bitten, künftig pauschale Verdächtigungen zu unterlassen. Sie kennen mein Motto, Dennert? Ich bin bei unserer diffizilen und diskreten Tätigkeit für waches Vertrauen. Vergessen Sie bitte nicht, wir haben einen Ruf zu verlieren.“
Pullach war ein Markenartikel des Untergrunds. Seit vielen Jahren schon. General Gehlen hatte mit seinem Startkapital, mit fünfzig Stahlkoffern, gefüllt mit Geheiminformationen über die Sowjetunion, gewuchert, seitdem er – kurz vor dem Zusammenbruch von Hitler noch abgesetzt – auf der Elendsalm in der Nähe des Schliersees aufgetaucht war. Erst zwölf Tage nach Kriegsende durch eine Denunziation in die Hände von Militärpolizisten gefallen, war er in Miesbach an den örtlichen Chef des Counter-Intelligence-Corps (CIC) gekommen.
„Ich bin Generalmajor Gehlen“, hatte er sich dem Captain Marian E. Porter vorgestellt. „Der Chef der ,Abteilung Fremde-Heere-Ost‘ im deutschen Oberkommando des Heeres.“
„Sie waren es, General“, hatte der CIC-Offizier erwidert und den Untergrundchef wie einen gewöhnlichen „Prisoner of war“ wegschaffen lassen.
Aber Gehlen kam wieder nach oben. Er ließ später seine versteckten Stahlkoffer ausgraben und überzeugte die olivgrünen Besatzer von seiner Wichtigkeit. Bald nannte ihn der greise Bundeskanzler „seinen lieben General“. Nach den Gründerjahren bezeichneten nicht nur die bezahlten Hofschreiber des Ex-Generals die Gehlen-Organisation als besten Geheimdienst der Welt, wenn es um Informationen hinter dem Eisernen Vorhang ging.
Der amerikanische Geheimdienst (CIA) gab unumwunden zu, daß 70 Prozent aller Informationen über die Sowjetunion und ihren ostdeutschen Satelliten, die in Washingtons Pentagon eingingen, aus Pullach stammten. Der Secret-Intelligence-Service der Engländer (SIS), der französische SDECE und sogar Israels MOSSAD sahen im Bundesnachrichtendienst eine Monopoleinrichtung für Ost-Informationen. Und auf seine Weise zollte sogar das sowjetische KGB Gehlens Männern Respekt.
Von Pullach aus gingen über General, Bezirks- und Untervertretungen, über Residenturen und Filialen subversive Fäden in alle Welt, von hier wurden Tausende von Menschen und Millionen-Summen dirigiert. Mit dreieinhalb Millionen Dollar war die ORG als Erfüllungsgehilfin der Amerikaner gestartet, gestützt auf ein Abkommen, daß die Dienstherren nichts von ihren Nescafé- und Chesterfield-Spionen erwarteten, was gegen die deutschen Belange verstieße, wobei freilich ausschließlich General Gehlen definierte, was deutsche Belange seien: Deutsch war, in dieser Zeit, was Pullach nutzte und den Sowjets schadete.
Aus den Carepaket-Stipendiaten waren vierzehn Jahre später Bundesbeamte geworden, im Range von Inspektoren, Regierungsräten, Oberregierungsräten, Regierungsdirektoren, Ministerialräten und noch höher; aus einem Zehn-Millionen-Etat ein Hundert-Millionen-Bedarf, der wuchs und wuchs und wuchs. Aus ein paar hundert Idealisten und Desperados, arbeitslosen Generalstabsoffizieren und Verlegenheitszivilisten Tausende von Mitarbeitern, unter ihnen jetzt auch erstklassige Wissenschaftler und Techniker. Die erste elektronische Datenbank, die je bei einer deutschen Behörde installiert wurde, registrierte in Pullach Freund und Feind und half mit Lichtgeschwindigkeit den Spionen mit Pensionsberechtigung.
Pullach saß mit an Moskaus rundem Tisch, wenn das sowjetische Politbüro seine geheime Langzeitpolitik festlegte. Als Chefsekretärin des DDR-Ministerpräsidenten hatte eine Agentin Pullachs jahrelang streng vertrauliche Anweisungen mitstenografiert und jeweils noch am selben Tag in den Westen weitergeleitet. Zu den Gehlen-Agenten war ein stellvertretender DDR-Ministerpräsident ebenso gestoßen wie die rechte Hand des Sabotage-Spezialisten Wollweber und der auf einer Agentenschule in Moskau ausgebildete Oberstleutnant der Nationalen Volksarmee Dombrowski, der um die Weihnachtszeit vorletzten Jahres mit zwei Koffern Geheimmaterial in den Westen geflüchtet war. Ein immenser Erfolg: Der Überläufer machte es möglich, Dutzende von in Westdeutschland operierenden Stasi-Agenten zu verhaften.
Seitdem freilich war der Teufel von der Kette. Untergrund-Operationen auf dem Staatsgebiet der DDR waren von SSD-Männern meist schon im Ansatz zerschlagen worden. Topagenten der zum Bundesnachrichtendienst (BND) avancierten ORG, die seit Kriegsende erfolgreich hinter dem Eisernen Vorhang gearbeitet hatten, wurden enttarnt oder mußten zurückgezogen werden.
Pullachs Sendboten waren im roten deutschen Osten bei der Verhaftung erschossen, bei der Vernehmung umgedreht worden, hatten sich nach verschärften Verhören in Haft selbst getötet oder saßen zu lebenslänglichen Strafen verurteilt in der Strafanstalt Bautzen. Jedenfalls wies Pullach zur Zeit mehr Versorgungsfälle auf als Erfolge vor. Jedem der Anwesenden im Chefbüro hatte sich der Verdacht schon einmal aufgedrängt, der von Dennert heute erstmals laut und pöbelhaft ausgesprochen worden war.
Der General kam nach der unerfreulichen Abschweifung wieder zur Sache. Er warf einen Blick auf die Unterlage, die ihm der tüchtige Grosse übergeben hatte. „Die Zahlen sind überprüft?“ fragte er.
„Mehrfach“, erwiderte der Referent. „Zur Zeit hat sich die Zahl der Republikflüchtlinge von täglich vierhundert auf fünfzehnhundert erhöht. Hier handelt es sich um offizielle Angaben ohne Berücksichtigung der Dunkelziffer. Nach unseren Erfahrungen kommt zunächst jeder dritte von drüben bei westlichen Verwandten unter und läßt sich erst später registrieren.“
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