Einen Moment lang stand ich wie gelähmt unter den Gaffern, aber ich verlor die Nerven nicht. Ein eiliger Rückzug wäre jetzt nur auffällig gewesen. Immer neue Zaungäste der Sensation strömten herbei, liefen von allen Seiten zusammen, mühselig von den Vopos gebändigt.
„Auseinander, Leute!“ sagte einer der Uniformierten. „Hier gibt’s gar nichts zu sehen.“ Er fuchtelte mit den Armen, aber keiner der Passanten wich zurück, obwohl sonst in Ostdeutschland der Respekt vor der Polizei groß ist. Die Vopos schwammen hier gegen den Strom. Jedenfalls war die Neugier noch kein Republikflüchtling. „Eine Familientragödie“, bequemte sich einer der Polizisten schließlich zu einer Erklärung, „nichts weiter.“
So konnte man es auch nennen, und ich fragte mich in diesem Moment, ob ich schon einmal eine ehrlichere Lüge gehört hätte. Sie deckten den Toten zu und bargen ihn kurze Zeit später in einer Blechwanne. Arbeiter der Straßenreinigung trockneten mit Sägespänen die Blutlache und fegten die Aufschlagstelle wieder sauber.
So sah der Start des Unternehmens „Flyaway“ aus, und die erste Stufe war verlaufen wie der abgeschmackte Witz: Operation gelungen, Patient tot.
Was die Volkspolizei nicht schaffte, erreichte der Regen; er trieb den Menschenauflauf auseinander. Ich ließ mich in einer Passantengruppe zum Parkplatz spülen, postierte mich wie auf der Flucht vor der Nässe unter einem Vordach und ging erst an den „Trabant“ heran, als ich sicher sein konnte, daß ihn keiner beobachtete.
Ich sah niemanden, der sich für mein Auto interessierte.
Ich stieg ein, fuhr los, diesmal sorgfältig darauf bedacht, mich nicht zu verfahren. Ohnedies ist es leichter, eine fremde Stadt zu verlassen, als sich in ihr zurechtzufinden.
Der Mann, den wir Paul Metzler nannten und der natürlich ganz anders hieß, war rehabilitiert – um einen furchtbaren Preis, ob er nun in einer Kurzschlußhandlung oder bewußt aus dem Fenster gesprungen war. Es war die brutalste und sauberste Lösung: Die Stasi-Männer konnten ihn nicht mehr vernehmen, nicht mehr quälen, nicht nach Bautzen schaffen oder ihn mit einem Lockangebot „umdrehen“.
Ich war zugleich erleichtert wie schockiert, ich schmeckte Blut statt Speichel in meinem Mund.
Der „Trabant“ hatte die Ausfahrtstraße erreicht. Ich fuhr auf den Zubringer zur Autobahn München-Berlin. Die Interzonenstrecke war zwar am schärfsten bewacht, aber auf ihr würde man mich am wenigsten vermuten, so man mich suchte.
Wurde ich bereits gesucht?
Es hing davon ab, ob die beiden Ledermäntel den Fall Metzler gründlich untersuchten. Es war klar, daß ihre Dienststellen den Gehlen-Mann lieber lebend gegriffen hätten als tot. Ich mußte damit rechnen, daß die Vorgesetzten der beiden Ledermäntel peinliche Fragen stellten und auf einer gründlichen Untersuchung bestanden. In diesem Fall würde der Staatssicherheitsdienst schnell erfahren, daß ein Mann namens Fritz Stenglein fast gleichzeitig mit dem verunglückten Liebhaber im Hotel aufgetaucht war, im Nachbarzimmer gewohnt und kein Reisegepäck bei sich gehabt hatte. Interessierten sie sich näher für den angeblichen SED-Funktionär, würden sie über das Ticket bei der „Interflug“ darauf stoßen, daß Stenglein nicht aus Hoyerswerda, sondern aus Berlin-Ost angereist war. Spätestens jetzt würden sie herausfinden, daß der echte Parteisekretär zur Zeit in Bulgarien weilte.
Das mußte sie wild machen, denn es röche nach Profi-Arbeit, und es wäre ihnen nunmehr bekannt, daß der BND-Agent in seinen letzten Stunden einen „Schwanz“ gehabt hatte, der nicht von der DDR-Spionagezentrale in der Normannenstraße 22 in Berlin-Lichtenberg angehängt worden war.
Ich ging die Einzelheiten noch einmal durch. Die Zusammenhänge klangen ein wenig konstruiert, aber auf solcherlei Dinge verstanden sich die SSD-Leute so, daß sie diese noch im Schlaf beherrschten. Wenn sie den Kellner und den Rezeptionisten ordentlich durch die Mangel drehten, müßte ohnedies mein Stuyvesant-Trick auffallen, und von da an würden sie hinter mir her sein wie Hunde hinter den falschen Hasen.
Vorsicht empfahl sich, ob es nun der Fall war oder nicht. Ich mußte mich genau auf gegenteilige Weise nach Westen durchschlagen, als sie annehmen würden. Im August 1961 gab es noch keine hermetisch abgeriegelte Grenze, keine Todesstreifen, keine Selbstschußanlagen, keine als Schußfelder genutzten Kahlflächen. Wenn einem Flüchtling in Leipzig der Boden zu heiß wurde, würde er den kürzesten Weg zur Grünen Grenze einschlagen und sich im Interzonengebiet nach Bayern oder Hessen absetzen. Nach Berlin führe zur Zeit nur ein Tölpel, denn jeder Ostdeutsche wußte in diesen Tagen, daß die DDR-Hauptstadt, um die Massenflucht einzudämmen, militärisch völlig abgeriegelt war. Im Grenzgebiet konnte man kontrolliert, beim Betreten der Regierungsstadt mußte man es werden.
Also würde man mich dort wohl am wenigsten vermuten, und das hieß für mich: Auf nach Berlin, und dann nichts wie weg in den dekadenten Westen.
Ich rechnete die Zeit zusammen, die sie benötigen würden, um auf die Zusammenhänge zu kommen – falls sie gerissen genug wären –, und stellte fest, daß es für mich noch keinen Grund zur Panik gab. Bis sie gezielt hinter mir her wären, würden sie meiner Rechnung nach noch mindestens zwei Tage brauchen. Wenn ich bis dahin den „fortschrittlichen Teil Deutschlands“ – wie ihre Propaganda tönte – noch nicht verlassen hätte, würde ich das voraussichtlich nie mehr schaffen.
Ich passierte das Schkeuditzer-Kreuz, ließ den Flugplatz, auf dem ich gelandet war, hinter mir und bog bei der nächsten Ausfahrt auf die Landstraße nach Bitterfeld ab und zuckelte in Richtung Wittenberg weiter. Ich passierte eine idyllische Landschaft, Wiesen, Wälder, einen See. Ich hielt an, in der Art eines Mannes, der austreten und wickelte den Funktionärsausweis Fritz Stenglein mit einem Stein in ein Taschentuch und schleuderte ihn in den See. Die Wellenringe wurden immer größer und die Gefahr immer kleiner. Ich zog die Lederjacke aus und verfuhr mit ihr genauso, nur daß ich einen größeren Stein benötigte. Es war schade um das schöne Stück mit der eingenähten Inschrift „HO-Berlin“. Aber an einen Lumberjack konnte man sich erinnern, weniger jedoch an einen grauen Sommerpullover, den ich darunter getragen hatte. Nach den Regeln des Untergrunds hätte ich Stengleins Ausweis verbrennen müssen, aber falls das Dokument überhaupt je gefunden würde, wäre es durch das Wasser unleserlich geworden.
Als ich weiterfuhr, war ich kein Parteifunktionär aus Hoyerswerda mehr, sondern der DDR-Bürger Martin Lange, laut Ausweis mit festem Wohnsitz in Berlin, Friedrichstraße. So würde ich von den abriegelnden Soldaten nicht aufgehalten werden. Mit ein paar Handgriffen hatte ich mein Gesicht dem Paßfoto angepaßt: leicht getönte Brille, ein aufgeklebtes Bärtchen auf der Oberlippe und einen volleren Gesichtsausdruck mit Hilfe von zwei in die Backenseiten geklemmten Hartgummiplatten. Sie störten freilich beim Sprechen, aber ich hatte trainiert, mich trotz Sprachfehler verständlich zu machen.
Die Zulassung des „Trabant“ war echt, und es war anzunehmen, daß sich der rechtmäßige Nutznießer gestern oder vorgestern in die Bundesrepublik abgesetzt hatte. In diesen Wochen war es verhältnismäßig leicht, sich für Ostgeld ein Auto zu kaufen. Mit dem Wagen gelangte man nur in Ausnahmefällen in den Westen: Auto, Wohnung, Möbel, Hund, Kanarienvogel und das Grab der Eltern blieben zurück, wenn man zum Beispiel in Leipzig in den D-Zug nach Rostock stieg, bei der Kontrolle vor Berlin seine Fahrkarte als Beweis für den Transit-Verkehr zückte und dann ausstieg, um mittels S-Bahn in eine besitzlose Freiheit weiterzurollen.
Ich bin Amerikaner, aber ich war als Deutscher zur Welt gekommen, und so empfinde ich die Tragödie der deutschen Zweiteilung stärker als meine neuen Landsleute. Ich war in Berlin aufgewachsen und dann nach 1945 von dem berühmten Onkel in Amerika in die Staaten geholt worden. Im meiner Heimat hielt mich nichts mehr: Mein Vater war gefallen, meine Mutter und mein jüngerer Bruder sind bei einem Luftangriff von einer Bombe erschlagen worden.
Die Sowjets hatten ihre Westgrenze um vier Fünftel näher nach Europa hineingetrieben. Wenn Stalin wollte, konnten seine Panzer ungehindert bis zum Atlantik durchbrechen. Jedenfalls hatte ich schwarz für Europa gesehen, und so wurde ich einer der ersten deutschen Auswanderer, die, zusammen mit ein paar GI-Bräuten aus Germany, damals noch mit einer viermotorigen Propellermaschine, in die Staaten ausflogen. Noch bevor ich die US-Staatsbürgerschaft erhielt, wurde ich als Marineinfanterist nach Korea geschickt. Der Krieg, dem ich in Europa hatte ausweichen wollen, holte mich in Fernost ein.
Ich fluchte, biß die Zähne zusammen und tat, was zu tun war. Irgendwie fiel ich dabei angenehm auf, denn nach Beendigung des Konflikts am 38. Breitengrad wollte mich die US-Army behalten. Ich erhielt einen US-Paß, wurde zum Captain befördert, wegen meiner Sprachkenntnisse zum Geheimdienst kommandiert und für den Untergrund nach allen Regeln der umstrittenen Kunst gedrillt.
Ich habe mich niemals in diese Branche gedrängt, aber was sein muß, muß sein. Wenn der Osten Tausende von Agenten in den Westen einschleust, kann dieser nicht auf Gegenmaßnahmen verzichten. Ich wollte nicht eines Tages wieder unfreiwillig am Yalu oder das nächste Mal vielleicht sogar am Rhein oder Main kämpfen müssen. Das würde mit Sicherheit geschehen, wenn der Westen der Unterwanderung mit östlichen Agenten tatenlos zusähe.
Man muß die Arbeit im Untergrund so unromantisch und notwendig ansehen wie die Tätigkeit für die Müllabfuhr. Ich tröstete mich damit, daß mein Metier wenigstens nicht so übel röche, obwohl es mitunter doch weit anrüchiger sein kann. Müllabfuhr ist übrigens gut, denn ohnedies sind die meisten Müllwerker in Westdeutschland Gastarbeiter.
Der Colonel und ich – sein junger Mann – waren nach einem Gespräch am Washingtoner Kamin zwischen Präsident Kennedy und Bundeskanzler Adenauer als Leihgabe nach Germany entsandt worden. Mein Chef ist der mysteriöse Colonel mit dem im Untergrund legendären Decknamen „The Joker“, und diese Trumpfkarte spielt man bekanntlich immer dann aus, wenn das Spiel schlecht steht.
Das war zum Beispiel vor kurzem in Kubas Schweinebucht der Fall gewesen. Die Central-Intelligence-Agency hatte so versagt, daß der erboste US-Präsident sie kurzerhand auflösen wollte. Colonel Highmiller, der Joker, hatte in Rekordzeit die Fehlerquelle gesucht, den Laden gesäubert und reorganisiert, in aller Stille und aus dem Hintergrund. Die betroffenen Sündenböcke wußten nicht einmal, wie der Mann hieß, dem sie ihren Sturz verdankten. Seitdem waren der Joker und ich ein Gespann wie Herr und Hund, das heißt, daß der Colonel pfiff und ich apportierte.
Ich sage das ohne Bitternis, denn der Joker war ein grandioser Jagdherr. Er litt so wenig an einer Kreuzzugs-Idee wie ich, und schon gar nicht an der dummen Überheblichkeit vieler Zeitgenossen, die im Osten alles schlecht und im Westen alles gut finden. So einfach liegen die Dinge nicht, aber ich bewertete meinen Job nicht politisch, sondern professionell: Und wer bei der Überlegung eines Autokaufs besonders seine Sicherheit berücksichtigt, tut es schließlich nicht, um mit seiner Neuerwerbung zu verunglücken.
Ich war auf der Hut vor einer Kollision. An einem Tag wie diesem – nach dem Fenstersturz von Leipzig – benahmen sich die Vopos und SSD-Agenten wie aufgescheuchte Hornissen. Ich wußte nicht, ob Metzlers Rotgrüne als Stasi-Agentin die Falle für ihn aufgebaut hatte und wie lange und woher er sie kannte, aber wenn er unvorsichtig gewesen war, würden sie auch auf Deschler kommen, und von Deschler dann auf Megede stoßen.
Hier drohte mir eine weitere Gefahr, denn der kleine Sachse arbeitete gleichzeitig für Pullach und für uns. Trotz peinlicher Geheimhaltung ließ sich nicht ausschließen, daß er bei der Agency Dinge erfahren hatte, die nur drei oder vier Personen in Deutschland bekannt sein sollten: daß Bonn zur Aufdeckung unerklärbarer Ereignisse im Bundesnachrichtendienst die Hilfe von US-Spezialisten aus Washington in Anspruch nahm. Wenn sie Megede gefaßt hätten und ihre verdammten Methoden anwandten, die so brutal sein konnten, daß sie noch Steine zum Reden brachten, wäre ich auch noch von dieser Seite her gesehen in Gefahr. Aber falls Megede überhaupt etwas wußte, hätte er bis jetzt bestimmt noch geschwiegen, es sei denn, er wäre ein Überläufer. Auch damit mußte man rechnen, deshalb arbeiten auch die westlichen Geheimdienste nach des Leipziger Wahlbürgers Lenin Devise: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“
Das Mißtrauen war mir so eingedrillt, daß ich mich gelegentlich beim morgendlichen Rasieren im Spiegel selbst schon schief ansah. Das war natürlich übertrieben, aber sonst hielt ich mich peinlich an die Spielregeln der unsichtbaren Front. Es war die einzige Lebensversicherung, die es für mich gab, mit sehr viel Kleingedrucktem. Von dem „Trabant“ ging keine Gefahr aus, aber ich würde ihn doch kurz vor Berlin stehen lassen und dann sehen, wie ich weiterkäme.
Dicker Regen prasselte gegen die Windschutzscheibe. Von Sommer keine Rede, er war auch schon zur Legende geworden. Ich schaltete das Radio ein, hörte die Nachrichten. Leipzig wurde nicht erwähnt. Ich suchte die von der CIA genutzte subversive Kurzwelle Berlins.
Keine weitere Weisung.
Ich fuhr durch Wittenberg, die Luther-Stadt an der Elbe, die nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem rauchigen Industrierevier geworden war. Ich passierte die Stadtkirche Sankt Marien, in der der Reformator einst gepredigt hatte. Ich entschloß mich, einen kleinen Umweg einzulegen in Richtung Magdeburg. Sicher ist sicher. Kurz vor Erreichen der Bürde fuhr ich in einer hakenförmigen Absatzbewegung über die Landstraße 246-A in Richtung Potsdam weiter.
Ich sah eine große HO-Raststätte, die offensichtlich von Fernlastfahrern genutzt wurde. In einem spontanen Entschluß dirigierte ich den „Trabant“ in eine Parklücke, um ein spätes Frühstück zu mir zu nehmen. Ich stieß auf das obligate Transparent und stellte fest, daß die Mitteilung: Plaste und Elaste aus Schkopau diesmal schiere Erholung war.
Auch „die Zone“ hatte längst ihr Wirtschaftswunder und war dabei, die zehntgrößte Industriemacht der Welt zu werden. Sie hatte es schwerer gehabt als der Westen, weil von den Sowjets alles demontiert worden war, was sich bewegen ließ. Die erste Produktion in den volkseigenen Betrieben (VEB) war entsprechend gewesen. Damals war es vorgekommen, daß die Kühlschränke heizten und die Elektroöfen froren. Aber sechzehn Jahre nach Kriegsschluß hatte sich der Lebensstandard seit der Stunde Null erheblich gebessert. Ich kannte die Verhältnisse bestens, wenn auch bislang nur vom Schreibtisch her. Ich hatte die Produktionszahlen im Kopf, die Schlagkraft der Nationalen Streitkräfte, das Parteichinesisch war mir geläufig, mit seinen unerträglichen Abkürzungen, und ich wußte auch, daß der Staatssicherheitsdienst – im Volksmund Stasi genannt – nach offizieller Angabe über 17 000 feste Mitarbeiter und über 100 000 IM’s (inoffizielle Mitarbeiter) verfügt, wie man die ehrenamtlichen, wenn auch nicht ehrenwerten Spitzel nennt.
Sicher waren die Menschen in der DDR meistens schlechter angezogen als ihre Landsleute im Westen und wirkten eher satt als übersättigt, aber wenn sie nicht über das Wetter wetterten oder über ihre Regierung, dann kamen die gleichen Sorgen, Nöte, Freuden und Hoffnungen zum Vorschein wie überall auf der Welt, auch wenn politisch Welten zwischen Ost und West liegen. Beim Betreten der HO-Raststätte hörte ich wieder den Witz über den Unterschied – „Im Kapitalismus beutet der Mensch den Menschen aus, im Sozialismus ist es genau umgekehrt“, sagte der Fernfahrer lachend zu seinem Kumpel.
Der schmucklose Raum war voll besetzt. Schmutzige Tischdecken, fettes, aber geschmackloses Essen, das die Propaganda-Bekundungen zu bestätigen schien, die DDR-Bürger verzehrten mehr Butter als die Bundesbürger. Das mochte stimmen – aber deswegen war im Osten noch lange nicht alles in Butter.
Ich ließ mein Auge eine Weile durch den Raum schweifen, endlich fand ich einen Platz.
Dann wartete ich auf den Kellner. Ich wartete lange. DDR-Kellner sind notorisch mürrisch, denn die Abschaffung des Trinkgeldes gehörte zu den sozialistischen Errungenschaften und war doch nur eine Ausrede für Geizkrägen, denn Trinkgelder wurden auch weiterhin gegeben und genommen, selbst von Kellnern mit dem SED-Partei-Abzeichen.
Der Ober pflügte sich endlich heran. Er hatte seinen Daumen tief in meiner Terrine und trug eine speckige Jacke, alles in allem ein nicht gerade appetitanregender Anblick.
„Junge, Junge“, sagte einer der Blaukittel, die am Tisch saßen, „deine Montur mußt du auch mal wieder teeren lassen, damit das Weiße nicht rausschaut.“ Er tippte sich an die Stirne: „Weltniveau“, spottete er.
„Beschweren Sie sich beim Objektleiter, wenn Ihnen etwas nicht paßt“, erwiderte der Kellner pampig.
„Und nehmen Sie den Daumen aus meiner Brühe“, schaltete ich mich ein.
„Mensch, Kumpel“, wandte sich der Mann am Tisch lachend an mich, „sei doch froh, haste wenigstens ’nen Brocken Fleisch drin.“
Sie lachten dröhnend. Dann wurde das Radio laut aufgedreht. Radio DDR sendete Nachrichten. Nach den ersten Worten wußte ich, daß der fade Erbseneintopf, der vor mir dampfte, doch noch gewürzt würde.
„Berlin“, sagte der Sprecher mit gehobener Stimme. „Sicherheitskräften des Ministeriums für Staatssicherheitsdienst ist es heute im schlagartigen Zugriff wiederum gelungen, einen imperialistischen Agentenring zu zerschlagen. Drei Spione der Gehlen-Organisation wurden verhaftet; einer von ihnen ist in Leipzig bei einem Schußwechsel bei der Festnahme ums Leben gekommen.“ Nach einer Kunstpause setzte der Sprecher mit schmetternder Stimme hinzu: „Zur Stunde läuft auf dem gesamten Hoheitsgebiet der Deutschen Demokratischen Republik eine Sonderfahndung nach den Hintermännern der faschistischen Provokateure an, an der Tausende von Beamten der Volkspolizei teilnehmen. Gesucht wird ein weiterer Gehlen-Spion, der sich für den DDR-Bürger Fritz Stenglein ausgibt. Dieser Mann ist etwa fünfunddreißig Jahre alt, einen Meter achtzig groß. Er hat ein glattes Gesicht, gescheitelte Haare und blaue Augen. Er spricht Schriftdeutsch mit Berliner Akzent, trägt eine braune Lederjacke zur grünen Hose. Hinweise nimmt jede Dienststelle der Volkspolizei oder direkt das Ministerium für Staatssicherheit entgegen.“
Die Schrecksekunde hatte ich mir wegtrainiert, die Jacke gewechselt, das Aussehen verändert. Der braune Lumberjack ruhte mit Stengleins Ausweis auf dem Grunde eines idyllischen Waldsees; ich trug jetzt einen grauen Pullover. Ich bin nur einen Meter achtundsiebzig, und meine Augen sind grau und nicht blau – aber das ändert nichts an der Tatsache, daß der Weg nach Berlin noch weit war und daß ich mich quer durch Vopos- und SSD-Streifen kämpfen mußte. Einen Moment lang hatte ich den Eindruck, alle im Saal würden mich anstarren. Ich befürchtete, daß sich auf meiner Stirn Schweißtropfen bilden würden – es war natürlich purer Nonsens.
„Diese Faschistenschweine“, sagte der Arbeiter, der mir gegenübersaß.
„Aber jetzt sind sie arme Hunde“, warf sein Kumpel mit einem Achselzucken ein.
„Geschieht ihnen ganz recht“, erwiderte der Blaukittel. „Die haben bei uns nichts zu suchen.“
„Und was ist mit den Leuten, die wir nach drüben schicken?“ fragte sein Widerpart.
„Das sind keine Agenten“, beendete der Arbeiter den Dialog. „Das sind verdiente sozialistische Kundschafter.“
Sie lachten beide schallend, und andere schlossen sich an. Es war die übliche DDR-Konversation, die offen ließ, ob die Teilnehmer sie ernst meinten oder ihren Staat veralberten. Ich nutzte das Gelächter, um mich nach draußen zu schieben.
Ich fing den Kellner ab, bezahlte im Stehen, quälte mich durch das Gedränge und lief prompt am Ausgang der Vopo-Streife in die Arme.
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