Читать книгу «Heißes Geld» онлайн полностью📖 — Will Berthold — MyBook.

Ihr Triumph verging rasch. Sie dachte an den braunen Koffer, den er ihr als Fluchtgepäck anvertraut hatte: Nur deswegen ist er zu dir gekommen, spürte sie. Horst schien sich nicht daran zu erinnern. Er plauderte über nebensächliche Dinge, schärfte ihr Verschwiegenheit ein, und obwohl die Verfolger einen hohen Preis auf seinen Kopf gesetzt hatten, brachte er es fertig, sich niederzulegen und für ein paar Stunden zu schlafen. Er hatte Nerven, um die ihn ein Testpilot beneiden konnte.

Als er wieder aufwachte, fragte er: »Sag mal, Hannelore, hast du etwas von unserem Jungen gehört?«

»Ja«, erwiderte sie, und verbittert, daß er sie erst jetzt danach fragte, fuhr sie mit rauher Stimme fort: »Er ist tot. Gefallen in den letzten Tagen von Berlin.«

Es hatte ihn schwer getroffen. Sein Gesicht zuckte. Sie hatte Horst noch nie weinen gesehen. Daß ihm jetzt die Tränen kamen und er vorübergehend Flucht und Fluchtgepäck vergaß, rechnete sie ihm hoch an, so wie ihr jetzt die Art und Weise leid tat, in der sie ihm, noch dazu in seiner Situation, die Hiobsbotschaft überbracht hatte. Der Mann, dem einer der verwegensten Ausbrüche gelungen war, die es je gegeben hatte, der große Linsenbusch war ganz kleinlaut, fix und fertig. Sie mußte ihn daran erinnern, daß er auf der Flucht war und man ihn weiterhetzen würde.

Dann kam wieder ein Stück vom alten Horst durch. Fast übergangslos war er wieder kalt, zynisch, selbstherrlich. Er stand vor dem Spiegel in der Küche und rasierte sich. Er wölbte den Mund und schien sich nur um die flaumigen Härchen der Unterlippe zu kümmern, die der Klinge beim ersten Versuch entgangen waren. Hannelore stand neben ihm. Schweigend.

»Gib mir jetzt bitte den braunen Koffer«, sagte er.

»Der ist damals bei der Übersiedlung leider verlorengegangen«, erwiderte sie in spontaner Eingebung.

Er fuhr herum. Er grinste nicht mehr wölfisch, die Arroganz war abgeblättert wie brüchige Tünche. Mit seinen Augen tötete er sie – zum erstenmal. Bevor Horst begann, mit den Fäusten auf sie einzuschlagen, beschwichtigte ihn Hannelore hastig: »Reg dich nicht auf. Der Koffer ist natürlich da.«

Er atmete schwer und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Seine Beherrschung kehrte in Raten zurück. Er begann sich wieder zu rasieren. Seine zitternde Hand verfehlte weiterhin die flaumigen Haare. »Es ist wirklich keine Zeit zu üblen Scherzen«, brummelte er. »Mein Leben hängt von diesem Koffer ab.« Er drehte sich zu ihr um. »Kennst du seinen Inhalt?« fragte er so beiläufig wie möglich.

»Natürlich«, antwortete sie und lächelte böse: »Herr Nareike, nicht wahr? Ich weiß, wie du künftig heißen wirst, auch wenn du für mich natürlich nach wie vor Horst bleibst.« In ihren Worten lag mehr Zorn als Drohung. Erst an seiner Miene erkannte Hannelore, wie sehr ihr Mann von nun an auf sie angewiesen wäre, wenn er in seiner neuen Haut unerkannt bleiben wollte. Er verfügte jetzt wieder über Papiere, einen Paß, einen Geburtsschein aus einem Ort südöstlich Breslaus, von dem die Russen nur Reste hatten stehen lassen, die jetzt den Polen gehörten. »Wer ist dieser Nareike?« fragte sie.

»Ein Glücksfall«, antwortete Horst. »Habe ihn lange genug gesucht: Mein Alter, meine Größe, meine Herkunft, eine gewisse Ähnlichkeit, und er war sogar bei der SS.«

»Spielt das denn eine Rolle?« fragte sie.

»Und ob«, antwortete er. »Denk doch an dieses Kainszeichen.« Horst meinte die Blutgruppenkennzeichnung, die den Männern des Schwarzen Ordens so auf die Haut geschrieben worden war, daß sie sich nachträglich nicht mehr entfernen ließ, es sei denn mit der Haut zusammen: »Es könnte ja sonst einer an Nareikes Identität zweifeln.« Er grinste.

»Der Mann ist tot?«

»Gründlich. Darauf kannst du dich verlassen«, versetzte er. »Beileidsbekundungen gibt es auch nicht. Keine Verwandte, keine Freunde – eigentlich hat mein Alter ego genauso zurückgezogen gelebt wie ich.«

»Bis auf die Blondinen …«, erwiderte Hannelore spitz.

»Täusch dich nicht«, versetzte er grinsend. »Ein paar Weibergeschichten hatte auch dieser Nareike am Buckel.«

»Dann ist die neue Identität ja wie maßgeschneidert für dich.«

»Ganz klar«, entgegnete er. »Soll sie ja wohl auch sein.« Er schlüpfte in die Zivilkleider und umarmte Hannelore flüchtig, aber für Zärtlichkeit war nun wirklich keine Zeit.

»Und wie geht das weiter – mit uns?« fragte sie.

»Ich werde mich um dich kümmern«, versprach er. »Sobald es geht.«

»Wie nett von dir«, antwortete sie.

Er hörte ihren Unterton von Spott heraus: »Reiß dich am Riemen«, fuhr er sie an. »Und nun hör gut zu«, sagte Horst und trichterte ihr die Regeln ein, nach denen sie künftig leben müßte, falls sie wünschte, daß ihr Mann am Leben bliebe und sie ihn wiedersähe.

Hannelore sah ihm nach und überlegte, was sie mit einem machen würden, der einen US-Captain auf der Flucht erschossen hatte. Die anderen Dinge, die sie Horst vorwarfen, hielt sie für Unsinn, für die Rache eines gedemütigten Mitarbeiters, es war wohl der Preis, den Horst für seine Arroganz und Selbstherrlichkeit zu bezahlen hatte. Obwohl sie seinen Egoismus kannte, bestätigte sie sich tapfer, daß ein widerwärtiger Schürzenjäger noch lange kein krimineller Menschenhändler sei. Seit Hannelore verheiratet war, war sie durch alle Höhen und Tiefen einer Haß-Liebe gegangen, aber je weiter sich der Flüchtige jetzt von ihr entfernte, desto größer wurde die Liebe und desto kleiner der Haß. Sie sagte sich, daß ein Zusammentreffen unter diesen Umständen gar nicht anders verlaufen konnte, und daß sie hier auf dem Lande lebte, völlig unangefochten, unter falschem und doch amtlichem Namen, und das als Tochter des Reichsleiters Dannemann und Ehefrau des Wehrwirtschaftsführers Linsenbusch, das verdankte sie ausschließlich Horst. Andere Frauen Prominenter wären in ihrer Lage ins Interniertenlager gekommen, das ihr – dank Horsts Fürsorge – erspart geblieben war. Hannelore hielt das auch für gerecht, denn eigentlich war sie immer unpolitisch gewesen, auch wenn sie immer an den Führer geglaubt hatte. Vielleicht glaubte sie auch heute noch an ihn, aber sie wollte nichts mehr davon hören, nichts über ihn und nichts über die Untaten, die man ihm seit Kriegsende vorwarf.

Hannelore las keine Zeitung. Sie sprach kaum mit einem Dorfbewohner, und über die Zeitläufe schon gar nicht. Ab und zu schaltete sie das Radio ein, um wenigstens eine Stimme zu hören, die die Einsamkeit mit ihr teilte. Plötzlich sagte der Nachrichtensprecher: »Heute morgen wurden folgende, von US-Militär-Gerichten zum Tode verurteilten Häftlinge in Landsberg gehängt …«

Sie horchte angespannt, bangte, bei jeder Nennung Horsts Namen zu hören, fürchtete, daß er hingerichtet und sie ihn nie mehr wiedersehen würde – und das nach einem so kühlen Abschied. Von nun an saß sie täglich am Radio und hörte bestürzt die Morgennachrichten. Eine Zeitlang war sie sogar versucht, sich zu stellen und ihren richtigen Namen zu gestehen, und dafür das Recht einzutauschen, Horst noch einmal zu sehen, bevor sie ihn hängten. Aber vielleicht hatten ihn die Amerikaner gar nicht wieder gefaßt.

Die Exekutionen von Landsberg gingen weiter. Der Sprecher nannte noch viele Namen – aber seine Frau erhielt das erste Überlebenszeichen von Horst beziehungsweise Werner. Freiwillig oder nicht: Er hatte Wort gehalten, hatte sich nach ein paar Monaten aus Westdeutschland gemeldet. Er ließ ihr Geld zukommen, nicht viel, doch allmählich immer mehr. Hannelore wußte, daß er nicht kleinlich, sondern nur vorsichtig war. Geiz war nicht seine Schwäche; er hatte schlimmere, und sie durfte ohnedies, um nicht aufzufallen, das Geld nur heimlich ausgeben, bis sie wieder an ihr mütterliches Erbe herankäme.

»Bedanke mich, Herr Kollege«, sagte Amtsrichter Dr. Kleinwacht, legte auf und sah, daß die Besucherin hochschreckte: »Also, Frau Linsenbusch«, wandte er sich an die Besucherin, offensichtlich erleichtert, daß er sie nicht mit bürokratischen Schikanen traktieren mußte: »Die Staatsanwaltschaft hat bis jetzt keine Einwände erhoben. Wir werden in den nächsten Tagen die Akten zurückerhalten. Ich denke, daß das erste Aufgebot in der Verschollenheitsliste des ›Bundesanzeigers‹ vielleicht schon in einer der nächsten Ausgaben stehen kann.«

Er stand auf und wunderte sich, daß sich die Besucherin kaum bedankte, aber Hannelore Linsenbusch war zerstreut, denn sie rechnete, überprüfte das Resultat und addierte noch einmal: Juni, Juli, August, dann wäre die Einspruchsfrist vorbei. Sie wußte, daß ihr ein heißer Sommer bevorstand.

Immer wieder hatte Nareike diese Szene als Alptraum erlebt. Er goß sich vor den Augen des Ersten Staatsanwalts Dr. Frischmuth und des ihn begleitenden Kriminalkommissars rasch noch einen »Rémy« ein und kippte den Schnaps hinunter, als sei es der letzte in seinem Leben oder zumindest für lange Zeit: »Haftbefehl?« fragte er mit taumelnder Stimme.

»Ja. Ausgestellt vom Landgericht Essen.«

Der Beamte reichte ihm das Schreiben.

Nareike starrte es an, unfähig zu lesen. Die Wörter zerbrökkelten vor seinen Augen wie die Dollarmillion, wie Sabine und alle weiteren Pläne: Aus, vorbei, vergebens, zu spät, gescheitert!

»Ich nehme an, es ist auch in Ihrem Intersse, Herr Nareike«, sagte der Staatsanwalt, »die Sache so unauffällig wie möglich über die Bühne zu ziehen.«

Der Bevollmächtigte von Müller & Sohn nickte mit steifem Nacken. Er spürte seinen Halswirbel, als wäre er wieder in Landsberg. Ob er hier nun Spießruten liefe oder nicht, wäre letztlich unwichtig. Sein Mund war trocken, und doch schmeckte sein Speichel nach Seife. Es kam vom Cognac. Er merkte, wie das Blut in seinen Schädel strömte, wie sein Kopf schwoll und schwoll, so sehr, als würde er gleich platzen. Er wollte trotz allem keine schlechte Figur machen. Er sah wieder auf den Haftbefehl, merkte, daß sich die Buchstaben langsamer drehten, schließlich stehenblieben, seltsam aneinandergelehnt, als müßten sie sich stützen, während sie sich zu Worten, Sätzen und Begriffen formten.

Ohne Begreifen, blieb er an einem Namen hängen: Erich Pribke.

»Kenn ich nicht«, sagte er. »Nie gehört.«

»Das wundert mich nicht«, antwortete Dr. Frischmuth geduldig: »So heißt der Mann, den wir suchen, tatsächlich.« Es erstaunte ihn doch, daß ein Manager in einer solchen Position so langsam begriff. »Ist Ihnen nicht gut?« fragte er.

»Doch, doch …«

»Erwin Brill ist nur der Name, den sich der Gesuchte zugelegt hat.«

»Wie ist denn so etwas überhaupt möglich?« fragte Nareike, der es am besten wissen müßte. Der Stau in seinem Kopf hatte sich aufgelöst. Seine Reaktionsfähigkeit war zurückgekehrt. »Nehmen Sie doch Platz, meine Herren.« Er tippte sich an den Kopf. »Ich bitte Sie, meine Unhöflichkeit zu entschuldigen, aber ihre Eröffnung hat mich so überrumpelt, daß …«

»Tut mir leid«, erwiderte der Kriminalkommissar. »Wir hätten es Ihnen gern erspart, aber durch unsere Ermittlungen sind wir in den letzten Tagen so in die Nähe des Angeschuldigten gekommen, daß Gefahr in Verzug bestand.« Er sah Nareike an. »Fluchtgefahr.«

»Was liegt gegen Brill oder Pribke eigentlich vor?«

»Mord beziehungsweise Beihilfe zum Mord in bis zu 30000 Fällen«, antwortete Dr. Frischmuth. »Der Mann war mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine Zeitlang als SS-Hauptsturmführer stellvertretender Kommandant des KZ Bergen-Belsen.«

»Unser Brill?« rief er schwerelos wie ein Schluckspecht im ersten Stadium. Er lachte, rauh und häßlich: »Erwin Brill, der Bückling?« Er wollte sein Gelächter unterdrücken und fiel in einen Hustenkrampf.

»Ich kann das wirklich nicht so lustig finden«, erwiderte der Erste Staatsanwalt pikiert.

»Natürlich nicht«, entgegnete Nareike und entschuldigte sich ein zweites Mal. »Ich hätte nur eine Bitte: Können wir die Festnahme unauffällig regeln und so weit wie möglich gegenüber der Öffentlichkeit abdichten?«

»Das liegt auch auf unserer Linie«, versicherte der Kriminalkommissar. »Wer hat eigentlich Pribke als Personalchef eingestellt?« fragte er dann.

»Der alte Müller, unser Firmengründer, persönlich. Aber sicher im guten Glauben, dafür verbürge ich mich.«

Der Kriminalkommissar erwiderte nichts.

»Brill hatte ausgezeichnete Referenzen von anderen Firmen.«

Ihrem Gesicht nach verglichen die beiden Beamten sie offensichtlich mit den Referenzen aus Bergen-Belsen.

Nareike ging in sein Vorzimmer: »Holen Sie Herrn Brill, Sabine«, bat er. »Er möchte sofort hierherkommen, auch wenn er in einer Besprechung ist.« Er sah sie an wie ein aus der Narkose erwachter Patient, begreifend, daß sein Herz die Operation durchgestanden hat, ein schneller Rekonvaleszent. »Und bitte kein Wort über die Sache im Betrieb.«

Die Blondine nickte, sie hatte längst begriffen, daß etwas Außergewöhnliches vorgefallen sein mußte.

»Wie sind Sie auf ihn gekommen?« fragte Nareike die Beamten.

»Die Zentralstelle in Ludwigsburg«, antwortete Dr. Frischmuth, »bringt seit drei Jahren endlich System in die Ermittlungen.«

»Ziemlich spät«, entgegnete Nareike.

»Allerdings«, erwiderte der Staatsanwalt. »Aber dafür gründlich – und vielleicht doch nicht zu spät.«

»Darf ich den Herren einen Drink …«

»Ein andermal gerne«, antwortete der Beamte. »Jetzt ist wohl nicht der richtige Zeitpunkt dafür.«

Auch Nareike verzichtete; es fiel ihm schwer.

Dann kam Brill, grüßte höflich und stumm, wirkte wie immer, eine Spur zu beflissen, wie zum Sprung bereit, um seine Tüchtigkeit vorzuführen.

»Mensch, Brill«, riß Nareike das Gespräch an sich. »Entschuldigen Sie, meine Herren, bevor Sie in Ihre Amtshandlung eintreten, möchte ich in meiner Eigenschaft als Generalbevollmächtigter dieses Hauses unserem bisherigen Personalchef eine Frage vorlegen.«

Der Kommissar wollte es verhindern, aber Dr. Frischmuth gab ihm einen Wink, Nareike weitersprechen zu lassen.

»Heißen Sie Brill oder Pribke?«

Der Personalchef war nicht mehr beflissen. Er wirkte seltsam starr, gelähmt von einer Platzangst, auch seine Stimme hatte sich verloren.

»Brill«, sagte Nareike eindringlich. »Es interessiert mich einen Dreck, was Sie in Bergen-Belsen gemacht haben oder auch nicht. Das ist keine Angelegenheit unserer Firma. Sie waren hier Personalchef, zuständig für mehr als tausend Mitarbeiter, Sie haben die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, Müller & Sohn nicht in Ihre Scheißvergangenheit hineinzuziehen. Mein Vorschlag: Sie sagen jetzt die Wahrheit. Die Herren nehmen Sie mit, und ich erfinde eine provisorische Begründung für Ihren Abgang. Wenn wir uns auf diesen Modus einigen können, bin ich bereit, auf Firmenkosten Ihre Verteidigung zu übernehmen und dafür zu sorgen, daß Ihre Familie keine finanziellen Sorgen hat. Hören Sie mir zu, Mann?«

»Aber ja, Herr Nareike«, erwiderte Brill. Er sah in diesem Moment mehr kläglich als gefährlich aus. Es schien fast unvorstellbar, daß ihm in seiner früheren Tätigkeit auch nur die Hand ausgerutscht sein könnte.

»Bleiben Sie aber stur und gerät dadurch Müller & Sohn in die Schlagzeilen, dann sind Sie für mich abgeschrieben.« Hart setzte Nareike hinzu: »Und auch Ihre Familie, so leid es mir täte.« Er sah Brill durchdringend an. »Haben Sie mich verstanden?«

»Ich heiße Pribke«, demissionierte der Personalchef. »Erich Pribke. Ich war in meiner Eigenschaft als SS-Offizier auch neun Monate in Bergen-Belsen.« Er brach erschöpft ab, starrte auf den Boden. »Ich finde es sehr anständig, Herr Nareike, wenn Sie zu Ihrem Angebot …«

»Was ich verspreche, halte ich«, sagte der Geschäftsführer mit leichter Überbetonung. »Auch wenn Sie uns ganz schön hinters Licht geführt haben.«

»Besten Dank, Herr Nareike.«

Der Entlarvte dienerte schon wieder.

»Herr Pribke«, sagte Oberstaatsanwalt Dr. Frischmuth. »Ich eröffne Ihnen, daß gegen Sie ein Haftbefehl des Landgerichts Essen vorliegt.«

Es war, als streckte ihm der Delinquent die Hände hin, aber die Beamten verzichteten auf Handschellen.

»Denken Sie bitte an die tausend Arbeitsplätze bei Müller & Sohn«, verabschiedete Nareike die Beamten. »Wir sind ein exportabhängiges Unternehmen, und das Ausland kann auf solche Geschichten ja ganz schön allergisch reagieren.«

»Besten Dank für Ihre Hilfe«, sagte der Kommissar.

Brill ging wie geschoben, den Blick am Boden, Schritt für Schritt, als sei ihm schwindlig oder als hätte er das Laufen verlernt. Einen Moment lang fragte sich Nareike, ob er an Stelle seines Personalchefs besser ausgesehen hätte. Er goß sich mit Bedacht einen ganz großen »Rémy« ein und trank ihn mit Genuß aus. Ohnedies hatte er seinen Aktionsplan durch Alkohol ein wenig verwässert, um die letzte Durststrecke besser durchzustehen.

Erst jetzt erfaßte er, wie gut es war, daß er die Himmler-Kapseln nicht im Geschäftstresor, sondern im Privatsafe seiner Wohnung verwahrt und es nur in der ersten Panik vergessen hatte – aber Glück hatte auf die Dauer eben nur der Tüchtige.

»Sabine«, rief er und betrachtete die Eintretende zwei Sekunden zu lang. Dem Fiasko entgangen, wunderte sich Nareike, wie nahe alles nebeneinanderlag: Cyankali und Cognac, die reizlose Ehefrau und die aufreizende Blondine, die Dollarmillion und die Handschellen, das pompöse Chefbüro und die enge Zelle, und bald auch seine einzige Mitwisserin, sicher verwahrt an einem zwei Meter langen, einen Meter breiten und zwei Meter tiefen Ort, während er seinem Traum den Arm böte.

»Haben Sie mitbekommen, was sich hier abgespielt hat?« fragte er Sabine.

»Ist Herr Brill verhaftet worden?«

»Ja. Sehr unangenehm für unsere Firma. Ist der Senior im Haus?«

»Herr Müller ist weggefahren«, erwiderte sie. »Aber der Junior …«

»Nein, danke«, entgegnete Nareike, er wollte noch etwas hinzusetzen, versagte es sich aber. Ohnedies hatte er oft genug vor seinen Mitarbeitern dem Junior den »Vollbesitz geistiger Unfähigkeit« bescheinigt. »Also, Sabine, bitten Sie so rasch wie möglich unseren Pressemann, den Werbechef und den Syndikus Dr. Schneider zu mir und lassen Sie es mich sofort wissen, wenn der alte Müller wieder im Hause ist.«

Er sah ihr nach und schloß seine Bar. Er ging auf und ab, noch immer sehr erregt, doch auch zufrieden mit sich und dem Tag. Und eine Warnung, vorsichtig zu sein, konnte nicht schaden. Er schaltete das Radio ein, obwohl er sicher war, daß die Behörden die Verhaftung Pribkes noch eine Weile verschweigen würden. Bis sie eine dürftige Mitteilung herausgäben, hätte er mit Hilfe seiner Werbeabteilung den Zeitungen schon beigebracht, den Fall Pribke-Brill auf kleiner Flamme zu kochen, zumal er sie auch wissen ließe, welche anderen Firmen, Namen und Anzeigenkunden andernfalls noch mit in die Affäre verstrickt würden.

Plötzlich traf Nareike ein Name wie ein Fausthieb: »New York«, sagte der Nachrichten-Sprecher: »Wie UP in einer Blitzmeldung soeben bekannt gibt, hat der israelische Staatspräsident die Begnadigung des vom Bezirksgericht Jerusalem am 15. Februar 1961 zum Tode verurteilten SS-Obersturmbannführers Adolf Eichmann abgelehnt; seine Hinrichtung steht unmittelbar bevor. Der ehemalige Judenreferent im Reichssicherheitshauptamt war am 11. Mai 1960 vom israelischen Geheimdienst aus Argentinien entführt worden und später als Beauftragter der Endlösung der Judenfrage angeklagt …«

Nareike drehte das Radio ab. Eine Warnung zuviel, auch wenn sie ihn nichts anging. Er hatte nie etwas mit der Abteilung IV B 4 im Reichssicherheitshauptamt zu tun gehabt – das war ein Zusammenspiel von Eckel, Dumbsky und diesem Eichmann gewesen, von diesen Armleuchtern, die ihm jeden Juden einzeln vorgerechnet hatten, der durch seine Initiative von ihren Transporten losgeeist worden war. Er gratulierte sich zu seinem riskanten Entschluß, Horst Linsenbusch amtlich sterben zu lassen, denn so lange an diesen Dingen immer wieder gerührt würde, stünde er zwangsläufig mit in der Schußlinie.

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