»Unter Hinweis auf diese bedauerlichen Umstände sehe ich mich leider gezwungen, Ihnen mitzuteilen, daß wir mit Wirkung vom 1. Juli unseren Nettopreis für die Standheizung, Typ SL 4, um 4,2 Prozent anheben müssen« repetierte Sabine unaufgefordert und sah ihn an.
»Mein Gott, sind Sie tüchtig, Sabine«, quittierte er die sanfte Mahnung. »Schlußabsatz«, kürzte er das Diktat ab. »Gesteigerte Lohn-und Materialkosten, Hoffnung auf Verständnis und weitere gute Zusammenarbeit – Sie sind ja ein kluges Kind, Sabine, Sie bringen das auch alleine hin.«
»Besten Dank, Herr Direktor.«
»Warum so förmlich?«
»Weil es sich so schickt«, entgegnete Sabine mit einem geronnenen Lächeln.
»Und Sie halten sich immer an das Schickliche?« spöttelte er.
»Meistens«, antwortete sie. »Aber im Büro immer, Herr Direktor.«
»Machen Sie mir bitte eine Tasse Kaffee«, sagte er, »Und lassen Sie künftig diesen dummen Titel weg.«
»Wie Sie meinen, Herr …«
»Nareike«, erwiderte er mit Nachdruck. »Schlichtweg Nareike. Für Sie wenigstens.« Er machte es sich bequem in seinem Stuhl, zeigte Behagen über die Unterbrechung der Büroarbeit. »Ich hoffe, daß Sie mit mir ebenso zufrieden sind wie ich mit Ihnen, Sabine.«
Sie hantierte an der Kaffeemaschine, kehrte Nareike den Rücken zu. Er verschlang sie mit den Augen. Er atmete schwer. Sie zeigte Haut, viel bloße Haut, und obwohl sie weit weg war, meinte er ihren Duft zu riechen. Sabine hatte eine Ähnlichkeit mit der Tochter des Vichy-Ministers, mit der er sich heimlich getroffen hatte. Zuerst mit der Mutter, dann mit – der Tochter, und zuletzt mit beiden zusammen zur ménage à trois. Aber daran dachte er besser nicht. Paris war weit weg und aus seinem Leben gerückt, aber Sabine, diese lässige Blondine mit den aufreizenden Bewegungen, war nahe.
»Das Personalbüro moniert die Urlaubsliste«, sagte sie.
»Ach ja.« Er öffnete die Schublade, schob ihr das Rundschreiben zu. »Tragen Sie sich bitte noch ein«, sagte er. »Haben Sie schon ein Urlaubsziel?«
»Ja«, entgegnete Sabine. »Den Süden. Die Sonne.«
»Spanien?« fragte der Direktor.
»Italien«, antwortete Sabine. »Ischia.«
»Allein?«
»Das weiß ich noch nicht«, versetzte sie mit einem gewissen Lächeln.
»Der Eisberg und der heiße Süden«, alberte Nareike, was er sonst nie tat. »Hoffentlich lassen die Südländer noch etwas übrig von Ihnen.«
»Männer in Haufen fürchte ich wenig«, antwortete sie.
»Sondern?«
»Einzelgänger«, entgegnete sie mit verengten Pupillen.
»Sie spielen doch nicht etwa auf mich an, Sabine?«
»Ich würde mich hüten, Herr …«
»Nareike«, versetzte er und spürte ein Verlangen, das jede Vernunft auslöschte, das ihm ins Gesicht geschrieben sein mußte und ihn noch so weit zu übertölpeln drohte, daß er dieses Mädchen in seine Arme reißen würde. Er stand auf und ging ans Fenster. Er ärgerte sich. Er könnte es nicht mehr lange durchstehen, aber die Zeit der Freiheit war in Sicht. Das Ende der Durststrecke. Er war kein Tölpel sondern ein Eroberer, wenn auch ein angejahrter, und so hieß sein Rezept: Annäherung durch Zurückhaltung. Warten auf die Gelegenheit.
»Haben Sie noch Erinnerungen an unsere gemeinsame Heimat?« fragte er unvermittelt.
»Manchmal«, erwiderte Sabine. »Doch keine angenehmen.«
Nareike nickte voller Verständnis. »Vorbei ist vorbei«, stellte er fest, »und Sie haben ja hier sehr schön Fuß gefaßt.«
»Vorbei ist nicht ganz vorbei«, versetzte Sabine und sah einen Moment lang verbissen aus. »Es ist nicht wegen mir«, erklärte sie dann. »Wissen Sie, Herr Nareike, meine Mutter, sie erfaßt das nicht. Sie begreift einfach nicht, daß sie nicht mehr zurück kann. An meinem Geburtstag – alle Jahre wieder – zieht sie die Vorhänge zu, zündet Kerzen an und vermacht mir feierlich unser Haus in Breslau, das heute Wroclaw heißt, und das die Polen niemals räumen …«
Er entließ Sabine mit einem Kopfnicken und rief sie wieder zurück: »Noch ein Brief.« Er lächelte, als applaudiere er seinem Einfall. »An Fräulein Sabine Littmann«, diktierte er. »Adresse bekannt.«
Sie stutzte, sah ihn einen Moment überrascht an und begann zu stenographieren:
»Sehr geehrtes Fräulein Littmann,
in Anbetracht Ihrer ausgezeichneten Leistungen, die ich Ihnen hiermit schriftlich bestätigen möchte, können wir Ihre Probezeit als vorzeitig beendet ansehen. Sie werden ab 1. Juni im Rahmen Ihrer bisherigen Tätigkeit für mich als Direktionsassistentin arbeiten, wodurch sich Ihre Bezüge um 300 Mark monatlich erhöhen.«
Er genoß ihre Überraschung. »Einverstanden?« fragte er.
»Einverstanden, Herr Nareike«, antwortete sie und haderte mit sich, weil sie ihm nicht herzlicher danken konnte.
Sabine ging in ihr Vorzimmer, um den Brief zu schreiben. Sie wunderte sich noch immer, daß er ihr Beförderungsschreiben nicht einer anderen Sekretärin diktiert hatte.
Sie kam nicht weit mit der Reinschrift.
Zwei Besucher erschienen; sie wurden nicht erwartet, und sie waren hier auch ungewöhnlich.
Sie wollten Werner Nareike sprechen, und zwar dringend.
Der Geschäftsführer sah Sabine lächelnd entgegen.
»Zwei Herren«, meldete sie. »Ein Staatsanwalt und ein Kriminalkommissar. Vom politischen Dezernat.«
Sie sah, daß sein Gesicht grau wurde.
»Was wollen sie?« fragte er mit gewürgter Stimme.
»Die Herren möchten Sie sprechen«, antwortete Sabine. »Persönlich und unter sechs Augen.«
Es sah aus, als würde er zusammenbrechen. Er ging einen Moment auf und ab wie ein im Käfig gefangenes Tier, er blieb stehen, öffnete seine Bar, griff mit deutlich zitternder Hand nach einem Schnaps.
»Darf ich die Herren hereinbitten?« fragte Sabine.
»Ja«, entgegnete er. »In – in einer Minute bitte«, bat er und begriff daß ihn die Zeit eingeholt hatte, daß er zu spät in seine Zukunft eingetreten war und daß auch seine Gewaltanstrengung mit Hannelore keinen Gewinn mehr erbringen könnte.
Sekunden übersprangen Jahre.
Er trug wieder die Rotjacke der Todeskandidaten, sie scheuerte auf seinem Körper. Er wartete auf den Henker, der zweimal in der Woche kam, jeweils am Dienstag und am Donnerstag, und der in einem lächerlichen Cut unter dem Galgen von Landsberg seines Amtes waltete, dem gleichen Anzug, den er bei den Exekutionen im Dritten Reich getragen hatte, nur daß er heute die hängte, auf deren Geheiß er gestern geköpft hatte, denn auf seine Dienste verzichten wollten die Nachfolger so wenig wie die Vorgänger.
Und wieder trat der bullige US-Sergeant in die Zelle und sagte: »Bibel, Bilder, Decke«, und das hieß im Klartext: Du wirst gehängt. Hinunter in den Keller, wo die Häftlingskapelle spielt, eine Nacht lang, für dich und die anderen, die morgen im Gänsemarsch zum Galgen ziehen. Zuvor gibt es noch zu essen, was immer du willst, kalorienreich, zuckerlos, fettfrei, jeder Wunsch wird berücksichtigt. Der amerikanische Steuerzahler kommt für alles auf, und so erfüllt sich in gewisser Hinsicht der großmütterliche Leitspruch: »Umsonst ist der Tod, und der kostet das Leben.«
Alles kannst du haben, nur keinen Alkohol, nicht einen Tropfen. Keinen Cognac und keinen Wein, keinen Longdrink, noch nicht einmal ein Glas Bier. Aber Zigaretten, jede Menge, soviel du willst, da lassen sich die Amis nicht lumpen. Du kannst fünf auf einmal rauchen, aber niemals so viele, daß du noch genug bekämst in diesem Leben, denn wenn die Kapelle ihre Instrumente zusammenpackt, dann kommt der Pfarrer, und der ist ernst, still und heißt Morgenschweiß, tatsächlich Morgenschweiß. Und ihm folgte der Henker. Und dann die Stufen hoch. Die schwarze Kapuze. Genickbruch durch Fallsturz. Der Tod am Nackenwirbel. Und das alles nur wegen dieses verdammten Greenstone, der doch nur ein ganz gewöhnlicher Grünstein war.
Nareike ging an seinen Tresor.
Er suchte die Himmler-Ampulle aus seinem braunen Koffer – er mußte das Gift nun doch noch schlucken – 17 Jahre danach, als letzte Medizin, und Medizin ist bitter.
»Entschuldigen Sie«, sagte der vordere der beiden Besucher, die nicht mehr länger gewartet hatten.
Nareike fuhr herum und erfaßte, daß er ein letztesmal zu spät gekommen war.
Am letzten Mai-Tag herrschte auf der Geschäftsstelle des Amtsgerichts Rosenheim dichtes Gedränge, als seien alle Verkehrssünder, Streithanseln und Bittsteller aus dem Landkreis auf einmal erschienen. Inspektor Dirscherl kannte nach 40 Amtsjahren seine Pappenheimer und hatte eine besondere Art, mit ihnen umzugehen. Er kanalisierte den Parteienverkehr dickköpfig und bauernschlau. Nach seiner Meinung begriffen die Besucher ohnedies das Behörden-Abc nicht, und so sollten sie tun, was man ihnen sagte, ohne viel zu fragen. Um sie soweit zu bringen, ließ der Beamte sie erst einmal am Gang warten, um sie dann kurz und bündig abzufertigen.
»Sie sind also gar nicht vorgeladen?« schüchterte er die nächste Besucherin ein: »Wie heißen’s denn überhaupt?«
»Hannelore Linsenbusch«, erwiderte die Frau im dunkelblauen Kostüm. »Ich habe die Toterklärung meines Mannes beantragt und …«
»Und?« fragte Dirscherl, als Ur-Bayer ohnedies schlecht auf norddeutsche Landsleute zu sprechen: »Hab’ ich Eahna net g’sagt, daß des net so schnell geh’ koa?«
»Ich will ja auch nur erfahren, wie es steht.«
»Sie san guat«, erwiderte der Inspektor: »Z’erst lassen’s Eahna zehn Jahr Zeit mit’m Antrag, und jetzt soll’n wir hudeln, weil’s Eahna so paßt. Warum pressiert’s denn auf amal gar a so?« fragte Dirscherl ungnädig und setzte plump hinzu: »Wolln’s vielleicht wieder heiraten?«
Er warf einen grantigen Blick auf den neuen Amtsrichter, der in die offene Tür trat.
»Bitte etwas leiser, wenn’s geht«, wies er seinen Geschäftsleiter zurecht. »Dr. Kleinwacht«, stellte er sich der Besucherin vor. »Kann ich Ihnen helfen?«
»Entschuldigen Sie, Herr Doktor«, entgegnete Frau Linsenbusch. »Ich stehe ganz allein. Mein Mann ist seit 17 Jahren verschollen und …«
»Bringen Sie mir mal die Unterlagen, Herr Dirscherl«, befahl er seinem Inspektor. »Bitte«, lud er die Besucherin in sein Büro ein. Ob er sie anhörte oder es ablehnte, mit ihr zu sprechen, war genauso in sein Ermessen gestellt wie die Entscheidung, ob er ihren Angaben traute oder ob er sie bezweifelte. Nur im Falle eines begründeten Verdachtes war er von Amts wegen verpflichtet, eine nähere Untersuchung einleiten zu lassen. Da es Vermißtenfälle zu Tausenden gegeben hatte, war man zwangsläufig zum Fließbandverfahren übergegangen.
»Und dann woaß die no net amal die Nummer vom Aktenzeichen, die, die Büchselmadam«, schimpfte Dirscherl hinter seinem Chef her, fand aber das Dossier dann mit dem ersten Griff.
»Ich habe sehr lange gezögert, diesen Antrag zu stellen«, erklärte die Besucherin. »Ich hatte ja immer gehofft, daß mein Mann noch lebt, und ich wollte mir doch diese Illusion nicht selber nehmen.«
»Das verstehe ich schon«, erwiderte der Amtsrichter. »Wie ist es denn mit Ihren Rentenansprüchen?«
»Soweit habe ich noch gar nicht gedacht, Herr Amtsgerichtsrat«, erwiderte die Besucherin und setzte nach einer kurzen Pause hinzu: »Wirtschaftlich geht es mir nicht schlecht, weil ich von meiner Mutter zwei Häuser in Berlin geerbt habe.«
Die Frau, die Witwe werden wollte, saß am äußersten Ende des Stuhls, sie wirkte zerbrechlich, doch auch zäh. Man merkte ihr an, daß sie wenig Umgang mit Behörden hatte und daß ihr in Amtsstuben nicht wohl war. Dabei lebte sie in einem seelischen Hoch seit ihrer weihnachtlichen Begegnung mit Horst, den sie Werner nennen mußte. Als er ihr seinen Plan eröffnet hatte, war sie zunächst erschrocken. Trotz der ungewöhnlichen Lebensweise, die ihr die Umstände auferlegten, war sie eine bürgerliche Person. Es ging gegen ihre angeborene Rechtschaffenheit, eine Lüge an Eidesstatt zu erklären und dadurch ein paar Jahre Gefängnis zu riskieren.
Aber noch vor seiner Abreise aus München hatte Horst sie überzeugt: Jede Verfolgung gegen ihn wäre eingestellt, wenn es ihn nicht mehr gäbe. Kein deutscher Staatsanwalt würde sich jemals mehr für Horst Linsenbusch interessieren, und selbst wenn die deutsch-französischen Verhandlungen über die Behandlung von Kriegsverbrechern – die man jetzt immerhin schon Kriegsverurteilte nannte – unglücklich für ihren Mann ausgehen sollten, hätte er für alle Zeiten weder die Auslieferung in das Nachbarland, noch eine Verurteilung in Deutschland zu fürchten.
Weit mehr als diese Argumente des Verstandes hatte die Witwe ein Aufstand des Gefühls angesprochen. Eine Patentlösung: Der König ist tot – es lebe der König; Horst ist gestorben – und sie würde Frau Nareike. Namen sind Schall und Rauch, aber die Zeit der Einsamkeit wäre vorbei, ein für allemal ausgestanden, dank Mut, Bedenkenlosigkeit und Initiative.
Dr. Kleinwacht sichtete routiniert die Unterlagen: »Soweit ich sehe, ist alles in Ordnung, Frau – Frau Linsenbusch. Der Antrag ist formal richtig nach dem Verschollenheitsänderungsgesetz vom 15. Januar 51 gestellt.« Er blätterte weiter. »Sie haben die Geburtsurkunde des Verschollenen und Ihre Heiratsurkunde vorgelegt.« Er ging den Akt durch: »Der letzte Wohnsitz Ihres Mannes lag östlich der Oder-Neiße.« Die nächste Seite: »Für Sie ist deshalb Berlin-Schönefeld zuständig.« Er blätterte wieder um. »Da haben wir ja schon die Antwort: Berlin hat die Zuständigkeit an den Landkreis Rosenheim, in dem Sie jetzt leben, abgetreten.« Die nächste Seite: »Und hier, hier haben wir Ihre Eidesstattliche Erklärung vom 7. Januar.«
Er wechselte die Brille und las:
»Ich habe meinen Mann zum letztenmal Anfang Januar 45 gesehen. Er arbeitete damals bei einer Staatsfirma in Berlin, kam kurz nach Breslau und bestürmte mich, wegen der heranrückenden Russen unverzüglich nach Oberbayern zu übersiedeln, was ich auch tat.
Seitdem habe ich nichts mehr von meinem Mann gehört, nichts außer Gerüchten. Durch Hörensagen erfuhr ich, daß er aus Kriegsgefangenschaft ausgebrochen und dabei umgekommen sein soll. Gegen diesen Gedanken habe ich mich lange gewehrt, aber als ich viele bittere Jahre lang kein Lebenszeichen mehr von Horst erhielt, keinen Brief, keinen Telefonanruf, auch keinerlei Nachricht durch Dritte, mußte ich mich mit dem Gedanken abfinden, daß er nicht mehr am Leben ist.
Trotzdem habe ich bis in die letzte Zeit hinein nichts unversucht gelassen, um das Schicksal meines Mannes aufzuhellen: Ich habe mich an den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes gewandt und an die Deutsche Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht (siehe Anlagen). Ich habe auch alle privaten Quellen ausgeschöpft, die mir zugänglich waren, habe mich insbesondere an die Schlesische Landsmannschaft gewandt, die mir keinerlei Hinweis geben konnte. Nach 17 Jahren vergeblichen Wartens und Suchens gelangte ich zu der bitteren Erkenntnis, daß mein Mann tatsächlich umgekommen ist.
Wir haben – nur durch den Krieg über längere Abschnitte getrennt – in einer sehr harmonischen Ehe gelebt. Unser einziger Sohn ist in den letzten Tagen des Krieges gefallen. Es gibt auch keinerlei Grund zu der Annahme, daß mein Mann sich bei mir nicht unverzüglich melden würde, so er das noch könnte.
Die Richtigkeit der vorstehenden Angaben versichere ich soweit sie nicht durch Urkunden belegt sind – nach entsprechender Belehrung an Eidesstatt. Insbesondere versichere ich, daß ich nicht im Besitz von Unterlagen bin, denen entnommen werden könnte, daß der Tod des Verschollenen zweifelhaft ist.
Hannelore Linsenbusch.«
Dr. Kleinwacht wechselte wiederum die Brille:
»Ihr Mann wurde schon vor dem 1. Juli 48 vermißt«, stellte er fest: »Damit ist die Voraussetzung nach Artikel 2 §1 erfüllt.« Er sah Frau Linsenbusch an. »Es tut mir leid, aber so ein Verfahren ist eine langwierige Sache und mutet den Angehörigen allerhand zu. Hat man Ihnen denn nicht gesagt, daß Sie mindestens mit sechs bis sieben Monaten Wartezeit …«
»Ja«, entgegnete die Witwe im Wartestand und Braut in spe. »Das hat man mir gesagt.«
»Sie müssen sich also noch eine Weile gedulden«, erklärte der Richter. Er war noch neu im Amt, und so wirkte er mehr menschlich als dienstlich: »Solche Fälle stellen uns nicht nur vor persönliche, sondern auch vor juristische Probleme. Und der Instanzenweg ist halt manchmal lang. Ihr Antrag wird zur Zeit von der Staatsanwaltschaft geprüft. Wenn sie damit fertig ist, muß das Aufgebot zur Toterklärung zweimal binnen eines Monats im Bundesanzeiger veröffentlicht werden. Das ist nicht nur eine Vorschrift, sondern auch notwendig, um allerletzte Gewißheit zu erlangen. Und daran liegt Ihnen doch sicher auch, Frau Linsenbusch.«
»Und ob«, erwiderte die Besucherin mit gesenktem Kopf.
»Wenn sich daraufhin keine Einwände oder neue Erkenntnisse ergeben, wird Ihr Mann sechs Wochen später für tot erklärt. Allerdings, das wäre dann endgültig, verstehen Sie? Er wäre dann tot, selbst wenn er sich noch am Leben befände. Es ist eine seltsame Rechtssituation«, erläuterte Dr. Kleinwacht, als diskutiere er mit einem Studenten. »Nur auf eigenen Antrag hin könnte die Toterklärung aufgehoben werden.« Er lächelte schuldbewußt. »Entschuldigen Sie meine Umständlichkeit. Aber wir Juristen denken nun einmal um sieben Ecken.«
»Wann würde die richterliche Entscheidung rechtskräftig?«
»Vier Wochen nach ihrer Verkündigung.« Der Richter überlegte einen Moment. »Ich kann mich ja mal bei der Staatsanwaltschaft erkundigen.« Er griff nach dem Hörer, wartete ein paar Sekunden: »Kleinwacht«, sagte er dann: »Es handelt sich um einen Herrn Horst Linsenbusch, Aktenzeichen A XII RO 221.« Er hielt den Hörer etwas weg, weil der Teilnehmer zu laut sprach. »Nein, ich warte, Herr Kollege.«
Die Frau mit dem spitzen, hohlwangigen Gesicht spürte, wie die Spannung an ihren Nerven zerrte, aber sie blieb äußerlich ruhig. Nie würde sie vergessen, wie Horst damals aufgetaucht war. Sie hatte in dem kleinen Weiler Berg bei Dorfen gelebt, unter anderem Namen. Die Wirren einer gräßlichen Zeit hatten die Idylle nicht beendet, trotzdem überlegte man sich lange, wenn nachts an den Fensterladen des abseits gelegenen Gehöfts geklopft wurde, ob man die Tür öffnen sollte. Erst als sie seine Stimme erkannte, öffnete sie:
»Horst?« fragte sie, ungläubig und erschrocken.
»Pst!« erwiderte er. »Leise.« Er sah sich um. »Bist du allein?« fragte er hastig.
Sie nickte und ließ ihn ins Haus. »Hast du mich gleich gefunden?« fragte sie.
»Kunststück«, antwortete er geringschätzig. »Ich habe doch alles vorausgesehen und dich rechtzeitig hierher expediert.« Er sah sich nach allen Seiten um, bevor er das Haus betrat. »Ich bin ausgebrochen«, sagte er dann. »Ich habe dabei einen amerikanischen Offizier erschossen.« Er atmete schwer. »Ich hatte keine andere Wahl. Sie hätten mich sonst gehängt.«
»Gehängt?«
»Ein Schwein hat mich denunziert, wegen einiger Vorfälle in Paris.« Er setzte sich auf einen Stuhl, zwang sich zur Ruhe. »Sündenböcke stehen zur Zeit hoch im Kurs.«
»Das stimmt«, sagte sie.
Er zeigte seine alte Überheblichkeit.
»Du kannst nicht bleiben?« fragte sie.
»Keine Chance«, antwortete er.
»Und was willst du von mir?«
»Deine Hilfe«, versetzte er. »Schließlich sind wir ja Mann und Frau.«
»Das fällt dir ziemlich spät ein!«
»Lassen wir das«, entgegnete Horst. »Wir haben nur ein paar Stunden. Kann ich mit dir rechnen?«
»Wenn du mich darum bittest.«
»Gut«, erwiderte er hastig: »Ich bitte dich darum.«
»Und wenn du dich entschuldigst«, sagte sie mit häßlicher Stimme. »Für alles, was du mir in den letzten Jahren angetan hast.«
Er würgte an den Worten wie an Bissen, die ihm aus dem Magen in den Mund hochgekommen waren. Er schluckte die Bissen wieder hinunter und brachte die Worte heraus: »Gut«, sagte er. »Es tut mit leid.« Mit kurzem Atem setzte er hinzu: »Es soll auch nicht wieder vorkommen, Hannelore.«
О проекте
О подписке
Другие проекты