Spät suchte Ludwig die Ruhe, noch später fand er sie durch einen kurzen Schlummer; allzuaufgeregt war das Gemüth des Jünglings, der bisher im süßesten Frieden, nur heitern und anregenden Studien obliegend, oder ländlichen Freuden gelebt hatte, und an den nie ein so schneidender Mißton herangetreten war, wie an diesem verhängnißvollen Abende, der vielleicht das Loos über seine ganze Zukunft warf.
Hochbejahrte Personen haben wenig Schlaf; auch der rege Geist der alten Reichsgräfin bedurfte, trotz der morschen Körperhülle, nur wenige Ruhe, eben weil er den Körper beherrschte. Daher mußte die Leibdienerschaft der gräflichen Matrone früh auf sein, das Zimmer angemessen durchwärmen, den belebenden Mokkatrank bereit halten, und dann verbrachte sie gern die ersten Morgenstunden in ungestörter Einsamkeit, und widmete dieselben ihren numismatischen Studien, ihrem weitverzweigten Briefwechsel, dem Ordnen ihrer vielfachen Papiere, die deßhalb dennoch nie die gewünschte völlige Ordnung fanden; dem Nachsinnen und Ueberlegen über die Verwendung ihrer Einkünfte, wie über die traurigen Rechtsstreitigkeiten. Letztere dauerten indessen schon zu viele Jahre, sie war derselben schon zu sehr gewohnt, als daß sie dadurch sonderliche Gemüthsbewegungen auch jetzt noch hätte erfahren können. In ihrer Seele war Alles klar, fest, abgeschlossen, ihre Willenskraft war eisern, wie ihr Sinn, und diese hohe wichtige Errungenschaft fast völliger Leidenschaftlosigkeit war es eben, die der alten Frau diese über das gewöhnliche menschliche Ziel hinausreichende Lebensdauer erhielt und gleichsam sicherte.
Der Nebel der Nacht war gesunken, der Morgen lachte aus blauem Himmel frühlingshell durch die hohen Fenster, die nach dem Parke hinausgingen, an dessen Rändern schon blaue Anemonengruppen und Schneeglöckchen sich blühend zeigten. Die thaubeperlten noch nackten Zweige der Gebüsche erschienen saftgeschwellt und zum Theil rosenroth angehaucht, Knospen öffneten sich schon, und melodische Hainsängerstimmen, die Stimmen von Amseln und Drosseln, durchflöteten mit schallendem Jubel die weitgedehnte Holzung, welche den Namen des Vareler Busches führt.
Die Kammerfrau, welche die Schwester des Haushofmeisters war, trug der Gräfin, die auf bequemem Armstuhl an ihrem großen Schreibtisch saß, an welchen wieder andere Tische gerückt waren, den Kaffee auf und entfernte sich in geräuschloser Stille. Diese Stille liebte die Gräfin so sehr, daß sie in ihrem Zimmer weder Hunde noch Vögel duldete. Nur eine Cypernkatze, ein Prachtexemplar, genoß der großen Gunst, um die Dame weilen zu dürfen, sie bisweilen mit ihrem Geschnurr zu unterhalten und ihre Aufmerksamkeit durch zärtliches Anschmiegen an die hohe Gebieterin von den ernsten Beschäftigungen ab und auf ihre geschmeidige Persönlichkeit zu lenken.
Das Zimmer war hell, hoch und weit, voll Bücher, voll Karten, Globen, Münzschränken, hohe Stöße ausgelochter Tafeln, mit lichtbraunem Leder überzogen, mit untergelegter Pappe zum Einlegen von Münzen waren da und dort zu erblicken. Dokumente und Briefschaften lagen in Fülle umher, das ganze Zimmer glich ungleich mehr dem Arbeitsalon eines reichen Gelehrten, angefüllt mit Geräthen, selbst mit Vasen und Kunstarbeiten, sowie mit Seltenheiten ferner Länder, als dem Zimmer einer Dame, denn da stand auch nicht ein einziges Körbchen, außer dem Papierkorb, da lag kein Band, kein Strickzeug, keine Nadel, keine begonnene Stickerei, kein gepreßtes und gemustertes Luxusbriefpapier, wohl aber zeigten die Bücher stolzen Marokineinband mit Goldschnitt, zeigten in Gold gepreßt auf dem Einband das reichsgräfliche Wappen neben einem fürstlichen, und das Briefpapier, das in starkem Vorrath bereit lag, hatte Goldschnitt.
Indem die alte Reichsgräfin zwischen dem Einnehmen ihres Kaffees und der Unterhaltung mit der schönen Katze, die bei diesem Anlaß stets ein schmarotzender Gast war, sich mit der An- und Durchsicht zahlreicher vor ihr hingebreiteter Papiere und Briefe beschäftigte, sprach sie nach Art bejahrter Personen laut mit sich selbst, indem sie bald dieses bald jenes Papier oder deren mehrere aufnahm, flüchtig ansah, auch nach Befinden länger bei einigen verweilte und das so in Augenschein Genommene gleich wieder in guter Ordnung zur Seite legte, um alsbald nach einem andern zu greifen.
Fiscalische Sache zu Oldenburg – Akta wegen des jetzigen Processes – ditto – ditto – ditto – und noch fünfmal ditto – Briefe vom Prinzen von Talmont – dergleichen vom Marquis de Launoy – armer Bernard-René-Jourdan, armer Marquis! Freundlicher, milder Schatten, den die rebellischen Teufel ermordeten, weil sie dir als Gouverneur der Bastille nicht die Bedingungen halten wollten, unter denen du das feste Haus übergeben – Entwurf meines Testamentes – Wienerische Appellations-Sache – Güldenlöwesche Briefe – Briefe von König Friedrich dem Großen – von meinem Voltaire – von Georgine Cavendish, Herzogin von Devonshire – von meinem Heyne und von meinem Georg Friedrich Benecke zu Göttingen – vom Herzog von Holstein-Plön – das Tagebuch der Großmutter.
Dieses Buch betrachtete die Gräfin mit einer gewissen stillen Wehmuth, die sich aber in keiner Weise äußerlich kund gab. Sie Großmutter einst – sprach sie – ich Großmutter jetzt, und beide fast in gleichen Schuhen.
Das Buch war ein in braunes Leder mit einfachen Goldstreifen gebundener und mit abgegriffenem Goldschnitt verzierter Quartband. – Als die Reichsgräfin flüchtig hineingeblickt, legte sie es zur Seite, und griff nach einem in Umschlag mit Bindfaden umschlungenen Papierheft. Mein Tagebuch – sprach sie – so viel mir davon erhalten blieb – nur achtzehn Monate aus meinem langen – vielbewegten Leben – mögen auch diese Blätter hinschwinden – das Buch meiner Tage ist ja doch nun wohl geschlossen.
Auch diese Bogen legte die Reichsgräfin zu dem alten Band, und fuhr fort mit der Musterung ihrer Papiere: – Ehescheidungsproceß – oh hinweg! – Briefe von der Gräfin von Jaxthausen – von der Prinzessin von Waldeck – von der Fürstin Juliane zu Schaumburg-Lippe – von königlichen Häuptern – von meinem lieben Abbe Eckhel zu Wien. Oh Eckhel! Eckhel!
Das Gefühl, welches die alte Reichsgräfin zu diesem Ausruf bewog, entsprang einem unüberwindlichen Schmerz, und dennoch konnte sie diese Blätter nicht so schnell, wie die andern, flüchtig zur Seite legen; ihre Blicke vertieften sich vielmehr in die festen Schriftzüge des größten Alterthumsforschers und Münzkenners seiner Zeit, und dieselben übten auf die Gräfin gleichsam magnetische Anziehungskraft, sie mußte wieder und wieder lesen, was ihr Pein verursachte, wie der Wundarzt wohl bisweilen eine Wunde wiederholt brennen muß, auf daß sie gründlich heile.
Wo ist er, wo ist er, der grausame Brief des strengen Freundes, dem Wahrheit über Alles heilig ist? Ach, jeder seiner Briefe enthält mehr Tadel als Lob – für was muß er mich halten? Für eine alte Närrin jedenfalls. Und wenn es Narrheit war, was ich trieb und noch treibe, was kostet sie mich nicht? Dann unermeßlich viel, ja mehr, als ich verantworten kann.
Welche Worte auf meine Fragen: »Was ich von den Eroberungen für das Kabinet Ihrer Excellenz halte? Daß unter den Stücken, die nach Hamburg gingen und sich dermalen in so schätzbaren Händen befinden, sehr viele ansehnliche sind, doch müßte ich sie sehen, um über deren Aechtheit zu entscheiden!« – Eine Pille, doch recht schön vergoldet.
»Wie ich mit der Anordnung des Ennerischen Katalogs zufrieden sei? – Sehr schlecht – altväterische Art beibehalten, – strotzt von unendlichen Fehlern, und zwar von einer Art, die man nicht leicht einem Anfänger vergeben würde. Man muß erstaunen, aus Frankreich, das mit seiner Gelehrsamkeit so groß thut und uns Deutsche so gern heruntersetzt, ein so ärgerliches Zeug erscheinen zu sehen. Ich rede unparteiisch, weil ich den Verfasser nicht kenne.«
So Eckhel – und ich habe diesen Katalog mit Entzücken begrüßt und ihn nach allen Seiten hin empfohlen. Van Damme, den Numismatiker zu Amsterdam, mit dem ich Jahre lang Briefe gewechselt, der große Summen für Münzen mir nach und nach abgelockt, enthüllt Eckhel hier als einen schamlosen Betrüger, und dessen Prachtkatalog mit allen seinen Bildern, den jener so sündentheuer verkauft, sei nichts als Aufwärmung der Platten eines elenden holländischen Werkes von Haverkamp, im Grafenhage erschienen. Und ich kenne dieses alte Werk nicht, und besitze eine Bibliothek von zwanzigtausend Bänden! – Und endlich, mein Katalog, das Schmerzenskind meiner Liebe zur edlen klassischen Münzkunde – wie lautet über diesen der Richterspruch des unbestechlichen Wiener Rhadamanth?
»Einen Blick über Ihro Excellenz ganzen Katalog. Ich sehe darin eine Menge der kostbarsten und seltensten Stücke, aber eben dieser Umstand macht, daß sich die ganze Sammlung vor den Augen ächter Kenner in keinem vortheilhaften Lichte zeigt. Jeder Kenner muß in der That über das unnennbare Glück erstaunen, welches so viele und so schätzbare Münzen einem einzigen Privatkabinette sollte zugespielt haben. Zur Probe nur ein Beispiel: auch in den größten Sammlungen, die von großen Fürsten durch viele Jahre sind zusammengebracht worden, findet man oft nicht ein Stück von den bosporischen Königen Ininthimeus, Teiranes, Thotorses – es ist keines im kaiserlichen Kabinet, keines im großherzoglichen, keines im gothaischen und mehren andern; ich habe in meinem Leben keines in Natur gesehen; Herr Baron Herwart, kaiserlicher Gesandter in Konstantinopel, der für das kaiserliche Kabinet durch mehre Jahre in der Nachbarschaft bosporanische Münzen sammelte, und dazu carta bianca hatte, war nicht so glücklich, nur eine einzige Münze von diesen drei Königen zu bekommen, und doch finden sich alle drei in der Sammlung – Ihrer Excellenz! Sollte ein so undenkbares Glück einen Kenner nicht mißtrauisch machen?«
Oder nicht auch ein wenig neidisch? unterbrach die Reichsgräfin ihr Lautlesen mit einem gewissen triumphirenden Gefühl, dann sprach sie weiter, den fernern Inhalt des Briefes überfliegend: Pellerins Kabinet sei das bedeutendste in Bezug auf anekdote und sogenannte einzige Münzen gewesen – ganz besondere Umstände haben ihn begünstigt, langes Leben, verbunden als commis de marine mit allen Konsuln der Levante – ein gewisser La Roche habe in einem kleinen Orte zwischen Grenoble und Lyon mit ganz besonderer Geschicklichkeit die besten pellerinischen Münzen nachgemacht – das der Aufschluß und zugleich mein Münzschlüssel. Eine ganze Schachtel voll angstschweißtreibender Pillen – und der Schluß?
»Ich bitte und hoffe es auch, Ihre Excellenz werden mir mein aufrichtiges Geständniß zu gute halten. Schon beim ersten Anblick des Katalogs wollte ich damit herausrücken, aber ich fürchtete zu beleidigen. Endlich faßte ich mich, weil es meine Rechtschaffenheit von mir forderte und es mir zu arg schien, daß sich schlaue Betrüger länger von der Habe edeldenkender und für die Literatur eingenommener Personen nähren sollten. – Abbe Eckhel.«[1]
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