Mittwochs ist das natürlich Thema bei uns im Lokal. Es gibt auch ein paar Antragsteller auf Ausreise in den Westen. Zwei meiner Stammgäste waren da und geben sich alle Mühe, die Leute von der Realität im Westen zu überzeugen. Joana kann etwas mitreden bei dem Thema. Sie hat Westverwandtschaft und auch eigene Geschwister da.
Bei uns treffen sich immer mehr junge Paare und junge Leute. Wir diskutieren über Partys, Konzerte, gemeinsame Abende und anstehende Feiern. Es entwickeln sich gute Freundschaften. Wir glauben das zumindest. Zwei der Paare wollen schließlich in den Westen und hatten einen Antrag zu laufen. Es kann also jeden Tag die Nachricht eintreffen, dass deren Ausreise genehmigt wird.
Die Schwester eines befreundeten Ehepaares hatte sich bereits verhurt im Westen und galt als deren Vorbild. Sie hat sich einem windigen Geschäftsmann geangelt und haut gewaltig auf die Welle. Eine alte Kollegin von Joana, auch eine Verkäuferin, war dadurch in den Verwandtschaftskreis dieser Dame geraten. Sie kommt mit ihrem Mann häufig zu uns. Er ist Hilfsarbeiter und Heizer. Ein gut bezahlter Beruf in der DDR. Man feiert praktisch, ein halbes Jahr lang, den endgültigen Abschied von der DDR. Von diesen Feiern lassen sich natürlich auch ein paar vereinzelte, trinkfeste Stammgäste anstecken. Die wollen plötzlich auch ausreisen. Die alten Bergmänner und Genossen an meinem Stammtisch winken ab: „Um die ist es nicht schade.“ Ein alter Lehrer sagt: „Das Ventil hätten wir eher öffnen sollen.“
In unserem Vereinszimmer, in dem mit dem Billard, treffen sich neuerdings zwei Züchtervereine. Der eine züchtet Rassekaninchen und die anderen sind eine Gartengemeinschaft. Viele oder gar alle Mitglieder dieser Vereine sind Mitglieder der Staatssicherheit. Sie haben zu mir entweder Vertrauen oder sie überwachen Teile meiner Kunden. Das erfahre ich leider erst zum Ende unserer Gaststätte. Die Mitarbeiter haben mir das erst gestanden, als es bereits zu spät war für die DDR.
Der wirklich rege Betrieb bescherte uns die Möglichkeit, ein gebrauchtes Auto kaufen zu können. Es war ein Trabant mit vergrößertem Tank, extra Geräuschdämmung zum Motorraum und einem Faltdach. Den bekam ich für runde zehntausend Mark. Ab jetzt war der Einkauf einfacher und zudem ein mancher Ausflug möglich. Endlich können wir mit Herbert und Brigitte zusammen, Ausflüge unternehmen. Die Zwei haben sich das wirklich verdient. Herbert wird Zusehens stolzer auf Joana und mich.
Es gibt einen Nachteil, den wir schnell abstellen wollen. Joana hatte noch keinen Führerschein. Sie kam nach ihrer Mutter. Die wollte keinen. Herbert hatte auch keinen. Es hat einige Zeit gedauert, Joana davon zu überzeugen, einen Führerschein zu erwerben.
Doch plötzlich stehen wir am Stammtisch, hören mit unseren Gästen Radio und hören von einem Zug aus Dresden in Richtung Prag. In Prag würden DDR Bürger begehren, in den Westen zu kommen. Kaum kommt die Nachricht im Radio, springen ein paar Stammgäste auf und wollen mit diesem Zug fahren oder zumindest, den Insassen zuwinken. Ich dachte, jetzt wäre ich endlich die problematischsten Trinker für immer los. Wenn die in den Westen gehen, müsste bei mir kein Volkspolizist mehr stehen und die Polizeistunde durchsetzen.
Die Freude war etwas zu früh. Am Tag darauf sind wieder Alle da. Ab dem Tag bestehe ich darauf, nicht mehr anzuschreiben. Die Anschreiber müssen sofort zahlen. Das wirke besser als die Revolution von 1917. Ab da, muss ich nie wieder einen Gast rausschmeißen. Disziplin zog ein.
Nach der Öffnung der Grenzen sterben mir viele Genossen weg. „Dafür haben wir jeden Samstag Subotniks gemacht?“ „Für diese Verräter?“ Das sind die Aussagen der Enttäuschten. Binnen drei Wochen sterben mir vier echte Genossen; Bergmänner der ersten Stunde. Beste Freunde. Ich kann zusehen, wie sie von ihren zwei Bier auf ein Bier und eine Limo und später, nur auf eine Limonade um bestellen. Kein Bier mehr, kein Schnäpschen. Schon am folgenden Tag kommen die Meldungen über deren Ableben. Der Schock ist überwältigend.
Plötzlich kommt die Meldung, die Grenze wäre offen. Man könnte in den Westen fahren und bekäme noch Geld dafür. Joana sagt mir, wir könnten ja unsere Verwandtschaft besuchen fahren. „An unserem Ruhetag, ja.“
Die Grenzöffnung
Unser Stammtisch ist leer. Zwei alte Bergmänner sitzen bei uns und wir reden von der offenen Grenze.
„Das bringt nichts Gutes!“, seufzt Kurt. „Ich muss da nicht hin. Die haben Angehörige meiner Familie jahrelang eingesperrt, weil sie Kommunisten waren.“
„Du bist doch gar kein Kommunist, Kurt.“
„Ich habe die Vereinigung mit der SPD nicht mit gemacht.“
„Ja. Aber Du bist ja Verfolgter des Naziregimes.“
„Mich graust bei der Vorstellung, die kommen jetzt ungestraft hier her.“
Joana hat Kurt einen Kirschlikör ausgegeben. Kurt trinkt keine harten Schnäpse. Er, mit seiner Bergmannslunge, kommt dabei fürchterlich ins Husten. Kurt hat mir immer seine Monatsration von Bergarbeiterschnaps verkauft. Ich habe den zu Kirschlikör gemacht. Schwarz. Das Zeug hat sich gut verkauft. Mitunter habe ich daraus mit Puddingpulver, Eierlikör hergestellt. Der verkaufte sich zeitweise, extrem gut in Schokobechern. Unsere Frauen waren verrückt nach diesem Gesöff. Viele Kollegen fragten mich neidvoll, woher ich die Schokobecher habe. Das war zeitweise Mangelware wegen der hohen Nachfrage. Jetzt, da Joana da ist, finde ich bisweilen die Zeit, ein paar Dutzend zu gießen.
In den kommenden drei Tagen konnten wir uns auf unseren Einzug konzentrieren. Andrea hat uns mit Jürgen zusammen, die Wohnung geräumt. Neben einem Bett, einem Schrank und dem Fernseher brauchten wir nicht viel für unsere erste gemeinsame Wohnung. Unser Leben spielte sich in den Gasträumen und beim Einkauf ab.
Zwischendurch fanden wir schon die Zeit, an unseren Ruhetagen im Sommer, baden zu gehen. Wie fast alle DDR Bürger, bevorzugten wir FKK. In unserer Nähe gab es reichlich Badeseen und Bäder mit diesem Angebot. Unser neues Auto war dafür das beste Bewegungsmittel.
Im Spätherbst fuhren wir eher in die CSSR, um uns da Dinge zu kaufen, die wir bei uns eher seltener fanden. Ölsardinen und Dorschleber sind bei uns Zweien eine beliebte Schmuggelware. Schon deshalb, weil wir die selbst gern essen. An Ruhetagen fahren wir nach Prag, in den Harz oder ins Erzgebirge.
Mit der Grenzöffnung ändert sich das. An den ersten drei bis vier Tagen gab es hundert kilometerlange Staus in Richtung Franken. Wir haben mit dem Ruhetag nach der Grenzöffnung das Glück, nicht endlos im Stau stehen zu müssen. Es liegt eine Woche dazwischen. Im Grunde wollen wir nur etwas Westgeld holen und dabei Land und Leute kennen lernen. An zwei Ruhetagen ist kaum mehr möglich. Bei uns am Stammtisch treffen schon die Ersten ein, die Drüben waren. Die Gesichter zeigen uns keine Begeisterung. Den Erzählungen nach, könnte das eher am Stau und den Warteschlangen vor den Geldausgabestellen gelegen haben. Das erste Mal in meinem Leben, höre ich, wie DDR Bürger, Ihresgleichen schlecht machten. Ein Tag und die Gesellschaft ist gespalten. Das setzte sich am Stammtisch rege fort. Wir werden neugierig, was es da zu sehen gibt, das so viel Streit auslöste.
Am Wochenende gibt es wieder eine Trauerfeier. Unser Nachbar wurde beerdigt. Er wurde keine siebzig Jahre. Seine Kinder leben im Westen. Sie sind zugegen.
„Wieso habt Ihr zwei Ruhetage? Unsere Gastwirte machen einen pro Woche.“
„Wir haben bei uns die Vierzig-Stunden-Woche. Sie nicht?“
Joana und ich sind schockiert von dieser Frechheit. Was glaubt dieser Trottel, wer er ist?
„Sind Gastwirte keine Menschen?“
Praktisch vergeht kaum ein Tag ohne Trauerfeier. Das wird langsam zu unserem Stammgeschäft. Trauerfeiern wurden in der DDR ziemlich üppig gefeiert. Wir haben den Hinterbliebenen unserer Stammgäste natürlich auch den gefüllten Umschlag gegeben. Damit wurde der Kauf des Grabsteines gestützt und ein angemessener Respekt bezeugt. Ich will jetzt nicht behaupten, dass ich als Gastwirt die helfende Hand des Abganges war. Obwohl mir manchmal der Verdacht unterlief. Auf alle Fälle, war ich der Ersatz für einen Pfarrer. Bei den Lebenden genauso, wie bei den Toten. Viele meiner Stammgäste bekamen am Stammtisch einen Platz nach ihrem Ableben. Ihre Bilder wurden langsam zu einer Galerie der Unvergessenen. Zwei meiner Stammgäste waren im Spanienkrieg. Andere an der Ostfront. Auf beiden Seiten. Und genau diese Bilder säumten meinen Stammtisch. In meinen Augen, ist das die Galerie von Helden. Die haben unser Land wieder aufgebaut und uns erzogen.
Immer öfter kommen Westautos. Vor allem, an Wochenenden. Meist sind es Familienangehörige von Ortsansässigen. Selbst ganze Familienfeiern werden in Osten verlegt. Das war billiger für die Westler, die uns abfällig als Ossis oder Zone bezeichneten. Bei den Tauschsätzen. Die haben praktisch für das eh preiswerte Bier, ein Viertel bezahlt. Es war damit billiger als sie und die Preise in ihren Kaufhallen. Büchsenbier war praktisch nur noch eine Geschenkgabe in den verhungerten Osten. Wir sammeln auch noch die leeren Büchsen. Damit werden wir schon zeitig zur Müllgrube des Westbesuchers. Die Sammelwut lässt blitzartig nach.
Mit den Westbesuchern kommen auch reichlich Leute mit Fotoapparaten. Als Hobbyfotograf wundere ich mich, warum die ausgerechnet Häuser und Motive wählen, die kaum einen Fotografen interessieren. Zu der Zeit, kostet ein entwickeltes Foto, zwei Mark. Und die Filme sind auch nicht gerade billig. Kurt gab mir mal den Hinweis. "Die haben hier zeitweise gewohnt. Die sind nach dem Krieg in den Westen gegangen."
"Was? Was wollen die hier?"
"Das ist die Familie, denen mal Deine Gaststätte gehörte. Ich glaub, das sind Juden." Kurt neigt etwas zur Spekulation. Er glaubt, die Leute zu erkennen.
"Die wurden von Adolf enteignet."
"Wieso sind die dann in den Westen gegangen?"
"Propaganda bewirkt Wunder, Karl. Jeder sucht sich seinen Henker selbst."
Kurt wirkt etwas bissig.
"Ich hab bissl Hunger. Mach mir mal ne Scharfe Sache."
Die "Scharfe Sache" war eine Kreation meiner Mutter. Es war Schweinebraten, kalt, auf einer doppelten Schwarzbrotschnitte, die mit Senf bestrichen, mit Meerrettich und saurer Gurke gefüllt wurde. Das Gericht hatte ich in meine Gaststätte mitgenommen. Das Gericht wurde mit Schweinebraten der Keule kalkuliert und mit Braten der Schulter serviert. Auf diese Art, konnte ich mir ein paar Pfennige extra verdienen. Zumindest gab es mir die Möglichkeit, meine Verluste zu verringern. Die Kontrolleure der ABI haben das großmütig übersehen. ABI war die Arbeiter- und Bauerninspektion, welche die Preise und ihre Einhaltung kontrollierten. Die ABI bestand zu achtzig Prozent aus Frauen. Mit denen war kein gut Kirschen essen. Die waren unbestechlich. Trotzdem waren die Frauen realistisch. Verluste konnte ich ihnen gut erklären. Alles lag im Rahmen.
Kurt isst langsam. Er hatte erst frisch einen Stiftzahn bekommen. Den soll er noch etwas schonen, sagt er. Kurt kommt fast täglich. Er trinkt immer ein Bier. "Gemütlich", sagt er. Mit einem Bier ist der halbe Liter gemeint. Zu besonderen Anlässen, genehmigt er sich einen Kirschlikör. Heimlich, wenn er allein bei mir ist, darf es auch ein Eierlikör sein. Vor seinen Kollegen schämt er sich, das Weibergetränk zu konsumieren. Joana gibt ihm manchmal ein Stück Kuchen vom Bäcker. Kurt ist ein heimlicher Süßhahn. Seit Joana bei mir ist, bleibt er länger. Seit einem Jahr, ist er allein zu Hause. Seine Frau, Berta ist gestorben. Sie war auch eine Spanienkämpferin. Sie war aus dem Ruhrpott und ist nach dem Krieg bei Kurt geblieben. Sie wurde im Westen schwer verfolgt und saß auch ein paar Mal ein. Berta trug immer das Abzeichen der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft am Revers.
Wir sitzen am Stammtisch zusammen mit Joana und vertreiben uns die Zeit mit ein paar Erinnerungen. Vor der Gaststätte stehen wieder Fotografen. Sie fotografieren unser Lokal.
'Was gibt es hier schon zu fotografieren', denk ich mir.
Die Tür geht auf und vier Leute kommen herein. Eine Familie, wie es aussieht. Die zwei Jüngeren werden begleitet von zwei ziemlich alten Personen. Die Jüngeren helfen den Alten aus der Jacke. Alle setzen sich.
Joana geht hin, um sie zu fragen, was sie möchten.
Sie bestellen Kaffee und fragen, welchen Kuchen wir anzubieten haben. Zum Glück haben wir nicht Alles gegessen. Joana kann Etwas vorweisen. Unsere Gäste nehmen die Windbeutel, Liebesknochen und ein paar Stücke Kirmeskuchen.
"Der Kaffee ist gut. Ich nehme noch ein Kännchen."
"Reicht Ihnen der Kuchen", fragt Joana.
"Der ist sehr gut. Den Bäcker kennen wir", sagt der Opa am Tisch. Er ist sicher um die Achtzig.
Kurt sitzt noch am Stammtisch und gibt ein paar Geräusche von sich. Ich habe es nicht verstanden. Der Opa am Tisch, schon. Er schaut, schaut nochmal, steht auf und geht zum Stammtisch.
"Kurt, bist Du es?"
"Mischa, äh Elias. Schön, Euch mal wieder zu sehen."
"Karl", sagt Kurt, "das waren mal die Besitzer Deiner Kneipe."
"Ich bin jetzt etwas überrascht."
"Nebenan, das ist ein Kino. Das gehörte dazu."
"Ich dachte, unser Kino ist unten im Kulturhaus."
"Früher war das hier. Das ging gut."
"Das war immer voll", sagt Elias.
Seine Frau bekommt feuchte Augen. Joana gibt ihr eine Serviette. Sie stellt sich mit Zine vor.
"Wir sind hier enteignet worden. Nicht von den Kommunisten. Von den Faschisten."
"Wollen Sie das wieder haben?"
"Wir haben es beantragt", sagt Elias.
Wir unterhalten uns noch etwas. Unsere Gäste möchten auch Abendbrot essen. Der nicht mehr so junge Sohn, eigentlich auch fast ein Rentner, möchte gern noch das Haus anschauen. Wir gehen zusammen eine Runde durchs Haus.
"Hier hat sich Nichts geändert. Sehr schön. Genau so, wie Vater es gebaut hat."
"Ins Kino kann ich leider nicht rein. Wir müssten Andrea fragen."
Die Runde ist recht lustig und die Geschichten stimmen mich trotzdem nachdenklich. 'Wie kann ein Mensch, nach so einem Grauen, so lustig davon erzählen.'
"Sie waren im Ort sehr beliebt unter uns Bergleuten. Wir haben ihnen Nichts getan", sagt Kurt.
Elias entkräftet etwas die Aussage. "Ein paar Verräter gab es schon in euren Reihen zu der Zeit."
Joana versucht mit der Frage: "Darf es noch Etwas sein?", einen Streit zu verhindern.
Das war nicht notwendig. Elias sagt, Kurt und seine Kollegen hätten dafür gesorgt, dass die ungeschoren weg kommen. Die Kneipe und das Kino waren sie trotzdem los. Auch die Wohnung samt Inhalt. Ihre Eltern haben es nicht geschafft. Sie wurden später gegriffen.
Wir gehen nicht genauer darauf ein.
Kurt möchte nach Hause. Der Abend ist so gut wie gelaufen. Die anderen Stammgäste verlassen uns auch gruppenweise. Es wird stiller. Ein Nachbar, der Krankenwagenfahrer, ist noch da. Seine Eltern kennen die Altwirte auch noch persönlich. Er soll sie recht lieb grüßen von den Vieren.
"Wir kommen bei Gelegenheit wieder", sagt Zine zu mir. Sie wirkt etwas abwesend. Der Sohn hat sich noch nicht vorgestellt. Seine Frau auch nicht. Sie stellen sich bestimmt das nächste Mal vor.
Joana sagt zu mir: "Das klingt nicht gut."
"Kommt Zeit, kommt Rat", antworte ich ihr.
Der Wandel
Über die Wochen entwickelt sich unser Betrieb immer besser. Der Straßenverkauf geht etwas zurück. Die Themen am Stammtisch drehen sich immer mehr um die Wiedervereinigung. Jeder prahlt am Stammtisch mit ein paar Westmark. Die Gäste erzählen sich untereinander, was sie von ihrem ersten Westgeld gekauft haben. Die Urlaubsplanungen unserer Stammgäste klingen für uns utopisch.
Für uns liegt erst Mal ein Besuch der Familienmitglieder an. Immerhin haben wir sie jahrelang nicht gesehen. Dazu wollen wir jetzt endlich Westgeld sehen. Es war einfach keine Zeit für einen Besuch.
Wir setzten uns in den Trabi und fahren los. Bewaffnet waren wir mit einer Landkarte der DDR. Selbst unser Land ist uns zu diesem Zeitpunkt, teilweise fremd. Es gibt sehr viele Gebiete, in denen wir noch nicht waren. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es bei uns Leute gibt, denen es bei uns zu eng geworden sein soll. In unserer Familie leben Bauern, die selten über die Kreisgrenzen hinaus kommen. Eine Fahrt in den Nachbarbezirk oder gar in die CSSR, ist eine Weltreise für sie. Weite Reisen sind bei uns etwas für Prahler. Denen hören wir schon gern zu. Selten kommt der Wunsch auf, es ihnen gleich zu tun.
Erzählte ich ihnen etwas von der Sowjetunion, aus Sibirien, wo ich gearbeitet habe, wurden die Ohren spitz. Als Tourist sieht man sein Gastgeberland aus einem anderen Blickwinkel. Man sieht die Fassade. Nicht das soziale Leben der Gastgeber.
Wir fahren über die Autobahn. Es ist reichlich Betrieb. Unsere Volkspolizei steht überall. Sie führen emsig Geschwindigkeitskontrollen durch. An ihren Standorten, den Parkplätzen, befinden sich fast ausnahmslos Westautos mit Westnummern.
In der DDR gibt es für Vergehen im Verkehr, Stempel. Viel Spielraum hatten wir nicht. Beim fünften Stempel war Schluss mit Lustig. Mit Alkohol im Blut, egal in welcher Menge, war sofort Spazierengehen angesagt. Bei recht viel Alkohol, hatte der Betreffende auch genug Zeit, an unserem Aufbauprogramm teilzunehmen. Wir haben genug Plätze in der DDR, an denen Sand gesiebt oder Ziegel geformt werden können. Es gibt auch genug Waldschäden durch Stürme, die dringend beseitigt werden müssen. Zu guter Letzt, stehen uns auch reichlich Tagebaue zur Verfügung, in denen jede hilfreiche Hand benötigt wird. Das Betätigungsfeld für Sünder jeder Art ist praktisch endlos. Der Erziehungsprozess zu vollem Gehalt wirkte Wunder. Es gibt so gut wie keine Kriminalität.
Wir fahren an unseren Rastplätzen vorbei in Richtung Grenzübergang Vogtland. Die Autobahn ist in einem recht erträglichen Zustand. Teilweise neu gemacht mit Betonguss. Unser Trabi fährt einhundert und zehn Stundenkilometer. Die mit Bitumen gefüllten Stöße der Fahrbahnplatten stören uns kaum. Obwohl wir während der Fahrt, keinen Kaffee trinken können. Dafür haben wir angehalten. An uns rauschen gelegentlich große Westkutschen vorbei. Deren Scheiben sind teilweise abgedunkelt. Das erste Mal sehen wir eine Gesellschaftsschicht, die Angst hat vor der anderen. Und das ziemlich zahlreich. Wir kennen keine Autos mit schwarzen Scheiben. Kann man durch die Scheiben sehen? Oder, wollen die Nichts sehen?
Die kleine Reise sollte ziemlich interessant werden. Auf den paar Kilometern bis zur Grenze, dürfen wir sechs Unfälle registrieren. Das ist pro zehn Kilometer, einer. Wenn das der neue Durchschnitt wird, brauchen wir uns nicht wundern, dass deren Autoindustrie floriert. Die brauchen tatsächlich die vielen Autos, weil sie nicht fahren können.
An der Grenze stehen unsere Grenzer und winken uns freundlich durch. Auf der Gegenseite müssen wir uns schon ein paar Beleidigungen anhören.
"Was ist der Grund Ihrer Reise?"
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