Zweitnächsten Sonntag kamen die Familien Dinkl und Balrich mit dem Neugeborenen Mallis über das Feld zurück von Beutendorf, wo es getauft war. Alle gingen geradeswegs in die Kantine und tranken, der Säugling an der Brust. Sie saßen an einem langen Tisch und noch allein. Als andere Gäste eintraten, hatten sie schon zu Mittag gegessen und waren aufgeräumt. Der Großonkel Gellert, vertrocknet unter seinem schwarzen Gehrock und mit dem Grinsen im Bocksbart, vollführte einen Tanz, verbunden mit Händeklatschen und Gestampf, um seine Nichte Leni her. Er behauptete, draußen irgendwo Derartiges gesehen zu haben.
Dann fiel er freilich auf die Bank und blies mühsam aus seinen Hängebacken. Indes ringsum Lärm war, beobachtete Karl Balrich gespannt das Wackeln des Alten und seinen Blick, der sich greisenhaft verglaste. Plötzlich, das Auge auf ihm, raunte er ihm zu:
„Onkel, was war es damals, mit dir und Heßling?“
Gellert starrte verständnislos. „Damals?“ fragte er. Balrich nickte fest.
„Mit dir und — du weißt schon.“
Denn er hatte sich entschlossen, ins reine zu kommen mit dem Geschwätz von neulich. „Was fehlt viel, und ich wäre, was er ist,“ hatte der alte Tunichtgut gesagt, von sich und dem Generaldirektor. Geschwätz, dachte Balrich, so oft es ihm einfiel, und doch fiel es ihm ein. Jetzt wartete er, bis der da kam, — und schon kam er. Er begriff, fuhr auf und fragte zitternd:
„Hab’ ich denn geschwatzt?“
„Du hast schon zu viel gesagt,“ erklärte Balrich. „Jetzt sag’ auch den Rest!“
„Weiß schon jemand?“
„Von mir kein Mensch. Bist du aber nicht offen mit mir —“
Der Alte winkte beschwörend. „Lieber du als die anderen. Du bist der tüchtigste. Dein Onkel leider war nicht tüchtig.“
Das sei ihm bekannt, sagte Balrich barsch. Er hatte keinen Sinn für Familienmitglieder, die mit siebzig Jahren ihren Neffen wohl etwas Erworbenes hätten mitbringen können, und statt dessen fielen sie ihnen noch zur Last. Auch der Tanz vorhin um Leni her hatte ihm mißfallen.
Der Alte blinzelte erregt. Aus Furcht vor dem Neffen ließ er alles fahren.
„Konnte man denn wissen, damals?“ Man hat einen alten Freund, Kriegskameraden, Fechtbruder. Mein Strohsack, dein Strohsack, meine Laus, deine Laus; und auch die Sparpfennige immer auf demselben Brett. Manchmal waren es Taler. Und als der eine im Städtchen bleiben will, sein Handwerk treiben und Meister werden, läßt der andere ihm, bis er wiederkommt, seine Taler.
„Das warst du?“
„Gott sei es geklagt.“
„Und der die Taler nahm, war der alte Heßling.“
„Und der sie auch behielt. Verstehst du wohl?“ wisperte Gellert. Balrich hob die Schultern.
„Würdest du sie sonst noch haben?“
Da griff der Alte mit Leidenschaft um die Tischkante und rief in der Fistel:
„Nicht die Taler, meinen Anteil an Gausenfeld würde ich haben!“
Kaum ausgesprochen, verfolgte er das Wort auf den Gesichtern der Nächsten. Sie hatten in ihrem Lärm es nicht gehört. Balrich seinerseits wendete sich unwirsch weg. Das war einmal der Mühe wert, um solch ein Gefasel noch nachzufragen. „Mit deinen vier Talern hat er also Gausenfeld gegründet?“
Gellert zischte. „Es waren aber vierhundert weniger vier. Ja doch! Und alles war von einer Meisterin, bei der ich gearbeitet hatte — gearbeitet, du weißt schon wie. Mit dem Pinsel, womit ich anstrich, würde ich beileibe das nicht verdient haben.“
„Unehrliches Geld,“ sagte Balrich. Der Alte meckerte.
„Sie hat es hergeben müssen, sonst holte sie der Teufel.“
„Und der Heßling wußte davon.“
„Vielleicht nicht?“
„Auch ein Lump.“
Gellert ward ernst und verweisend.
„Er hatte es nicht selbst getan. Er war sogar ein strenger Mann. Auch er nannte mich Lump.“
„Wenigstens gab er dir einen Schuldschein.“
„Das mußte er nicht.“
Balrich schob den Kopf vor und sagte dem andern nahe in das Gesicht: „Jetzt hab ich genug von deinen, Räubergeschichten.“
Hier fing der Alte zu weinen an. „Ich war es doch,“ schluchzte er, „und du willst sagen, ich war es nicht.“
Er stieß Dinkl an und auch Herbesdörfer, bis sie ihm zuhörten.
„Ein Schuldschein, zwischen alten Kriegskameraden und Fechtbrüdern? Habt ihr das erlebt?“
Da sie nicht begriffen, erzählte er nochmals das Ganze, begegnete auch ihren Einwänden und schwor, noch immer sei sein Geld ihm geschuldet. Warum er es nicht zurückgefordert habe? Als er wiederkam nach mehreren Jahren, war es nicht mehr da. Vielmehr, es steckte im Geschäft.
„Es steckte im Geschäft? Kannst du das beweisen?“
„Ob ich es kann! Der alte Heßling hat mich doch bei der Hand genommen in seinem Kontor in Gausenfeld und hat mir alles vorgerechnet.“
Balrich sagte, grabenden Blickes:
„Gausenfeld hat dem alten Heßling nie gehört. Seine Fabrik stand in der Meisestraße.“
Gellert ward wild.
„Meisestraße oder Gausenfeld, ich sehe ihn noch an seinem Pult beim Fenster, er kratzte sich hinter dem Ohr und rechnete. Ich sollte nur warten, bald würde ich anfangen, mit zu verdienen.“
„Du siehst ihn. Hast du sonst keinen Beweis?“
„Daß er auf seinem Pult einen Tintenwischer hatte, und der war ein Mohrenkopf.“
Dinkl fragte ernsthaft:
„Wielange ist das nun her?“
„Auf den Schlag vierzig Jahre!“ schrie Gellert.
„Das ist Zeit genug,“ sagte Dinkl. „Inzwischen hat der Mohrenkopf vielleicht das Reden gelernt und kann für dich zeugen.“
Da er selbst sehr lachte, wandten die anderen Gäste sich her und wollten hören. Dinkl schickte sich auch an, ihnen seinen Witz zu erläutern; Balrich aber verbot es ihm leise und kurz.
Der alte Gellert sank wieder in sich zusammen, und beim Weggehen hatte er nur noch die Sorge, daß niemand weiter von der alten Geschichte erfahre, besonders die Weiber nicht. Dinkl meinte zwar, es sei zu komisch, man dürfe es nicht für sich behalten. „Onkel Gellert Teilhaber von Heßling auf Gausenfeld! Generaldirektor Gellert!“ kreischte er und tanzte auf einem Bein, — indes der Alte mit blutunterlaufenen Augen dabeistand wie ein bittender Hund. Aber Balrich verlangte dringend, daß kein Wort laut werde. Ob Dinkl einen alten Arbeiter, der sich in der Fabrik mit Anstreichen ein Stück Brot verdiene, ins Elend bringen wolle. Dinkl erklärte sofort, wenn Onkel Gellert seine Arbeit verliere, werfe er selbst die seine hin, und streiken sollten dann alle!
Dennoch hatte Dinkl jetzt immer, wenn er den Alten sah, einen heimlichen Rippenstoß für ihn. „Wann lassen wir uns denn unsere Dividende auszahlen?“ fragte er, und der Alte sah sich nach allen Seiten um wie ein Dieb. Eines Tages aber, in einem Winkel des großen Hofes in Gausenfeld, als er vor dem Schichtmachen sein Gerät ordnete, stieß auch Balrich ihn so an und raunte:
„Du hast wohl noch Zeit bis zur Abrechnung?“
Da entsetzte sich der Alte, und wie gerade ein Schub Arbeiter aus dem Tor kam, glitt er hinein und drückte sich. In diesem Augenblick ward es Balrich zum erstenmal gewiß, Gellert rede wahr, das mit dem Geld sei wahr.
Er hätte es nicht geglaubt, — obwohl er jetzt jede Nacht darüber nachdachte. Noch nicht in der ersten; die Zweifel näherten sich langsam, nahmen immer mehr Schlaf und wurden schwerer, eben von der Schlaflosigkeit. Da er nun gewiß war, schlich er, anstatt zu seinem Mädchen, dem alten Gellert nach, der ihm auswich. Eines Abends nur traf er ihn bei Dinkls, ein reiner Zufall. Der Alte, leicht angetrunken, schien weniger ängstlich. Da trat Besuch ein, ein Herr in mittleren Jahren, recht dick schon, weiches Gesicht ohne Bart, weicher Hut, der Gang etwas einwärts, — und hast du nicht gesehen war Gellert fort. Es ging so schnell, im Schatten die Wand hin und ab, daß der Herr sich nicht einmal umsah.
„Ich bin der Rechtsanwalt Buck,“ sagte er. „Guten Abend, ich bringe Ihnen, was sonst meine Frau Ihnen bringt. Sie ist nicht wohl.“ Und mit zarter Hand legte er neben Malli, die das Kind stillte, einen verschlossenen Umschlag.
Dinkl erwies sich gewandt, räumte die Kinder fort und machte dem Herrn Rechtsanwalt so viel Platz, als genügte seinem Umfang das ganze Zimmer nicht. Buck ließ sich wohlwollend auf den gebotenen Stuhl, hatte einen gerührten Blick für Malli mit dem Säugling, einen bewundernden für Leni, die die Brust herausstreckte, einen erstaunten über die Kinderschar hin, dann seufzte er und fragte mild und etwas fett:
„Wohnen Sie hier gut?“
Niemand antwortete. Selbst Dinkl hatte die Fassung verloren. Der Schwager des Herrn Generaldirektors fragte: „Wohnen Sie hier gut?“ — anstatt nur hinzuwerfen, daß sie glänzend wohnten! In der Stille traf Buck auf die gefalteten Brauen Balrichs. Seine Augen prallten zuerst ab, dann suchten sie um so eindringlicher die des Arbeiters, — dessen Gesicht sich ein wenig entspannte unter dem braunen, weich glänzenden Blick. Buck sagte sanft:
„Lieber möchten Sie natürlich auf Villa Höhe wohnen.“
Und als sei dies noch nicht genug des Unerhörten, hob er seine schweren Schultern und sagte ergeben:
„Begreiflich, aber was kann man machen.“
Es klang, als bewohnte er selbst, mit seiner Frau und seinem Sohn, nicht einen ganzen Flügel von Villa Höhe, sondern allenfalls ein Kellerloch.
Dann stand er auf, gab allen die Hand, ohne irgendeinen dabei anzusehen, und entschwand ihnen, langsam und einwärts. Die Meinung Mallis und Dinkls war: „Ein armer Herr!“ Leni blies nur geringschätzig durch die Nase. Balrich schwieg, und er blieb nicht mehr lange.
Zwischen dem Onkel Gellert und diesem Buck gab es einen Zusammenhang, — und was sollte er betreffen, wenn nicht die alte Geldgeschichte. Balrich zweifelte nicht, er ließ sich in der Kantine ein Fläschchen mit Schnaps füllen und ging damit durch die rückwärtige Gartenpforte der Villa Klinkorum, zu dem Anstreicher. Der Schnaps freilich erwies sich als zwecklos, denn Gellert saß schon vor einer Flasche und war nun soweit, daß er sich ganz allein etwas vorsang. Beim Erscheinen Balrichs sang er:
„So dumm ist der alte Gellert noch nicht. Das hast du gedreht!“
Was er gedreht habe, fragte Balrich. Das Zusammentreffen mit Buck sei kein Zufall gewesen, behauptete Gellert. Ihn aber gehe der Buck nichts an. „Wie soll ich ihn kennen. Als ich einmal bei seinem Vater war, trug er noch Röckchen.“
„Aha. Bei seinem Vater.“
Gellert, stark erschrocken, bot Schnaps an.
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