Читать книгу «KNUCKLEDUSTER» онлайн полностью📖 — Andrew Post — MyBook.

Kapitel 8

Mithilfe seines Spiegelbildes in einem Schaufenster, das mit Weihnachtsbäumen und anderer roter, goldener und grüner Dekoration beladen war, nahm Brody vorsichtig die Linsen aus den Augen, als die verbleibende Zeit eine Stunde und vierzig Minuten anzeigte. Er heftete sich das Sonar an die Stirn und marschierte die Straße hinab. Aus einem unerfindlichen Grund gab es ihm ein besseres Gefühl, in Bewegung zu sein.

Nach ein paar Schritten in Dunkelheit konnte er wieder etwas sehen. Zuerst erschien ein kubisches, dumpf erscheinendes Gebäude, dann der Bürgersteig und schließlich der Strom der Passanten. Er setzte seine Sonnenbrille auf, um mit den milchigen Augen keine Blicke anzuziehen. Als er ein Bushaltestellenhäuschen aus Glasfaser erreichte, nahm er sie wieder ab und ließ das Sonar in Ruhe die Umgebung berechnen. Er konnte einfach dort sitzen und alles erfassen, sofern die Bewegungen nicht zu schnell waren.

Brody holte sein Handy heraus, konnte aber nichts auf dem Bildschirm erkennen, bloß die leere Fläche eines Bedienfelds. Doch mithilfe der individuellen Tastenpieptöne gelang es ihm, das Teil zu bedienen. Er hoffte, Thorps Nummer richtig gewählt zu haben, und hielt sich das Handy ans Ohr. Das Freizeichen war unter den Windgeräuschen im offenen Wartehäuschen kaum zu hören. Auf ein Klingeln folgte das nächste und das nächste. Als er bereits ans Trampen dachte, ging Thorp ran.

»Sorry, dass es so lang gedauert hat. Ich war im Garten.«

Brody stellte sich ihn im rußgeschwärzten Cockpit des Darters vor, fröhlich am Gewehr seiner gewalttätigen Rückblenden sitzend und den Klang der Schüsse imitierend: Ratatatat, Ratatatat, Ratatatat.

»Hör zu, Nectar ist nicht auf der Liste der neuen Rekruten in Fort Reagan. Bist du sicher, dass sie sich dort eingeschrieben hat?«

»Als ich das letzte Mal mit ihr gesprochen hab, sagte sie, sie wollte sich dort anmelden. Ich hatte mich da angemeldet, also wollte sie es auch.«

»Jetzt sei ehrlich zu mir. Hast du wirklich mit ihr geredet oder ist es dir nur zu Ohren gekommen?«, fuhr Brody ihn an, den die Anwesenheit in Chicago allein schon nervte. Halb blind war er erst recht nicht in der Stimmung, um den heißen Brei zu reden.

Ein langer Kasten schob sich vor das Häuschen, gurgelnd wie ein in eine Kaffeekanne gestopfter Wal. Brody winkte den Bus weiter und konnte Thorp erst ein paar Augenblicke später wieder hören.

»… bin ehrlich zu dir, Mann. Sie sagte mir, dass sie sich in Fort Reagan eingeschrieben hat. Ich verscheißere dich nicht. Das würde ich nicht machen.«

»Tja, die haben mir gesagt, sie ist nicht auf der Liste. Soll ich noch woanders suchen? Nebenbei habe ich kein Geld, um zu dir zurückzukommen.«

»Wo bist du? Ich schick dir ein bezahltes Taxi.«

»Vergiss es. Jetzt bin ich schon mal hier und will zumindest ein wenigFortschritte machen.«

Er spürte den Griff enger werden. Brody spürte ihn oft erst, wenn er eine Spur verfolgte. Diesmal erwischte er ihn früher, womöglich wegen der persönlichen Umstände. Er sah seine Zukunft: eine Wand seines Gästezimmers in Thorps Haus, überall Fotos von Nectar, seitenweise Notizen, mitgeschnittene Telefonate. Normalerweise waren seine Fälle schnell erledigt, doch er wusste, dass dieser anders war.

»Was hast du vor?«, fragte Thorp.

»Ich weiß es nicht. Sag du es mir. Wo wohnt sie?«

»Anscheinend im Wicker Park.«

Brody schloss die Augen, konnte aber noch alles sehen. Klotzige Darstellungen der Cafékunden liefen durch ein weißes Netzgitter auf schwarzem Grund, eine bestenfalls veraltete Videospielgrafik. Er rieb seine Schläfen. Als er die Fingerspitzen herunternahm, normalisierte sich das verzerrte Bild wieder. »Hast du eine Adresse oder soll ich an jede Wohnungstür des Wicker Parks klopfen?«

Nach zwanzig Minuten Warten mit laufender Nase und immer tauber werdenden Fingern, erschien das Taxi endlich. Brody hatte Thorp gestattet, dafür zu zahlen, da er gewiss nicht bis zum Wicker Park laufen würde. Und wenn er eines über Chicago wusste, dann, dass er nie den Zug nehmen durfte, es sei denn, er wollte unbedingt scharfe Gegenstände in den Körper gestochen bekommen.

Brody war erleichtert, einen lebendigen Fahrer zu sehen.

Dieser sah ihn im Rückspiegel an. »Wohin, Kumpel?«

Er wiederholte die Adresse aus dem Gedächtnis, die Thorp ihm gegeben hatte.

»Alles klar«, sagte der Fahrer und fluchte, als er fast einen Lieferwagen streifte. Er musste das Fahrzeug gegen den Bordstein lenken, wobei er fast einen Print-on-Demand-Zeitungskiosk rammte.

Brody zündete sich eine Zigarette an und sah zu, wie der verpixelte Rauch in die Kälte gesogen wurde. Es dauerte fast eine Stunde, um zum Wohnblock am anderen Ende der Stadt zu gelangen. Der Verkehr in Chicago ließ niemals nach. Brody kam es vor, als wollten sich alle Autofahrer bewusst an Kreuzungen für ein dissonantes Orchester anhupen. Der Taxifahrer schien ähnlich musikalischer Natur zu sein, denn er trug mit einem Sopran-Geblöke zur Kakofonie bei und erzählte bei jeder Kreuzungsüberquerung zwischen seinem Hup-Stakkato, dass die Montage am schlimmsten wären.

»Wissen Sie«, meinte der Fahrer bei der Ankunft, »ich kann diese reichen Typen nicht ab, die ihr Taxi im Voraus bezahlen, weil ich dann nie ein gottverdammtes Trinkgeld kriege. Geht alles an die beschissene Taxigesellschaft.«

Nach einer unaufrichtigen Entschuldigung stieg Brody aus und knallte die Tür zu.

Nectars Wohnblock war riesig, bestimmt dreißig Stockwerke hoch, und es dauerte ein paar Sekunden, bis die Schallwellen es vollständig erfassten. Er stand einen Moment davor und ließ das Sonar nach Menschen auf der Treppe suchen. Niemand da.

Brody erklomm die Stufen und fand das Klingelbrett, aber nichts in Blindenschrift. Die Namen standen auf bedruckten Schildern ohne Textur. Er erwog, die Linsen einzusetzen, doch er hatte mit blanken Händen Türgriff, Anschnallgurt und Sitz des Taxis angefasst. Gott wusste, wie dreckig sie nun waren. Spaßeshalber zog er an der Tür.

Verschlossen.

Brody ging zum Bürgersteig zurück und blickte die Straße entlang. Autos, Menschen, Dampf aus den Gullys. Er hatte seine Zigarette noch an und ließ sie am Mundwinkel baumeln, damit seine Hände in den Taschen bleiben konnten.

Er stand in der Wärme der Sonne vor dem Wohnblock und überlegte, was zum Teufel er hier eigentlich machte. Während der Bewährung den Staat zu verlassen, konnte ihn ins Gefängnis bringen. Brody verdankte es großem Glück, dass sich Chiffon so verständnisvoll zeigte. Nun ja,verständnisvoll war ein wenig großzügig formuliert, aber dennoch, er saß nicht im Knast. Das war schon mal was. Wäre ihm ein anderer Bewährungshelfer zugeteilt worden, hätte der ihn längst dem System überlassen und mit blassblauer JVA-Kleidung ausgestattet. Für einen kurzen, schrecklichen Moment spürte er den Hieb einer Klinge im Bauch.

Januar. Nicht mehr lange. Allein der Name des Monats brachte seine Beine in Bewegung. Er warf die Zigarette in den Rinnstein, ging zurück ans Klingelbrett und drückte willkürlich einen Knopf. Niemand antworte. Er versuchte einen anderen, dann einen weiteren. Nichts. Es war Montag und die meisten Leute wahrscheinlich auf der Arbeit. Er überlegte, alle Knöpfe gleichzeitig zu drücken, doch er wollte lieber eine Spalte nach der anderen durchgehen. Schließlich antwortete jemand. Die Stimme ertönte überraschend laut und schmerzte ihm in den Ohren.

»Ja? Was wollen Sie?«

Brody gab sich als Handwerker aus und wurde hereingelassen. Er hastete ins Innere und blies in seine Hände, um sie zu wärmen.

In der spartanisch eingerichteten Lobby gab es nur einen künstlichen Baum und eine Reihe Fahrstühle. Er ging zu einem kunststoffbeschichteten Rahmen zwischen zwei Aufzugtüren und erfasste mit dem Sonar die glatte Oberfläche. Es hätte ebenso gut ein Anus statt der Mieterliste dahinter sein können.

Fluchend ging er zu einem Lüftungsschacht und stellte sich über den warmen Luftzug. Es blieb lächerlich, mit einem mangelhaften Gerät für Sehbehinderte nach jemandem »Ausschau« zu halten. Er hätte auch einfach den Bürgersteig entlanggehen und jeden einzelnen Passanten nach dem Namen fragen können. Das wäre gleichermaßen hilfreich gewesen, wie in der Lobby eines Wohnblocks rumzuhängen, in dem Nectar Ashbury vielleicht wohnte. Er verfluchte Thorps benebelten Geist. Brody dachte an sein Zuhause. Geschlossene Fenster, aufgedrehte Heizkörper, seine Farben, die Hose ausgezogen und eine Pfanne mit Fertiglasagne im Ofen, die er mit niemandem teilen musste.

Plötzlich hörte er Schlüssel klimpern. Die Eingangstür öffnete sich. Schnell entfernte er das Sonar, steckte es in die Tasche und stellte sich mit traurigem Blick in die ungefähre Richtung der eintretenten Person. Er fragte die Dunkelheit vor seinen Augen: »Können Sie mir helfen? Ich suche meine Tochter. Sie wohnt hier, aber ich bin blind und es gibt keine Blindenschrift auf den Klingelschildern.«

»Wie heißt Ihre Tochter denn?« Die Frau hatte eine liebliche Stimme und er wusste, dass sie ihm helfen würde. Ihre Stiefel klackten in Richtung Mieterliste.

Er folgte ihr, hielt aber respektvollen Abstand. Sie roch wie eine Bäckerei, süßlich und angenehm. »Nectar Ashbury.« Bei all seinem Glück – was, wenn er gerade mit Nectar sprach? Wie würde sie auf einen Blinden mit schlechtem Haarschnitt und veralteten Mantel reagieren, der nach ihr fragte? Würde sie womöglich ihre neu erlernten Nahkampftechniken anwenden und ihm einen Absatz ins Gesicht rammen, den er niemals würde kommen sehen?

Die Frau murmelte immer und immer wieder den Namen, während ihr Finger über das Plastik quietschte. »Wohnung 644.«

»Sechs, vier, vier.« Brody spielte weiterhin den Hilflosen, denn die Aufzüge besaßen wahrscheinlich ebenfalls keine Blindenaufschrift. Er hoffte, die Frau würde ihm noch ein wenig mehr helfen.

Sie bot ihm tatsächlich an, ihn dorthin zu bringen, und er grinste breit.

Still fuhren sie mit dem Aufzug in den sechsten Stock. Er hielt sich am Geländer fest und hörte das Klicken der Tasten auf ihrem Ordi.

Die Türen glitten auf und sie wünschte ihm alles Gute. Ihre Hilfsbereitschaft endete hier. Das war in Ordnung. Er wollte sowieso keine Begleitung auf den letzten Metern. Sobald die Fahrstuhltüren geschlossen waren, setzte er das Sonar wieder auf. Der Hausflur verlief in zwei Richtungen. Er blickte zur nächstgelegenen Wohnung, neben der ein kleines Schild mit erhabenen Zahlen hing, die das Gerät lesen konnte. Dort klopfte er ein paarmal, trat einen Schritt zurück und wartete.

Nichts.

Er versuchte es erneut und drehte sein Ohr zur Tür. Ein schwaches Summen drang nach außen, vielleicht ein Kühlschrank oder ein Heizlüfter. Er bückte sich und ließ das Sonar die Außenbereiche der Tür abtasten. Sie passte genau in den Rahmen, darum konnte er nur wenige Meter drunter durchsehen. Der Boden war ein Wirrwarr nebulöser, wild zusammengewürfelter Formen. Entweder bedeckte ihn Sägemehl oder da lag ein zotteliger Teppich.

Er stand wieder auf und fragte sich, warum er einen Einbruch erwog.

Du tust nur einem Freund einen Gefallen, erinnerte er sich.

Nectar war keine Flüchtige. Verdammt, sie wusste wahrscheinlich nicht mal, dass jemand nach ihr suchte. Bestimmt war sie im Supermarkt, ging ihrem alltäglichen Leben nach und dachte kaum an die Einschreibung beim Militär. Vielleicht wurde sie bloß von den Abenteuerversprechen der Werbung eingelullt, so wie er selbst einst.

Brody zog sein Handy raus und rief Thorp an.

Wie vorhin dauerte es eine Weile, bis er ranging. »Na? Hast du was gefunden?«, fragte er eilig, ohne auch nur Hallo zu sagen.

»Ich stehe vor ihrer Wohnung, aber es macht niemand auf.«

»Scheiße, dann ist sie schon in Übersee.«

»Sie ist nicht mal eingeschrieben. Ehrlich gesagt ist die ganze Sache ziemlich dämlich. Würdest du mir noch ein Taxi rufen, wenn es dir nichts ausmacht?«

»Kannst du das Schloss aufbrechen?«

»Meinst du das ernst?«, fragte Brody. »Willst du, dass ich im Knast lande? Ist das ein groß angelegter Scherz von dir? Ich weiß, du warst schon damals für leicht riskanten Schabernack zu haben, aber selbst für dich geht das ein wenig über eine brennende Tüte Hundescheiße hinaus.«

»Komm schon. Das hier ist wichtig. Wenn Nectar nicht eingeschrieben und nicht zu Hause ist, wo zum Teufel ist sie dann?«

»Hast du schon mal versucht anzurufen? Oder ihr eine E-Mail zu schicken?«, fragte Brody mit zusammengebissenen Zähnen. »Nur weil sie nicht in diesem Moment zu Hause ist und nicht auf irgendeiner Liste steht, heißt das noch lange nicht, dass sie entführt oder nach Übersee geschickt wurde.«

»Entführt«, wiederholte Thorp. »Daran hab ich noch gar nichtgedacht.«

Brody stöhnte. »Hör mir mal zu. Wir sind Freunde, aber du stellst meine Geduld echt auf die Probe. Jedem anderen hätte ich sein Geld zurückgegeben und gesagt: Vergiss es.«

»Ich hab dich doch noch gar nicht bezahlt«, meinte Thorp ruhig.

»Ich weiß. Das ändert den Umstand. Wenn ich zurückkomme, wirst du mich bezahlen und ich werde es nicht zurückerstatten, wie ich es bei jedem anderen machen würde, dessen Problem sich als riesige Verschwendung meiner Zeit herausstellt.« Brody lief zum Aufzug und schlug gegen den Rufknopf. »Ich mein's ernst. Das alles geht mir gewaltig auf den Sack.«

Thorp blieb stumm.

»Hallo?«, fragte Brody und schaute auf den Bildschirm. Einen Moment vergaß er, dass er nichts erkennen konnte. Er wusste nicht, ob Thorp aufgelegt hatte. Brody beendete das Gespräch und wählte die Nummer erneut, doch diesmal ging Thorp nicht ran. Auf dem Weg zur Lobby probierte er es erneut.

Ich hätte mir die Tirade aufsparen sollen, bis er mir ein Taxi bezahlt hat.

Wie vor wenigen Minuten stellte er sich über den warmen Lüftungsschacht und versuchte es ein drittes und letztes Mal. Wieder nichts.

Brody steckte sein Handy in die Tasche und starrte auf etwas, dass er für ein Fenster hielt, in seiner Wahrnehmung aber bloß als schwarze Fläche erschien. Die Schlinge um seinen Hals wurde eng wie ein Schraubstock. Es war immer noch da, kein Zweifel. Die Fragen, die Möglichkeiten und der endlose Drang zu wissen, zu suchen, zu finden, zu beenden, der Spur zu folgen.

»Scheiße.« Er zog am Kragen seines Hemdes, in der Hoffnung das erdrosselnde Gefühl lockern zu können. Aber es gab nicht nach. Nicht im Geringsten.