Читать книгу «Der Schattendoktor» онлайн полностью📖 — Adrian Plass — MyBook.

Er nickte lächelnd und sagte ganz freundlich: »Das dachte ich mir irgendwie schon, Alice.«

»Wie habe ich mich verraten?«

Er lächelte traurig. »Keine großartige Detektivleistung, fürchte ich. Sie sagten, es sei genug zu essen für zwei da. Also …«

»Ach du meine Güte, ja, wie dumm.«

»Was ich rätselhafter finde, Alice, ist, wieso Sie mich überhaupt hereingebeten haben.«

Jack, weißt Du, was ich meine, wenn ich sage, dass man sich manchmal einen Moment Zeit nehmen muss, um ganz tief im eigenen Innern herumzuwühlen und die nackte Wahrheit zum Vorschein zu bringen? Selbst wenn sich dann herausstellt, dass es etwas ist, was man eigentlich gar nicht laut aussprechen will? So ging es mir, als er mir diese Frage stellte.

»Nun ja – schauen Sie, ich möchte wirklich nicht, dass Sie falsch verstehen, was ich jetzt sage – äh, ich soll Sie Doc nennen, sagten Sie?«

»Ja, Doc ist gut.«

»Okay. Also, es ist so – Doc. Obwohl ich Sie erst seit einer halben Stunde kenne, möchte ich … möchte ich, dass Sie mich für eine Person halten, die Ihnen die Wahrheit sagt. Ich weiß, bisher spricht die Bilanz eher gegen mich. Ich habe da unten am Strand einen ganz schlechten Anfang gemacht, aber wissen Sie, das wollte ich wiedergutmachen. Oje, hört sich das sehr dumm an? Schließlich gibt es ja eigentlich gar keinen Grund, warum Sie …«

»Was gibt es zum Abendessen, Alice?«

Mein Gehirn schaltete mit Doppelkuppeln in einen anderen Gang. (Das sagt Dir jetzt wahrscheinlich nichts, aber ich habe keine Lust, es Dir zu erklären.)

»Was? Ach ja, natürlich. Mögen Sie überbackenen Käsetoast mit Speck?«

»Hört sich großartig an.«

»Gut, dann, äh, räume ich nur schnell William ab, ja?«

Wir mussten beide lächeln, als ich das sagte. Es war, als platzte eine kleine Blase. Durch die Luke und dann am Tisch beim Essen plapperte ich unentwegt über mein Leben, meine Ehe, über Dich, meine chronische Einsamkeit, und dann, als wir es uns auf den Sesseln bequem gemacht hatten, an Schokosticks knabberten und einen ziemlich anregenden äthiopischen Kaffee tranken, erzählte ich ihm von meinem Entschluss, mich umzubringen.

»Ihr Besuch hier war eine wunderbare, unerwartete Freude für mich«, sagte ich, »aber der morgige Tag kommt, und dann der Tag danach, und der nächste und immer so weiter, vielleicht noch jahrelang. Hunderte von morgigen Tagen. Die Leute leben heute ja so lange. Ich will so viele Tage nicht mehr. Ich will nicht jeden Morgen aufwachen und den Schmerz in mir spüren, noch bevor der Radiosprecher sich warmgeredet hat.«

Ich schaute entschuldigend zu Williams Bild hinüber. »Letzten Endes kommt von so einem Foto nicht viel zurück. Wenn ich es recht betrachte, gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder bleibe ich da und leide, oder ich entscheide mich freiwillig, den Schritt in die Dunkelheit zu tun, wohin dieser Schritt mich auch immer bringen mag. Das hat nichts mit Neurosen zu tun. Ich leide nicht unter Depressionen und glaube, dass ich durchaus noch alle Hühner auf dem Balkon habe. Und ich habe meine pragmatische Entscheidung getroffen. Meinen Sie, es ist die richtige, Doc?«

Er nippte nachdenklich an seinem Kaffee, etwa so, als solle er sich zwischen Crunchy Nut Cornflakes und Kellogs entscheiden. Er sah so nett aus, wie er dort saß, Jack. Gute Kleidung, teuer, aber robust und haltbar. Eine dunkelbraune Hose aus einem Kordmaterial, ein dicker, dunkelbrauner Strickpullover, der vermutlich aus demselben Laden stammte wie sein grüner Mantel mit dem karierten Futter, der jetzt in meiner kleinen Diele am Haken hing. Die Schuhe, die er ausgezogen und auf der Fußmatte zurückgelassen hatte, als wir hereinkamen, waren mir schon vorher aufgefallen: Sie waren aus kräftigem braunem Leder, mit dicken Schnürsenkeln, mehr für den Gebrauch bestimmt als zur Zierde. Ich mochte seinen Stil.

Wie würde er jetzt auf meine Frage antworten? Eigentlich war es unfair. Was konnte der arme Mann schon sagen? Sollte er mir gute Ratschläge geben, ich möge meinen Blickwinkel weiten und mehr unter die Leute gehen? Therapie? Lebensberatung? Medikamente? Mich auf den Frühling und besseres Wetter freuen? Mich fragen, wie die Menschen, die mich liebten, mit der schrecklichen Nachricht von meinem Tod fertigwerden sollten? Das eine oder andere davon würde es sein, vermutete ich.

Doc steckte sich den Rest seines Schokosticks in den Mund und stellte seine Tasse und Untertasse vorsichtig auf dem kleinen Beistelltisch neben seinem Sessel ab.

»Alice«, sagte er ernst, »ich glaube, Sie haben sich richtig entschieden.«

Warum legen wir eigentlich immer, wenn wir überrascht und verwirrt sind, unsere Köpfe schief und recken sie nach vorn? Peinlich, wenn man sich dabei ertappt. Ich muss ausgesehen haben wie eine aufgeschreckte Schildkröte.

»Entschuldigung, wollen Sie damit sagen, Sie sind der Meinung, dass ich mich umbringen sollte?«

Er drückte seine Ellbogen gegen die Rippen und hob und senkte seine Hände abwechselnd, als wöge er die Argumente ab.

»Von den beiden Möglichkeiten, die Sie erwähnt haben, würde ich jedenfalls auch diese wählen. Den Rest Ihres Lebens im Elend fristen oder einen einfachen Schritt tun, um allem ein Ende zu machen – nun, das ist nicht gerade ein Kopf-an-Kopf-Rennen, nicht wahr? Das ist meine Meinung.«

Daraufhin saßen wir ein Weilchen nur da, ohne etwas zu sagen. Ich hatte das Gefühl, das war kein gutes Ende. Kalt. Hatte er denn nicht eine einzige tröstliche Plattitüde für mich?

Doc brach das Schweigen.

»Allerdings, Alice, gibt es noch eine andere Alternative, an die Sie vielleicht noch gar nicht gedacht haben.«

Also doch. Erleichtert sog ich Luft durch die Nase ein und bereitete mich darauf vor, seinen Vorschlägen freundlich, aber ablehnend zu begegnen.

»Und die wäre?«

Pause.

»Scrabble.«

Es kam mir vor wie die Pointe eines unglaublich komischen Witzes. Ich brach in unbändiges Gelächter aus und konnte gar nicht wieder aufhören zu lachen, wie ich es nicht mehr getan hatte, seit William gestorben war. Eine nervöse Reaktion wohl zum Teil, aber es war noch mehr als das. In den Tränen der Heiterkeit, die mir an diesem Abend aus den Augen flossen, muss irgendein reinigender Wirkstoff gewesen sein. So fühlte es sich an. Manchmal sagen Leute, sie seien vor Lachen umgefallen, nicht wahr? Ich hing am Ende schief über der Armlehne meines Sessels und stopfte mir ein Taschentuch in den Mund, um mich irgendwie wieder unter Gewalt zu bekommen. Äußerst blamabel.

Als ich mich ein wenig beruhigt hatte, entschuldigte ich mich, doch Doc lächelte nur und fragte: »Nun – was halten Sie von der Scrabble-Variante?«

»Tut mir leid, aber ich weiß nicht genau, wie Sie das meinen. Wollen Sie mir sagen, ich solle mich einem Scrabble-Verein anschließen oder so etwas?«

Das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht, und seine Augenbrauen schossen vor Schreck in die Höhe.

»Grundgütiger, nein, Sie haben doch sowieso schon den Lebenswillen verloren. Warum alles noch schlimmer machen? Nein, ich will nur andeuten, dass Sie außer einem trostlosen Leben und der schmerzlosen Auslöschung auch noch die Wahlmöglichkeit haben, heute Abend mit mir eine Partie Scrabble zu spielen. Was halten Sie davon?«

Ich blickte nicht mehr durch, war aber seltsam fröhlich dabei. »Doc, was Sie da sagen, ergibt nicht den geringsten Sinn.«

»Na ja, einen Sinn vielleicht nicht, aber können wir trotzdem eine Runde Scrabble spielen? Ich liebe dieses Spiel. Allerdings muss ich Sie warnen. Ich bin unverschämt gut darin.«

»Ich auch. Na schön, dann spielen wir, aber wieso sind Sie so sicher, dass ich überhaupt ein Scrabble-Spiel dahabe? Oder dass ich Lust zum Spielen habe?«

»Kleinigkeit für einen genialen Detektiv wie mich. Ich sehe es ja dort in Ihrem Sekretär liegen. Andere Spiele liegen dort nicht; also vermute ich, dass Sie sich verkleinern mussten, als Sie hier eingezogen sind, und deshalb alle anderen Brettspiele, die Sie hatten, ausgemistet haben. Das Scrabble aber haben Sie behalten, weil Sie es so sehr mögen und hofften, es irgendwann wieder einmal spielen zu können.«

»Na gut, Sherlock, Sie holen das Spiel heraus, und ich räume den Tisch ab. Dann koche ich uns noch einen Kaffee. Aber warten Sie nur. Sie werden Ihr blaues Wunder erleben!«

Ach, lieber Jack, wie habe ich diese Partie Scrabble genossen! Mit einem warmherzigen, netten Mann mit etwas rauen Kanten zusammenzusitzen und ein Spiel zu spielen, das ich schon immer geliebt habe. Ein Leuchten ging von alldem aus. Und was mich begeisterte, oder eher erleichterte, war die Entdeckung, dass irgendwo in meinem Bauch immer noch die nötige Mechanik vorhanden war, um mich vor Lachen zu kugeln. Ich hatte gedacht, die wäre längst weg. Es war ein positiver Schock, dass ich sie immer noch hatte. Nicht etwa, dass ich es in diesem Moment ein Aufkeimen von Hoffnung genannt hätte, aber jetzt denke ich doch, dass es das vielleicht war.

Ich hätte das Scrabble-Spiel übrigens beinahe gewonnen. Darf ich Dich mit den Einzelheiten langweilen? Manchmal liege ich nachts wach und lasse mir den Weg, der mich zu meinem letzten Wort führte, noch einmal auf der Zunge zergehen. Ganz am Ende brauchte ich hunderteinundzwanzig Punkte, um zu gewinnen, und es sah hoffnungslos aus. Die sieben Buchstaben auf meinem Bänkchen waren f, k, a, l, r, t und noch ein a. Docs letztes Wort war »Gabe« gewesen und endete auf dem Feld gleich neben dem roten dreifachen Wortwert in der Mitte des rechen Brettrandes. Ich wusste, mit einem Wort, das ans Ende von »Gabe« passte, könnte ich ordentlich Punkte einheimsen. Große Chancen darauf rechnete ich mir bei meinem Sammelsurium von Buchstaben nicht aus, bis mir plötzlich auffiel, dass sich daraus das Wort »Fraktal« bilden ließ. Großartig!

Aber die Frage war: Konnte irgendeiner dieser Buchstaben zusammen mit »Gabe« ein neues Wort ergeben? Beinahe hätte ich es übersehen, dabei lag es so nahe. Das Wort war »Gabel«. Das war mein Verbindungswort! Ich bekam also siebenundzwanzig Punkte für »Gabel«, zweiundvierzig für »Fraktal«, und das Tollste, noch einmal fünfzig, weil ich alle meine Buchstaben verwenden konnte! Hundertneunzehn Punkte für einen Zug. Es reichte nicht ganz zum Sieg, aber was für ein Hochgefühl! Und für mich eine Rekordpunktzahl.

Bald nach dem Ende unseres Spiels machte sich Doc auf den Weg. Als er sich wieder eingepackt hatte und in der Tür stand, um erneut der Witterung zu trotzen, drehte er sich um und sagte zu mir: »Alice, ich habe unseren gemeinsamen Abend sehr genossen, und besonders das Scrabble-Spiel. Es kann gut sein, dass ich in der nächsten Zeit hin und wieder mal in Eastbourne bin. Dürfte ich mich dann melden, damit wir wieder einmal spielen können? Wenn ich natürlich durch Ihren Anrufbeantworter erfahre, dass Sie sich inzwischen umgebracht haben, wird wohl nichts daraus, aber – nun ja, ich fände es schön.«

Ich schrieb ihm meine Nummer auf ein Blatt aus dem kleinen Notizbuch auf dem Tischchen in der Diele, und er steckte sie in seine Seitentasche.

»Danke, Alice. Auf Wiedersehen.«

Das war’s. Er war weg. Und ebenso weg war, ob Du es glaubst oder nicht, die scharfe Kante meiner Absicht, mir das Leben zu nehmen. Frag mich nicht, warum. Es war einfach so. Seltsam. Irgendetwas in mir hatte zu schweben begonnen. Klarer kann ich es nicht ausdrücken. Nicht zuletzt zeigte sich das darin, dass ich mich nicht mehr so störrisch dagegen gewehrt habe, mir von anderen helfen zu lassen. Wie Du weißt, kommen die wunderbaren Leute von Golden Hands jetzt jeden Tag hierher. Zwei davon, besonders ein Mädchen namens Barbara, sind mir echte Freundinnen geworden. Und Doc hat mich auch wieder besucht. Zwei oder drei Mal seit jenem ersten Abend. Jedes Mal rief er mich vorher an, um zu sagen, dass er in Eastbourne sei, und um sich zu erkundigen, ob ich noch am Leben sein würde, wenn er vorbeikäme. Wirklich witzig. Schöne Begegnungen. Schöne Gespräche. Jede Menge vergrabener Schätze. Und beim Sichten dieser Schätze habe ich manches gelernt, was ich bisher nie gewusst hatte. Du würdest staunen. Ich werde Dich jetzt nicht damit behelligen. Das erzähle ich Dir ein anderes Mal.

Eine Sache noch. Das letzte Mal, als Doc mich besuchte, gab er mir eine Karte, bevor er ging.

»Mir kommt da ein Gedanke, Alice«, sagte er. »Hier steht eine Nummer drauf. Es ist nicht meine direkte Nummer, aber die Person am anderen Ende weiß, wie ich zu erreichen bin. Wir haben ja viel über Ihren Enkel geredet. Wenn Sie meinen, es wäre vielleicht gut, wenn wir mal miteinander reden – nun, er darf sich gerne jederzeit melden.«

Also habe ich das gemacht. Die Karte, die er mir gegeben hat, steckt mit diesem Brief zusammen im Umschlag. Warum ich bis jetzt damit gewartet habe? Ich weiß es nicht. Warum es vielleicht gut für Dich wäre? Keine Ahnung. Ich lasse mich einfach mit der Strömung treiben. Es ist Deine Entscheidung.

Wahrscheinlich liegen Dir noch zwei letzte Fragen auf der Seele. Warum habe ich Dir nie von Doc erzählt? Ich vermute, weil die Begegnung mit ihm ein ganz besonderes kleines Goldkörnchen nur für mich war. Ich hatte nie damit gerechnet, dass in meinem Leben noch einmal etwas Besonderes passiert. Und da wollte ich, dass es meine Privatsache bleibt. Meine ganz allein. Aber ich habe es sehr genossen, Dir davon zu schreiben. Ich hoffe, Du bist mir nicht allzu böse.

Die andere Frage habe ich mir selbst schon oft gestellt. Sie betrifft seinen Namen. Was für ein Doktor ist er eigentlich? Ist er überhaupt ein Doktor? Ich bin immer noch nicht dazu gekommen, ihn danach zu fragen. Bis Du diesen Brief bekommst, schaffe ich es vielleicht noch, aber dann werde ich es Dir nicht mehr sagen können. Schau Dir seine Karte an. Du wirst nicht schlau daraus werden. Ging mir jedenfalls so.

Und das war es dann, Jack. Ich höre jetzt mit meinem Geschwafel auf. Wahrscheinlich bekommst Du diesen Brief erst, wenn ich gegangen bin. Vergiss nicht, dass ich Dich immer lieben werde.

Deine Oma xxxx

P.S.: Ich habe gesagt, ich würde Dir ein anderes Mal erzählen, was mit mir passiert ist, aber dazu kommt es vielleicht nicht mehr. Falls Du Doc triffst, frag ihn nach der großen Veränderung, die in meinem Leben plötzlich vorgegangen ist. Er wird wissen, wovon Du sprichst.

Jack legte das letzte Blatt von Alices Brief nieder und schaute auf seine Uhr. Es war schon spät, und sein Kopf fühlte sich von innen ziemlich übel zerschunden an. Kein guter Zeitpunkt, um sich an die Aufgabe zu machen, die Fäden der Verwirrung und der kindlichen Entfremdung zu entwirren, die sich in seinen Emotionen verknotet hatten. Er beschloss, sich alles für eine Weile vom Leib zu halten und auf dem Laptop eine Episode Miranda zu schauen. Besser als ein Aspirin. Ob er danach schlafen konnte, würde sich schon zeigen.

Doch vorher noch eine Sache. Er nahm den Umschlag, der Omas Brief enthalten hatte, in die Hand, drückte unten die Seitenkanten zusammen und schüttelte ihn über dem Bett aus. Eine olivgrüne Karte flatterte hinunter auf die Decke. Er nahm sie und betrachtete sie blinzelnd im Licht der Nachttischlampe am Fenster. Zwei Zeilen waren auf der Karte aufgedruckt. Die eine war eine Telefonnummer. Die andere bestand nur aus zwei Worten: DER SCHATTENDOKTOR.

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