Ihre Nase war ein wenig groß, doch von edler Adlerform, die obere Lippe war unmerklich von leichtem Flaum beschattet; dafür war ihre Gesichtsfarbe gleichmäßig matt, wie Elfenbein oder wie milchweißer Bernstein; der schillernde Glanz ihrer Haare wie bei der Judith von Allori im Palazzo Pitti – und vor Allem ihre Augen dunkelgrau, mit schwarzen Rändern um den Augenstern, prachtvoll, triumphierend – selbst jetzt – wo Schrecken und Schmerz ihren Glanz verdunkelten . . . Unwillkürlich wurde Sanin an das schöne Land erinnert, von dem er zurückkehrte . . . Aber auch in Italien hatte er nichts Aehnliches gesehen! Das Mädchen athmete selten und ungleichmäßig; es schien, daß sie bei jedem Athemzuge erwarte, ob nicht ihr Bruder zu athmen anfangen werde? Sanin rieb immer weiter; doch blickte er nicht das Mädchen allein an. Die originelle Figur von Pantaleone fesselte ebenfalls seine Aufmerksamkeit. Der Alte war ganz schwach geworden und außer Athem gerathen; bei jedem Rucke mit der Bürste hüpfte er und ächzte er wimmernd; die langen Haarbüschel aber, vom Schweiß naß geworden, wogten schwerfällig hin und her, wie die Wurzeln einer großen Pflanze, die das Wasser untergraben.
»Ziehen Sie ihm wenigstens die Stiefel aus,« wollte Sanin ihm sagen . . .
Der Pudel, wahrscheinlich durch das Ungewöhnliche des Vorganges aufgeregt, stemmte die Vorderbeine auseinander – und fing zu bellen an. – »Tartaglia – canaglia!« herrschte der Alte ihn an . . . Doch in diesem Augenblick veränderte sich das Gesicht des Mädchens. Ihre Augenbrauen erhoben sich, ihre Augen wurden noch größer und strahlten vor Freude.
Sanin wandte sich um . . . Auf dem Gesichte des Knaben zeigte sich Röthe; die Augenlider regten sich . . . die Nasenlöcher erzitterten. Er zog durch die noch zusammengepreßten Zähne Luft ein, er athmete . . .
»Emil!« rief das Mädchen . . . »Emilio mio!«
Langsam öffneten sich die großen, schwarzen Augen. Sie blickten noch stumpf, doch lächelten sie bereits, wenn auch schwach; dasselbe schwache Lächeln breitete sich über die bleichen Lippen aus. Dann bewegte er den herabhängenden Arm – und ließ ihn schwer auf seine Brust fallen . . .
»Emilio!« wiederholte das Mädchen und erhob sich. Der Ausdruck ihres Gesichtes war so heftig und gespannt, daß es schien, sie werde sofort entweder in Weinen oder in Lachen ausbrechen.
»Emil! Was soll das? Emil!« hörte man hinter der Thüre rufen, und mit schnellen Schritten trat in das Zimmer eine gut gekleidete Dame mit silberweißem Haare und von dunkler Gesichtsfarbe. – Ein Mann gesetzten Alters folgte ihr; hinter dessen Rücken erblickte man das Gesicht der Dienerin.
Das Mädchen lief ihnen entgegen.
»Mutter, er ist gerettet, er lebt!« rief sie, die eingetretene Dame krampfhaft umarmend.
»Was ging denn hier vor?« wiederholte diese.
»Ich kehre zurück. . . und begegne plötzlich dem Herrn Doctor und Louise.«
Das Mädchen begann zu erzählen, was vorgefallen, der Doktor aber trat zu dem Kranken, der immer mehr und mehr zu sich kam – und fortwährend lächelte: er schien sich über die von ihm verursachte Unruhe zu schämen.
»Sie haben, wie ich sehe, ihn mit Bürsten gerieben,« wandte sich der Doktor zu Sanin und Pantaleone, »das ist ausgezeichnet . . . Ein glücklicher Gedanke . . . Jetzt will ich zusehen, welches Mittel . . .«
Er fühlte den Puls des Knaben. – »Hm! zeigen Sie die Zunge!«
Die Dame neigte sich besorgt über ihn. Er lächelte noch freimüthiger, richtete seine Augen auf sie – und s erröthete . . .
Sanin glaubte, er sei überflüssig und trat in die Conditorei hinein. Doch er hatte noch nicht die Klinke der Straßenthür erfaßt, als das Mädchen schon wieder vor ihm stand und ihn zurückhielt.
»Sie gehen weg?« fing sie an ihm freundlich in die Augen blickend; »ich halte Sie nicht zurück, doch Sie müssen durchaus heute Abend zu uns kommen; wir sind ihnen so verbunden. – Sie haben ja den Bruder vielleicht gerettet – wir wollen uns bei Ihnen bedanken – die Mutter will es durchaus. Sie müssen uns sagen, wer Sie Sind, Sie müssen an unserer Freude theilnehmen . . .«
»Ich fahre aber heute nach Berlin,« wagte Sanin zu entgegnen.
»Sie werden noch Zeit haben,« entgegnete das Mädchen. »Kommen Sie zu uns in etwa einer Stunde zu einer Tasse Chocolade. Sie versprechen es? Ich muß zu ihm! . . . Sie kommen doch?«
Was blieb Sanin übrig?
»Ich komme,« antwortete er.
Die Schöne drückte ihm rasch die Hand, eilte in das Hinterzimmer – und er befand sich auf der Straße.
Als Sanin nach anderthalb Stunden in die Conditorei von Roselli zurückkehrte, wurde er wie ein Verwandter empfangen. Emilio saß auf demselben Divan, auf dem man ihn gerieben hatte; der Doktor hatte ihm eine Arznei verschrieben und ihn sorgfältig »vor Gemüthserschütterung zu behüten« anempfohlen – da das Subjekt von nervösem Temperament und zu Herzleiden geneigt sei. Bereits früher hatte er an Ohnmachten gelitten, doch noch nie war der Anfall so anhaltend und stark gewesen. Im Uebrigem hatte der Doktor erklärt, jede Gefahr sei vorüber. Emil hatte, wie es einen Genesenden ziemt, einen weiten Schlafrock an; die Mutter hatte ein blaues wollenes Tuch um seinen Hals gewickelt; sein Aussehen war heiter, ja festlich; auch Alles umher sah festlich aus. Vor dem Divan erhob sich auf einem mit reiner Serviette bedeckten runden Tische, von Tassen, Caraffen mit Fruchtsäften, Biskuits, Brötchen – selbst Blumen umgeben – eine große Porzellankanne mit duftender Chocolade gefüllt; sechs dünne Wachskerzchen brannten in zwei alten, silbernen Armleuchtern; aus der einen Seite des Divans breitete ein behaglicher Lehnstuhl seine weichen Arme aus – und Sanin mußte in demselben Platz nehmen. Alle Bewohner der Conditorei, mit denen er an dem Tage bekannt geworden, waren anwesend, der Pudel Tartaglia und der Kater nicht ausgenommen; alle schienen überaus glücklich zu sein: der Pudel nieste sogar vor Vergnügen, nur der Kater war wie früher, verlegen und blinzelte mit den Augen. Sanin mußte sagen, wer er sei, woher er komme und wie er heiße; als er sagte, er sei Rasse – wunderten sich die beiden Damen, ließen selbst ein leises »Ach!« vernehmen – und erklärten sofort übereinstimmend, daß er ausgezeichnet deutsch spreche; daß aber, wenn es ihm geläufiger sei, französisch zu sprechen, er sich dieser Sprache bedienen möge – da sie dieselbe kennen. Sanin benutzte sofort diesen Vorschlag. »Sanin! Sanin!« die Damen hatten gar nicht erwartet, daß ein russischer Name so leicht auszusprechen sei; sein Eigenname »Dimitrij« gefiel auch außerordentlich. Die ältere Dame bemerkte, daß sie in ihrer Jugend eine Oper: »Demetrio e Polibio« gehört habe, daß aber »Dimitri« viel hübscher sei als »Demetrio.« In solcher Weise unterhielt sich Sanin über eine Stunde. Ihrerseits f weihten ihn die Damen in alle Einzelheiten ihrer Lebensweise ein. Am meisten sprach die Mutter, die Dame mit weißen Haaren. Sanin erfuhr von ihr, daß sie Lenora Roselli heiße; daß ihr verstorbener Mann Giovanni Battista Roselli vor fünf und zwanzig Jahren sich in Frankfurt als Conditor angesiedelt hatte; daß Giovanni Battista aus Vicenza gebürtig war und ein ausgezeichneter, wenn auch ein wenig heftiger und leidenschaftlicher Mensch, ja sogar Republikaner gewesen sei. Bei diesen Worten zeigte Frau Roselli auf sein Bild in Oelfarbe, das über dem Divan hing. Man mußte annehmen, daß der Maler – »ebenfalls ein Repuplikaner!« bemerkte mit einem Seufzer Frau Roselli – nicht ganz die Aehnlichkeit fassen konnte, denn auf dem Bilde glich der selige Roselli einem finsteren und grimmigen Briganten – in der Art des Rinaldo Rinaldini. Die Frau Roselli selbst war aus der alten, wunderschönen Stadt Parma gebürtig, wo sich die prachtvolle Kirchenkuppel mit den Fresken des unsterblichen Correggio befindet; doch durch den langen Aufenthalt in Deutschland war sie beinahe ganz zur Deutschen geworden. Dann fügte sie, den Kopf traurig schüttelnd, hinzu, daß ihr Nichts geblieben sei, als diese Tochter und dieser Sohn (sie zeigte auf Beide nach einander mit dem Finger), daß die Tochter Gemma, der Sohn Emilio heiße; daß sie Beide gute und gehorsame Kinder seien, namentlich Emilio (»Und ich nicht?« warf hier die Tochter ein. »Ach, Du bist auch eine Republikanerin!« antwortete die Mutter), – daß die Geschäfte jetzt allerdings nicht so gut wie bei ihrem Manne gingen, der im Conditorfach ein großer Meister gewesen . . . (»Un grand uomo!« rief mit finsterer Miene Pantaleone); daß man dennoch, Gott sei Dankt leben könne.
Gemma hörte der Mutter zu – lächelte, seufzte, streichelte sie am Rücken, drohte ihr mit dem Finger-, sah Sanin au; endlich sprang sie auf, umarmte und küßte die Mutter gerade auf den Hals in der Gegend ( des Zäpfchens, worüber diese viel, ja selbst ausgelassen lachte. Pantaleone wurde ebenfalls Sanin vorgestellt. Es stellte sich heraus, daß er einst Opernsänger für Bariton-Partien gewesen, doch schon längst seine theatralischen Beschäftigungen aufgegeben und sich bei der Familie Roselli als Mittelding zwischen Hausfreund und Diener aufhalte. Trotz seines langjährigen Aufenthaltes in Deutschland sprach er die deutsche Sprache nur schlecht, und kannte eigentlich nur die Schimpfreden derselben, die er übrigens gleichfalls unbarmherzig verstümmelte. »Ferrotiucto Spiccebubbio!« nannte er beinahe jeden Deutschen. Italienisch aber sprach er meisterhaft, denn er war gebürtig aus Sinigaglia, wo man die »lingua toscana in bocca romana« hört. Emilio fühlte sich augenscheinlich sehr behaglich und überließ sich ganz den angenehmen Gefühlen eines, Menschen, der eben einer bedeutenden Gefahr entronnen und in Genesung begriffen ist; außerdem konnte man bemerken, daß sämmtliche Hausgenossen ihn verhätschelten. Er bedankte sich verlegen bei Sanin und machte sich namentlich mit Syrup und Confect zu schaffen. Sanin sah sich genöthigt, zwei Tassen köstlicher Chocolade zu trinken und eine erstaunenswerthe Menge von Biskuits zu essen: kaum hat er den einen heruntergeschluckt, da bietet ihm Gemma einen anderen an – und keine – Möglichkeit, abzuschlagen! Er fühlte sich bald wie zu Hause, die Zeit verging mit unglaublicher Schnelligkeit. Er mußte viel erzählen – über Rußland im Allgemeinen, über russisches Klima, russische Gesellschaft, russische Bauern – und namentlich über Kosaken; über den Krieg von 1812, über Peter den Großen, über den Kreml, über russische Lieder und Glocken. Die beiden Damen hatten nur, wenige Begriffe von unserem weiten und entfernten Vaterlande; Frau Roselli, oder wie sie häufiger genannt wurde, Frau Lenora, versetzte selbst Sanin in Erstaunen durch die Frage: ob das berühmte, im vorigen Jahrhundert in Petersburg gebaute Haus aus Eis noch existire, über welches sie unlängst in einem Buche ihres verstorbenen Mannes: »Bellezze delle arti« einen interessanten Aufsatz gelesen hatte.
Als Antwort auf Sanin‘s Ausruf: »Glauben Sie denn, daß es in Rußland keinen Sommer gebe?« entgegnete Frau Lenora, daß sie bis jetzt sich Russland folgendermaßen vorgestellt: ewiger Schnee, Alle gehen in Pelzem, Alle sind Soldaten – die Gastfreundschaft, aber ist außerordentlich und die Bauern sehr gehorsam! Sanin bemühte sich, ihr und ihrer Tochter genauere Kenntnisse beizubringen. Als die Rede aus russische Musik kam, bat man ihn, ein russisches Lied zu singen und deutete auf ein im Zimmer stehendes kleines Pianoforte, mit schwarzen Tasten statt der weißen und mit weißen statt der schwarzen. Er gehorchte, ohne weitere Umstände zu machen und sang, sich mit zwei Fingern der rechten und mit drei (dem großen, mittleren und kleinen) der linken Hand begleitend, mit dünner Tenor-Stimme erst den »Sarafan« dann das »Dreigespann«. Die Damen lobten seine Stimme und die Musik, doch waren sie noch mehr von der Weichheit und dem Wohlklange der russischen Sprache entzückt und verlangten eine Uebersetzung der Lieder. Sanin erfüllte ihren Wunsch – doch, da die Liederworte in seiner Uebersetzung keinen großen Begriff von russischer Poesie bei den Zuhörerinnen erwecken konnten, so trug er Gedichte vor und übersetzte sie sodann; schließlich sang er eine von Glinka komponirte Dichtung Puschkins, bei den Mollnoten dieser Musik zeigte er jedoch einige Unsicherheit. Hier geriethen die Damen in Ekstase – Frau Lenora fand sogar in der russischen Sprache eine merkwürdige Aehnlichkeit mit der italienischen, ja, selbst die Namen Puschkin (sie sprach ihn Pussekin aus) und Glinka klangen ihr ganz heimisch.
Dann bat Sanin die Damen, ihrerseits etwas zu singen; sie ließen sich nicht lange bitten. Frau Lenora setzte sich zum Pianoforte und sang mit Gemma einige Duette und »Stornelli«. Die Mutter hatte einst einen guten Contre-Alt gehabt; die Stimme der Tochter war ein wenig schwach, doch angenehm.
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