Читать бесплатно книгу «Frühlingsfluthen» Ивана Тургенева полностью онлайн — MyBook

In den letzten Jahren hat man in unserer Literatur nach langem, vergeblichem Suchen nach »neuen Leuten« Jünglinge vorzuführen angefangen, die sich entschlossen haben, frisch zu erscheinen, frisch – wie Flensburger Austern, die im Winter nach Petersburg gebracht werden. . . Sanin glich ihnen nicht. Da wir einmal auf Vergleiche gekommen sind, so erinnerte Sanin an einen jungen, vollen, unlängst angepfroften Apfelbaum unserer humusreichen Gärten, oder noch mehr an ein gut gepflegtes, glattes, dickfüßiges, zartes, dreijähriges Pferd unserer früheren herrschaftlichen Gestüte, das man eben an einem Strick zu laufen zwingt. Diejenigen, die Sanin später, als das Leben gehörig an ihm gerüttelt und das in den jungen Jahren angefütterte Fett verschwunden war, kennen lernten, erblickten in ihm freilich einen ganz anderen Menschen .

Am nächsten Tage lag Sanin noch im Bett, als Emil in Sonntagskleidern, mit einem Stückchen in der Hand und stark pomadirt, in sein Zimmer hinein- stürmte und erklärte, daß Herr Klüber sofort mit dem Wagen erscheinen werde, daß das Wetter ausgezeichnet zu bleiben verspreche, daß bei ihnen bereits Alles fertig sei, die Mutter jedoch, die wieder an Kopfschmerzen leide, nicht mitfahren werde. Er trieb Sanin, soweit schicklich, zur Eile, indem er versicherte, man habe keinen Augenblick zu verlieren . . . Und wirklich: Herr Klüber fand Sanin noch mit seiner Toilette beschäftigt. Er klopfte, kam herein, grüßte, verbeugte den ganzen Körper, äußerte seine Bereitwilligkeit zu warten, so lange es beliebe und setzte sich, den Hut zierlich auf die Kniee stützend. Der wohlgestaltete Commis hatte sich bis aufs Aeußerste fein gemacht und parfumirt, jede seiner Bewegungen wurde von einem stets zunehmenden Zuströmen des feinsten Aromas begleitet. Er war in einem bequemen, offenen Wagen angekommen, einem sogenannten Landauer, der von zwei starken, großen, wenn auch nicht schönen Pferden gezogen wurde. In diesem Wagen fuhren nach einer Viertelstunde Sanin, Klüber, Emil feierlich bei der Thür der Conditorei vor. Frau Roselli weigerte sich entschieden, an der Landpartie Theil zu nehmen; Gemma wollte bei der Mutter bleiben, doch diese, jagte sie fort, wie man scherzhaft sagt.

»Ich brauche Niemand,« versicherte sie; »ich werde schlafen. Ich hätte selbst Pantaleone mit Euch geschickt – doch wer soll beim Geschäft bleiben?«

»Kann man Tartaglia mitnehmen?« fragte Emil.

»Freilich kann man es.«

Tartaglia kletterte mit freudigem Gebell auf den Bock, setzte sich und beleckte sich; man sah, daß das, was vorging, ihm nichts Ungewohntes war. Gemma setzte einen Strohhut mit braunen Bändern auf; der Vorderrand desselben war nach unten gebogen und – schützte beinahe ihr ganzes Gesicht vor der Sonne. Die Schattenlinie hörte gerade bei den Lippen auf; sie glänzten zart und jungfräulich in Purpurfarbe wie die Blätter der Centifolie, hinter ihnen blitzten die Zähne wie verstohlen hervor und zeigten sich harmlos wie im Munde der Kinder. Gemma nahm mit Sanin den Hauptsitz ein, Klüber und Emil saßen ihnen gegenüber. Die bleiche Gestalt der Frau Lenora zeigte sich am Fenster, Gemma winkte mit dem Taschentuch – und die Pferde setzten sich in Bewegung.

XV

Soden – ein kleines Städtchen etwa eine halbe Stunde von Frankfurt – liegt in reizender Lage an den Ausläufern des Taunus und ist bei uns in Rußland durch seine Quellen, die Leuten, welche an schwacher Brust leiden, nützlich sein sollen, berühmt. Die Frankfurter fahren meist zu ihrer Zerstreuung hin, da Soden einen prachtvollen Park mit zahlreichen Wirthschaften besitzt, wo man im Schatten hoher Linden und Buchen Caffee und Bier trinkt. Der Weg von Frankfurt nach Soden zieht sich längst des rechten Mainufers: er ist an beiden Seiten mit Fruchtbäumen bewachsen. So lange der Wagen auf der schönen Chaussée rollte, beobachtete Sanin verstohlen, wie Gemma mit ihrem Bräutigam umgehe: er sah sie Beide zum ersten Male zusammen. Sie war ruhig und einfach – doch etwas zurückhaltender und ernster als sonst; er erinnerte an einen nachsichtigen Lehrer, der sich selbst und seinen Anbefohlenen ein bescheidenes und stilles Vergnügen erlaubt hat. Ein besonderes Hofmachen Gemma gegenüber, das, was die Franzosen empressement nennen, konnte Sanin bei ihm nicht bemerken. Man sah, daß Herr Klüber Alles für ausgemacht hielt, und daher keinen Grund sah, sich zu bemühen und sich aufzuregen. Die Nachsicht aber verließ ihn für keinen Augenblick! Selbst während des großen Spazierganges in den waldigen Bergen und Thalern hinter Soden, der vor dem Mittagessen unternommen wurde, die Schönheiten der Natur bewundernd, verhielt sich Klüber selbst ihr, der Natur, gegenüber mit derselben Nachsicht, durch welche zuweilen die Strenge des Vorgesetzten zum Vorschein kam. So bemerkte er von einem Bache, daß er zu gerade durch das Thal fließe, statt einige malerische Biegungen zu machen; er billigte nicht die Ausführung eines Vogels – eines Finken – der nicht genug Abwechslung in seinen Gesang bringe! Gemma langweilte sich nicht und schien sogar Vergnügen zu haben, doch die frühere Gemma konnte Sanin in ihr nicht erkennen: nicht als ob eine Wolke sie umhüllte, ihre Schönheit war noch nie so strahlend gewesen, doch ihre Seele war in sich, nach innen gekehrt. Mit ausgebreitetem Schirm, mit unaufgeknöpften Handschuhen spazierte sie, gesetzt, langsam, wie artige Mädchen spazieren, und sprach wenig. Emil fühlte sich auch gezwungen – und Sanin noch mehr. Er war schon davon unangenehm berührt, daß das Gespräch beständig in deutscher Sprache geführt wurde. Tartaglia allein fühlte sich wohl. Mit tollem Gebell jagte er den ihm begegnenden Krammetsvögeln nach, sprang über Gräben, über Baumstümpfe und gefällte Baume, warf sich mit Wuth ins Wasser, schlürfte es hastig, schüttelte sich, bellte und rannte wieder wie ein Pfeil, die rothe Zunge fast bis zu den Schultern ausstreckend. Herr Klüber machte seinerseits Alles, was er zur Belustigung der Gesellschaft für nöthig hielt; er schlug vor, sich im Schatten einer üppigen Eiche zu setzen – und, aus der Tasche ein kleines Buch mit dem Titel: »Knallerbsen – oder Du sollst und wirst lachen« ziehend, fing er, die auf Witz Anspruch machenden Anekdoten, mit denen das Buch gefüllt war, vorzulesen an. Er trug über ein Dutzend vor, doch erregten sie nur wenig Lustigkeit: « Sanin allein ließ aus Höflichkeit, als hätte er gelacht, die Zähne sehen, und er selbst, Herr Klüber, ließ nach jeder Anekdote ein kurzes, geschäftliches – und doch nachsichtiges Lachen vernehmen. Um zwölf Uhr Mittags kehrte die ganze Gesellschaft nach Soden in die beste Wirthschaft zurück.

Man mußte an das Mittagessen denken.

Herr Klüber schlug vor, das Mittagessen in einem geschlossenen Gartenhäuschen, dem »Gartensalon« einzunehmen, doch Gemma rebellirte und erklärte, daß sie nicht anders als im Garten, an einem der sich vor dem Restraurant befindenden runden Tischchen essen werde; es sei ihr zu einförmig, stets dieselben Gesichter zu sehen, sie wolle andere sehen! An einigen Tischen saßen bereits neu angekommene Gäste.

Während Herr Klüber, wohlwollend der Caprice seiner Braut nachgebend, sich mit dem Oberkellner berathen ging, stand Gemma unbeweglich, mit gesenkten Augen und zusammengepreßten Lippen; sie fühlte, daß Sanin sie unaufhörlich gleichsam forschend betrachtete – und dies schien sie zu ärgern. Endlich kam Klüber zurück, erklärte das Mittagessen würde in einer halben Stunde fertig sein, und schlug vor, bis dahin Kegel zu schieben, indem er hinzufügte, »das sei dem Appetit dienlich, he, he, he!« Er schob meisterhaft Kegel; die Kugel werfend gab er sich einen äußerst kühnen Anstrich, setzte seine Muskeln mit Zierlichkeit in Bewegung, holte zierlich mit dem Fuße aus. Er war in einer Art ein Athlet, so prachtvoll war er gebaut! Dabei waren seine Hände so weiß und schön, und er wischte sie an einem so reichen, bunt und goldgefärbten indischen Foulard ab.

Der Augenblick des Mittagessens war gekommen, und die ganze Gesellschaft nahm an dem Tischchen Platz.

XVI

Wer weiß nicht, was ein deutsches Mittagessen ist? Eine wässerige Suppe mit unförmlichen Klößen und Muskat, ausgekochtes Rindfleisch, trocken wie ein Korb mit angewachsenem Stück weißen Fett, mit wässerigen Kartoffeln, aufgedunsenen Rüben und gekautem Meerrettich, Karpfen in Blau mit Kapern und Essig, Braten mit Eingemachtem, und die unausbleibliche Mehlspeise, etwas Puddingartiges, mit rothem, säuerlichem Aufguß; dafür aber auch ausgezeichneter Wein und köstliches Bier. Mit solchem Mittagessen tractirte der Sodener Restraurateur seine Gäste. Das Mittagessen verlief übrigens glücklich. Besonders lebhaft ging es allerdings nicht zu: selbst dann nicht, als Herr Klüber einen Toast vorschlug für das, »was wir lieben.« Alles ging eben zu steif und anständig zu. Nach dem Essen brachte man dünnen, röthlichen, kurz deutschen Caffee. Herr Klüber bat als echter Cavalier bei Gemma um die Erlaubniß, eine Cigarre anzuzünden. . . Doch da ereignete sich etwas Unvorgesehenes, wirklich Unangenehmes und selbst Unanständiges!

An einem der benachtbarten Tischchen hatten einige Officiere der Mainzer Garnison Platz genommen.

Aus ihren Blicken und ihrem Flüstern konnte man leicht errathen, daß die Schönheit von Gemma ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte; Einer von ihnen, der wohl Gelegenheit gehabt, in Frankfurt zu sein, blickte sie beständig wie eine ihm gut bekannte Persönlichkeit an, er wußte augenscheinlich, wer sie sei. Plötzlich erhob er sich und näherte sich mit dem Glase in der Hand – die Herren Officiere hatten tüchtig getrunken und ihr Tisch war ganz von Flaschen bedeckt – dem Tische, an welchem Gemma saß. Es war ein sehr junger, ganz blonder Mann mit ziemlich angenehmen, selbst sympathischen Gesichtszügen: doch der genossene Wein verunstaltete dieselben: seine Wangen bewegten sich krampfhaft hin und her, die entzündeten Augen irrten umher und blickten frech. Seine Kameraden versuchten ihn anfangs zurückzuhalten, doch ließen sie ihn gehen: geschehe was da wolle – was wird daraus entstehen?

Ein wenig auf den Füßen wankend, blieb der Officier vor Gemma stehen und rief mit herausgedrängter und geschrieener Stimme, in der man doch den Kampf mit sich selbst bemerken konnte . . . »Ich trinke auf das Wohl der schönsten Caffeemamsel in ganz Frankfurt und der ganzen Welt!« hier stürzte er das Glas hinunter – »und nehme mir zum Lohne diese Blume, die von Ihren göttlichen Fingern gepflückt ist.« Und er nahm die vor Gemmas Teller liegende Rose. Sie war erstaunt, erschrocken und schrecklich bleich . . . dann empört, sie wurde ganz roth bis zu den Haaren, und ihre Augen, gerade auf ihren Beleidiger gerichtet, zu gleicher Zeit sich verdunkelnd und ganz flammend, nahmen einen finsteren Ausdruck an und sprühten im Feuer des unbezähmbaren Zornes. Dieser Blick machte den Officier sichtbar verlegen; er brachte etwas Unverständliches hervor, verbeugte sich – und kehrte zu den Anderen zurück.

Herr Klüber erhob sich plötzlich von seinem Stuhle, reckte sich, so weit es ging, in die Höhe, setzte seinen Hut auf und rief mit Würde, doch nicht allzu laut: »Unerhört! unerhörte Frechheit!« Er rief sofort den Kellner und verlangte mit strenger Stimme die Rechnung . . . doch damit begnügte er sich nicht: er ließ den Wagen anspannen, wobei er erklärte, daß anständige Leute hierher nicht kommen können, da sie Beleidigungen ausgesetzt seien. Bei diesen Worten lenkte Gemma, die immer regungslos auf ihrem Platze saß – nur ihre Brust wogte hoch und ungestüm – ihre Augen auf Herrn Klüber . . . und sah ihn ebenso scharf, mit demselben Blick, wie den Officier an. Emil zitterte förmlich vor Wuth.

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