13.Mai.
Sie sagen mir zu vergessen. Hören Sie, was in mir vorgeht, sobald die Dunkelheit sich verbreitet; dann, begreifen Sie etwas Entsetzliches, Unerhörtes, Unnatürliches? Nämlich daß während meines Schlafes der Todte nicht mehr Todt ist, der Gestorbene zum Leben zurückgekehrt,er ist bei mir mit seinem langen schwarzen Haaren, seinem bleichen und männlichen Gesichte; voll von dem Gepräge des Adels seines Geschlechts. Er ist da, ich spreche mit ihm, ich strecke die Hand aus, ich rufe aus; Du lebst also noch! Du liebst mich also immer noch! Und er antwortet mit Ja, daß er noch lebt, daß er mich immer noch lieb, und dieselbe unaufhörliche, regelmäßige, fast materielle Erscheinung erneuert sich jede Nacht,um erst mit den ersten Strahlen der Tages zu verschwinden.Ei! mein Gott,was habe ich nicht gethan,damit diese Erscheinung, ohne Zweifel das Werk des Engels der Finsterniß,aufhöre, mich zu Quälen! Ich habe mich unter geweihtem Buchsbaum begraben, ich habe geweihte Rosenkränze um meinen Hals und um meine Handgelenke geschlungen, ich habe ein Kruzifix auf meine Brust gelegt, und bin mit über die Füße des göttlichen Märtyrers gefalteten Händen eingeschlafen: Alles ist eitel, vergebens, fruchtlos gewesen; der Tag führt mich zu Gott zurück, aber die Dunkelheit zu ihm, ich bin wie jene Königin, von welcher der Dichter Homer spricht, und von der jede Nacht die Arbeit jeden Tages wieder auflöste.
Wenn es keine Nacht, keinen Schlaf, keine Träume mehr gäbe, so würde ich vielleicht vergessen.
Können Sie das von Gott erlangen?
14. Mai.
Alles, was man von Gott durch das Gebet erlangen kann, werde ich für Sie erlangen, denn Sie sind wirklich verwundet, und die Wunde ist tief und blutend.
Lassen Sie uns beten.
15. Mai.
Ich weiß nicht, ob ich, seitdem ich Ihnen schreibe, mehr Ruhe empfinde, aber zuverlässig empfinde ich mehr Erleichterung.
Das kommt daher, weil mein Leben eine mächtige Zerstreuung erhalten hat; ich war ohne Familie, allein in der moralischen und in der materiellen Welt, bald auf den Knieen, bald auf einem Grabe liegend, bald weinend, immer verzweifelnd, und jetzt finde ich plötzlich einen Bruder wieder.
Denn es scheint mir, daß Sie für mich ein Bruder sind. Es scheint mir, daß dieser Bruder, den ich nicht kannte, Frankreich verlassen hat, bevor ich geboren wurde. Es scheint mir, daß ich ihn erwartet, ihn ohne Unterlaß gesucht habe. Jetzt ist er zurückgekehrt. Jetzt, ohne sich durch die Gegenwart zu offenbaren, offenbart er sich durch die Stimme. Ich sehe ihn nicht, aber ich höre ihn. Ich berühre ihn nicht, aber ich verstehe ihn.
Sie haben keinen Begriff, wie sehr diese so glänzend von ihrer Feder ausgemalte Landschaft meine Gedanken beschäftigt hat. Man leugne mir nicht die Wunder des doppelten Gesichts: das doppelte Gesicht besteht. Durch die beharrliche Kraft meines Willens ist diese Landschaft mir gegenwärtig, in meinem Geiste wie in einen Spiegel zurückgegeben. Ich sehe Alles, von dem rosenfarbigen Dunste des Morgens, der sich hinter dem Hügel erhebt, bis zu dem Hereinbrechen der grauen Schatten des Abends, ich höre Alles, von dem Geräusche der Blume an, die ihren Kelch dem Morgenthaue öffnet, bis zu dem Gesange der Nachtigall, der sich in der Einsamkeit und in dem Schweigen der Nacht verlängert.
Und ich sehe Alles das auf eine solche Weise, daß wenn ich mich jemals in dem Kreise befände, den Ihre Blicke übersehen, ich sagen würde: Da sind die entflammten Hügel, hier sind die Schneegebirge, hier sind die Silberbäche, hier sind die Flüsse, hier sind die Olivenbäume, hier sind die Granatbäume, hier sind die Oleander, hier sind die Myrthen, hier ist es, hier ist es!
Dann sehe ich noch Ihre Einsiedelei, wie sie sich über die Mauern des Gartens mit ihrem mit Jasmin und Reben verschleierten Fenster erhebt; dann sehe ich Sie selbst in Ihrer weißen Zelle, zu den Füßen Ihres schönen Christus knieend, indem Sie für sich und besonders für mich beten.
Sagen Sie mir, wer dieser König ist, dessen Porträt sich in Ihrer Zelle befindet, dieser König, für den Sie eins besondere Verehrung haben, damit auch ich ein Porträt dieses Königs habe, damit ich eine Verehrung mehr habe, welche Ihre Verehrung ist.
Dann möchte ich auch Sie sehen. . . o! nur durch den Gedanken; beruhigen Sie sich. Sie haben mir gesagt, daß die Vergangenheit für Sie nicht mehr Bestände, und daß ich Sie nur über die Gegenwart und über die Zukunft befragen sollte. Lassen wir die Vergangenheit in dem Nichts und sagen Sie mir, wie alt Sie sind, unter welchen Zügen ich mir ein dem Ihrigen ähnliches Bild entwerfen muß, sagen Sie mir, seit welcher Zeit Sie in diese Einsiedelei eingezogen sind, sagen Sie mir, wann Sie gänzlich von der Welt Abschied zu nehmen gedenken.
Ich möchte auch wissen, in welcher Entfernung wir von einander. sind. Ist es möglich, das zu berechnen?
Sie scheinen mir so gut, daß ich nicht fürchte, Sie zu ermüden. Sie scheinen mir so gelehrt, daß ich nicht fürchte, Sie um das Unmögliche zu fragen.
Ich will an das denken, was Ihre Antwort enthalten kann, und wenn ich sie erhalten Habe, werde ich an das denken, was sie enthalten wird.
Geh, geliebte Taube, geh und kehre schnell zurück.
13. Mai, Schlag 3 Uhr Nachmittags.
Wie Sie sehen, ist es mir, indem ich Ihren Geist beschäftigte, gelungen, einen Augenblick lang Ihr Herz zu zerstreuen.
Man muß die Seele wie den Körper behandeln, lassen Sie einen Kranken einen Augenblick lang vergessen, daß er leidet, und er wild einen Augenblick lang nicht mehr leiden.
Sie wollen, daß ich Ihnen von mir spreche, Sie wollen suchen, ob in dem physischen oder in dem moralischen Manne, der lebendig und unbekannt ist, etwas von dem Tobten liegt, den Sie geliebt haben: es sei, hören Sie.
Ich bin am l. Mai 1607 in Fontainebleau geboren, ich bin alt dreißig Jahre und vierzehn Tage. Ich bin groß, ich habe schwarze Haare; ich habe blaue Augen, eine bleiche Gesichtsfarbe, eine hohe Stirn.
Ich habe mich seit dem 17. Januar 1633 von der Welt zurückgezogen, und ich habe das Gelübde gethan, mich, wenn sich gewisse Dinge in meinem Schicksale nicht änderten, nach fünf Jahren meiner Zurückgezogenheit Gott zu widmen.
Ich habe mich in Folge einer großen politischen Katastrophe, in welcher meine theuersten Freunde untergegangen sind, von der Welt zurückgezogen, in Folge eines großen persönlichen Schmerzes, in welchem mein Herz gebrochen worden ist.
Das Porträt dieses Königs, das in meiner Zelle ist und für den ich eine ganz besondere Verehrung habe, ist das des König Heinrichs IV.
Jetzt wünschen Sie zu wissen, in welcher Entfernung wir von einander sind: es ist drei Uhr weniger einige Minuten, ich werde meinen Brief von Schlag drei Uhr datieren, dem Augenblicke, wo ich unsere Botin stiegen lassen werde.
Die Tauben legen fünfzehn bis sechzehn Meilen in der Stunde zurück; ich habe Gelegenheit gehabt, das unter gewissen Umständen zu erforschen, in denen ich mich Ihres Dienstes bedient habe: merken Sie sich die Stunde, zu welcher Sie diesen Brief erhalten werden, und berechnen Sie.
Antworten Sie mir erst in zwei bis drei Tagen, wenden Sie diese zwei bis drei Tage dazu an, Luftschlösser oder Wirklichkeiten zu bauen; dann, arme Klausnerin, werfen Sie Alles das auf das Papier, was in Ihrem Geiste vorgehen wird, und senden Sie mir den Inhalt! Ihrer Nachforschungen, das Resultat Ihrer Träume.
Gott sei mit Ihnen!
15. Mai, zwei Stunden nachdemich Ihren Brief erhalten habe.
Hören Sie! hören Sie! Nicht in zwei, nicht in drei Tagen muß ich Ihnen antworten, sondern auf der Stelle.
Mein Gott, welch thörigter Gedanke bemächtigt sich meines Verstandes, meines Herzens, meiner Seele! Wenn der, dm ich liebe, nicht todt wäre! Wenn Sie der wären, den ich liebe, der, den ich rufe, der, den ich suche, der, welcher mir jede Nacht erscheint!
Sie sind am 1. Mai 1607 geboren, er auch! Sie sind groß, er auch! Sie haben schwarze Haare, er auch! Sie haben blaue Augen, eine bleiche Gesichtsfarbe, eine hohe Stirn; er auch!
Dann, erinnern Sie sich der Worte, die Sie mir bereits in einem andern Brief gesagt haben, und die lebendig in meinem Gedächtnisse geblieben sind.
Sie sind durch die verschiedenen Stufen der menschlichen Größe gefallen, Sie haben bei dem Winde des Beiles nicht geschaudert, welches die Köpfe um Sie herum abschlug; Sie haben im Fallen fast ein Königreich verloren.
Ich weiß nicht, ob Alles das auf Sie anwendbar ist, aber, mein Gott! mein Gott! Alles das läßt sich wirklich auf ihn anwenden.
Sie haben in Ihrer Zelle das Portrait eines Königs, das Sie mit Verehrung und Liebe umgeben. Das Portrait ist das Heinrichs IV. Und er, er war der Sohn König Heinrichs IV.
Wenn Sie nicht Anton von Bourbon, Graf von Moret sind, von dem man sagt, daß er in der Schlacht von Castelnaudary gefallen sei, wer sind Sie denn?
Antworten Sie! im Namen des Himmels, antworten Sie.
16. Mai, mit Tagesanbruche.
Wenn Sie nicht Isabella von Lautrec sind, die ich für ungetreu hielt, wer sind Sie denn?
Ich bin Anton, Graf von Moret, von dem man glaubte, daß er in der Schlacht von Castelnaudary gefallen wäre, und der noch, nicht durch die Barmherzigkeit, sondern durch die Rache des Herrn lebt.
O! wenn die Sachen sind, wie ich fürchte, daß sie sind, dann wehe uns Beiden!
Die Taube hat sich in der Nacht verirrt, oder ist sie vielleicht ermüdet genöthigt gewesen, sich auszuruhen.
Sie ist erst mit den ersten Strahlen des Tages gekommen.
16. Mai, 7 Uhr Morgens.
Ja, ja, Ja, Unglücklicher! ja, ich bin Isabelle von Lautrec! Sie haben mich für untreu gehalten, mich? wie, warum, bei welcher Veranlassung? denn ich vertheidige mich nicht mehr, ich klage an.
Wissen Sie, daß die Taube nur zwei Stunden darauf verwendet, um von Ihnen zu mir und von mir zu Ihnen zu gehen? Wissen Sie, daß wir dem zu Folge nur dreißig Meilen von einander entfernt sind? Sagen Sie an, wie habe ich Sie betrogen? wie habe ich Sie verrathen? sagen Sie, sagen Sie!
Geh, Taube, Du trägst mein Leben!
16. Mai, 11 Uhr.
Meine Augen, mein Herz, meine Seele, hat mich Alles zugleich betrogen?
Ist es Isabella von Lautrec, oder ist sie es nicht, die ich am 5. Januar 1633 in die Domkirche von Valence habe eintreten sehen. War sie als Braut gekleidet? und der, welcher hinter ihr im Anzüge als Bräutigam ging, war es nicht der Vicomte Emmanuel von Pontis?
Oder war Alles das nur eine Täuschung des bösen Geistes? Keinen Zweifel, keine Zögerung, Keine halbe Antwort.
Das Schweigen oder den Beweis.
16. Mai, drei Uhr Nachmittags.
Ja, den Beweis! es sei; er wird mir leicht zu geben sein.
Alles, was Sie gesehen haben, schien wahr zu sein, und dennoch war Alles das falsch, was Sie gesehen haben.
Nur habe ich Ihnen eine lange Erzählung zu machen; um so besser, unsere arme Taube ist erschöpft und bedarf der Ruhe.
Sie hat beinahe vier Stunden, statt zwei darauf verwandt, um zurückzukehren.
Ich werde einen Theil der Nacht schreiben.
Mein Gott und Herr! gib mir ein wenig Ruhe, meine Hand zittert in dem Grade, um meine Feder nicht halten zu können.
Mein Gott! ich will Dir zuvörderst dafür danken, daß er lebt.
Sechs Uhr Abends.
Ich habe drei Stunden betend und meine glühende Stirn auf die eisigen Platten gestützt auf den Knieen zu gebracht, und ich bin jetzt ruhiger.
Ich lehre zu Ihnen zurück.
Lassen Sie mich Ihnen Alles sagen, Ihnen Alles von dem Augenblicke an erzählen, an welchem ich Sie in Valence verlassen habe, bis zu dem, wo ich, Unglückliche, die ich bin, mein Gelübde ausgesprochen habe.
Es war, Sie werden es sich wohl erinnern? es war am 14. August 1632, daß wir uns trennten; Sie nahmen Abschied von mir, ohne mir zu sagen, wohin Sie gingen; ich war mit traurigen Ahnungen erfüllt, ich vermochte den Schooß Ihres Mantels nicht loszulassen. Es schien mir, als ob es keine Abwesenheit von einigen Tagen wäre, wie Sie es mir versprochen, sondern eine ewige Abwesenheit, in welche wir eintreten würden.
Es schlug elf Uhr Abends auf der Kirche der Stadt; Sie ritten ein weißes Pferd; Sie waren in einen Mantel von dunkler Farbe gehüllt, Sie brachen Anfangs langsam auf, und drei Mal kehrten Sie wieder um, um Abschied von mir zu nehmen; bei dem dritten Male zwangen Sie mich, in das Haus zurückzukehren, denn, sagten Sie mir, wenn ich vor der Thür bliebe, so vermöchten Sie nicht sich zu entschließen aufzubrechen.
Warum bin ich nicht geblieben? warum sind Sie aufgebrochen?
Ich kehrte in das Haus zurück, aber es geschah nur, um auf meinen Balcon zu eilen. Sie blickten hinter sich, Sie sahen mich erscheinen, indem ich mein ganz mit Thränen benetztes Taschentuch wallen ließ; Sie erhoben Ihren Hut mit wallenden Federn, und ich hörte auf den Flügeln des Windes Ihren Abschied zu mir gelangen, der, durch die Entfernung geschwächt, klagend wie ein Seufzer geworden war.
Eine große schwarze Wolke zog am Himmel rasch dem Monde entgegen; ich streckte die Hände nach dieser Wolke aus, wie um sie zurückzuhalten, denn sie stand im Begriffe, den Silberschein zu erlöschen, mit dessen Hilfe ich Sie noch sah, endlich, gleich einem Luftungeheuer, streckte sie den offenen Rachen aus und verschlang den bleichen Gott, der in seinen dunklen Weichen verschwand. Nun senkte ich meine Augen von dem Himmel auf die Erde und suchte Sie vergebens; ich hörte noch in der Richtung von Orange den Aufschlag Ihres Pferdes auf dem Pflaster, aber ich sah Sie nicht mehr. Plötzlich öffnete ein Blitz die Wolke, und bei dem Scheine des Blitzes erkannte ich noch Ihr weißes Pferd. Was Sie anbetrifft, so hatte Sie Ihr dunkler Mantel bereits mit der Nacht verschmolzen. Das Thier entfernte sich rasch, aber schien sich ohne Reiter zu entfernen. Zwei andere Blitze leuchteten noch, welche mir das sich immer noch entfernende, wie ein Gespenst erbleichende Pferd zeigten. Seit einigen Sekunden hörte ich sogar nicht einmal mehr den Hufschlag seines Galopps. Ein vierter Blitz kam mit dem Rollen des Donners begleitet, aber sei es nun, daß es sich um irgend eine Krümmung des Weges gewandt hatte, oder daß es fern war, das Pferd war verschwunden.
Die ganze Nacht rollte der Donner, die ganze Nacht peitschten der Wind und der Regen meine Fenster; am folgenden Tage schien die bestürzte, zerzauste, sterbende Natur in Trauer wie mein Herz.
Ich wußte, was sich auf der Seite zutrug, wo ich Sie hatte verschwinden sehen, das heißt in Languedoc. Der Herzog von Montmorency, Ihr Freund, der der Gouverneur davon war, hatte, wie man sagte, indem er die Partei der verbannten Königin Mutter und die von Monsieur angenommen, welcher durch Frankreich gezogen war, um zu ihm zu stoßen, die Provinz aufgewiegelt, und erhob Truppen, um Hegen den König und Herrn von Richelieu zu marschieren. Um einem Ihrer Brüder zu dienen, wollten Sie daher gegen den andern kämpfen; Sie standen im Begriffe, was noch weit gefährlicher war, das Schwert zu ziehen und Ihren Kopf gegen den schrecklichen Kardinal von Richelieu auf das Spiel zu setzen, der schon so viele Köpfe hatte fallen und so viele Schwerter hatte zerbrechen lassen.
Nein Vater war, wie Sie wissen, in Paris bei dem Könige. Ich reiste mit zwei meiner Kammerfrauen unter dem Vorwande ab, meine Tante zu besuchen, welche Aebtissin von Saint-Pons war; aber in der Wirklichkeit, um mich dem Schauplatze der Ereignisse zu nähern, auf welchem Sie eine Rolle spielen würden.
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