Читать бесплатно книгу «Die Taube» Александра Дюма полностью онлайн — MyBook

Vierter Brief

11. Mai, nach dem Morgengebet.

Ich habe drei Tage verstreichen lassen, um Ihnen zu antworten, wie Sie aus dem Datum meines Briefes sehen, das kommt daher, weil der Ihrige keinen Zweifel übrig ließ. Ich hoffte Sie meine Schwester zu nennen, und ich muß darauf verzichten Ihnen zu schreiben oder Sie meinen Bruder nennen.

Sie fürchten, wie Sie sagen, einen Schooß Ihres Gewandes in die Thür geklemmt zu haben, welche sich nach der Welt öffnet. Sie sind also aus der Welt in die Einsamkeit übergegangen?

Sie sind durch die verschiedenen Stufen der menschlichen Größe gefallen, sagen Sie ferner. Sie waren also auf den ersten Rang der Gesellschaft gestellt, daß Ihr Sturz so viele Zwischenräume durchzogen hat.

Sie haben fast ein Königreich verloren, und Sie haben bei dem Winde des Beiles nicht geschaudert, welches die Köpfe um Sie herum abschlug, sagen Sie gleichfalls. Sie haben also das Leben der Großen gelebt, Sie haben also Theil an den Kämpfen der Fürsten genommen?

Wie wollen Sie, daß ich alles das mit Ihrem Alter vereinige, denn Sie sind jung, mit Ihrer Demuth, denn Sie sprechen auf den Knien?

Und welches Interesse hätten Sie indessen, mich zu täuschen? Sie kennen mich nicht; Sie wissen nicht ob ich von Adel oder dienstpflichtig, jung oder alt, häßlich oder hübsch bin?

Uebrigens kümmert, es Sie eben so wenig, zu wissen wer ich bin, als mich zu wissen, wer Sie sind. Wir sind zwei einander fremde, von einander getrennte, einander unbekannte Wesen, die keins Macht materieller Weise zu vereinigen vermöchte.

Aber außer der materiellen Vereinigung gibt es die Mittheilung des Gedankens; außer dem Gefühlt und dem Gesichte des Körpers gibt es die Verbrüderung der Seelen, das geheimnißvolle Liebesmahl, bei welchem man aus demselben Becher das Wort des Herrn und die Flammenstrahlen des heiligen Geistes trinkt.

Das ist Alles, was ich Ihnen wünsche, Alles was Sie von mir wollen können.

Wenn, dieses festgesetzt, es. irgend eine Sympathie zwischen unseren Geistern, irgend eine Verwandtschaft zwischen unseren Seelen gibt, welches Unrecht kann in den Augen. des Herrn darin liegen, daß unsere Geister und unsere Seelen durch den Raum miteinander umgehen, wie es die Strahlen zweier befreundeter Sterne machen würden, die sich in den luftigen Einöden des Firmamentes kreuzen?

Hören Sie jetzt, wie die arme Iris mein Zimmer verlassen hatte.

Am Abende vor dem Tage, an. welchem Sie ihr das Leben gerettet haben, betete ich knieend; meine Lampe stand neben den Vorhängen meines Bettes. Gegen Mitternacht schlief ich betend ein. Vielleicht zehn Minuten nachher ging weine schlecht verschlossene Thür von dem Winde getrieben auf; meine aufgehobenen Vorhänge wallten, erreichten die Lampe und fingen Feuer. In einem Augenblicke war mein Zimmer, welches klein ist, voller Flamme und Hitze. Ich erwachte halb erstickt. Meine arme Taube flatterte an des Decke, indem sie sich in Mitte des Rauches abkämpfte. Ich eilte nach dem Fenster und machte es auf. Kaum war das Fenster offen, als sie hinausflog, und ich sie sich in der Dunkelheit an die Zweige wohlbekannter Bäume stoßen hörte, auf deren Zweigen sie einen Theil des Tages spielt. In der Hoffnung, daß sie mit Tagesanbruch zurückkehren würde, ließ ich mein Fenster offen; aber der Tag kam und verfloß, ohne daß ich sie wieder sah. Durch die Feuersbrunst erschreckt, war sie ohne Zweifel so lange geflohen, als sie fliegen konnte. Am folgenden Tage wird sie bei ihrer Rückkehr durch den Sperber verfolgt worden sein, gegen den sie Sie um Hilfe gebeten hat. Sie haben Sie aufgenommen, behalten, und ich hielt, sie für verloren, als ich plötzlich mit einem Flügel gegen meine Fensterscheibe habe schlagen hören. Ich habe mein Fenster geöffnet; es war die Flüchtige, welche ihre Entschuldigung mitbrachte, der aber, hätte sie dieselbe nicht mitgebracht, im Voraus. verziehen war.

Das ist die Geschichte der armen Iris? Ist das Alles, was Sie wissen wollen? und haben Sie mich um nichts Anderes mehr zu fragen? In diesem Falle wird unsere Botin ohne Brief und ohne Billet zurückkehren.

Ich werde wissen, was das bedeuten soll, und ich werde Ihnen von hier aus schreiben.

Gott befohlen, mein Bruder, der Herr sei mit Ihnen!

Fünfter Brief

Den 11. Mai, mit Tagesanbruch.

Iris ist ohne Brief oder Billet zurückgekehrt. Die arme Kleine hatte eine ganz betrübte Miene, so ihres Ranges als Botin entsetzt wieder zu erscheinen, sie hob von selbst ihren Flügel auf, wie um mich zu fragen, was das bedeuten solle.

Das will sagen, liebe Iris, daß Du mir allein angehörst, daß der Tag, der an unserem dunkeln Himmel entstanden war, erloschen ist, daß der Bruder ein Fremder, daß der Freund ein Gleichgültiger war.

Und dieses, liebe Kleine, schreibe ich für mich allein. Diese Klage meiner Seele, welche in ihrer Einsamkeit jammert, wird nicht bis zu ihm gelangen, ich sage es Dir, daß ich leide, ich sage es Dir, daß ich weine, ich sage es Dir, daß ich unglücklich bin.

Ach!ach! mein Gott, verirrt sich Deine Gerechtigkeit nicht zu weilen, und treffen nicht die Streiche, welche Du den Schuldigen vorbehältst, von irgend einem unsichtbaren und bösen Engel abgewandt, die Unschuldigen? Man sagt uns, daß die Leiden dieses Lebens die Glückseligkeit des andern vorbereiten, aber warum Leiden für die, welche nichts gethan hat, die vielleicht einen Fehltritt, die aber gewiß kein Verbrechen zu büßen hat? Warum die Verzeihung Jesus für die Magdalena? warum die Nachsicht Christus für die Ehebrecherin? warum diese Strenge gegen mich, gegen mich allein, mein Gott!

Ich habe geliebt, es ist wahr; aber indem ich liebte, habe ich einer anderen Liebe geantwortet; ich war für das Leben der Welt, und nicht für das Leben des Klosters geboren. Indem ich liebte, habe ich das von Dir den Thieren, den Menschen, den Pflanzen auferlegte Gesetz befolgt. Alles liebt auf dieser Welt, Alles sucht sich zu vereinigen, und sich in ein und dasselbe Leben zu verschmelzen; die Bäche mit den Flüssen, die Flüsse mit!den Strömen, die Strome mit dem Ocean. Diese Sterne, welche des Nachts den Himmel durchziehen, indem sie von einem Horizonte aufbrechen, das Firmament mit einer, goldenen Linie durchfurchen, und an dem entgegengesetztem Horizonte erlöschen, gehen, um in dem Schooße eines anderen Sternes zu erlöschen; selbst unsere Seelen, diese Ausströmungen Des göttlichen Hauches, suchen auf der Erde nur eine andere Seele, um sich eine Gefährtin der Liebe aus ihr zu machen, und wenn sie unseren Körper verlassen, um sich mit demselben Fluge in Dir zu verschmelzen, der Du die allgemeine Seele und die Liebe ohne Ende bist.

Nun denn! mein Gott, ich hatte mich einen Augenblick lang bei der Hoffnung gefreut, an dem äußersten Ende meines Horizontes eine unbekannte, aber schwesterliche Seele wiedergefunden zu haben, eine Schwester für das Leiden, denn bei dem ersten Klagen hatte ich gesehen, daß es der Mund des Herzens war, der sich beklagt. Warum, arme leidende Seele, willst Du nicht Deinen Antheil an meinem Kummer nehmen, wie ich meinen Antheil an Deinem Schmerze nehmen werde? Es ist das Gesetz, daß die getheilten Lasten weniger schwer sind, und daß die Last welche zwei einzelne Kräfte erdrückt, zuweilen zwei vereinigten leicht erscheint.

Da läutete es zum Gebete; Du rufst mich, mein Gott! und ich gehe zu Dir! ich gehe zu Dir in dem Vertrauen auf meine Reinheit, mit offenem Herzen, damit Du in ihm lesen kannst, und wenn ich Dich durch irgend eine That oder irgend eine Unterlassung erzürnt hätte, o mein Gott! so laß es mich durch ein Zeichen, durch eine Eingebung, durch irgend eine Offenbarung wissen, und ich werde mit der Stirn im Staube, mit ausgestreckten Händen vor Deinem Altare auf den Knieen bleiben, bis daß Du mir verziehen hast.

Du, liebe Taube, sei die treue Bewahrerin dieser Gedanken meines schwachen Herzens, dieser Regung meiner armen Seele! bedecke mit Deinem Flügeln dieses Papier, das ich zusammenfalte um es den Blicken Aller zu entziehen, und das mich erwarten wird wie die halb gefüllte Schale den Rest des bitteren Trankes erwartet, der ihm verheißen ist.

Sechster Brief

11. Mai, Mittags.

In der Tat, Sie haben richtig errathen, arme geängstigte Seele; ich hatte beschlossen, Ihnen nicht mehr zu schreiben, denn wozu nützt es, wenn man im Grabe liegt, darauf zu beharren, die Hände herauszuschrecken, wenn es nicht geschieht, um sie zu Gott zu erheben? Aber eine Art von Wunder hat meinen Entschluß geändert. Diesen Brief, den Sie für sich allein geschrieben hatten, diesen Brief, den Sie für sich allein geschrieben hatten, diesen Brief, in welchem Sie Ihre Stelle zu den Füßen des Herrn ausschütten, diesen Brief, den Vertrauen Ihrer Gedanken, den halb mit Bitterkeit gefüllten Becher, der bei Ihrer Rückkehr unter Ihrem Thränen übertreten sollte,diesen Brief hat die dies Mal ungetreue Taube mir gebracht, nicht mehr von Ihnen unter ihre Flügel gebunden, sondern von selbst, in ihrem Schnabel, wie die Taube der Arche den grünen Zweig trug,welcher andeutet, daß die Gewässer auf der Oberfläche des Erdballes abzulaufen begönnen, wie endlich die Thränen auf dem Gesichte eines Sünders versiegen,dem verziehen ist.

Wohlan! Es sei, ich nehme es an, einen Theil Ihres Schmerzes zu tragen; denn auch ich gehöre mir selbst nicht mehr an, und aus den Kräften, die Gott mir gelassen hat, muß ich einen Hebel machen, um das Unglück Anderer aufzuheben. Von diesem Augenblicke an ist meine Seele leer von meinem eigenen Mißgeschicke; schütten Sie das Ihrige darin aus, Bach, der Sie einen Fluß suchen, um sich mit ihm zu vereinigen, Meteor, das einen Stern sucht, in dem es erlösche.

Sie fragen weshalb Sie leiden, da Sie nichts gethan haben. Nehmen Sie sich in Acht! Sie fragen Gott, und von der Frage zu der Lästerung ist die Entfernung nicht weit, der Fall rasch.

Unser Stolz ist unser größter Feind hienieden. Man sagt, daß es in diesem Augenblicke einen Philosophen gibt, der die ganzes Natur in Wirbel eingetheilt hat. Nach der Rechnung dieses Philosophen wäre jeder Fixstern eine Sonne, – der Mittelpunkt einer Welt wie die unsrige, – und alle diese Welten, den Gesetzen des Gleichgewichtes unterworfen, kreiseten und drehten sich in dem Raume, jetzt um ihren Mittelpunkt herum, ohne sich zu stoßen, noch sich zu verwirren.

Nicht wahr, das ist ein System, das Gott sehr vergrößern, aber den Menschen auch sehr verkleinern würde?

Demnach also kann sich unsere arme Welt wieder in Millionen von Welten eintheilen. Unser Stolz läßt Jeden von uns glauben, daß wir eine Sonne, der Mittelpunkt eines Wirbels sind, während wir höchstens einer der Atome, einer der Sandkörner sind, welche der Hauch des Herrn zu Millionen sich um jene mehr oder minder glänzenden Sterne kreisen und drehen läßt, die man die Könige, die Kaiser, die Fürsten, die Helden, kurz die Mächtigen dieser Welt nennt, denen Gott als Zeichen ihrer Macht den Zepter oder Krummstab, die Tiare oder das Schwert gegeben hat.

Nun denn! wer sagt Ihnen, daß die unmateriellen Dinge nicht wie die materiellen Dinge abgewogen werden? Wer sagt Ihnen, daß das Unglück der einen Welt nicht zu dem Glück der anderen beiträgt? Wer sagt Ihnen, daß es nicht eines der Gesetze der moralischen Natur ist, daß die eine Hälfte des Herzens in Thränen sei, damit die andere Seite in der Freude sei, wie die eine Seite der Erde in der Dunkelheit sein muß,damit die andere in dem Lichte ist?

Sagen Sie mir doch Ihr Unglück, arme betrübte Seele, denn welches Ihr Unglück auch sein mag, ich bin überzeugt, daß es nicht die Höhe des meinigen erreicht; – sagen Sie es und ich hoffe, – daß ich einen Trost für jede Ihrer Klagen, – einen Balsam für jede Ihrer Wunden haben werde.

Aber, ich bitte Sie inständigst, trinken Sie Ihrerseits aus dem Bache meiner Worte, ohne die Quelle zu suchen, von welcher sie ausgeht, – machen Sie es wie die schwarzen Äthiopier und die bleichen Söhne Ägyptens, welche Ihren Duft an den Ufern des Nils stillen, und Sie die glauben würden, eine Gottlosigkeit zu begehen, wenn sie an dem Flusse bis zu seiner Quelle hinaufgingen.

Nach einigen Worten,die mir entschlüpft sind, haben Sie gemeint in meinem vergangenen Leben zu lesen; Sie haben aus mir einen Großen dieser Welt gemacht; – Sie haben geglaubt, daß ein Lichtstrahl meinen Sturz begleitet hätte, und daß ich wie ein vom Blitz getroffener Engel aus dem Himmel auf die Erde gefallen wäre. Enttäuschen Sie sich zuvörderst; ich bin ein geringer Mönch, der einen geringen Namen führt; – von meiner finsteren oder glänzenden, niedrigen oder stolzen Vergangenheit habe ich alles Andenken verloren, und, minder hellsehenden dem Leben, als der Philosoph des Altertums, welcher sich erinnerte bei der Belagerung von Troja gekämpft zu haben,es in der dem Tode war, erinnere ich mich heute nicht mehr des Gestern, und morgen werde ich mich nicht mehr des heute erinnern.

So will ich Schritt vor Schritt der Ewigkeit zuschreiten, indem ich jede Spur verlösche, die ich hinter mir zurücklasse, um an dem Tage meines Todes so vor dem Herrn zu erscheinen, als ich aus dem Schoße meiner Mutter hervorgegangen bin; – Solus Pauper et nudus: – allein, arm und nackend.

Gott befohlen, meine Schwester verlangen Sie nicht mehr von mir,als ich Ihnen geben kann, damit ich Ihnen immer geben kann.

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