»Worauf gründet Ihr Eure Meinung?«
»Darauf, daß Salcède vor dem Volke in Abrede zog, was er vor den Richtern gesagt hatte.«
»Ah! das wißt Ihr schon, Ihr?«
»Ich suche Alles zu erfahren, was Eure Majestät interessirt.«
»Ich danke; aber worauf zielt Ihr mit diesem Eingang ab?«
»Darauf: ein Mann, der stirbt wie Salcède, ist als sehr guter Diener gestorben, Sire.«
»Nun! und hernach?«
»Der Herr, der solche Diener hat, ist sehr glücklich; das ist das Ganze.«
»Und Du willst sagen, ich habe keine solche Diener, ich, oder deutlicher gesprochen, keine mehr? Du hast Recht, wenn Du das sagen willst.«5
»Das will ich nicht sagen. Eure Majestät fände, sobald es Gelegenheit gäbe, dafür kann ich besser stehen, als irgend Jemand, so treue Diener, als der Herr von Salcède.«
»Der Herr von Salcède, der Herr von Salcède! nennt doch einmal die Dinge bei ihrem Namen! Ihr Leute, die Ihr mich umgebt. Wie heißt er, dieser Herr?«
»Eure Majestät muß es besser wissen als ich, sie, die sich mit Politik beschäftigt.«
»Ich weiß, was ich weiß. Sagt mir, was Ihr wißt.«
»Ich weiß nichts, ich vermuthe nur viele Dinge.«
»Gut,« sprach Heinrich ärgerlich, »nicht wahr, Ihr kommt hierher, um mich zu erschrecken und mir unangenehme Dinge zu sagen? Ich danke, Herzog, daran erkenne ich Euch.«
»Ah! nun mißhandelt mich Eure Majestät,« sagte Épernon.
»Ich glaube, das ist nicht mehr als billig.«
»Nein, Sire. Die Warnung eines ergebenen Mannes kann schlecht angebracht sein, aber dieser Mann thut nichtsdestoweniger seine Pflicht, wenn er die Warnung gibt.«
»Das sind meine Sachen.«
»Ah! sobald es Eure Majestät so nimmt, habt Ihr Recht, Sire, sprechen wir nicht mehr davon.«
Hier trat ein Stillschweigen ein, das der König zuerst brach.
»Höre,« sagte er, »mache mich nicht düster, Herzog. Ich bin schon traurig wie ein ägyptischer Pharao in seiner Pyramide. Erheitere mich!«
»Ah! Sire, die Freude läßt sich nicht befehlen.«
Der König schlug zornig mit der Faust auf den Tisch und rief:
»Ihr seid ein halsstarriger Mensch, ein schlechter Freund, Herzog. Ach! Ach! ich glaubte nicht so viel verloren zu haben, als ich meine früheren Diener verlor.«
»Darf ich es wagen, Eurer Majestät zu bemerken, daß sie die neuen nicht sehr ermuthigt?«
Hier machte der König eine neue Pause, während welcher er statt jeder Antwort diesem Menschen, dessen ganzes Glück er gegründet hatte, mit einem äußerst bezeichnenden Ausdruck anschaute.
Épernon begriff.
»Eure Majestät wirft mir ihre Wohlthaten vor,« sagte er mit dem Tone eines vollendeten Gascogners. »Ich werfe Ihr meine Ergebenheit vor.«
Und der Herzog, der sich noch nicht gesetzt hatte, nahm den Stuhl, den der König für ihn hatte bereitstellen lassen.
»Lavalette, Lavalette,« sprach der König voll Traurigkeit., »Du verwundest mir das Herz, Du, der Du so viel Witz hast, Du, der Du mich durch Deine gute Laune heiter und freudig machen könntest. Gott ist mein Zeuge, daß es nicht meine Absicht gewesen ist, von Quelus zu sprechen, der so brav, von Schomberg, der so gut, von Maugiron, der so kitzelig im Punkte meiner Ehre war. Nein, in jener Zeit gab es sogar Bussy. Bussy, der, wenn Du willst, nicht mir angehörte, den ich mir aber erworben haben würde, hätte ich nicht den Andern Schatten zu machen befürchtet, Bussy, der leider die unwillkührliche Ursache ihres Todes ist! Wohin ist es mit mir gekommen, daß ich sogar den Verlust meiner Feinde beklage! Gewiß waren alle Vier brave Leute. Ei, mein Gott! Ärgere Dich nicht über das, was ich sage. Was willst Du, Lavalette? es liegt nicht in Deinem Temperament, zu jeder Stunde dem nächsten Besten gewaltige Degenstiche zu geben; aber, mein theurer Freund, wenn Du auch kein Wagehals, kein Dreinschläger bist, so bist Du dagegen fein, schlau und zuweilen ein Mann von gutem Rath. Du kennst alle meine Angelegenheiten, wie jener andere demüthigere Freund, mit dem ich nie einen einzigen Augenblick der Langeweile durchzumachen hatte.«
»Von wem spricht Eure Majestät?« fragte der Herzog.
»Du müßtest ihm gleichen, Épernon.«
»Aber ich müßte doch wissen, wen Eure Majestät beklagt?«
»Oh! armer Chicot, wo bist Du?«
Épernon stand ganz gereizt auf.
»Nun! was machst Du?« fragte der König.
»Es scheint, Sire, Eure Majestät schwelgt in der Erinnerung; doch in der That, das ist nicht für Jedermann ein Glück.«
»Und warum dies?«
»Weil mich Eure Majestät vielleicht ohne es zu überlegen, mit Messire Chicot vergleicht und weil ich mich durch diese Vergleichung sehr wenig geschmeichelt fühle.«
»Du hast Unrecht, Épernon. Ich kann mit Chicot nur einen Menschen vergleichen, den ich liebe, und der mich liebt. Er war ein gediegener und geistreicher Diener.«
Heinrich stieß einen Seufzer aus.
»Ich denke, nicht damit ich Meister Chicot gleiche, hat mich Eure Majestät zum Pair und Herzog gemacht,« sagte Épernon.
»Stille, erheben wir keine Gegenbeschuldigung,« sprach der König mit einem so boshaften Lächeln, daß der Gascogner, so fein und so unverschämt er zugleich war, sich unbehaglicher vor diesen schüchternen Sarkasmen fühlte, als er es bei offenem Vorwurf gewesen wäre.
»Chicot liebte mich, und er fehlt mir, das ist Alles, was ich sagen kann.« fuhr Heinrich fort. »Oh! wenn ich bedenke, daß an demselben Platz, wo Du bist, alle diese jungen, schönen, braven und treuen Leute vorübergegangen sind, daß auf dem Lehnstuhl, auf den Du Deinen Hut gelegt hast, Chicot mehr als hundertmal eingeschlafen ist.«
»Das war vielleicht sehr geistreich,« versetzte Épernon, »jedenfalls aber war es sehr wenig ehrfurchtsvoll.«
»Ach!« sprach Heinrich. »dieser theure Freund hat heute nicht mehr Geist als Körper.«
Und er schüttelte traurig seinen Rosenkranz von Todtenköpfen, der ein so düsteres Geklapper hören ließ, als ob er von wirklichen Gebeinen gemacht weite.
»Was ist denn aus Eurem Chicot geworden?« fragte Épernon mit gleichgültigem Tone.
»Er ist todt,« antwortete Heinrich, »todt wie Alles, was mich geliebt hat.«
»Nun, Sire,« sprach der Herzog, »ich glaube in der That, er hat wohl daran gethan, daß er gestorben ist; er alterte, viel weniger indessen, als seine Späße, und man hat mir gesagt, die Nüchternheit sei nicht seine Lieblingstugend gewesen. An was ist der arme Teufel, gestorben, Sire, an der Unverdaulichkeit?«
»Chicot ist vor Kummer gestorben, schlechtes Herz,« erwiederte bitter der König.
»Er hätte Euch zum letzten Male lachen machen sollen.«
»Du täuschest Dich: er wollte mich nicht einmal durch die Ankündigung seiner Krankheit betrüben; weil er wußte. wie sehr ich meine Freunde betraure er, der mich so oft weinen sah.«
»Dann ist sein Schatten zurückgekehrt.«
»Gefiele es Gott, daß ich ihn wiedersehen würde, selbst im Schatten. Nein, sein Freund, der würdige Prior Gorenflot, hat mir diese Kunde mitgetheilt.«
»Gorenflot, wer ist dies?«
»Ein frommer Mann, den ich zum Prior der Jacobiner gemacht habe; er bewohnt das schöne Kloster vor der Porte Saint-Antoine, bei Bel-Esbat.«
»Sehr gut! irgend ein schlechter Prediger, dem Eure Majestät eine Priorei von dreißig tausend Livres gegeben haben wird, ohne daß sie es wagt, ihm das Empfangene vorzurücken.«
»Willst Du nun gottlos werden?«
»Wenn dies Eurer Majestät die Langweile vertreiben könnte, so würde ich es versuchen.«
»Willst Du wohl schweigen, Herzog; Du beleidigst Gott.«
»Chicot war sehr gottlos, und mir scheint, ihm verzieh man.«
»Chicot kam in einer Zeit, wo ich noch über etwas lachen konnte.«
»Dann hat Eure Majestät Unrecht, seinen Verlust zu beklagen.«
»Warum?«
»Wenn sie über nichts mehr lachen kann, so würde ihr Chicot, so heiter er auch war, keine große Unterstützung gewähren.«
»Dieser Mann war zu Allem gut, und ich beklage seinen Verlust nicht allein wegen seines Witzes.«
»Und warum sonst? ich denke, nicht seines Gesichtes wegen, denn er war sehr häßlich, dieser Herr Chicot.«
»Er ertheilte weise Rathschläge.«
»Ah! ich sehe wohl, wenn er noch lebte, würde Eure Majestät einen Siegelbewahrer aus ihm machen, wie sie aus diesem Kuttenmann einen Prior gemacht hat.«
»Stille, Herzog, ich bitte Euch, spottet nicht über diejenigen, welche mir Zuneigung bewiesen haben, und denen ich zugethan war. Seitdem Chicot gestorben, ist er mir heilig wie ein ernster Freund, und wenn ich nicht Lust habe zu lachen, soll Niemand lachen.«
»Es sei, Sire, ich habe so wenig Lust, zu lachen, als Eure Majestät. Doch so eben beklagtet Ihr den Verlust von Chicot wegen seiner guten Laune; eben verlangtet Ihr von mir, daß ich Euch aufheitere, während Ihr nun wünscht, daß ich Euch traurig mache… Parfandious!… Oh! verzeiht, Sire, dieser verdammte Fluch entschlüpft mir immer.«
»Gut, gut, nun bin ich abgekühlt; nun bin ich auf dem Punkte, wo Du mich haben wolltest, als Du das Gespräch mit so düsteren Redensarten begannst. Sage mir nun Deine schlimmen Nachrichten, Épernon; bei dem König findet sich immer die Kraft eines Mannes.«
»Ich bezweifle es nicht, Sire.«
»Und das ist ein Glück, denn schlecht bewacht wie ich bin, wäre ich, wenn ich mich selbst nicht bewachte, zehnmal des Tags gestorben.«
»Was gewissen Leuten, die ich kenne, nicht mißfallen würde.«
»Gegen diese habe ich die Hellebarden meiner Schweizer, Herzog.«
»Das ist sehr ohnmächtig, um aus der Ferne zu treffen.«
»Gegen diejenigen, welche man aus der Ferne treffen muß, habe ich die Musketen meiner Schützen.«
»Das ist unbequem, will man von Nahem treffen; um eine königliche Brust zu beschützen, taugen mehr als Hellebarden und Musketen gute Brüste.«
»Ach, das hatte ich einst,« sagte Heinrich, »und in diesen Brüsten edle Herzen; nie hatte man mich erreicht zur Zeit der lebendigen Wälle, die man Quelus, Schomberg, Saint-Luc, Maugiron und Saint-Mégrin nannte.«
»Das ist es also, was Eure Majestät beklagt?« fragte Épernon, der seine Genugthuung dadurch zu nehmen hoffte, daß er den König bei einem offenen Frevel der Selbstsucht faste.
»Ich beklage die Herzen, welche vor Allem in der Brust dieser Männer schlugen,« erwiederte Heinrich.
»Sire,« sprach Épernon, »wenn ich es wagte, würde ich Eurer Majestät bemerken, daß ich Gascogner, das heißt vorsichtig und gewandt bin; daß ich durch den Geist die Eigenschaften zu ersetzen suche, die mir die Natur versagt hat, mit einem Wort, daß ich Alles thue, was ich kann, das heißt Alles, was ich soll, und daß ich folglich mit Recht sagen kann: Komme was da will.«
»Ah! so ziehst Du Dich heraus; Du trittst ein und nimmst den Mund sehr voll mit wahren oder falschen Gefahren; denen ich preisgegeben sein soll, und wenn es Dir gelungen ist, mich zu erschrecken, so fassest Du Dich in den Worten zusammen: »»Komme was da will.«« Sehr verbunden, Herzog.«
»Eure Majestät will also ein wenig an diese Gefahren glauben?«
»Es sei. Ich werde daran glauben, wenn Du mir beweisest, daß Du sie bekämpfen kannst.«
»Ich glaube, daß ich es kann.«
»Du kannst es?«
»Ja, Sire.«
»Ich weiß wohl, Du hast Mittel – Deine kleinen Mittel, – Du Fuchs.«
»Nicht so klein.«
»Laß hören.«
»Will Eure Majestät die Gnade haben, aufzustehen?«
»Wozu?«
»Um mit mir zu den alten Gebäuden des Louvre zu kommen.«
»Auch der Seite der Rue de l'Astruce.«
»Gerade an den Ort, wo man sich damit beschäftigte, ein Geräthemagazin zu bauen, ein Plan, den man aufgegeben hat, seitdem Eure Majestät kein anderes Geräthe mehr will, als Betpulte und Rosenkränze von Todtenköpfen.«
»Zu dieser Stunde?«
»Es schlägt so eben zehn Uhr im Glockenthurme des Louvre; mir scheint, das ist nicht so spät.«
»Was werde ich in diesen Gebäuden sehen?«
»Ah! bei Gott! wenn ich es Euch sage, so ist dies das Mittel, daß Ihr nicht kommt.«
»Das ist sehr fern von hier, Herzog.«
»Durch die Gallerien gebt man in fünf Minuten dahin, Sire.«
»Épernon, Épernon!«
»Nun, Sire?«
»Wenn das, was Du mich sehen lassen willst, nicht sehr interessant ist, so nimm Dich in Acht.«
»Sire, ich stehe Euch dafür, daß es interessant sein wird.«
»Vorwärts,« sprach der König, indem er sich mit einer gewissen Anstrengung erhob.
Der Herzog nahm seinen Mantel, und reichte dem König seinen Degen; dann ergriff er eine Wachsfackel und schritt in der Gallerie Seiner Allerchristlichsten Majestät voran, die ihm mit schleppendem Gange folgte.
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