In jenem großen Gemache im Louvre, in das wir schon so oft mit unseren Lesern eingetreten sind, und wo wir den armen König Heinrich III. so lange und so grausame Stunden haben hinbringen sehen, finden wir ihn abermals, nicht mehr als König, nicht mehr als Herrn, sondern niedergeschlagen, bleich, unruhig, und ganz und gar der Verfolgung aller Schatten preisgegeben, welche bei ihm die Erinnerung unablässig unter diesen erhabenen Gewölben hervorruft.
Heinrich war sehr verändert seit dem unseligen Tode seiner Freunde, den wir anderswo erzählt haben… Diese Trauer war über sein Haupt wie ein verheerender Sturm hingegangen… und der arme König, der, beständig sich erinnernd, daß er ein Mensch, seine Stärke und sein Vertrauen nur in Privatneigungen gesetzt, hatte sich jeder Stärke und jedes Vertrauens durch den neidischen Tod berauben sehen und war so dem furchtbaren Augenblick zuvorgekommen, wo die Könige allein… ohne Freunde… ohne Wachen… und ohne Krone zu Gott gehen.
Heinrich III. war grausam heimgesucht worden. Alles was er liebte, war nach und nach um ihn her gefallen. Nachdem Schomberg, Quelus und Maugiron im Duell durch Livarot und Antraguet getödtet worden, wurde Saint-Mégrin durch Herrn von Mayenne ermordet: die Wunden waren offen und blutig geblieben… Seine Zuneigung für seine neuen Günstlinge, Épernon und Joyeuse, glich der, die ein Vater nachdem er seine besten Kinder verloren, auf diejenigen überträgt, welche ihm noch bleiben; während er die Fehler der letzteren vollkommen kennt, liebt er, schont er, behütet er sie, um dem Tod keine Gewalt über sie zu geben.
Er hatte Épernon mit Gütern überhäuft, und dennoch liebte er ihn nur stellenweise und aus Laune. In gewissen Augenblicken haßte er ihn sogar. Dann geschah es, daß Catharina, diese unbarmherzige Rathgeberin, in der der Geist stets wachte, wie die Lampe im Tabernakel, daß Catharina, selbst in ihrer Jugend zu Thorheiten unfähig, die Stimme des Volkes übernahm, um die Neigungen des Königs zu tadeln.
Nie hätte sie ihm gesagt, wenn sie ihn den Schatz leeren sah, um das Gut Lavalette zu einem Herzogthum zu erheben und es königlich zu vergrößern, nie hätte sie ihm gesagt: »Sire, haßt diese Menschen, die Euch nicht lieben, oder die Euch, was noch schlimmer ist, nur um ihretwillen lieben.« Sah sie aber die Stirne des Königs sich falten, hörte sie ihn in einem Augenblick des Ueberdrusses Épernon des Geizes oder der Feigheit beschuldigen, so fand sie sogleich das unbeugsame Wort, welches alle Klagen des Volkes und des Königthums gegen Épernon zusammenfaßte und eine neue Furche in den königlichen Haß grub.
Als unvollständiger Gascogner, hatte Épernon mit seiner Feinheit und seiner angeborenen Verderbtheit das Maß der königlichen Schwäche genommen; er wußte seinen Ehrgeiz, einen unbestimmten Ehrgeiz, dessen Ziel ihm selbst noch unbekannt war, zu verbergen; nur ersetzte ihm seine Habgier den Compaß, um ihn gegen die entfernte Welt zu lenken, die ihm noch die Horizonte der Zukunft verbargen, und nach dieser Habgier allein steuerte er sich.
War der Schatz zufällig ein wenig voll, so sah man Épernon den Arm gerundet und das Gesicht lachend, auferstehen und sich nähern; war der Schatz leer, so verschwand er mit verächtlicher Lippe und gerunzelter Stirne, um sich entweder in seinem Hotel oder in einem von seinen Schlössern einzuschließen, wo er jammerte und klagte, bis er den armen König wieder bei der Schwäche seines Herzens gepackt und ihm irgend ein neues Geschenk entlockt hatte.
Durch ihn war das Günstlingthum zu einem Gewerbe erhoben worden, zu einem Gewerbe, bei dem er alle nur immer mögliche Revenuen4 ausbeuten. Zuerst gestattete er dem König nicht die geringste Zögerung beim Bezahlen zur Verfallzeit; später, als er Höfling wurde und die launenhaften Nordwinde der königlichen Gunst oft genug wiederkehrten, um sein gascognisches Gehirn zu befestigen, später, sagen wir, ließ er sich herbei, einen Theil von der Arbeit zu übernehmen, nämlich zum Eintreiben der Geldmittel beizutragen, aus denen er seine Beute machen wollte.
Diese Notwendigkeit, das fühlte er wohl, zwang ihn, vom trägen Höfling, was der beste von allen Ständen ist, ein thätiger Höfling zu werden, was man als die schlimmste von allen Lagen betrachten darf. Er beklagte sehr bitter die süße Wonne von Quelus, Schomberg und Maugiron, welche nie von öffentlichen oder Privatangelegenheiten gesprochen und so leicht die Gunst in Geld und das Geld in Vergnügungen verwandelt hatten; aber die Zeiten hatten sich geändert; das eiserne Zeitalter war auf das goldene gefolgt; das Gold kam nicht mehr wie sonst; man mußte zu dem Golde gehen, um es zu nehmen, in den Adern des Volkes wühlen, wie in einer halb versiegten Mine. Épernon schickte sich darein und warf sich in das unentwirrbare Gestrüppe der Administration, verheerte da und dort auf seinem Durchzuge und erpreßte, ohne den Verwünschungen Rechenschaft zu tragen, wenn nur der Lärmen der Goldthaler die Stimme der Kläger bedeckte.
Die rasche und sehr unvollständige Skizze, die wir von dem Charakter von Joyeuse entworfen haben, vermag dem Leser zu zeigen, welcher Unterschied zwischen den beiden Günstlingen stattfand, die sich, wir sagen nicht in die Freundschaft, sondern in die große Portion des Einflusses theilten, den Heinrich immer über Frankreich und über sich selbst diejenigen, welche ihn umgaben, nehmen ließ. Ganz natürlich und ohne darüber nachzudenken, hatte sich Joyeuse der Tradition der Quelus, der Schomberg, der Maugiron und der Saint-Mégrin hingegeben und war ihrer Spur gefolgt; nur waren die seltsamen Gerüchte, welche über die wunderbare Freundschaft im Umlauf gewesen, die der König für die Vorgänger von Joyeuse hegte, mit dieser Freundschaft gestorben; kein ehrloser Flecken beschmutzte die beinahe väterliche Zuneigung von Heinrich für Joyeuse. Aus einer Familie berühmter und redlicher Leute, beobachtete Joyeuse wenigstens öffentlich die Achtung vor dem Königthum und seine Vertraulichkeit überschritt nie gewisse Gränzen. In der Mitte des moralischen Lebens war Joyeuse ein wahrer Freund für Heinrich; aber diese Mitte bot sich selten. Anne war jung, feurig, verliebt, und wenn er verliebt war, selbstsüchtig; es war wenig für ihn, durch den König glücklich zu sein und das Glück zu seiner Quelle zurückgehen zu lassen; es war Alles für ihn, glücklich zu sein, auf welche Weise es auch sein mochte. Brav, schön, reich, glänzte er in diesem dreifachen Reflex, der für junge Stirnen eine Liebesglorie bildete, die Natur hatte Zuviel für Joyeuse gethan, und Heinrich verfluchte zuweilen die Natur, welche ihm, dem König, so wenig für seinen Freund zu thun übrig gelassen.
Heinrich kannte genau diese zwei Männer und liebte sie vielleicht des Contrastes willen. Unter seiner skeptischen und abergläubischen Hülle verbarg Heinrich einen Fond von Philosophie, der sich, ohne Catharina, in einer merkwürdig nützlichen Richtung entwickelt hätte.
Oft verrathen, wurde Heinrich nie getäuscht.
Mit dem vollkommenen Verständniß des Charakters seiner Freunde, mit der tiefen Kenntniß ihrer Fehler und ihrer guten Eigenschaften, dachte er nun, von ihnen entfernt, einsam, traurig, in diesem düsteren Gemache an sie, an sich, an sein Leben, und betrachtete im Schatten diese dunklen Horizonte, welche schon in der Zukunft für viele minder hellsehende Blicke, als die seinigen, gezeichnet waren.
Die Angelegenheit von Salcède hatte ihn sehr trübe gestimmt. Allein zwischen zwei Frauen in einem solchen Augenblick, hatte Heinrich seine Vereinzelung, seine Entblößung gefühlt; die Schwäche von Louise machte ihn traurig; die Stärke von Catharina erschreckte ihn. Heinrich empfand endlich in seinem Inneren jene unbestimmte, ewige Angst, welche die Könige erfaßt, die vom Mißgeschick dazu bezeichnet sind, daß ein Geschlecht in ihnen und mit ihnen erlösche.
In der That bemerken, daß, obgleich man über alle Menschen erhaben ist, diese Größe doch keine feste, unerschütterliche Grundlage hat; fühlen, daß man die Statue ist, die man beweihräuchert, das Ideal, das man anbetet, das aber die Priester und das Volk, die Anbeter und die Diener, je nach ihrem Interesse erheben oder niederbeugen, nach ihrer Laune schwanken machen, ist für einen stolzen Geist das grausamste der Mißgeschicke. Heinrich fühlte dies lebhaft und ärgerte sich, daß er es fühlte.
Und dennoch raffte er sich von Zeit zu Zeit zu der Energie seiner lange in ihm, vor dem Ende seiner Jugend, erloschenen Jugend auf.
»Warum soll ich mich im Ganzen beunruhigen?« sagte er zu sich selbst. »Ich habe keine Kriege mehr durchzukämpfen; Guise ist in Nancy; Heinrich in Pau; der Eine ist genöthigt, seinen Ehrgeiz in sich selbst zu verschließen, der Andere hat nie Ehrgeiz gehabt. Die Geister besänftigen sich, kein Franzose hat im Ernste das unmögliche Unternehmen, den König zu entthronen, im Blick gehalten; die durch die goldene Scheere von Frau von Montpensier versprochene dritte Krone ist nicht mehr als das Wort eines in seiner Eitelkeit verletzten Weibes; meine Mutter allein träumt immer von ihrem Usurpationsgespenst, ohne mir im Ernst den Usurputor zeigen zu können; doch ich, der ich ein Mann bin, der ich trotz meines Kummers ein noch junges Gehirn besitze, ich weiß woran ich mich hinsichtlich der Prätendenten, die sie fürchtet, zu halten habe.
»Ich werde Heinrich von Navarra lächerlich, Guise verhaßt machen, und mit dem Schwerte in der Hand die fremden Bündnisse zerstreuen. Bei Gottes Tod! ich war bei Jarnac und Moncontour nicht mehr werth, als ich heute werth bin.
»Ja,« fuhr Heinrich fort, indem er seinen Kopf auf die Brust fallen ließ, »ja, aber mittlerweile langweile ich mich, und es ist tödtlich, sich zu langweilen. Die Langeweile ist mein einziger, mein wahrer Verschworener, und meine Mutter spricht nie etwas von diesem.
»Ich will doch sehen, ob diesen Abend einer zu mir kommt! Joyeuse versprach mir, frühzeitig zu erscheinen: er belustigt sich, aber wie des Teufels macht er es, um sich zu belustigen? Épernon? Oh! dieser belustigt sich nicht; er schmollt, er hat seine Klauensteuer von fünf und zwanzig tausend Thalern noch nicht erhalten; meiner Treue! er mag nach seinem Belieben schmollen.«
»Sire,« sprach die Stimme des Huissier, »der Herr Herzog von Épernon!«
Alle diejenigen, welche das Aergerliche des Wartens, die Anschuldigungen, die daraus für die erwarteten Personen hervorgehen, sowie die Leichtigkeit kennen, mit der sich die Wolke zerstreut, wenn die Person erscheint, werden den Eifer begreifen, mit dem der König einen Stuhl für den Herzog vorzurücken befahl.
»Ah! guten Abend, Herzog,« sagte er, »ich bin entzückt, Euch zu sehen.«
Épernon verbeugte sich ehrfurchtsvoll.
»Warum habt Ihr diesen Schurken von einem Spanier nicht viertheilen sehen? Ihr wußtet wohl, daß Ihr einen Platz in meiner Loge hattet, da ich es Euch sagen ließ.«
»Sire, ich konnte nicht«
»Ihr konntet nicht?.-
»Nein, Sire, ich hatte Geschäfte.«
»Sollte man nicht in der That glauben, er wäre mein Minister mit seinem ellenlangen Gesichte, und käme, um mir zu melden, eine Steuer sei nicht bezahlt worden,« sagte Heinrich die Achseln zuckend.
»Meiner Treue,« sprach Épernon, die Kugel im Sprunge auffassend, »Eure Majestät hat Recht, die Steuer ist nicht bezahlt worden, und ich habe keinen Thaler mehr.«
»Gut,« machte Heinrich ärgerlich.
»Doch,« fuhr Épernon fort, »es handelt sich nicht um dieses, und ich beeile mich, es Eurer Majestät zu sagen, denn sie könnte glauben, dies seien die Angelegenheiten, mit denen ich mich beschäftige.«
»Laßt Eure Angelegenheiten hören, Herzog.«
»Euere Majestät weiß, was bei der Hinrichtung von Salcède vorgefallen ist?«
»Bei Gott! da ich dabei gewesen bin.«
»Man hat den Verurtheilten zu entführen versucht.«
»Das habe ich nicht gesehen.«
»Dieses Gerücht ist jedoch in der Stadt im Umlauf.«
»Ein Gerücht ohne Ursache und ohne Folge; man hat sich nicht gerührt.«
»Ich glaube, Eure Majestät ist in einem Irrthum begriffen.«
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