Er schloß die Tür, blieb einen Moment wie unschlüssig stehen und sah ins Leere, um zur Wirklichkeit zurückzufinden. Mit abrupten Schritten ging er wieder an die Bar, griff nach der »Rémy Martin«-Flasche, hielt sie am Hals, als wollte er sie würgen, schüttete sich hastig Cognac ins Glas wie ein Wermutbruder im Stehausschank, trank dann doch mit mehr Genuß als Gier. Dabei suchte er sein Gesicht im Spiegel und stellte sachlich fest, daß er keine Zeit mehr zu verlieren hätte.
Er dachte an den alljährlichen Ferienmonat. August, der heißeste Monat des Jahres, für ihn auch – und erst recht – wenn er verregnet war, denn dann konnte er nicht in die Berge flüchten, sondern mußte mit seiner Frau in einem engen Zimmer zusammen hausen und von morgens bis abends fragliche Hoffnungen schüren und konkrete Versprechungen vermeiden.
August – das war für Nareike ein Synonym für Hannelore. Elf Monate sah er seine Frau nicht, dann hatte er jeweils vier volle Wochen mit ihr zu verbringen. Tag für Tag und Nacht für Nacht, und wenn er sich am Morgen schlafend stellte, um Rede und Antwort noch eine Zeitlang aufzuschieben, verlängerte er nur noch die Zeit, in der sie neben ihm lag, zeitgeizig und erwartungsbang, jederzeit bereit, wieder ihre Frau zu stellen. Sowie er die Augen öffnete, mußte er für Hannelores Situation pausenlos Verständnis aufbringen und seine Liebe beteuern, um seine Mitwisserin ein Jahr lang wieder mit Energie aufzuladen wie eine altersschwache Batterie.
Auf einmal hatte er einen Geschmack von Dingsbach bei Mittenwald im Mund. Er goß sich noch einen großen Schluck »Rémy« ein, um Hannelore hinunterzuspülen! Er fühlte sich jetzt wohler, weil er merkte, daß seine Zunge geschmeidig und sein Gehör pelzig wurde. Nareike lächelte, hob das Glas, prostete seinem Konterfei zu: Ein Mann Ende 50, fast fünffacher Millionär in Mark und in spe, an seinen guten Tagen dem Aussehen nach Ende 40, dem Lebenshunger nach Ende 30, voller Verlangen auf eine Blondine Ende 20.
Nareike räumte die Gläser weg und schloß die Bar. Daß er gerne trank, war das einzige schlechtgehütete Geheimnis, das es bei Müller & Sohn um den kapitalen Spitzenmann gab, aber das spielte im Kohlenpott keine Rolle. Wer an Rhein und Ruhr nicht trank, würde es ohnedies nicht weit bringen, und die Zeit, in der der alte Krupp die Kneipen auf dem Weg zu seinem Werksgelände hatte aufkaufen und abreißen lassen, um seine Kohlengräber am Trinken zu hindern, war längst vorbei. Nareike hatte sich angewöhnt, Besuchern seine Sesam-öffne-dich-Bar so stolz vorzuführen, wie früher Adolf Hitler auf dem Obersalzberg seine versenkbare Panoramascheibe.
Auf den Diktator war er schlecht zu sprechen. Mit ihm wollte er nichts mehr zu tun haben. Früher als andere hatte er sich von ihm abgekehrt und war deshalb im letzten Moment noch zwischen die Fronten geraten. Manchmal verwünschte er die kolossale Umsicht, mit der er die Geschäfte der Dewako in Paris von 42 bis 44 geleitet hatte, einschließlich der verwahrungssicheren Dollars, die dabei für ihn abgefallen waren. Das »Deutsche Warenkontor«, Verwaltungssitz Paris, Champs-Élysées, gleich hinter dem Rond Point, war der Brükkenkopf einer deutschen Scheinfirma, die wiederum zu einer so omnipotenten Staatsholding gehörte, daß sich ihre Beauftragten bei ihr Vollmacht über Leben und Tod ausleihen konnten. Aber es ließ sich nicht leugnen, daß Männer, die Nareike aus seiner Pariser Zeit nur zu gut kannte und die wirkliche Abscheulichkeiten verübt hatten, es unter ihrem richtigen Namen als ehrenwerte Bürger bereits wieder zu etwas gebracht hatten, während er unter falschem Namen im Untergrund bangen mußte, durch einen albernen Zufall oder eine eifersüchtige Ehefrau entlarvt zu werden. Bei Zusammenbrüchen heißt es eben: Wer zuerst kommt, hängt zuerst, und Nareikes Verhängnis war es gewesen, daß er – von einem früheren Mitarbeiter denunziert – auf der Flucht vor dem Galgen einen US-Captain niedergeschossen hatte.
Die Fabriksirenen verkündeten die Mittagspause. Nareike schaltete automatisch die Nachrichten ein. Er saß im Stuhl zurückgelehnt, die Beine auf die Schreibtischplatte gelegt. Im Radio machten sie bereits Inventur, obwohl das Jahr noch nicht zu Ende war, in dem durch die Berliner Mauer die Spaltung Deutschlands zementiert worden war und das ProKopf-Einkommen der Deutschen bereits die Hälfte des amerikanischen erreicht hatte und wuchs und wuchs und wuchs. Und er würde das Vermögen der Müllers mehren und, wie alljährlich, zur Kur nach Dingsbach fahren, zur Ekelkur, und sich vornehmen, es wäre das letzte Mal gewesen, wie sich ein Raucher verspricht, nach der nächsten Zigarette aufzuhören. Aber ab und zu schaffte es ein Nikotinsüchtiger doch, und Nareike nahm sich in dieser Stunde endgültig vor, das Rauchen aufzugeben.
Hannelore war anständig. Sie würde ihn nie verraten, solange er zu ihr hielte, aber der Kontakt, zu dem sie ihn zwang, brachte Gefahren mit sich: Seine Ehefrau war die einzige Verbindung zur Welt von gestern, und wenn man nach ihm fahndete, würde man ihn über Hannelore suchen und sich fragen, wohin sie jeweils im August reiste und wen sie dort träfe.
Er hatte sie immer wieder darauf hingewiesen, aber seine Witwe klammerte sich gleich einer Schiffbrüchigen an die befristete Gemeinsamkeit, bestand hartnäckig auf der Exekution jeder Stunde. Mitunter hatte er versucht, das Datum zu manipulieren oder den Urlaub zu beschneiden. Als er feststellte, daß sie bösartig wurde, ja fast tückisch, hatte er es aufgegeben.
Es war nicht die einzige Schwachstelle seiner neuen Identität, denn seine stillgelegte Ehefrau bestand darauf, daß er sich abwechselnd – einmal in der Woche brieflich oder telefonisch bei ihr meldete. Er tippte eigenhändig magere Briefe auf einer privaten Schreibmaschine, postlagernd München, im Turnus jeweils ein anderes Postamt. Noch riskanter waren die Telefonanrufe, die er alle 14 Tage – morgen wieder – führen mußte. In Sicherheitsfragen war Nareike ein Fanatiker des Details. Er fuhr nach Düsseldorf, um seine Mitwisserin jeweils von einem anderen Restaurant aus im Telegrammstil zu beschwichtigen, wobei Hannelore jedesmal in einem anderen Hotel der Isarstadt seinen Anruf erwartete. Das Schema wurde nach einem abgesprochenen Prinzip durchgespielt, so daß sie höchstens zweimal jährlich im gleichen Haus auftauchte.
Das Verfahren war aufwendig und umständlich, aber sie blieben dabei, auch als sie sich längst daran gewöhnt hatten, daß sich niemand, und schon gar kein Staatsanwalt, Richter, Kriminalist oder Geheimdienst-Agent, für sie interessierte.
Nareike wußte wohl, daß seine Frau ihre Qualitäten hatte – mitunter aber haßte er sie so, daß er sie hätte töten können. Diese Vorstellung war für einen Mann wie ihn weder spontan noch theoretisch, noch abwegig. Schließlich hatte er in seinem Leben schon weit härtere Dinge hinter sich gebracht als die Beseitigung einer einsamen Frau. Hannelores Ende war für ihn Teil eines Planspiels, vor allem, wenn es auf den Hochsommer, auf das vierarmige Verlies der Intimität, zuging.
Nareike gab die lässige Haltung am Schreibtisch auf. Sein Entschluß war gefaßt. Einem Spieler gleich, setzte er alles auf eine Karte, und da er bei Frauen immer ein Falschspieler war, würde es eine gezinkte sein. Es war ihm nicht wohl dabei, aber er mußte Hannelore loswerden.
Er öffnete noch einmal seine Knopfdruckbar, goß sich einen letzten »Rémy« ein; es war ein Abschiedstrunk, denn sein exakter Plan über den Verlauf der »Operation Heißes Geld« sah als erste Maßnahme den sofortigen Verzicht auf Alkohol vor, aber die ungewohnte Nüchternheit war nur eine unangenehme Seite des Einstiegs in die Zukunft.
Sie war der einzige Gast in der kleinen Tagesbar; sie saß still in der Ecke, als horche sie in sich hinein. Sie kam in Abständen von fünf, sechs Monaten ins »Carlton«, seit Jahren schon, manchmal nur auf eine kurze Einkaufsrast, mitunter blieb sie in dem zentral gelegenen Haus auch über Nacht. Da sie ein, wenn auch seltener, Stammgast war, brauchte sie dann keinen polizeilichen Anmeldeschein mehr auszufüllen, und der aufmerksame Keeper wußte, daß die stille Frau Linsenbusch hieß – Hannelore Linsenbusch –, irgendwo im oberbayerischen Alpenvorland wohnte, aber ihrer Sprechweise nach aus Berlin oder jedenfalls aus Norddeutschland stammte.
Sie wirkte stets schlicht angezogen, wenn auch nicht billig. Es schien ihr mehr am Geschmack zu fehlen als an Geld. Sie bestellte nie mehr als eine Tasse Kaffee und hinterher vielleicht noch einen kleinen Cointreau, aber wenn sie zahlte, ließ sie sich kein Wechselgeld herausgeben, das bedeutete wenig Mühe und ein schönes Trinkgeld, und so war sie, aus der Kellnerperspektive betrachtet, doch ein guter Gast.
Sooft an der Rezeption das Telefon klingelte, schreckte die Besucherin – müde Augen in einem knochigen Gesicht, halblange, phantasielos geschnittene Haare – aus ihrer Versunkenheit hoch, um dann, wenn sie nicht gerufen wurde, wieder ins Grübeln zurückzufallen. Sie saß die Zeit ab wie eine Freiheitsstrafe, erschöpft vom Warten. Sie hinterließ den Eindruck, als wartete sie immer und meistens vergeblich.
»Telefon in diesen Tagen, das ist furchtbar, gnä’ Frau«, sagte der Ober. »Das Netz ist ständig überlastet.«
Die Besucherin nickte, ohne etwas zu erwidern. Alle Jahre wieder wurde der Adventsmonat zu ihrer schlimmsten Zeit. Hannelore war dann schon vier Monate von Horst – der jedesmal zornig wurde, wenn sie ihn nicht Werner nannte – getrennt und mußte sich sieben weitere bis zum nächsten Zusammensein gedulden. Während die Menschen kaufwütig durch die City drängten, spürte sie ihre Verlassenheit schlimmer denn je. »Süßer die Glocken nie klingen«, spielte eine Melodie halblaut in den Raum und verstärkte den bitteren Zug um Hannelores Mund. Der Stern von Bethlehem war allenfalls für die Registrierkassen der Warenhäuser aufgegangen, jedenfalls nicht für sie.
»Frau Linsenbusch«, rief der Mann an der Rezeption.
Sie erhob sich rasch und eilte behende in die Telefonzelle zwischen Tagesbar und Empfang und nahm den Hörer ab: »Ja, bitte«, sagte sie mit belegter Stimme, wartete und horchte, sie hörte nur ein Rauschen und legte langsam auf, wie in Zeitlupe. Die Verbindung war wieder einmal zusammengebrochen – sie wußte, daß die Kommunikation mit einem Verschollenen problematisch war.
Hannelore ging mit fahrigen Schritten zurück. Der Keeper, der sich vielleicht nur langweilte, sagte sich, daß sie mit hohen Absätzen, einem kräftigeren Lippenstift und etwas Rouge mehr aus sich hätte machen können und vor allem machen sollen. »Wieder nicht geklappt?« drückte er sein Bedauern aus.
Im Grunde war es gleichgültig, ob Horst sie um 16 Uhr oder um 17 Uhr erreichte. Seine Gespräche liefen wie vom Tonband, und das lag nur zum kleinen Teil an ihrem Mann und zum größeren an den Umständen.
Mit seinen Briefen ging es ihr ähnlich. Sie glichen einander, als wären sie hektographiert. Es ging nicht anders. Horst – Pardon, Werner – mußte übervorsichtig sein, und obwohl Hannelore diese Verschwörertricks nicht lagen, hielt sie sich gewissenhaft an seine Anweisungen, um sich wenigstens ein minimales Arrangement zu bewahren.
Sie waren Gestrandete der Stunde Null, und Hannelore hatte sich in der ersten Zeit damit getröstet, daß andere Frauen, deren Männer gefallen waren, weder einen vorprogrammierten Brief noch einen standardisierten Telefonanruf und schon gar keine vier Wochen Zusammenleben einmal im Jahr haben würden.
Aber dann waren Männer wieder aufgetaucht, von denen man es nie erwartet hatte, ganz große des Dritten Reiches, nur leicht angeschlagen, sonst ziemlich ungeschoren. Hannelore war nicht neidisch, aber das hielt sie nun doch für ungerecht, zumal Horst viel früher als alle anderen erkannt hatte, daß der deutsche Schicksalskampf mit einem Debakel enden würde. Seine Intelligenz war für sie, und vor allem für ihren Vater, immer weniger in Frage gestanden als seine Treue zum Führer. Schon bei Kriegsausbruch hatte Horst wenig Begeisterung gezeigt, und als der deutsche Vormarsch vor Moskau liegengeblieben und die USA in den Krieg eingetreten waren, hatte er – freilich etwas angetrunken – festgestellt: »Du wirst lachen – auch diesmal werden wir verlieren.«
Sie war entsetzt gewesen, zumal sie später feststellte, daß er nüchtern genauso dachte. Sie wenigstens wollte keine Defätistin sein, und Horst hätte als Schwiegersohn eines Reichsleiters wohl auch jeden Grund gehabt, den Helm fester zu binden und sich entschlossener in die Bewegung einzureihen. Eine Zeitlang hatte sie Horst wegen seiner laxen Auffassung sogar verachtet. Später begann sie zu fürchten, daß er recht behalten könne, denn der Feind rückte immer näher. Die deutschen Städte lagen zunehmend im Bombenhagel, und alle gewöhnten sich an, die Zeitungen von hinten nach vorne zu lesen, wegen der vielen kleinen Todesanzeigen.
Horsts Dienststelle hatte Paris räumen müssen, er war jetzt wieder in Berlin, sie noch immer in Breslau, und Horst jr., ein aufgeweckter Junge, an dem sie beide gleichermaßen hingen, wurde mit noch nicht einmal 14 Jahren als Flakhelfer eingezogen. Kurz nach der letzten Kriegsweihnacht erschien sein Vater in Breslau und forderte Hannelore auf, das Wichtigste zusammenzupacken und sich abmarschbereit zu machen. Er sei für sie verantwortlich und wolle sie nach Oberbayern evakuieren. Sie war zuerst so verblüfft, daß sie sich wehrte; sie nahm an, es hinge wieder mit einer seiner dummen Weibergeschichten zusammen, aber Horst erklärte ihr, daß der Reichsführer SS bereits falsche Ausweise an seine engsten Mitarbeiter ausgeben lasse, er verzog den Mund: »Und Zyankali-Kapseln, die in ein paar Sekunden tödlich wirken – aber wenn du noch immer an Wunderwaffen glaubst, brauchst du kein Gift, dann werden schon die Russen für dein Ableben sorgen.«
Hannelore glaubte ihm noch immer kein Wort, aber sie gab schließlich nach und versprach ihm auch, besonders auf den braunen Koffer, Horsts spezielles Fluchtgepäck, zu achten, bis auf weiteres niemanden ihren künftigen Aufenthaltsort mitzuteilen und – was auch geschähe – in jedem Fall abzuwarten, bis ihr Mann wieder bei ihr auftauchen würde. In der Zeit des Zusammenbruchs war Hannelore wie betäubt, nicht mehr sie selbst; nur allmählich fing sie sich wieder. Als sie am 20. Mai 1945 im Radio hörte, daß ein gewisser Heinrich Hitzinger, der nach seiner Festnahme durch britische Militärpolizei eine im Mund verborgene Giftkapsel zerbissen und dadurch Selbstmord verübt hatte, im Vernehmungslager 031 bei Lüneburg einwandfrei als Heinrich Himmler identifiziert worden sei, lebte Hannelore längst unerkannt und unbekannt in Sicherheit. Erst später erfuhr sie, daß ihre Eltern den gleichen Weg gewählt hatten, sich der Zukunft zu stellen, wie der Reichsführer SS, dessen Namensgeber Hitzinger übrigens als Volksschädling zum Tode verurteilt worden war.
Zuvor hatte Hannelore schon unerträgliche Hiobsnachrichten hinnehmen müssen: Horst, ihr prächtiger Junge, war in einem den letzten Kriegstagen in einem Berliner U-Bahn-Schacht gefallen und Horst senior, ihr Mann mit ungewissem Schicksal, auf der Flucht. Er hatte bei der Dewako in Paris eine ganz entscheidende Aufgabe zugunsten der Kriegswirtschaft gelöst und – trotz seiner Zweifel – seine Pflicht getan, woraus ihm die Alliierten einen Strick drehen wollten. Die Familie Linsenbusch hatte einen hohen Preis für die Bewegung zu bezahlen, über die man jetzt auch noch die übelsten Dinge hören mußte, aber Hannelore war noch immer davon überzeugt, daß diese Untaten – soweit sie wirklich geschehen waren – von unverantwortlichen Gefolgsleuten hinter dem Rücken des Führers verübt worden seien.
Sie hob den Kopf.
Der Keeper sah sie fragend an.
»Nein, danke«, sagte Hannelore. Ob sie wollte oder nicht, so oft sie aufsah, mußte sie in den großen Wandspiegel unter dem Flaschenregal blicken, und das war kein sehr erfreulicher Anblick. Sie war neun Jahre jünger als ihr Mann, aber sie wirkte viel älter als er. Sie hatte ihre Haare frisch gewaschen, aber sie sahen strähnig und farblos aus. Nie hatte sie sich zu einer modischeren Frisur durchringen können und nie auch dazu bereitgefunden, ihr fahles Haar aufzublonden, obwohl sie wußte, daß ihre Rivalinnen bei Horst – so verschieden wie auch immer – in jedem Fall blond waren, von heller, strahlender Farbe.
In dieser Hinsicht hatte ihr Horst nun wirklich einiges angetan. Bis zu seinem Sturz war er fast ständig hinter überzüchteten Blondinen hergehechelt, wie ein Windhund hinter dem falschen Hasen. Hannelore hatte immer der Versuchung widerstanden, ihn zu bespitzeln, aber doch instinktiv gefühlt, wann es wieder einmal soweit war. Sie gewöhnte sich daran, seine Seitensprünge zu erdulden, da sie während eines langen Martyriums die Scheidung mehr fürchtete als seine Affären mit anderen Frauen, die den großen Vorzug aufwiesen, rasch zu enden.
Der Zusammenbruch hatte alles mit einem Schlag beendet, und inzwischen war Horst ohnedies aus den wilden Jahren heraus. Es war ein Treppenwitz, daß sie sich am besten verstanden, seit sie nur noch selten zusammen waren. Nunmehr gab es nur noch sie in seinem Leben, und so warf ihm Hannelore die alten Geschichten auch nicht mehr vor. Sie blieb auf der Hut, aber sie sah die Dinge jetzt doch mit anderen Augen. Früher hatte sie Horst meistens gehaßt und manchmal geliebt, heute liebte sie ihn meistens und zürnte ihm nur noch selten. Bei seiner Frau war ihm gelungen, was ihm das Leben versagt hatte: die Rehabilitierung – aber sie würde sich wohl nie damit abfinden, daß Horst – ihrer Überzeugung nach zu Unrecht – sich verbergen mußte, während weit bekanntere Wehrwirtschaftsführer längst wieder auf den Kommandobrücken der deutschen Industrie standen, sogar und selbstverständlich auch in der Rüstung – die Sowjets machten es nötig und die Amerikaner möglich.
Wieder klingelte das Telefon; diesmal hatte sie es überhört.
»Für Sie, gnä’ Frau«, schreckte sie der Keeper hoch. Hannelore betrat erneut die Zelle.
»Ich«, sagte eine Stimme, die – wie auf die Adventszeit abgestellt – heute eher weich als metallisch klang: »Wie geht’s dir, Liebes?«
»Wie immer«, entgegnete sie spröde.
»Schlimm, diese Zeit«, stellte er fest. Seine Stimme war so nah, als stünde er neben ihr: groß, schlank, überlegen, selbstbewußt.
Wo er auch immer war, in diesem Moment bereute sie nicht, Horst als 19jährige geheiratet zu haben, den ersten Mann ihres Lebens, der zugleich ihr letzter sein würde, und wenn er sie nur wegen ihres mütterlichen Geldes und ihres väterlichen Einflusses gefreit hätte: »Für dich auch?« fragte sie leise.
»Wie kannst du daran zweifeln?« erwiderte er etwas heftig: »Ich habe nur mehr Ablenkung als du, und du weißt ja, Männer sind nun mal härter als Frauen, Hannelore.« Sie erschrak, weil er sie erstmals am Telefon mit ihrem Vornamen angeredet hatte. Im Gegensatz zu ihr unterlief ihm nie so eine Fahrlässigkeit; sie schloß daraus, daß er sehr erregt sein mußte: »Ist etwas passiert?« fragte sie hastig.
»Nein, nein, schon alles in Ordnung«, antwortete er. »In allerbester Ordnung sogar«, setzte er hinzu, und Hannelore wartete auf die vorfabrizierten Worte. Auf einmal merkte sie, daß das Gespräch diesmal keiner Aufzeichnung glich, die von der Spule kam.
»Ich habe dieses Leben satt«, sagte er, »und bin entschlossen, es zu beenden.«
»Beenden?« wiederholte sie, mit einer Stimme, die Angst befrachtete.
»Ja. Zu unseren Gunsten. Ich möchte, daß es wird, wie es einmal war. Weißt du noch, damals in unserer ersten Zeit?«
»Mein Gott, Horst …« Sie hustete und verbesserte sich: »Werner, davon träume ich doch schon seit …«
»… seit langem«, fiel er ihr ins Wort, um unverschlüsselte Mitteilungen für eventuelle Zuhörer zu vermeiden: »Die Umstände haben uns in ein Labyrinth gehetzt, aber ich bin jetzt dabei, mit allen Mitteln, aber auch mit allen, uns ein für allemal einen Ausweg zu bahnen.«
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