Читать книгу «Die Haut am Markt» онлайн полностью📖 — Will Berthold — MyBook.

Nur das wollte ich erreichen. Nicht der Richter hatte den Haupttäter verurteilt, sondern ich. Ich war ihm und mir gegenüber schärfer als der Staatsanwalt, als dessen Kronzeuge ich im übrigen fungierte; weshalb die Geschworenen mit ihrem Todesurteil die Empfehlung aussprachen, mich zu begnadigen. Dazu wäre aus formellen Gründen ein schriftlicher Antrag zu stellen gewesen. Da ich befürchtete, ein summarischer Gnadenerweis könnte auch den Haupttäter mit einbeziehen, wollte ich ganz sicher sein; sicher noch um den Preis meiner eigenen Vernichtung.

Ich habe Marcelle verloren. Er war daran schuld. Deshalb muß er die gemeinste Strafe erleiden, die es gibt – somit werde ich ihm morgen in die Todeskammer folgen, gestützt auf den Wahn, nach Marcelle nichts mehr verlieren zu können.

Deshalb hatte ich auch während der Verhandlung des Schwurgerichts befriedigt erlebt, wie seine hysterischen Anfälle mit Beruhigungsspritzen behandelt werden mußten. Ich stand neben ihm, sah unbeteiligt zu, wie er nach der Verkündung des Todesurteils zusammenbrach, so erfüllt von meinem Haß, daß ich mein eigenes Todesverdikt überhörte.

Noch jetzt, am Vorabend des Vollzugs, stehen zwischen diesem Mann und mir ein paar leere Zellen und dampfender Haß. Die Konsequenz heißt nunmehr: morgen früh um fünf oder sechs, im grauenden Tag, in feierlicher Prozession, über den düsteren Gang, in die Dunkelheit hinein.

Wieder kommen Schritte auf mich zu.

Dann steht der Mann in der Tür, der mir das Essen bringt, die legendäre Henkersmahlzeit. Kein Gänsebraten übrigens. Er betrachtet mich von unten herauf. Sein Mund wirkt wie ein schiefgetretener Absatz. Seine Augen sind auf der Flucht,

»Levez-vous«, sagt er, »faites place, s’il vous plaît.« Der Mann deutet auf die Schreibmaschine, die mir amtliche Gunst beließ.

Ich nehme die Zigaretten von dem Tablett und gebe dem Wächter einen Wink, alles andere wieder hinauszutragen.

»Nein«, protestiert er, »Sie essen das!« Seine Menschlichkeit ist derb. »Besser so für Sie«, setzt er hinzu, als hätte er es schon einmal erprobt.

»Für was?« frage ich.

Der Aufseher schüttelt den Kopf.

»Vielleicht bin ich gerade nicht in Stimmung«, antwortet er dann, »mit Ihnen einen längeren Plausch zu halten.«

Dann setzt er sich auf einen Hocker, schiebt seine Mütze nach hinten und zündet sich eine Zigarette an.

Um ihn nicht zu verärgern, nehme ich zögernd meine letzte Mahlzeit ein. Sie schmeckt nach Angst und Maggi.

»Sie muß man zu allem anschieben«, knurrt der Mann, »besser, man hätte Sie auch zum Gnadengesuch gezwungen.« Er steht auf, betrachtet den eingespannten Bogen in der Schreibmaschine. »Aus Ihnen werde ich nicht klug«, fährt er fort, »aber einen Dachschaden haben Sie in jedem Fall.« Der Aufseher tippt an seine Mütze. »Ich weiß schon, was Sie vorhaben.« Er wirft ohne Absicht meine Manuskripte durcheinander. »Das da.«

Er drückte seine »blaue Gauloise« aus, »Es soll einmal so ein Bursche eine Kirche angezündet haben, nur damit man auf ihn aufmerksam würde.«

»Ja«, antworte ich, »Herostratos, dreihundertsechsundfünfzig vor Christus. Es war übrigens keine Kirche, sondern ein Tempel.«

»Ihnen vergehen die Feinheiten auch noch«, versetzt der Wärter. Dann betrachtet er mich erschrocken. »Wenn Sie etwas wollen?« setzt er rasch hinzu.

Der Mann steht leicht vornübergebeugt, in der Pose eines Lauschers. Dabei ist es für ihn still. Er hat nicht das geschärfte Ohr des Delinquenten. Er hört nicht, wie sich in diesen Stunden in allen Ecken und Winkeln des Hauses die Spinnen in ihren Netzen rühren und krabbeln, krabbeln. Er hört nicht, wie die Balken knistern. Er kennt auch nicht die ächzende Diskretion des alten Gemäuers, diese geschwätzige Verschwiegenheit, die im Angesicht der Guillotine den Finger auf die Lippen preßt.

»Nerven haben Sie ja. Im Krieg dabeigewesen, was?«

»Ja«, entgegne ich, »vier Jahre.«

»Dreckskrieg!« brummt er, »aber für Sie vielleicht jetzt ganz gut.« Er mustert mich mit seinen lichtgrauen Augen. »Sind trainiert, wie?«

Ich nicke.

»Ihr Freund da drüben«, sagt er und spricht im Ton des Beamten, der als kleinen Gunstbeweis seine Pflicht verletzt, »ist nicht so in Form. Der Doktor war schon wieder bei ihm. Schreikrämpfe.«

Einen Moment fürchte ich, der Anfall könnte den Termin aufschieben.

Der Wärter deutet auf meine Schreibmaschine.

»Vielleicht doch besser«, sagt er, »da sind Sie wenigstens abgelenkt. Werden Sie fertig?« fragt er.

»Ja«, antworte ich.

»Ein Buch?« will der Mann weiter wissen.

»Ja.«

»Über Ihren Fall?«

»Ja.«

»Schade«, stellt er ehrlich fest, »das hätte ich gerne mit Widmung gehabt.« Er zuckt mit den Schultern und steht mit dem Tablett unter dem Arm in der Tür. »Der Pfarrer läßt fragen, ob er kommen soll«, sagt er noch. Seine Pupillen richten sich auf mich, starr und gezielt wie der Zwillingslauf einer Jagdflinte.

»Später«, erwidere ich.

Der Aufseher nickt. Er ist ein Fetischist der Ordnung, der staatlichen wie der himmlischen.

»Wenn wir uns nicht mehr sehen sollten –«, sagt er beiläufig und schließt die Tür.

Ich bin wieder allein.

Mit mir.

Mit ihr.

Mit uns.

Mit Marcelle und mir, zu zweit und doch einsam.

Einsamkeit: das ist der stumpfsinnige Ausfluß eines defekten Wasserhahns, der dumme Tropfen, der den Stein höhlt. Einsamkeit schmeckt wie der Speichel im Mund, wie die eigenen Zähne. Einsamkeit ist wie ein gläserner Mantel, hinter dem man sich versteckt, ist vielleicht die letzte Romantik unserer Zeit, die einzige Intimsphäre, vor der die Technik versagt, es sei denn, man verschleuderte sie an den Bildschirm, an den dummen Tropfen also, der das Gehirn wäscht.

In der Todeszelle bevölkert sich diese Einsamkeit mit ungeladenen Gästen: mit Geräuschen und Gedanken, die auf abgegrasten Wegen dahinhasten, bis sie sich irgendwo im Sand die – Beine brechen und dann wie auf Prothesen weiterhumpeln, quer durch die Vergangenheit, wie blind durch dieses Labyrinth.

Wieder steht man an den Verkehrsknotenpunkten seines Lebens, stolpert in die gleichen Fallen, wird zu seinem eigenen Abziehbild. Nur erkennt man es plötzlich, sieht sich unförmig in einem Spiegel besonderer Art, aufgequollen, häßlich. Man stemmt sich dagegen – und wird doch wieder genauso arrogant, gierig, oberflächlich, laut, edel, töricht, so schlichtweg menschlich, wie man war.

So eine Todeszelle ist ein Treibhaus des Was Wäre, wenn …?

Sooft ich an den letzten Weg über den grauen Gang denke, spüre ich, daß Gedanken noch viel gemeiner sind als die Wirklichkeit. Die Phantasie steigert alles, hebt es in die dritte Dimension. Meine Gegenwehr: ich schreibe.

Vielleicht stößt sich der Leser daran, daß ich gelegentlich vom Thema abgleite – ich werde versuchen, dies ab jetzt zu vermeiden, so gut ich kann. Ich will auch larmoyantem Selbstmitleid nicht viel Platz geben. Sollte sich gelegentlich ein zynischer Unterton zwischen die Zeilen schmuggeln, so erinnere ich daran, daß ich dieses Manuskript in einer ganz besonderen Lage abschließe, in der angewandter Zynismus nichts anderes ist als geronnene Melancholie. Außerdem wird man verschroben, so man altert; in den Stunden vor dem Tod ist man immer ein Greis.

Auch schon im Alter von einundvierzig.

Hiermit bin ich bei meinen Personalien, die ich der Einfachheit halber gleich aus den Gerichtsakten zitiere:

Name: Kerbach, Vorname: Paul, Autorenname: Gerhard Nobis, Alter: 41, Staatsangehörigkeit: deutsch, Vorstrafen: fehlen.

Gezeugt, geboren, getauft, geimpft in München, Sohn des Beamten Martin Kerbach und seiner Frau Georgette, geborene Fabrizius, ordentliche Vermögensverhältnisse, keine Schulden, beide umgekommen beim Luftangriff vom 21. Dezember 1944.

Vier Jahre Volksschule, 1939 Abitur des humanistischen Gymnasiums, Einberufung zum Arbeitsdienst, Mitte 1940 Abstellung zur Wehrmacht, vorwiegend Infanterie, Fronteinsatz. Verwundet, ausgeheilt. Kriegsschule, Beförderung zum Leutnant. Einsatz im Osten, verwundet. Zusammen geflickt Wieder abgestellt. Rückzug von Kiew bis Berlin. Nach Kapitulation der Reichshauptstadt russische Gefangenschaft, zuletzt Offizierslager Workuta. Entlassen als Spätheimkehrer, im Regierungsdurchgangslager Friedland eingetroffen am 2. Mai 1948.

In der Heimat, in der Heimat, da gab’s ein Wiedersehn.

Wiedersehen mit dem Gymnasialdirektor Dr. Dr. Kleber: jetzt nicht mehr im Braunhemd, sondern im weißen; Mitarbeiter des Kultusministeriums, längst entnazifiziert und befördert; Unruhe im Blick, Pathos im Ton, elegisch bis unter die Stirnglatze.

»Ach Sie, Kerbach, na, alles gut überstanden? Freut mich für Sie. Wird schon werden. Nun hinein ins volle Leben!«

Früher sagte er: Hinaus an die Front; und er berauschte sich am süßen Tod für das Vaterland. Aber das kann er heute nur noch den Schülern der Unterstufe beibringen, nicht einem Kriegsabiturienten: wie mir, einem der vielen, deren freiwillige Meldung zum Barras er bewirkt hatte, und einem der wenigen, die trotzdem wieder gekommen waren.

»Sonst geht es gut?«

Seitenblick, Händedruck, Lächeln, Ironie.

»Werden die Demokratie aufbauen, was?«

Demokratie: Konstruktion stimmt. Fundament schief, hängt nach rechts. Wartet auf den nächsten Windstoß.

Wiedersehen mit dem Kreisleiter: sitzt für eine andere Partei im Landtag, hat Warschau zerstören helfen, jetzt christlich geworden, aber gleich laut geblieben.

Wiedersehen mit dem kleinen Auer, der auf seinen Prothesen gerade zur Nachuntersuchung humpelt, weil das Versorgungsamt anscheinend befürchtet, es könnten ihm wieder richtige Beine nachwachsen. Der Dank des Vaterlands, in Holz.

Wiedersehen mit den 131ern und den 175ern, mit der grünen Front und mit der braunen Bande.

Wiedersehen mit der neuen Wehrmacht, jetzt Bundeswehr, geführt von den alten Generälen, Spezialisten für verlorene Kriege, Generation militärischer Versager, die sich auf Moltke berief und vor Hitler kuschte, aber sein Ritterkreuz weiter trägt, wenn auch ohne Hakenkreuz; alter Stiefel, neue Richtung, heraus aus der gestrigen Misere, hinein in die neue Karriere: Kerls, wollt ihr denn ewig leben?

Bürger in Uniform jetzt, modulierter Stahlhelm, gereinigter Fragebogen, gesäuberter Lebenslauf, staatspolitische Umerziehung. Saum der freien Rede leicht gezähmt, Kreuzzuggesinnung sanft getönt, die Feinde von gestern Bundesgenossen von heute (teilweise). Man ist noch gefürchtet und schon wieder gefragt, lästig mitunter, führt leicht zu Mißverständnissen, atomare Sprengköpfe deutscher Mittelstreckenraketen stehen noch unter amerikanischem Verschluß. Wird sich geben, wie die dritte Strophe des Deutschlandlieds. Die gefährliche Irrlehre des Defätismus aus der Zeit zwischen den Kasernen ist längst vorbei.

Wiedersehen also mit der Heimat, mit fremden Menschen im eigenen Land. Wiedersehen mit dem Wunderbürger zwischen Hungerödem und Entfettungspille: ein Volk, ein Haus, ein Kühlschrank!

Früher Gauschulung, heute Weekend. Einst brauner Eintopf, jetzt internationales Schlemmerlokal. Früher Träume, heute Verdauungsbeschwerden. Sie glaubten vorübergehend an Gott und sparen auf Volksaktien. Christus predigte gegen die Gewalt; die Kirchenethik verbietet nicht unbedingt die Anwendung der H-Bombe im sittlichen Sinn. Politik interessiert nicht, oder man betrachtet sie gelegentlich im Spiegel – und wenn er nicht irrt, ist der Mann, der einst im Wahlkampf das Wègfaulen seiner Hände beschwor, falls sie wieder nach einem Gewehr griffen, heute Verteidigungsminister mit beiden Ellbogen.

Wiedersehen mit der Bildung. Neubeginn nach acht Jahren gestohlenen Lebens. Man studiert, um etwas zu werden. Immatrikulation an der Universität mit sechzehn Semestern Verspätung. Hohe Aula, große Worte. Aber die Alma mater überlegt einen Numerus clausus. Gilt jedoch nicht für Spätheimkehrer.

Student Kerbach stochert im Ballast europäischer Bildung, umgeben von neuen Korpsstudenten im Dünnbierrausch, hört Vorlesungen, Literaturgeschichte? Muß erst entnazifiziert werden! Theaterwissenschaft? Nur mit Lizenz des axnerikanischen Bühnen-Officers!

Kerbach als Werkstudent. Pressevolontär Kerbach, im Vorzimmer zweier Lizenzträger. Links: Erwin Schmidt, Anstand ohne Brillanz, früher Häftling im KZ. Rechts: Dr. Schonbach, Brillanz ohne Anstand, früher Leitartikler im Signal.

Reporter Kerbach schreibt lustlos über Kohlezuteilung, Zigarettenrationen und Quarkabschnitte. Ohnedies alles Käse. Dazwischen immer wieder der Fragebogen und der Lebenslauf, mit der Hand zu schreiben, bis zum Überdruß, Schönschreibübung der Zeit, von keinem ernst genommen und von allen verlangt.

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