»Durchlaucht,« sagt Harro so eindringlich, daß der Fürst ihn erstaunt und befremdet ansieht. »Das Kind hat etwas, das es bedrückt ... Ein Geheimnis!«
»Was könnte sie haben, ich kann mich nie länger als eine Viertelstunde an ihr freuen. – Da sind Sie endlich, Fräulein Braun, bringen Sie die Kleine zu Bett und schicken Sie sofort nach dem Herrn Hofrat. Und nun kommen Sie mit mir, Graf Thorstein. Wir lassen uns Bericht geben ... Geh lieb zu Bett, Kleine, ich komme noch, dir gute Nacht sagen.«
Drüben im Speisezimmer, das dunkel getäfelt und mit vielen Porträts an den Wänden behängt ist, glänzen die elektrischen Lichter aus alten venetianischen Kronleuchtern golden und freundlich herab auf die gedeckte Tafel im Schmuck der roten Nelken und des grünstacheligen Laubes der Stechpalme. Die Unterhaltung dreht sich um lokale Interessen, die Jagdangelegenheiten des Fürsten, der doch Harros Jagd gepachtet hat. Er scheint von Zeit zu Zeit hinauszuhorchen ... Als die beiden Herren bei ihrem Nachtisch allein gelassen werden, sagt der Fürst plötzlich:
»Sie haben heute tiefer in meinen Kummer hineingesehen ... Sie als mein Kinsman, wie die Engländer sagen, werden ja ohnedies keinen Gebrauch machen. Meine Kleine wird von Jahr zu Jahr ein größerer Kummer. So früh hat sie die Mutter verloren ... Das hängt wie eine Wolke über ihrem Leben, sie ist häufig krank... aber das ist es nicht allein, ihr Seelenleben scheint in eigentümlicher Weise gestört.«
»Mir scheint,« beginnt Harro bescheiden, »als ob in dem Kinde in hohem Grade das poetische Temperament vorherrsche. Sie verlebendigt alles und sie findet die treffendsten Ausdrücke. Die Pappeln nennt sie die steilen Bäume, die seufzen ... Eine feine Beobachtung. Wie der Wind gerade in alte Pappeln greift ... Das Kind hat eine zarte Seele, auf die alles sehr stark einwirkt. Wie schön ist sie und wie sehr macht die Prinzessin den Eindruck, als ob sie ihr Gesicht irgend woher habe. Ich sehe mich aber vergeblich nach einer Ähnlichkeit um.«
»Schön finden Sie meine Kleine! Das hat mir noch niemand gesagt. Aber die Herren Künstler haben ihre eigenen Anschauungen. Ich kann es nicht finden, so elend wie sie immer aussieht.«
»In wenigen Jahren,« wirft Harro ein ...
»Ach, die Jahre, man hat mich immer vertröstet, aber Gutes haben sie mir nicht gebracht.«
»Die Prinzessin weiß es sehr gut selbst, daß sie Ihnen Sorge macht, und leidet darunter –«
»Das sollte die Kleine wissen,« meint der Fürst naiv, der so und so oft am Tage sein Kind den Sorgenstein nennt ... »Wie kommt es nur, daß sie sich Ihnen anvertraut hat, sie ist sonst so scheu gegen Fremde ...«
»Sie war doch aus ihrer gewohnten Umgebung herausgerissen, das kühne Unternehmen hatte sie in ihrem Selbstbewußtsein gestärkt.«
Der Fürst erhob sich ungeduldig: »Ist dieser Hofrat nicht aufzutreiben? ...«
Er mußte doch die ganze Zeit gehorcht haben... Eben kam der Hofrat, würdig und aufgeregt sah er aus.
»Durchlaucht, die Prinzessin ist in furchtbarer Erregung, sie verlangt dringend nach jemand, der Harro heißt. Eine Untersuchung ist ganz unmöglich ... ich müßte Krämpfe befürchten. Es scheint mir, als ob eine der Damen sie irgendwie gegen mich eingenommen habe!«
Harro, der etwas im Saal zurückgetreten ist, hört noch:
»Kann dieser Harro nicht aufgetrieben werden?«
»Dieser Harro ist Graf Thorstein. Ich kann doch unmöglich –«
In Harros Gesicht steigt eine Blutwelle. Was kann er unmöglich? Ist dies nicht ein Notfall, wo man vergessen könnte, daß er aus der von alltagsher vorgeschriebenen Bahn gewichen war und etwas für sich selbst gewollt hatte?
Da kommt der Fürst zu ihm her, ziemlich verlegen: »Sie müssen nun schon einmal bei uns den Retter machen. Wenn sich die Kinder einmal etwas in den Kopf gesetzt haben. Keine größeren Tyrannen als kranke Kinder!«
Da sagt der Thorsteiner mit einer Stimme, deren seltsame Erregtheit den Fürsten betroffen macht: »Ich bin Euer Durchlaucht sehr dankbar, ich verstehe mich auf Kranke, habe einmal einen Freund gepflegt. Nun bin ich so allein, die Jahre ...«
Heiß dringt es aus seiner Seele.
»Keinem Menschen zu Leid, keinem zu Freud – ein schreckliches Wort ... Und die Kleine ... das wunderschöne Herz, es ging auf vor mir wie eine Blüte in der Winternacht ... Und ich benehme mich jetzt wie ein Narr und Hinterwäldler ... Durchlaucht müssen mir zugute halten ... – Die Einsamkeit, das Ausgeschlossensein. Und heute nun die Güte, die unerwartete, die ich doch fühle ...«
Er stockte wieder. Der Fürst schüttelte seine Hand. Er war selbst bewegt von der Ergriffenheit des andern. Es war ihm nur als eine Verlegenheit erschienen, den langen Thorsteiner mit seinem Kinderstubenjammer zu behelligen.
Das Seelchen lag in einem muschelförmigen Bett, das in einer Wandnische stand, und hatte sich die seidene Decke bis unters Kinn gezogen mit den fieberzitternden Händchen. Ihr Vater beugte sich über sie.
»Da ist dein Freund Harro, was willst du von ihm?« »Er soll mich beschützen und es nicht leiden, daß man mir die Decke herunterzieht!«
Der Fürst zuckte ratlos die Achseln.
»Und er soll mich in meine Decke wickeln und mich herumtragen wie gestern und mir von seinem Haus erzählen.«
Der Hofrat sagte zu dem Grafen: »Tun Sie der Kleinen den Willen, es kommt mir darauf an, daß sie sich möglichst bald beruhigt, und suchen Sie sie zu überreden, daß sie sich untersuchen läßt.«
Er half selbst das Kind in die Decke wickeln, und Harro war so geschickt beim Anfassen, als habe er sein Lebtag nichts anderes getan. Dann geht er mit langen, vorsichtigen Schritten auf und ab, das gelbe Haar flutet über seinen Arm, das Köpfchen ruht an seiner Brust.
Der Fürst hatte sich im Nebenzimmer an seinen alten Tisch gesetzt und trommelte nervös auf der Platte. Eigentlich eine unmögliche Situation. Das ganze Haus voll Frauenzimmer, und er mußte diesen gestern fast noch fremden Mann bemühen. »Ich könnte noch drei Weiblichkeiten anstellen, und die Sache wäre gerade so.« –
Die Miß war kurz erschienen, hatte sich erkundigt und war wieder verschwunden. Sie war doch nur als Erzieherin angestellt. Fräulein Braun schien ganz den Kopf verloren zu haben, sie brachte dem Hofrat immer das Falsche und fragte schon zum drittenmal, ob sie nun zu Bett könne, die ganze letzte Nacht habe sie gewacht. Und es sei noch die Babette da.
Der Hofrat sagte trocken: »Sie bleiben, bis ich Sie entlasse.«
Worauf sie sich in ihrer hübschen seidenen Bluse in die Nische setzte und die Gekränkte markierte. Inzwischen ging Harro auf und ab und erzählte von der Ruine, von der Kuh Selma und daß das Seelchen sehr schnell gesund werden müsse, um die einmal zu sehen und den Brunnen singen zu hören. Und dazu sei es nötig, daß sich Seelchen so bald wie möglich dem Doktor anvertraue. Da zuckt sie schon zusammen.
»Das kann ich doch nicht, Harro ... O Harro, ich darf's ja nicht, bedenk das Ehrenwort ... Wenn ich's nicht halte, mögen sie mich alle nicht mehr ansehen, der Schönste nicht und der Herr mit dem Schwert nicht.«
»Dein Ehrenwort, Seelchen, das ist ja ein Wort so lang wie du selbst. Da bist du doch noch zu klein dazu, das können alle alten Braunecker nicht von dir verlangen.«
Harro steht an einem Fenster, er hört aus der Dunkelheit das Rauschen eines großen Baumes, der mit seinen Ästen fast die Fensterscheiben berühren muß.
»Hörst du, wie die Linde rauscht, es wohnt jemand in der Linde. Wenn du das wüßtest. Aber sie sagen ›Lügen‹ und immer ›Lügen‹. Auch der Papa. Und ich habe ihm doch gesagt, daß ich ein Ehrenwort habe.«
»Seelchen, wenn du nun freilich, trotzdem du so klein bist, ein Ehrenwort hast, so ist es etwas anderes. Hast du es schon einmal gebraucht, oder ist es noch neu?«
»Ich habe es schon gebraucht. Es ist sehr schwer, wenn man noch klein ist, und man muß leiden.«
»Armes Seelchen,« sagt er sanft, er darf sie nicht von ihrem Gedankenpfädlein abbringen. Und es wäre ein Unrecht, dies arme, kleine, zitternde bißchen Menschheit nicht bitter ernst zu nehmen.
»Ein Ehrenwort kann einem auch unter Bedingungen, die später nicht mehr zutreffen, abgenommen werden,« sagt er.
Er kommt sich ziemlich lächerlich vor bei dieser Erklärung.
»Bedingungen weiß ich gar nicht, Harro,« antwortet sie kläglich.
»Tut nichts, wenn nur ich es weiß. Wem hast du es denn gegeben, dein Ehrenwort?«
Er wendet sich, wie er geht; eine Antwort bekommt er nicht, aber plötzlich ist die rosa Bluse aus der Nische verschwunden.
»Seelchen, ich lege dich auf dein Bett, ich hole es dir wieder, dein Ehrenwort.«
»O Harro –« fest klammert sich das Ärmchen um seinen Hals. Er geht hinaus, er rennt aufs Geratewohl einen Gang entlang, eine Wendeltreppe, vier Stufen auf einmal, irgend jemand muß er doch finden. Da sieht er nach oben in der Windung eine rosa Bluse verschwinden ... Noch vier Stufen, dann hat er die entsetzte Fräulein Braun am Ärmel gepackt: »Heda Sie, wohin wollen Sie so schnell, hat der Hofrat Sie entlassen?« Das Fräulein stammelt etwas und fängt dann zu weinen an, wie hübsche Mädchen weinen vor einem jungen Mann ... Aber den ficht das wenig an. Ungeheuer lächerlich kommt er sich vor mit seinem Ehrenhandel auf der Treppe, und doch hängt vielleicht ein Leben daran.
»Haben Sie Ihre Stellung in so schnöder Weise mißbraucht und der Prinzessin ein Ehrenwort abgenommen?«
Das Fräulein schluchzt, sie wisse von nichts. Die Prinzessin wisse gar nicht, was sie sage; wenn man ihr alles glauben wolle! Sie sei ja nicht normal.
»Normaler als Sie, Sie verbrecherische Person,« knirscht Harro. »Ist die Prinzessin verletzt worden oder nicht?«
»Das hat sie selbst getan und will's jetzt auf andere schieben. Lassen Sie mich doch gehen, Herr Graf, ich bin so ein armes, schutzloses – –. So können der Herr Graf gar nicht sein. Das Kind ist ja gar nicht normal und sieht tote Leute, wo es Geister doch nicht gibt und es ganz ungebildet ist, wenn man es heutzutage noch glaubt.«
»So nehme ich Sie mit zum Herrn Oberamtsrichter. Der hat ein Zimmer für Gebildete und Ungebildete, dort können Sie dann schön lang sitzen in Ihrer rosa Bluse, bis die Herren alles ausgemacht haben. Seien Sie ganz ruhig, es geschieht Ihnen kein Unrecht, die Herren bringen alles heraus. – Oder wollen Sie lieber mir jetzt nachsagen, was ich Ihnen vorsage: ›Ich erkläre, daß ich zu unrecht der Prinzessin ein Ehrenwort abgenommen habe und gebe es ihr wieder zurück.‹«
»O Gott, o Gott, daß ich ganz unschuldig in so etwas hineinkomme, ich will es ja sagen, Herr Graf, nur lassen Sie mich gehen,« aber sie ist schon allein in ihrer Wendeltreppennische. »Herr Rat, wollen Sie, bitte, die Prinzessin untersuchen, es ist das Mädchen bei ihr ... Fräulein Braun ist unbrauchbar, ich habe sie zu Bett geschickt.«
Dann sitzen die beiden Herren um die erinnerungsreiche Platte, und von innen ertönt ein Wimmern, ein jammervoller Kinderschrei nach dem andern. Der Fürst ist ganz grau geworden. »Das ist ja entsetzlich, Thorstein, Sie bleiben doch bei uns, Sie übernachten hier. Ich bin ja verraten und verkauft. Diese Engländerin, die Hälfte ihrer Tugenden könnte ein Mädchenwaisenhaus ausstatten.«
Der Hofrat kam heraus, er hatte einen sehr roten Kopf und winkte dem Thorsteiner.
»Gehen Sie, bitte, hinein, das Kind ist noch sehr erregt.«
Und während Harro neben der Babett an dem Bette der Kleinen sitzt, muß der Hofrat dem entsetzten Vater seinen Bericht erstatten. Es ist peinlich genug für ihn. Er hatte in der letzten Zeit eine Scharlachepidemie in einem der Walddörfer zu bekämpfen gehabt und war gar nicht ins Schloß gekommen, da man ihn nicht rief. Heute morgen hatte er die Kleine nur einen Augenblick gesehen ...
Das Seelchen will nun auch reden, nachdem sie so lange geschwiegen, und es gibt ihr noch ganze Herzstöße, während sie ihrem Freund erzählt:
»Man muß Umschläge machen, wenn ich nicht schlafen kann, und Fräulein Braun hat mich angerührt und ich habe geschrien, ›es ist zu heiß‹. Aber weil ich immer so schreie, hat sie es nicht weggetan. Das war wie eine heiße Kugel an mir, und ich habe sehr geweint und Fräulein Braun auch, weißt du, wegen Karl. Denn wenn sie es sagt, schickt man sie fort und der Karl heiratet sie nicht. Und nie, gar nie kriegt sie einen Mann und ein Plüschsofa, bis sie ganz alt und runzlig ist. Und muß bei fremden Kindern sein und sich von Missen und Mamsellen ärgern lassen. Und wenn sie Karl nicht bekommt, stirbt sie einfach oder geht ins Wasser, und wenn man sie herauszieht, muß man ihr die Knochen brechen, weil man sie nicht in den Sarg legen kann, wie bei dem Schlosserfritz. O Harro, wenn ich schuldig wäre, daß der armen Fräulein Braun die Knochen gebrochen werden! Da habe ich gesagt: ›ich sage es nie.‹ Aber sie hat es nicht glauben wollen. Da habe ich ihr mein Ehrenwort gegeben. Wir Braunecker haben alle ein Ehrenwort, auch wenn wir klein und noch nicht konfirmiert sind. Das war sie froh und ich auch, und sie sagte: ›Es wird gleich wieder gut.‹ Aber Miß Whart hat herausgebracht, daß sie mich nicht gebadet hat, und da hat sie es tun müssen, und da ist es nicht gut geworden. Und dem Herrn Hofrat habe ich's doch am allerwenigsten sagen dürfen und habe ihn anlügen müssen. Das war nun einmal dabei, bei dem Ehrenwort. Und nicht wahr, Fräulein Braun muß nicht ins Wasser, Harro!«
»Niemals, die rosa Bluse bleibt trocken, ich verspreche es dir, Seelchen, und du hast dein Wort gehalten und bist echt. Und wenn der Herr mit dem Schwert dich sähe, würde er vor dir salutieren, so echt bist du. Und nun kannst du darauf schlafen.«
»Und dem Papa sage, daß ich nicht lüge, nur wenn ich gar nicht anders kann.«
Da berührt etwas seine Schulter. Der Fürst steht an dem Muschelbett, auf dem sein blasses Kind liegt, umflutet von ihrem Goldhaar, ihr rosiges Wachsebenbild neben sich.
»Kommen Sie mit mir, Graf Thorstein! Was sagen Sie zu dieser Geschichte? Ist das nicht herzbrechend, daß ich so betrogen bin mit diesen Teufelsweibern? Kein Wunder, daß sie diesen Megären entrinnen wollte. Und mir hat sie sich auch nicht anvertraut.«
Sie sind in dem Lernzimmer, und der Fürst geht mit großen Schritten auf und ab. »Ihnen vertraut sich das Kind an.«
»Durchlaucht, es hat sich mir auch nicht anvertraut. Ihr Ehrenwort.«
»Soll das mit der Geschichte zusammenhängen.«
»Ja, und sie hat sich täglich darum quälen lassen.«
Und dann erzählt er dem aufhorchenden Vater des armen Seelchens Geschichte, es scheint ihm..., es will ihm bedünken ..., aber er entwirft doch ein Bild von der Kleinen, das dem Vater die Augen weich und leuchtend macht.
»So sehen Sie meine Kleine an, meine arme Kleine. Aber Sie wissen nicht alles.«
»Wie könnt ich! Das Seelchen scheint noch manche Geheimnisse zu haben.«
»Sind Sie immer ein solcher Kinderfreund?«
»Ich verstehe mich mit den kleinen Herrschaften besser als mit den großen. Und wir haben uns auch in einer seltenen Stunde getroffen, als wir beide unsern Christtag suchten. Ich bin in den letzten Jahren ein wenig mit meiner Seele auseinander gekommen. Und das Kind ... es weht ein Lüftchen um sie, vielleicht, weil sie noch so klein, so fein und so einsam ist ... von dorther, wo die großen Geheimnisse wohnen.«
Draußen in der Winternacht rauscht und braust die Linde ... Harro sitzt, die sehenden Augen hinausgerichtet in das Dunkel, einen Hauch von Versunkenheit und Weltverlorenheit um sich. Der Fürst ergriff seine Hand: »Ach, helfen Sie mir doch bei meiner armen, meiner verlassenen Kleinen, bis sie wieder eine Mutter hat.«
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