Caitlin und Caleb spazierten langsam am Flussufer entlang. Diese Seite des Hudson River war verwahrlost und übersät von stillgelegten Fabriken und Treibstofflagern. Hier unten war es öde, aber friedlich. Große Eisschollen trieben an diesem Märztag flussabwärts, zerfielen langsam und knackten bisweilen leise. Das Eis sah aus, als stamme es aus einer anderen Welt. Es reflektierte das Licht auf merkwürdige Weise, während Nebelschwaden langsam über den Fluss schwebten. Caitlin hatte Lust, auf eine Eisscholle zu klettern, sich hinzusetzen und sich treiben zu lassen, wohin auch immer die Reise führen würde.
Sie schwiegen beide und waren in ihre Gedanken versunken. Caitlin war es peinlich, dass sie vor Caleb so ausgerastet war. Sie schämte sich, weil sie die Kontrolle über sich verloren und so gewalttätig agiert hatte.
Sie schämte sich auch für ihren Bruder, weil er sich so danebenbenommen hatte und mit diesen Losern abhing. So hatte sie ihn noch nie erlebt. Es war ihr sehr unangenehm, dass sie Caleb dieser Situation ausgesetzt hatte. Das war kein guter Einstieg gewesen, um ihre Familie kennenzulernen. Was mochte er jetzt wohl von ihr denken? Dieser Gedanke schmerzte sie mehr als alles andere.
Das Allerschlimmste war, dass sie nicht wusste, was sie jetzt tun sollten. Bei der Suche nach ihrem Dad hatte sie große Hoffnungen auf Sam gesetzt. Einen Plan B hatte sie nicht, sonst hätte sie ihren Dad schon vor Jahren selbst gesucht und vielleicht auch gefunden. Sie wusste nicht, was sie Caleb sagen sollte. Würde er jetzt gehen? Bestimmt würde er das. Sie konnte ihm nicht helfen, und er musste unbedingt dieses Schwert finden. Warum sollte er also bei ihr bleiben?
Caitlin wurde immer nervöser. Sie vermutete, dass Caleb nur auf den richtigen Moment wartete, um ihr zu sagen, dass er aus ihrem Leben verschwinden würde. Wie alle anderen vor ihm.
»Es tut mir sehr leid«, sagte sie schließlich leise, »wie ich mich eben aufgeführt habe. Ich schäme mich, dass ich so die Beherrschung verloren habe.«
»Das musst du nicht. Du hast nichts Falsches getan, du lernst noch. Und du bist sehr stark.«
»Es tut mir auch leid, dass mein Bruder sich so benommen hat.«
Er lächelte. »Wenn ich eins gelernt habe im Laufe der Jahrhunderte, dann ist es, dass man nicht für das Verhalten seiner Familienangehörigen verantwortlich ist.«
Schweigend gingen sie weiter. Nachdenklich blickte er auf den Fluss hinaus.
»Und was jetzt?«, fragte sie schließlich.
Er blieb stehen und sah sie an.
»Wirst du jetzt gehen?«, fügte sie zögernd hinzu.
Er war tief in Gedanken versunken.
»Fällt dir irgendein Ort ein, an dem dein Vater sein könnte? Irgendjemand, der ihn kannte? Irgendetwas, das uns weiterhelfen könnte?«
Sie hatte es schon versucht. Es gab nichts. Absolut nichts. Ratlos schüttelte sie den Kopf.
»Es muss etwas geben«, sagte er eindringlich. »Denk scharf nach. Hast du Erinnerungen an ihn?«
Caitlin dachte angestrengt nach. Sie schloss die Augen und versuchte krampfhaft, sich an etwas zu erinnern. Dieselbe Frage hatte sie sich schon so oft gestellt. So oft hatte sie ihren Vater in ihren Träumen gesehen, dass sie Traum und Wirklichkeit nicht mehr auseinanderhalten konnte. Immer wieder hatte sie ihn in demselben Traum gesehen – sie lief über eine Wiese und sah ihn in der Ferne, aber wenn sie näher kam, entfernte er sich. Aber das war nicht er. Es waren bloß Träume.
Manchmal flackerten Erinnerungen an die Zeit auf, als sie noch ein kleines Kind gewesen war. Sie war mit ihm irgendwohin gegangen, es musste im Sommer gewesen sein. Sie erinnerte sich an das Meer und daran, dass es warm gewesen war, richtig warm. Aber dann wiederum war sie sich nicht sicher, ob das die Wirklichkeit war. Die Erinnerung verschwamm zusehends. Sie hatte auch keine Ahnung, wo dieser Strand gewesen sein könnte.
»Es tut mir so leid«, sagte sie. »Ich wünschte, ich hätte eine Spur. Nicht nur um deinetwillen, sondern auch um meinetwillen. Ich habe einfach keine Ahnung, wo er stecken könnte. Und ich habe keine Ahnung, wie ich ihn finden soll.«
Caleb drehte sich zum Fluss um. Er seufzte tief und starrte auf das Eis hinaus. Erneut wechselten seine Augen die Farbe, diesmal wurden sie meergrün.
Caitlin spürte, dass der Zeitpunkt jetzt gekommen war. Jeden Moment würde er sich umdrehen und es ihr sagen. Er musste gehen. Sie war nicht mehr von Nutzen für ihn.
Am liebsten hätte sie etwas erfunden und eine Lüge über ihren Vater erzählt, um eine Spur zu legen. Damit er bei ihr blieb. Aber ihr war klar, dass sie das nicht fertigbringen würde.
Auf einmal war sie den Tränen nahe.
»Ich verstehe das nicht«, murmelte Caleb und blickte immer noch auf den Fluss hinaus. »Ich war mir so sicher, dass du die Auserwählte bist.«
Wieder schwieg er. Sie wartete eine gefühlte Ewigkeit.
»Es gibt noch etwas, das ich nicht verstehe«, erklärte er schließlich und drehte sich zu ihr um. Seine großen Augen hypnotisierten sie förmlich.
»Ich fühle etwas, wenn ich in deiner Nähe bin. Aber es ist ganz verschwommen. Wenn ich mit anderen zusammen bin, kann ich immer deutlich sehen, was wir miteinander erlebt haben, wann unsere Wege sich gekreuzt haben, egal in welchem Körper. Aber bei dir … ist alles trüb. Ich sehe nichts. Das ist mir noch nie passiert. Es ist, als würde ich … davon abgehalten, etwas zu sehen.«
»Vielleicht sind wir uns ja nie begegnet«, gab Caitlin zu bedenken.
Er schüttelte den Kopf.
»Auch das würde ich sehen. In deinem Fall kann ich weder die Vergangenheit noch die Zukunft erkennen. Das ist mir in dreitausend Jahren noch nie passiert. Ich habe das Gefühl … als hätte ich eine Erinnerung an dich. Ich kann es fast greifen, aber eben nur fast. Es kommt nicht. Das treibt mich in den Wahnsinn.«
»Na ja«, sagte sie, »vielleicht gibt es einfach nichts zu sehen. Vielleicht ist das jetzt einfach nur die Gegenwart. Möglicherweise gab es nie mehr und wird auch nie mehr geben.«
Sofort bereute sie ihre Worte. Jetzt ging das schon wieder los, sie riss einfach ihren Mund auf und sagte dämliche Sachen, die sie gar nicht so meinte. Warum musste sie so etwas sagen? Es war das genaue Gegenteil von dem, was sie dachte und fühlte. Sie hätte eigentlich sagen wollen: Ja. Ich fühle es auch. Ich habe das Gefühl, als wären wir schon ewig zusammen. Und ich möchte für immer bei dir bleiben. Stattdessen purzelten ganz andere Worte aus ihrem Mund. Es musste daran liegen, dass sie so nervös war. Jetzt konnte sie ihre Worte nicht mehr zurücknehmen.
Doch Caleb ließ sich nicht abschrecken. Im Gegenteil, er trat näher, legte ihr die Hand an die Wange und schob ihr Haar zurück. Dabei sah er ihr tief in die Augen. Diesmal wurden seine Augen blau. Der Blickkontakt war überwältigend.
Ihr Herz pochte heftig, und überall in ihrem Körper breitete sich Hitze aus. Sie hatte das Gefühl, sich in seinem Blick zu verlieren.
Versuchte er sich zu erinnern? Wollte er sich verabschieden?
Oder würde er sie vielleicht gleich küssen?
Wenn es etwas gab, was Kyle noch mehr hasste als Menschen, dann waren es Politiker. Er konnte ihr Getue, ihre Heuchelei und ihre Selbstgerechtigkeit nicht ausstehen. Ihre Arroganz fand er ebenfalls unerträglich. Und das Ganze war ohne jede Grundlage, denn die meisten von ihnen lebten nicht einmal hundert Jahre lang. Er hingegen lebte schon länger als fünftausend Jahre. Wenn sie von ihren bisherigen Erfahrungen sprachen, wurde ihm übel.
Es war Schicksal, dass Kyle diesen Politikern täglich begegnete, wenn er ausgeschlafen hatte und durch die City Hall ans Tageslicht hinaufstieg. Der Blacktide Clan hatte sich vor Jahrhunderten unter dem Rathaus von New York City, der City Hall, niedergelassen und immer in enger Partnerschaft mit den Politikern gestanden. Tatsächlich war es sogar so, dass viele der angeblichen Politiker heimliche Mitglieder seines Clans waren, die ihre Aufgaben innerhalb der Stadt und des Staates ausführten. Diese Vermischung mit den Menschen war ein notwendiges Übel.
Aber unter den Politikern gab es auch genug echte Menschen, und die sorgten bei Kyle immer für eine Gänsehaut. Für ihn war es ein unerträglicher Zustand, dass sie sich in diesem Gebäude aufhalten durften. Ganz besonders störte es ihn, wenn sie ihm zu nahe kamen. Jetzt rempelte er einen von ihnen absichtlich im Vorbeigehen heftig mit der Schulter an. »He!«, rief der Mann, aber Kyle ging einfach mit zusammengebissenen Zähnen weiter und strebte auf die große Flügeltür am Ende des Flurs zu.
Wenn er könnte, würde Kyle sie alle umbringen. Aber er durfte nicht. Sein Clan unterstand dem Obersten Rat, dessen Mitglieder sich immer noch zurückhaltend gaben, aus welchem Grund auch immer. Sie warteten auf den richtigen Zeitpunkt, um die menschliche Rasse für alle Zeiten auszulöschen. Kyle wartete inzwischen schon seit tausend Jahren, und er wusste nicht, wie lange er das noch aushalten würde. In der Vergangenheit hatte es einige wunderbare Augenblicke gegeben, als sie grünes Licht erhalten hatten und nahe dran gewesen waren. Im Jahr 1350 hatten die Vampire in Europa endlich Einigkeit erzielt und gemeinsam die Pest verbreitet. Das waren großartige Zeiten gewesen. Allein der Gedanke daran zauberte ein Lächeln auf Kyles Gesicht.
Es hatte auch andere schöne Zeiten gegeben – beispielsweise das finstere Mittelalter, als der Oberste Rat ihnen erlaubt hatte, Krieg in ganz Europa zu führen und Millionen von Menschen umzubringen und zu schänden. Kyle grinste breit. Das war die großartigsten Jahrhunderte seines Lebens gewesen.
Doch in den vergangenen Jahrhunderten war der Oberste Rat schwach und pathetisch geworden. Als hätten sie Angst vor den Menschen. Der Zweite Weltkrieg war hübsch gewesen, aber so begrenzt und viel zu kurz. Kyle gierte nach mehr. Seitdem hatte es keine größeren Seuchen und keine richtigen Kriege mehr gegeben. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, als wären die Vampire angesichts der zunehmenden Zahl und der wachsenden Macht der Menschen in eine Art Schockstarre verfallen.
Aber jetzt kamen sie endlich zur Besinnung, es tat sich etwas. Kyle stolzierte aus der Vordertür der City Hall, stieg die Treppe hinunter und ging mit federnden Schritten die Straße entlang. Er beeilte sich, weil er sich auf seinen Ausflug in das South-Street-Seaport-Viertel freute. Eine riesige Lieferung würde ihn dort erwarten. Zigtausende Kisten mit vollkommen intakten, genveränderten Erregern der Beulenpest. Sie waren Hunderte von Jahren in Europa gelagert und seit dem letzten Ausbruch perfekt konserviert worden. Und jetzt hatte man sie genmanipuliert, um sie absolut resistent gegen Antibiotika zu machen. Sie würden ihm, Kyle, zur Verfügung stehen, damit er genau das tun konnte, was er immer schon gewollt hatte, nämlich einen neuen Krieg auf dem amerikanischen Kontinent zu entfesseln. In seinem Territorium.
Man würde sich in den kommenden Jahrhunderten auf jeden Fall an ihn erinnern.
Der Gedanke daran ließ Kyle laut auflachen, doch in Verbindung mit seinem finsteren Gesichtsausdruck wirkte das Lachen eher wie ein wütendes Knurren.
Er würde natürlich Rexus, dem obersten Meister seines Clans, Rechenschaft ablegen müssen, aber das war reine Formsache. In Wahrheit würde er, Kyle, der Leiter der Aktion sein. Tausende von Vampiren aus seinem eigenen Clan – und aus allen Nachbarclans – würden ihm unterstehen. Damit würde er mächtiger und einflussreicher sein als je zuvor.
Kyle wusste schon genau, wie er die Seuche auslösen würde: Eine Charge der Bakterien würde er in der Penn Station, eine im Grand Central Terminal und eine am Times Square verteilen. Das Timing würde perfekt sein, genau zur Rushhour. Das würde den Stein so richtig ins Rollen bringen. Er schätzte, dass innerhalb weniger Tage die Hälfte der Bevölkerung Manhattans infiziert sein würde. Nach einer weiteren Woche würden es alle sein. Diese Epidemie breitete sich rasend schnell aus, da die Übertragung über die Luft erfolgte.
Die jämmerlichen Menschen würden natürlich die Stadt abriegeln – Brücken und Tunnel dichtmachen, Luftverkehr und Schiffsverkehr einstellen. Aber genau das war es, was er wollte. Sie würden sich selbst einsperren und wären damit völlig hilflos dem Schrecken ausgeliefert, der folgen würde. Kyle und seine Vampire würden einen Vampirkrieg entfesseln, wie ihn die Menschheit noch nie erlebt hatte. Es war nur eine Frage von Tagen, bis sie alle eingeschlossenen und verzweifelt gegen die Pest ankämpfenden New Yorker komplett ausgelöscht haben würden.
Und danach würde die Stadt ihnen gehören. Nicht nur unter der Erde, sondern auch oberhalb. Es wäre der Startschuss, ein Aufruf an alle Clans in jeder Stadt, jedem Land, es ihnen gleichzutun. Innerhalb weniger Wochen wäre Amerika in ihrer Hand, wenn nicht sogar die ganze Welt. Kyle wäre derjenige, der das Ganze in Gang gebracht haben würde. Er würde allen in bester Erinnerung bleiben – als derjenige, der die Vampire für immer über die Erde gebracht hatte.
Natürlich würden sie Verwendung für die übrig gebliebenen Menschen finden. So könnten sie die Überlebenden beispielsweise versklaven und in großen Zuchtbetrieben unterbringen. Das würde Kyle gefallen. Man würde dafür sorgen, dass sie alle dick und fett würden, und wenn die Vampire Blutdurst bekämen, könnten sie aus einer endlosen Vielfalt auswählen. Die Menschen wären in einem perfekten Zustand. Ja, sie würden gute Sklaven sein und ein köstliches Mahl abgeben, wenn sie richtig aufgezogen wurden.
Bei dem Gedanken lief Kyle das Wasser im Mund zusammen. Fantastische Zeiten lagen vor ihm. Nichts würde ihm im Wege stehen.
Nichts, das heißt, abgesehen von diesem verdammten Whitetide Clan, der seinen Standort unter The Cloisters hatte. Ja, diese Vampire waren ihm ein Dorn im Auge. Aber kein großer. Sobald er das schreckliche Mädchen fand, diese Caitlin, und diesen abtrünnigen Verräter Caleb, würden sie ihn zu dem Schwert führen. Damit wäre der Whitetide Clan wehrlos, und nichts würde Kyle und seinem Clan noch im Wege stehen.
Kyle schäumte vor Wut, als er an dieses dumme kleine Mädchen dachte, das ihm entwischt war. Sie hatte ihn der Lächerlichkeit preisgegeben.
Nun bog er in die Wall Street ein. Ein Passant, ein großer Mann in einem adretten Anzug, hatte das Pech, seinen Weg zu kreuzen. Kyle rammte ihn mit aller Kraft an der Schulter, sodass er einige Schritte rückwärtsstolperte und gegen eine Mauer prallte.
Der Mann schrie erbost: »He Kumpel, wo liegt dein Problem??«
Als Kyle ihn spöttisch angrinste, veränderte sich sein Gesichtsausdruck. Mit einem Mann wie Kyle, der mehr als eins neunzig groß war und äußerst breitschultrig, legte man sich besser nicht an. Obwohl er selbst auch groß und kräftig war, drehte der Mann sich schnell um und ging weiter. So dumm war er nicht.
Nach diesem kleinen Zwischenfall fühlte Kyle sich ein wenig besser, aber seine Wut war immer noch nicht abgekühlt. Er würde dieses Mädchen finden und sie dann ganz langsam töten.
Aber jetzt war nicht die richtige Zeit. Er musste einen klaren Kopf bewahren, weil er sich um wichtigere Dinge zu kümmern hatte. Die Lieferung am Kai.
Er atmete tief ein, und langsam breitete sich wieder ein Lächeln auf seinem Gesicht aus. Die Lieferung war nur noch wenige Häuserblocks entfernt.
Dieser Tag war für ihn schöner als Weihnachten.
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