Revierverhalten. Waren eifersüchtig. Misstrauisch. Sie warfen mich hinaus und ließen ihm keine Wahl.
Aber er wählte trotzdem. Trotz allem entschied er sich für mich. Erneut rettete er mich. Er hat alles für mich riskiert. Ich liebe ihn dafür. Mehr, als er je erfahren wird.
Ich muss ihm helfen. Er glaubt, ich sei die Auserwählte, eine Art Vampir-Messias. Er ist überzeugt, dass ich ihn zu einem verlorenen Schwert führen kann, das einen Vampirkrieg verhindern und alle retten wird. Ich persönlich glaube nicht daran. Nicht mal sein eigenes Volk glaubt es. Doch ich weiß, dass das alles ist, was er hat; es bedeutet die Welt für ihn. Und für mich ist es das Mindeste, was ich tun kann. Dabei geht es mir gar nicht um das Schwert. Ich will einfach nicht, dass er geht.
Also tue ich, was ich kann. Meinen Dad wollte ich ohnehin schon immer suchen. Ich will wissen, wer er wirklich ist. Wer ich wirklich bin. Ob ich wirklich ein halber Vampir bin, beziehungsweise ein halber Mensch, oder was auch immer. Ich brauche Antworten. Außerdem will ich wissen, was aus mir werden wird …
»Caitlin?«
Als sie aufwachte, war sie völlig benommen. Caleb stand vor ihr und schüttelte sie sanft an der Schulter. Er lächelte.
»Ich glaube, du bist eingeschlafen«, sagte er.
Sie sah sich um und entdeckte das offene Tagebuch in ihrem Schoß. Schnell klappte sie es zu und spürte, wie ihre Wangen heiß wurden. Hoffentlich hatte er nicht darin gelesen. Vor allem nicht den Teil über ihre Gefühle für ihn.
Sie setzte sich auf und rieb sich die Augen. Es war noch dunkel, und das Feuer war bis auf die Glut heruntergebrannt. Er musste auch gerade erst aufgewacht sein. Sie fragte sich, wie lange sie wohl geschlafen hatte.
»Tut mir leid«, sagte sie. »Ich habe zum ersten Mal seit Tagen geschlafen.«
Er lächelte wieder, ging zum Feuer und legte einige Holzscheite auf. Sie begannen zu knacken und zu zischen, als das Feuer wieder aufflackerte. Sie spürte, wie die Wärme ihre Füße erreichte.
Er starrte ins Feuer, und sein Lächeln verblasste langsam, als er sich in seinen Gedanken verlor. Die Flammen warfen einen warmen Schein auf sein Gesicht und ließen ihn noch attraktiver wirken, falls das überhaupt möglich war. Seine großen, hellbraunen Augen waren weit geöffnet. Während sie ihn betrachtete, wechselten sie die Farbe und wurden hellgrün.
Caitlin setzte sich auf und merkte, dass ihr Weinglas noch fast voll war. Sie trank einen Schluck. Der Wein wärmte sie. Sie hatte schon eine ganze Weile nichts mehr gegessen, weshalb ihr der Alkohol sofort zu Kopf stieg. Sie sah den anderen Becher dort stehen und besann sich auf ihre guten Manieren.
»Soll ich dir auch etwas einschenken?«, fragte sie und fügte nervös hinzu: »Ich meine, ich weiß nicht, ob du überhaupt Wein trinkst …«
Er lachte.
»Doch, auch Vampire trinken Wein«, erwiderte er lächelnd, kam zu ihr herüber und hielt ihr seinen Becher hin.
Sie war überrascht. Nicht von seinen Worten, sondern von seinem Lachen. Es klang sanft, elegant und schien im Raum zu verklingen. Wie alles an ihm war auch sein Lachen rätselhaft.
Sie sah ihm in die Augen, als er sein Glas an die Lippen hob, und hoffte, er würde ihren Blick erwidern.
Er tat es.
Dann sahen beide gleichzeitig weg. Caitlins Herz schlug schneller.
Caleb kehrte an seinen Platz zurück, setzte sich ins Stroh, lehnte sich zurück und sah sie an. Er schien sie genau zu mustern, und das machte sie verlegen.
Unbewusst strich sie sich mit der Hand über ihre Kleidung und wünschte, sie trüge etwas Hübscheres. Ihre Gedanken rasten, während sie überlegte, was sie überhaupt anhatte. Irgendwo auf dem Weg – sie konnte sich nicht mehr an den Ort erinnern – hatten sie kurz Halt gemacht. Sie war in das einzige Bekleidungsgeschäft gegangen, das es gab – ein Secondhandladen der Heilsarmee – und hatte sich andere Kleidung besorgt.
Jetzt blickte sie entsetzt an sich herunter und erkannte sich selbst kaum wieder. Sie hatte zerrissene, verwaschene Jeans an, Turnschuhe, die ihr eine Nummer zu groß waren, und ein Sweatshirt über einem T-Shirt. Darüber trug sie eine ausgeblichene, lila Jacke, an der ein Knopf fehlte und die ihr ebenfalls zu groß war. Aber die Sachen hielten warm. Und das war momentan das Wichtigste.
Trotzdem war sie verlegen. Warum musste er sie so sehen? Da lernte sie schon mal jemanden kennen, der ihr wirklich gefiel, und dann hatte sie keine Chance, sich hübsch zu machen. In dieser Hütte gab es kein Bad, und selbst wenn es eines gäbe, hätte sie keine Schminkutensilien dabei. Beschämt wich sie seinem Blick aus.
»Habe ich lange geschlafen?«, fragte sie.
»Ich weiß es nicht. Ich bin selbst gerade erst aufgewacht«, antwortete er und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. »Ich habe meinen Durst heute ziemlich früh gestillt. Das hat mich ganz aus dem Konzept gebracht.«
Sie sah ihn an.
»Erklär es mir«, forderte sie ihn auf.
Er verstand nicht, was sie meinte.
»Die Nahrungsaufnahme«, präzisierte sie. »Wie funktioniert es? Bringst du … Menschen um?«
»Nein, nie«, antwortete er.
Er schwieg eine Weile und ordnete seine Gedanken.
»Es ist kompliziert, wie alles, was mit Vampiren zu tun hat«, erklärte er. »Es hängt vom Vampirtyp ab, außerdem von der Clanzugehörigkeit. Ich ernähre mich nur von Tieren, hauptsächlich Rehen. Davon gibt es ohnehin zu viele, und die Menschen jagen sie auch – häufig essen sie sie nicht einmal.«
Sein Gesichtsausdruck wurde finster.
»Aber andere Clans sind nicht so kultiviert. Sie ernähren sich von Menschenblut. In der Regel suchen sie sich unerwünschte Menschen aus.«
»Unerwünschte?«
»Obdachlose, Herumtreiber, Prostituierte … Menschen, deren Verschwinden niemandem auffällt. So ist es immer schon gewesen. Vampire wollen keine Aufmerksamkeit auf sich lenken.
Weil wir kein Menschblut trinken, betrachten wir uns – das heißt meinen Clan, den Whitetide Clan – als reinblütig und die anderen Arten als unrein. Wovon man sich ernährt … von dessen Energie wird man durchströmt.«
Caitlin saß ganz still und dachte nach.
»Wie ist es bei mir?«, fragte sie schließlich.
Er warf ihr einen Blick zu.
»Warum will ich manchmal Blut trinken, manchmal aber auch nicht?«
Er runzelte nachdenklich die Stirn.
»Ich bin mir nicht sicher. Bei dir ist es anders. Du bist ein Halbblut. Das ist sehr selten … Ich weiß aber, dass du gerade erwachsen wirst. Andere Vampire werden verwandelt, über Nacht. Bei dir ist es ein längerer Prozess. Vielleicht wird es eine Weile dauern, bis du alle Veränderungen durchlaufen und dich damit arrangiert hast.«
Caitlin lehnte sich zurück und erinnerte sich an die schmerzhaften Hungerattacken, von denen sie wie aus dem Nichts überfallen worden war. Sie war nicht mehr in der Lage gewesen, an etwas anderes zu denken – sie wollte nur noch ihren Hunger beziehungsweise Durst stillen. Das war furchtbar gewesen. Sie fürchtete sich schon vor dem nächsten Mal.
»Aber woher weiß ich, wann es wieder passieren wird?«
Er sah sie an. »Du kannst es nicht wissen.«
»Aber ich will keine Menschen umbringen«, erwiderte sie heftig. »Niemals.«
»Das musst du auch nicht. Du kannst dich von Tieren ernähren.«
»Aber was ist, wenn ich gerade irgendwo bin, wo es keine Tiere gibt?«
»Du wirst lernen müssen, dein Verlangen zu kontrollieren. Dazu braucht man viel Übung. Und Willensstärke. Es ist nicht einfach, aber es ist möglich. Du kannst es kontrollieren. Jeder Vampir macht das durch.«
Caitlin dachte darüber nach, wie es sein würde, ein lebendes Tier zu fangen und sein Blut auszusaugen. Ihr war klar, dass sie bereits schneller war als je zuvor, aber sie wusste nicht, ob sie dafür tatsächlich schon schnell genug war. Außerdem hatte sie keine Ahnung, was sie tun müsste, falls sie tatsächlich ein Reh erwischte.
Wieder sah sie ihn an.
»Wirst du es mir beibringen?«, fragte sie hoffnungsvoll.
Er begegnete ihrem Blick, und sie spürte, wie ihr Herz schneller klopfte.
»Die Nahrungsaufnahme ist in unserer Rasse heilig. Dabei ist man immer allein«, sagte er sanft und entschuldigend. »Außer …« Er verstummte.
»Außer?«, hakte sie nach.
»Außer bei einer Hochzeitszeremonie. Um Ehemann und Ehefrau aneinander zu binden.«
Er blickte zur Seite und rutschte unbehaglich hin und her. Das Blut schoss ihr in die Wangen, und plötzlich fand sie es sehr warm im Raum.
Sie beschloss, das Thema fallen zu lassen. Momentan hatte sie keine Hungerkrämpfe, sie würde sich damit beschäftigen, wenn es so weit war. Sie hoffte, dass er dann bei ihr sein würde.
Außerdem interessierte sie sich gar nicht sonderlich für Ernährungsfragen, Vampire, Schwerter oder Ähnliches. Sie wollte etwas über ihn erfahren. Oder eigentlich darüber, was er für sie empfand. Es gab so viele Fragen, die sie ihm gerne gestellt hätte. Warum hast du all das für mich riskiert? Ging es dir bloß darum, dieses Schwert zu finden? Oder gab es sonst noch etwas? Wirst du auch bei mir bleiben, wenn du dein Schwert gefunden hast? Würdest du die Grenze für mich überschreiten, obwohl eine Liebesbeziehung mit einem Menschen verboten ist?
Doch sie hatte Angst.
Daher sagte sie nur: »Ich hoffe, wir werden dein Schwert finden.«
Lahm, dachte sie. Fällt dir nichts Besseres ein? Kannst du nie mutig genug sein, um zu sagen, was du wirklich denkst?
Aber seine Energie war zu intensiv. Wenn sie in seiner Nähe war, konnte sie kaum klar denken.
»Das hoffe ich auch«, erwiderte er. »Es ist keine gewöhnliche Waffe. Wir Vampire sind schon seit Jahrhunderten darauf versessen. Es wird gemunkelt, es wäre das exquisiteste türkische Schwert, das je geschmiedet wurde. Es besteht aus einem Metall, das jeden Vampir töten kann. Damit wären wir unbesiegbar. Ohne das Schwert hingegen …«
Er verstummte, offensichtlich scheute er sich, die Konsequenzen auszusprechen.
Caitlin wünschte, Sam wäre hier und könnte ihnen helfen, indem er sie zu ihrem Dad führte. Prüfend sah sie sich in der kleinen Scheune um. Sie entdeckte kein Anzeichen dafür, dass er vor Kurzem hier gewesen war. Erneut bedauerte sie es, ihr Handy verloren zu haben. Es hätte ihr Leben so sehr erleichtert.
»Sam hat öfter mal hier übernachtet«, sagte sie. »Ich war mir sicher, dass er hier sein würde. Ich weiß, dass er in diese Stadt zurückgekehrt ist – ganz bestimmt. Er würde nicht woanders hingehen. Morgen reden wir in der Schule mit seinen Freunden. Ich werde schon herausfinden, wo er steckt.«
Caleb nickte. »Glaubst du, er weiß, wo sich euer Vater befindet?«
»Ich … weiß es nicht«, antwortete sie. »Aber er weiß auf jeden Fall viel mehr über ihn als ich. Er sucht schon seit einer Ewigkeit nach ihm. Wenn jemand etwas weiß, dann er.«
Caitlin dachte daran, wie Sam ständig auf der Suche gewesen war, wie er ihr seine neuen Hinweise gezeigt hatte, um dann doch immer wieder enttäuscht zu werden. So oft war er abends in ihr Zimmer gekommen und hatte auf der Bettkante gesessen. Seine Sehnsucht nach ihrem Vater war überwältigend gewesen, er war wie besessen davon. Sie sehnte sich ebenfalls nach ihm, aber ihr Wunsch war lange nicht so stark. Für sie war es schlimmer gewesen, seine Enttäuschung mitzuerleben.
Caitlin erinnerte sich ihre verkorkste Kindheit, an alles, was sie verpasst hatten, und plötzlich wurde sie von ihren Gefühlen überwältigt. In ihrem Augenwinkel bildete sich eine Träne. Verlegen wischte sie sie schnell weg und hoffte, dass Caleb es nicht gesehen hatte.
Doch er hatte es gesehen. Er sah auf und musterte sie aufmerksam.
Dann erhob er sich langsam und setzte sich neben sie. Er war so nahe, dass sie seine Energie ganz deutlich spüren konnte. Ihr Herz klopfte schneller.
Sanft fuhr er ihr mit einem Finger durch das Haar und strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht. Dann ließ er seinen Finger an ihrem Auge vorbei die Wange hinuntergleiten.
Sie hielt den Kopf gesenkt und blickte zu Boden, weil sie seinen Blick fürchtete. Sie spürte, wie eindringlich er sie musterte.
»Mach dir keine Sorgen«, sagte er mit seiner sanften, tiefen Stimme, bei deren Klang sie sich so wohlfühlte. »Wir werden deinen Vater finden. Wir werden gemeinsam nach ihm suchen.«
Aber das war es nicht, was ihr Sorgen bereitete. Sie sorgte sich um ihn. Um Caleb. Sie fragte sich, wann er sie verlassen würde.
Außerdem fragte sie sich, ob er sie wohl küssen würde, wenn sie ihm ins Gesicht schaute. Sie sehnte sich danach, die Berührung seiner Lippen zu spüren.
Aber sie hatte Angst, den Kopf zu heben.
Nach einer gefühlten Ewigkeit brachte sie schließlich den Mut auf, ihn anzusehen.
Doch er hatte sich bereits abgewandt. Er lehnte an dem Heuballen, hatte die Augen geschlossen und schlief. Der Feuerschein beleuchtete das sanfte Lächeln auf seinem Gesicht.
Sie rückte näher an ihn heran und lehnte sich ebenfalls zurück. Ihr Kopf ruhte nur wenige Zentimeter neben seiner Schulter, sodass sie sich beinahe berührten.
Und beinahe genügte ihr das.
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