Читать книгу «Ehre wem Ehre gebührt» онлайн полностью📖 — Моргана Райс — MyBook.
image

KAPITEL FÜNF

Royce stand inmitten eines Weizenfeldes, das er mit Hilfe seiner Sichel bearbeitete während sein Herz beim Gedanken an seine Braut vor Freude hüpfte. Er konnte kaum fassen, dass ihr Hochzeitstag nun wirklich gekommen war. In seiner Erinnerung hatte er Genoveva schon immer geliebt und der heutige Tag würde der denkwürdigste in seinem Leben werden. Morgen schon würde er mit ihr an seiner Seite erwachen, in einem neuen eigenen Häuschen und einem neuen Leben, das vor ihnen lag. Er konnte die Schmetterlinge in seinem Bauch spüren. Er wünschte sich nichts sehnlicher.

Während er seine Sichel schwang, dachte Royce an das nächtliche Training mit seinen Brüdern. Sie hatten sich unablässig mit Holzschwertern bekämpft, manchmal auch mit echten, doppelgewichteten, die so schwer waren, dass man sie kaum halten konnten, doch sollten sie sie stärker und schneller machen. Auch wenn er jünger als seine anderen drei Brüder war, so hatte Royce bemerkt, dass er der beste Kämpfer unter ihnen war, geschickter mit dem Schwert, schneller im Angriff und bei der Verteidigung. Es war, als wäre es aus einem anderen Eisen geschmiedet. Er war anders, das wusste er. Doch er wusste nicht wie. Und das machte ihn unruhig.

Woher hatte er sein Talent zum Kämpfen? Warum war er so anders? Das ergab alles keinen Sinn. Sie waren Brüder, in ihren Adern floss das gleiche Blut. Auch waren sie vier unzertrennlich, machten alles zusammen, ob es dabei ums Kämpfen oder die Arbeit im Feld ging. Das war auch der einzige Wehrmutstropfen dieses fröhlichen Tages: würde sein Umzug bedeuten, dass er sich von seinen Brüdern entfernen würde? Er schwor sich still, dass egal was auch geschah, er das nicht zulassen würde.

Royce Gedanken wurden durch ein Geräusch, das von Rande des Feldes kam, unterbrochen, ein für diese Tageszeit ungewöhnliches Geräusch, ein Geräusch, das er an solch einem perfekten Tag nicht hören wollte. Pferde. Ungeduldiges Getrappel.

Royce drehte sich besorgt um, gleiches taten seine Brüder. Seine Sorge wurde noch größer als er Genovevas Schwestern und Cousinen ausmachte. Sie ritten auf ihn zu und Royce konnte bereits die in ihre Gesichter geätzte Panik und Dringlichkeit erkennen.

Royce hatte Mühe zu verstehen, was er dort sah. Wo war Genoveva? Warum kamen sie alle auf ihn zugeritten?

Sein Herz verkrampfte sich als er verstand, dass etwas Furchtbares geschehen sein musste.

Er ließ seine Sichel fallen, so wie auch seine Brüder und das Dutzend weiterer Bauern aus ihrem Dorf, und sie rannten ihnen entgegen. Die erste die er erreichte war Sheila, Genovevas Schwester. Sie stieg von ihrem Pferd ab, noch bevor es vollständig zum Stehen gekommen war und griff Royce bei seiner Schulter.

„Was ist los?“ schrie Royce. Er griff ihre Schultern und er spürte wie sie zitterte.

Sie brachte zwischen ihren Tränen kaum die Worte über die Lippen.

„Genoveva!“ schrie sie voller Entsetzen. „Sie haben sie mitgenommen!“

Royce trafen diese Worte wie der Schlag und schreckliche Szenen tauchten vor seinem inneren Auge auf.

„Wer?“ rief er, seine Brüder hatten sich neben ihn gestellt.

„Manfor!“ schrie sie. „Aus dem Hause Nors!“

Royce spürte das Herz in seiner Brust pochen, und Empören stieg in ihm auf. Seine Braut. Geholt von den Adligen, als wäre sie ihr Eigentum. Blut stieg ihm ins Gesicht.

„Wann!?“ fragte er und drückte Sheilas Arm fester als er es wollte.

„Gerade eben!“ antwortete sie. „Wir haben uns diese Pferde geholt, um es dir schnellstmöglich mitzuteilen!“

Sie anderen stiegen hinter ihr von ihren Pferden ab und übergaben Royce und seinen Brüdern die Zügel. Royce zögerte keine Sekunde. In einer schnellen Bewegung sprang er auf das Pferd, gab ihm die Sporen und stürmte durch die Felder davon.

Er hörte die Pferde seiner Brüder hinter ihm im Gleichtakt durch das Geröll und in Richtung der entfernten Festung galoppieren.

Sein ältester Bruder Raymond holte ihn ein.

„Du weißt, dass das Gesetz auf seiner Seite ist“, rief er ihm zu. „Er ist ein Adliger, und sie ist unverheiratet – zumindest in diesem Moment.“

Royce nickte.

„Wenn wir die Festung stürmen und sie zurückfordern, werden sie sich weigern“, fügte Raymond hinzu. „Unsere Forderung hat keine gesetzliche Grundlage.“

Royce biss die Zähne zusammen.

„Ich werde sie nicht darum bitten, sie mir zurückzugeben“, antwortete er. „Ich werde sie mir zurückholen.“

Lofen schüttelte den Kopf als auch er zu ihnen nach vorne ritt.

„Du wirst es nicht einmal durch das Tor schaffen“, rief er. „Eine Berufsarmee erwartet dich dort. Ritter. Rüstungen. Waffen. Tore.“ Er schüttelte erneut den Kopf. „Und selbst wenn es dir gelänge da durchzukommen, selbst wenn du sie rettetest, werden sie dich nicht gehen lassen. Sie werden dich jagen und töten.

„Ich weiß“, rief Royce zurück.

„Mein Bruder“, rief Garet. „Ich liebe dich. Und ich liebe Genoveva. Aber das würde deinen Tod bedeuten. Den Tod für uns alle. Es gibt nichts, was du tun kannst.“

Royce konnte hören wie sehr sich seine Brüder um ihn sorgten und er wusste es zu schätzen – doch er durfte nicht auf sie hören. Sie war seine Braut und was es auch kostete, er hatte keine Wahl. Er konnte sie nicht verlassen, auch wenn es ihn das Leben kosten würde. So war er eben.

Royce trieb sein Pferd noch stärker voran, denn er wollte ihnen nicht mehr zuhören. Er galoppierte noch schneller durch die Felder gen Horizont und in Richtung der strahlenden Stadt, in der Manfors Festung stand. In Richtung seines sicheren Todes.

Genoveva, dachte Royce. Ich komme.

*

Royce ritt so schnell er konnte durch die Felder, seine Brüder neben ihm. Sie erklommen den letzten Hügelkamm und ritten nun in Richtung der sich unter ihnen ausbreitenden Stadt. In ihrer Mitte ragte eine gigantische Festung, der Sitz des Hauses Nors, der Adligen, die sein Land mit eiserner Hand regierten und die seine Familie ausgesaugt hatten, indem sie ihnen einen Zehnten nach dem anderen ihrer Erträge abverlangt hatten. Ihnen war es gelungen, die Bauern seit Generationen in Armut zu halten. Dutzende Ritter standen ihnen zur Verfügung, in vollen Rüstungen, mit echten Waffen und Pferden; sie hatten dicke Steinmauern, einen Burggraben, eine Brücke und sie ließen unter dem Vorwand von Gesetz und Ordnung die Stadt nicht aus den Augen – doch in Wahrheit ging es ihnen darum, die Kuh so gut es ging zu melken.

Sie hatten das Gesetz gemacht. Sie setzten die grausamen Gesetze durch, auf die sich die Adligen im ganzen Land geeinigt hatten, denn es waren Gesetze, die ihnen einen Nutzen brachten. Sie taten so, als würden sie das Volk im Gegenzug beschützen, doch die Bauern wussten, dass der einzige Schutz, den sie wirklich brauchten, der vor den Adligen selbst war. Dennoch war das Königreich von Sevania ein sicheres, denn es befand sich an der Nordspitze des Alufen-Kontinentes, grenzte größtenteils an Wasser und war so von andern Ländern isoliert. Ein weiter Ozean, Flüsse und Berge boten weitere natürliche Sicherheitsmauern. Das Land war schon seit Jahrhunderten nicht mehr besetzt worden.

Die einzige Gefahr und Tyrannei kam aus dem Inneren, von der noblen Aristokratie und ihrer Ausbeutung der Armen. Menschen wie Royce. Ihre Reichtümer genügten ihnen jedoch nicht – sie mussten ihnen auch noch die Frauen wegnehmen.

Dieser Gedanke hinterließ rote Flecken auf Royces Wangen. Er senkte seinen Kopf, umklammerte den Griff seines Schwerts und versuchte sich auf das zu konzentrieren, was er vorhatte.

„Die Brücke ist unten!“ rief Raymond. „Das Tor ist offen!“

Royce hatte es auch bemerkt und sah es als gutes Zeichen.

„Natürlich ist es das!“ rief Lofen zurück. „Glaubt ihr wirklich, dass sie einen Angriff erwarten? Und dann auch noch von uns?“

Royce ritt schneller, dankbar, dass seine Brüder ihm beistanden, und wissend, dass Genoveva seinen Brüdern ebenso wichtig war wie ihm. Sie war für sie wie eine Schwester und ein Affront gegen Royce war für sie wie ein Affront gegen sie selbst. Er blickte nach vorne und machte auf der Zugbrücke ein paar Schlossritter aus, die halbherzig in die Landschaft und auf die umliegenden Felder starrten. Sie waren nicht darauf vorbereitet. Sie waren seit Jahrhunderten nicht angegriffen worden und hatten keinen Grund jetzt einen Angriff zu erwarten.

Der typische Laut war zu hören als Royce sein Schwert zog, er senkte seinen Kopf und hielt sein Schwert zum Angriff bereit in die Luft. Auch seine Brüder zogen ihre Schwerter. Royce ritt nach vorne und übernahm, gewillt als erster in die Schlacht zu ziehen, die Führung. Sein Herz schlug vor Aufregung und Angst – es war keine Angst um sich selbst, sondern um Genoveva.

„Ich werde reingehen, sie finden und herausbringen!“ rief Royce den Plan seinen Brüdern zu. „Bleibt an der Seite. Das ist mein Kampf.“

„Du wirst da nicht alleine reingehen!“ rief Garet zurück.

Royce schüttelte entschlossen den Kopf.

„Wenn etwas schief geht, dann will ich nicht, dass ihr dafür bezahlt“, rief er zurück. „Bleibt hier draußen und lenkt diese Wächter ab. Das würde mir am meisten helfen.“

Er deutete mit seinem Schwert auf ein dutzend Ritter, die bei dem Torhäuschen neben dem Burggraben standen. Royce wusste, dass sie ihn angreifen würden sobald er über die Brücke ritt; doch wenn seine Brüder sie ablenkten, würden sie vielleicht lange genug in Schach gehalten, um hineinzugelangen und Genoveva zu finden. Er würde nur ein paar Minuten brauchen. Wenn er sie schnell genug fände, könnte er sie schnappen, davonreiten und diesen Ort hinter sich lassen. Er wollte niemanden töten, wenn es nach ihm ging; er wollte ihnen nicht einmal Schmerzen zufügen. Er wollte schlichtweg seine Braut zurück.

Royce senkte seinen Kopf und galoppierte so schnell er konnte, so schnell, dass er kaum noch atmen konnte, weil der Wind ihm ins Gesicht schlug. Er kam der Brücke näher, noch dreißig Meter, zwanzig, zehn, das Geräusch seines Pferdes und seines Herzschlages dröhnten in seinen Ohren. Sein Herz hämmerte in seiner Brust als er ritt und er wusste, wie verrückt das alles war. Er war dabei etwas zu tun, das der Bauernklasse nicht einmal im Traum einfallen würde zu tun: die Elite anzugreifen. Es war ein Krieg, den er unmöglich gewinnen konnte und es war ein sicherer Weg getötet zu werden. Doch seine Braut befand sich hinter diesen Toren und das war ihm Grund genug.

Royce war nur noch ein paar Meter von der Brücke entfernt, da sah er wie sich die Augen der Ritter überrascht weiteten und sie nach ihren Waffen griffen. Das hatten sie ganz klar nicht erwartet.

Ihre verzögerte Reaktionsfähigkeit war genau das, was Royce jetzt brauchte. Er stürmte auf sie zu und als sie ihre Helmbarten hoben, senkte er sein Schwert und zielte auf deren Schafte, um sie zu entzweien. Er schlug von beiden Seiten auf sie ein, zerstörte die Waffen der Ritter auf beiden Seiten der Brücke, immer darauf bedacht ihnen möglichst kein Leid zuzufügen. Er wollte sie nur entwaffnen und sich nicht in ewige Kampfhandlungen verstricken.

Royce legte noch an Geschwindigkeit zu, drängte sein Pferd vorwärts und nutzte es so als Waffe, die die übrigen Wächter zur Seite stieß, sodass sie in ihrer schweren Rüstung durch die Luft flogen und über die flache Brücke in die Wasser des Burggrabens segelten. Royce wusste, dass sie eine Weile brauchen würden, dort wieder herauszukommen. Mehr Zeit würde er auch nicht brauchen.

Royce konnte hinter sich seine Brüder hören, die ihm weitere wertvolle Minuten schenken würden; auf der anderen Seite der Brücke ritten sie auf das Torhäuschen zu, schlugen Wächter nieder, entwaffneten sie, bevor sie die Chance hatten sie anzugreifen. Sie schafften es, das Torhäuschen zu isolieren und so die verdutzten Ritter, die gerade nicht mit der Wache an der Reihe waren, zu überraschen. Das war Royces Chance.

Royce senkte seinen Kopf und raste auf das offene Tor zu. Er ritt schneller als er sah, dass es sich langsam schloss. Er zog den Kopf ein und ritt im letzten Augenblick durch den offenen Torbogen kurz bevor sich das schwere Tor endgültig schloss.

Royce ritt mit pochendem Herz in den Innenhof. Er hielt inne und blickte sich um. Er war noch nie im Inneren der Festung gewesen, war ohne Orientierung und sah sich von allen Seiten von dicken Steinmauern, die mehrere Stockwerke hoch waren, umgeben. Bedienstete und gemeines Volk wuselte hier herum, trugen Eimer mit Wasser und anderen Waren. Glücklicherweise hatten die Ritter ihn hier noch nicht entdeckt. Sie hatten auch keinen Grund, ihn zu erwarten.

Royce sah prüfend an den Mauern empor und suchte verzweifelt nach einem Anhaltspunkt seiner Braut.

Doch er fand keinen. Panik stieg in ihm auf. Was wäre, wenn sie sie woanders hingebracht hatten?

„GENOVEVA!“ rief er.

Royce suchte überall, wandte sich auf seinem wiehernden Pferd nervös nach allen Seiten um. Er hatte keine Ahnung, wo er suchen sollte und er hatte keinen Plan. Er hatte nicht einmal geglaubt, dass er es so weit schaffen würde.

Royce dachte scharf nach, er musste jetzt schnell sein. Die Adligen lebten wahrscheinlich dort oben, dachte er, fern abseits des Gestanks, der Massen, dort, wo Wind und Sonnenlicht waren. Dort würden sie auch Genoveva hingebracht haben.

Dieser Gedanke machte ihn wütend.

Er zwang sich seine Gefühle in Schach zu halten, gab seinem Pferd die Sporen und galoppierte über den Hof vorbei an verdattert dreinblickenden und glotzenden Bediensteten, denen die Arbeit aus der Hand fiel, als er an ihnen vorbeiritt. Er machte auf der anderen Seite des Weges eine breite, gewundene Steintreppe aus und ritt darauf zu. Er sprang ab, noch bevor sein Pferd angehalten hatte und sprintete die Treppen hinauf. Er nahm eine Windung nach der anderen und flog höher und höher. Er hatte keine Ahnung, wohin sie ihn führen würde, doch hielt es für eine gute Idee, seine Suche ganz oben zu beginnen.

Auf dem obersten Treppenabsatz verließ er schwer atmend die Wendeltreppe.

„Genoveva!“ schrie er und hoffte betend auf eine Antwort.

Doch es kam keine. Seine Verzweiflung wurde größer.

Er wählte einen der Korridore und rannte hindurch. Er betete, dass es der richtige sein würde. Als er an einer der Türen vorbeisauste, wurde sie plötzlich aufgestoßen und der Kopf eines Mannes kam zum Vorschein. Es war einer der Adligen, ein kleiner, fetter Mann mit einer breiten Nase und ausgedünntem Haar.

Er blickte Royce finster an und konnte von Royces Aufmachung sicherlich auf seine bäuerliche Herkunft schließen; er rümpfte die Nase als hätte sich Ungeziefer bei ihm eingeschlichen.

„Hey!“ rief er. „Was machst du in unserer – “

1
...