Sechs Monde später
Rea lag neben ihrer kleinen prasselnden Feuerstelle auf einem mit Fellen bedeckten Lager. Sie war ganz und gar allein, und sie stöhnte und schrie vor Schmerzen, denn die Geburtswehen hatten eingesetzt. Draußen blies der Winterwind und ein unerbittlicher Sturm schlug die Fensterläden gegen die Wände ihrer Hütte, Schneewehen brachen immer wieder hinein. Der wütende Sturm entsprach ihrer eigenen Stimmung.
Reas Gesicht glänzte vom Schweiß, während sie neben dem kleinen Feuer saß. Trotz der sich auftürmenden Flammen und des tretenden und sich windenden Drängens des Kindes in ihrem Leib wurde ihr nicht warm. Sie war nass und fror, sie zitterte am ganzen Körper und sie war sich sicher, dass sie in dieser Nacht sterben würde. Eine neue Wehe fuhr durch ihren Körper und der Schmerz war so groß, dass sie sich wünschte der Ritter hätte sie in jener Nacht einfach getötet; das wäre der größere Gnadenakt gewesen. Diese sie dahinraffende Folter, diese Nacht voller Qualen war tausendfach schlimmer als alles andere, was man ihr jemals hätte antun können.
Über ihre Schreie und die Windböen erscholl plötzlich ein anderer Laut – vielleicht das einzige Geräusch, dass ihr jetzt noch einen Schauer über den Rücken schicken konnte.
Es war das Geräusch des Mobs. Ein verärgerter Pulk Dorfbewohner, der kamen, um ihr Kind zu töten, da war sie sich sicher.
Rea nahm all ihre Kraft zusammen, Kraft von der sie nicht einmal wusste, dass sie sie noch besaß, und setzte sich zitternd auf. Keuchend und schreiend landete sie auf wackligen Knien. Sie griff nach dem hölzernen Griff in der Wand und kam mit letzter Kraft und einem Schrei zum stehen.
Sie wusste nicht, ob die Schmerzen im liegen oder stehen größer waren. Aber sie hatte keine Zeit darüber nachzusinnen. Der Mob wurde lauter, kam näher und sie wusste, dass er bald hier sein würde. Sie musste dieses Kind in Sicherheit bringen, was auch immer es kostete. Es war merkwürdig, doch erschien ihr das Leben des Ungeborenen wichtiger als das eigene.
Rea gelang es, zur Tür zu stolpern, sie lehnte sich gegen sie und stützte sich dabei am Türknopf ab. Dort stand sie, atmete mehrere Sekunden schwer ein und aus, verschnaufte und sammelte Kraft. Schließlich drehte sie den Türknopf herum. Sie griff nach einer Heugabel, die an der Wand lehnte, stützte sich auf sie und öffnete die Tür.
Rea schlug ein plötzliches Schneegestöber entgegen, das so kalt war, dass ihr der Atem stockte. Der Wind trug die lauter werdenden Schreie zu ihr hinüber, und ihr sank der Mut, als sie in der Ferne die Fackeln erblickte, die sich ihren Weg wie in Aufruhr geratene Leuchtkäfer zu ihr bahnten. Sie blickte in den Himmel und erhaschte einen Blick auf den riesigen Blutmond zwischen den Wolken, der den Himmel erfüllte. Sie hielt den Atem an. Das war nicht möglich. Sie hatte noch nie einen roten Mond gesehen und erst recht nicht während eines Sturms. Sie spürte einen scharfen Tritt in ihrem Bauch und plötzlich wurde ihr klar, dass dieser Mond zweifelsohne ein Zeichen war. Es war ein Zeichen für die Geburt ihres Kindes.
Wer ist er, fragte sie sich.
Rea umfasste ihren Bauch mit beiden Händen und spürte das Drängen und Winden einer anderen Person in ihr. Sie konnte seine Macht spüren, seinen Willen ans Licht zu brechen, als wäre er selbst gewillt, diesen Mob zu bekämpfen.
Dann kamen sie. Die entzündeten Fackeln erleuchteten die Nacht als der Mob aus den Gassen brach und sich vor ihr aufbaute. Wenn sie ihr altes Selbst gewesen wäre, stark und unnachgiebig, dann hätte sie ihnen die Stirn geboten. Doch sie konnte kaum laufen – kaum stehen – und sie konnte ihnen so nicht gegenübertreten. Nicht so kurz vor der Geburt.
Auch wenn Rea eine tiefe Wut verspürte, war da auch eine tiefe Stärke, eine Stärke, die von ihrem Baby kam, das wusste sie. Adrenalin schoss durch ihren Körper und die Wehen ließen augenblicklich nach. Für einen kurzen Moment war sie wieder sie selbst.
Der erste der Dorfbewohner, ein kleiner dicker Mann, kam mit einer Sichel in der Hand auf sie zu gerannt. Als er sich näherte, griff Rea nach hinten und umfasste die Heugabel mit beiden Händen. Sie trat einen Schritt zur Seite und stieß einen Urschrei aus, als sie sie ihm in den Magen stieß.
Der Mann erstarrte und sank in sich zusammen. Auch der Mob hielt inne und blickte sie erschrocken und verwundert an.
Rea vergeudete keine Sekunde. Mit einer schnellen Bewegung zog sie die Heugabel aus dem leblosen Körper, schwang sie über ihren Kopf und rammte sie dem nächsten Dorfbewohner ins Gesicht, als dieser versuchte, mit einem Stock auf sie loszugehen. Auch er taumelte und landete vor ihren Füßen im Schnee. Rea durchzuckte ein furchtbarer Schmerz in ihrer Seite, als ein anderer Mann nach vorn stürmte, sich auf sie stürzte und sie im Schnee zu Fall brachte. Sie schlidderten einen Meter über den Boden. Rea keuchte vor Schmerzen als sie die Tritte des Kindes in sich spürte. Sie rang mit dem Mann im Schnee. Es ging um ihr Leben und als sich sein Griff für einen Moment lockerte, vergrub Rea verzweifelt ihre Zähne in seiner Wange. Er schrie, als sie ihre Zähne tiefer in ihn versenkte. Sie sog das Blut ein, sie schmeckte es, sie würde nicht von ihm ablassen, denn das Baby in ihr gab ihr Kraft.
Schließlich ließ er von ihr ab, griff sich an die Wange und Rea sah ihre Gelegenheit gekommen. Sie kam rutschend zum Stehen und war bereit davonzulaufen. Sie hatte es fast geschafft, als sie plötzlich jemand von hinten beim Schopfe griff. Derjenige riss ihr beinahe das Haar vom Kopf als er sie zurück auf den Boden zerrte und sie davon schliff. Sie blickte nach oben und sah Severn, der finster zu ihr herabblickte.
„Du hättest auf uns hören sollen, als du die Chance hattest“, zischte er. „Jetzt werden wir dich zusammen mit deinem Baby töten.“
Rea hörte bereits die jubelnde Menge und sie wusste, dass es vorbei war. Sie schloss ihre Augen und betete. Sie war nie eine religiöse Person gewesen, doch in diesem Moment fand sie Gott.
Ich bete mit jeder Faser meines Körpers, dass dieses Kind gerettet wird. Nimm mich. Nur rette dieses Kind!
Als würden ihre Gebete erhört, spürte sie plötzlich wie das Zerren an ihren Haaren nachließ und gleichzeitig ertönte ein dumpfer Schlag. Sie blickte erschrocken auf und fragte sich, was passiert war.
Sie erkannte überrascht, wer ihr zur Hilfe geeilt war. Es war ein Junge – Nick – einige Jahre jünger als sie. Der Sohn eines Bauers, so wie sie. Er war nie besonders klug gewesen und die Anderen hatten immer auf ihm herumgehackt, doch sie war immer freundlich zu ihm gewesen. Vielleicht erinnerte er sich daran.
Sie sah, wie Nick einen Stock hob, und Severn damit seitlich gegen den Kopf schlug. Der ließ von ihr ab.
Nick trat der Menge entgegen, den Stock in Bereitschaft stellte er sich schützend vor sie.
„Geh schnell!“ rief er ihr zu. „Bevor sie dich umbringen!“
Rea blickte ihn voller Dankbarkeit und Schrecken an. Dieser Mob würde ihm dafür jeden Knochen brechen.
Sie sprang auf ihre Füße und begann zu rennen. Sie rutschte aus, doch sie war entschlossen, so viel Abstand wie möglich zwischen sich und die Meute zu bringen. Sie floh in eine der Gassen, doch bevor sie darin verschwand, blickte sie sich noch einmal nach Nick um, der wie wild mit den Dorfbewohnern kämpfte und einige von ihnen bereits niedergeknüppelt hatte. Doch einige der Männer preschten nach vorne und rangen ihn zu Boden. Nachdem sie ihn aus dem Weg geräumt hatten, folgten sie ihr.
Rea rannte. Nach Atem ringend, wand sie sich durch die Gässchen auf der Suche nach einem Unterschlupf. Von schrecklichem Schmerz heimgesucht, wusste sie nicht, wie lange sie noch durchhalten würde.
Sie erreichte schließlich das eigentliche Dorf mit seinen eleganten Steinhäusern und sie blickte sich ängstlich um. Sie kamen näher und waren keine sechs Meter mehr von ihr entfernt. Sie keuchte, stolperte mehr als sie rannte. Sie wusste, dass sie bald an ihre Grenze kommen würde. Eine neue Wehe nahte.
Plötzlich vernahm sie ein scharfes Krächzen und Rea sah wie sich eine alte Eichentür vor ihr auftat. Sie erschrak als sie Fioth erblickte, den alten Apotheker, der mit weit aufgerissenen Augen aus seiner kleinen Steinfestung lugte und sie zu sich hineinwinkte. Fioth streckte seine Hand nach ihr aus und griff sie mit einem für sein Alter überraschend festen Griff und schon stolperte Rea über die Schwelle in das prächtige Innere seiner Bleibe.
Er schlug die Tür zu und verriegelte sie hinter ihr.
Einen Moment später trommelten Hände und Sicheln dutzender wütender Dörfler gegen die Tür. Doch sie hielt zu Reas Erleichterung den Angriffen stand. Sie war fast einen halben Meter dick und hatte wohl einige Jahrhunderte mehr auf dem Buckel als Rea. Ihre schweren Eisenbolzen krümmten sich keinen Deut.
Rea atmete tief durch. Ihr Baby war in Sicherheit.
Fioth drehte sich zu ihr und sah sie eingehend an. In seinem Gesicht stand Mitgefühl, und die Sanftheit seiner Züge beruhigten sie. Niemand in diesem Dorf hatte sie in den letzten Monaten so liebevoll angesehen.
Er nahm ihr die Felle ab als sie erneut eine Wehe überkam. Es war ruhig hier drinnen, denn das Schneegestöber, das über das Dach fegte, dämpfte allen von außen kommenden Lärm, und es war wohlig warm.
Fioth führte sie zur Feuerstelle und legte sie auf eine Ansammlung Pelze. Erst jetzt verstand sie, was passiert war: das Davonrennen, der Kampf, der Schmerz. Auch wenn eine Tausendschaft diese Tür niederreißen würde, sie wäre nicht mehr im Stande sich zu rühren.
Sie schrie als eine spitze Wehe sie zerriss.
„Ich kann nicht mehr rennen“, keuchte Rea und begann zu weinen. „Ich kann einfach nicht mehr.“
Er tupfte ihr mit einem kühl-feuchten Lappen über die Stirn.
„Das wirst du auch nicht müssen“, sagte er mit beruhigender Stimme als wäre er Zeuge der Geschehnisse gewesen. „Ich bin jetzt hier.“
Sie schrie und stöhnte als ein neuer Schmerz sie durchfuhr. Es fühlte sich an, als würde sie entzweigerissen.
„Lehn dich zurück!“ ordnete er an.
Sie sagte wie ihr gesagt – und eine Sekunde später spürte sie den enormen Druck zwischen ihren Beinen.
Dann folgte ein Geräusch, das sie erschreckte.
Ein Wimmern.
Der Schrei eines Babys.
Ihr wurde vor Schmerz fast Schwarz vor Augen.
Sie beobachtete die geschulten Griffe des Apothekers während sie zwischen Wachsein und Bewusstseinsverlust pendelte. Er zog das Kind aus ihr und griff nach etwas Scharfem, um die Nabelschnur zu durchtrennen. Sie beobachtete wie er das Baby mit einem Tuch abrieb, Lunge, Nase und Hals öffnete.
Das Wimmern und Schreien wurde lauter.
Rea brach in Tränen aus. Dieses Schreien brachte ihr so viel Erleichterung, drang in ihr Herz und trug sogar über das Hämmern der Dorfbewohner hinweg. Ein Kind.
Ihr Kind.
Er war am Leben. Gegen alle Widrigkeiten hatte er das Licht der Welt erblickt.
Rea nahm kaum noch wahr, wie der Apotheker ihn in eine Decke wickelte. Doch dann spürte sie seine Wärme als er ihr ihn in den Arm legte. Sie spürte sein Gewicht auf ihrer Brust und sie drückte ihn an sich während er schrie und weinte. Sie hatte noch nie solche Freude gespürt, Tränen quollen ihr aus den Augen und rannen ihr das Gesicht hinab.
Plötzlich ein neues Geräusch: das Getrappel von Pferden. Das Klirren von Rüstungen. Dann Schreie. Der blutlechzende Mob verstummte – jetzt waren sie es, auf die man es abgesehen hatte.
Rea lauschte, verblüfft versuchte sie zu verstehen. Dann spürte sie eine Welle der Erleichterung. Natürlich. Der Adlige war zurück, um sie zu retten. Um sein Kind zu retten.
„Gott sei dank“, sagte sie. „Die Ritter kommen zu meiner Rettung.“
Rea spürte Zuversicht in sich aufkeimen. Vielleicht würde er sie schützen können. Vielleicht würde sie ein neues Leben beginnen können. Ihr Junge würde in einem Schloss aufwachsen, ein ehrbarer Herr werden und vielleicht würde sie das auch. Ihr Kind würde ein gutes Leben haben. Sie würde ein gutes Leben haben.
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