»Trotz des Fortschritts ist diese Zeit immer noch ein wenig primitiv und abergläubisch«, erklärte er. »Sogar in dieser Epoche des Luxus' und der Dekadenz gibt es leider immer noch eine Menge gewöhnlicher Bürger, die in großer Angst vor uns leben.
Siehst du, das kleine Bergdorf Assisi ist für uns immer schon eine Hochburg gewesen. Es wird häufig von Vampiren aufgesucht, das ist immer schon so gewesen. Unsere Gattung ernährt sich nur von ihrem Vieh. Doch im Laufe der Zeit fällt das den Dorfbewohnern dann auf.
Manchmal entdecken sie einen von uns, und dann wird die Lage unerträglich. Also lassen wir uns hin und wieder von ihnen beerdigen. Wir lassen sie ihre dummen, kleinen Menschenrituale durchführen und geben ihnen das Gefühl, sie wären uns losgeworden. Und wenn sie nicht hinsehen, erheben wir uns einfach wieder und kehren in unser Leben zurück.
Doch manchmal erhebt sich ein Vampir zu früh oder wird dabei beobachtet – dann kommt der Mob. Das geht vorüber, wie immer. Zwar lenkt ein solcher Zwischenfall unerwünschte Aufmerksamkeit auf uns, aber zum Glück immer nur vorübergehend.«
»Es tut mir leid«, sagte Caitlin, die jetzt ein schlechtes Gewissen hatte.
»Mach dir keine Gedanken«, erwiderte er. »Das war deine erste Zeitreise, du hattest noch nicht alles unter Kontrolle. Man braucht ein paar Versuche, bis man sich daran gewöhnt hat. Selbst die Besten von uns können ihr Wiederauftauchen nicht perfekt steuern. Es ist immer schwer zu sagen, wann und wo genau man landet. Aber du hast deine Sache gut gemacht«, fügte er hinzu und legte ihr sanft eine Hand auf den Arm.
Sie bogen in einen Gang mit einer niedrigen Gewölbedecke ein.
»Außerdem hast du dich auch gut aus der Affäre gezogen«, fuhr er fort. »Schließlich bist du in die Kirche gekommen.«
Caitlin erinnerte sich, wie sie die Kirche gesehen hatte, als sie über das Feld gerannt war.
»Es ist mir einfach nur logisch erschienen, zur Kirche zu laufen«, antwortete sie. »Sie war das erste Gebäude, das mir ins Auge gefallen ist, außerdem wirkt sie wie eine Festung.«
Lächelnd schüttelte er den Kopf. »In der Welt der Vampire gibt es keine Zufälle«, sagte er. »Alles ist vorherbestimmt. Ein Gebäude, das auf dich sicher wirkt, kann einem anderen durchaus unsicher vorkommen. Nein, du hast dich aus einem bestimmten Grund für diesen Ort entschieden. Aus einem ganz bestimmten Grund. Du solltest mich finden.«
»Aber Sie sind doch ein Priester.«
Er schüttelte ganz leicht den Kopf. »Du bist noch so jung, du hast noch so viel zu lernen. Wir haben unsere eigene Religion, unsere eigene religiöse Überzeugung. Sie unterscheidet sich gar nicht mal so sehr von der der Kirche. Man kann ein Vampir sein und trotzdem ein Leben im Dienste der Religion führen. Vor allem unsere Vampirgattung«, fügte er hinzu. »Ich unterstütze sogar täglich das Seelenleben der Menschen. Schließlich verfüge ich im Gegensatz zu den Menschenpriestern über die Weisheit von Jahrtausenden auf diesem Planeten. Glücklicherweise wissen die Menschen nicht, dass ich kein Mensch bin. Sie halten mich einfach für den Gemeindepriester.«
In Caitlins Kopf drehte sich alles, während sie versuchte, diese Informationen zu verarbeiten. Das Bild eines Vampirpriesters war in ihren Augen widersinnig. Die Vorstellung, dass es eine Vampirreligion gab, die innerhalb der Kirche praktiziert wurde, kam ihr sehr seltsam vor.
Doch so faszinierend das Ganze auch war, so war es trotzdem nicht das, was sie wirklich interessierte. Sie wollte Informationen über Caleb haben. Hatte er die Reise überlebt? Wo war er jetzt?
Und sie wollte unbedingt wissen, was mit ihrem Kind war. War sie noch schwanger, hatte das Baby überlebt?
In der Hoffnung, dass der Priester ihre unausgesprochenen Fragen beantworten würde, dachte sie sehr intensiv daran.
Doch er ging nicht auf ihre Gedanken ein.
Obwohl sie ganz sicher war, dass er wusste, was sie dachte, zog er es vor, ihre Fragen nicht zu beantworten. Damit zwang er sie, ihre Fragen laut zu stellen. Doch wahrscheinlich wusste er auch, dass sie Angst vor den Antworten hatte.
»Und was ist mit Caleb?«, fragte sie schließlich mit bebender Stimme. Um sich nach ihrem Kind zu erkundigen, war sie zu nervös.
Sein Lächeln verblasste, als er ganz leicht zusammenzuckte.
Furcht breitete sich in ihr aus.
Bitte, dachte sie. Bitte keine schlechten Nachrichten.
»Manche Dinge musst du selbst herausfinden«, antwortete er schließlich. »Manche Dinge darf ich dir nicht sagen. Du musst diese Reise unternehmen, ganz allein du.«
»Aber ist er hier?«, fragte sie voller Hoffnung. »Hat er es geschafft?«
Der Priester presste die Lippen zusammen. Er ließ die Frage unbeantwortet im Raum stehen – für eine gefühlte Ewigkeit.
Als sie schließlich vor einer weiteren Treppe stehen blieben, drehte er sich zu ihr um und sah sie an. »Ich wünschte, ich könnte dir mehr sagen«, erklärte er. »Wirklich.«
Dann hob er seine Fackel höher und stieg die Stufen hinunter.
Sie betraten einen langen Gewölbegang, dessen Decken mit Gold verziert und exquisit gestaltet waren. Sie waren vollständig mit Fresken in leuchtenden Farben überzogen, und die Bögen dazwischen waren vergoldet. Die Decken leuchteten förmlich.
Das Gleiche traf auf den Boden zu. Er bestand aus wunderschönem, rosa Marmor und sah aus, als wäre er frisch geputzt worden. Diese unterirdische Ebene der Kirche war prachtvoll und sah aus wie eine antike Schatzkammer.
»Wow«, stieß Caitlin unwillkürlich hervor. »Was ist das für ein Ort?«
»Es ist ein Ort voller Wunder. Du bist in der Kirche zum heiligen Franz von Assisi. Sie ist für uns ein sehr heiliger Ort. Die Leute – sowohl Menschen als auch Vampire – pilgern von weither zu diesem Ort. Franz von Assisi war der Schutzpatron der Tiere und auch aller Lebewesen, die keine Menschen sind – dazu gehören auch die Vampire. Es heißt, dass an diesem Ort Wunder geschehen. Seine Energie beschützt uns hier.
Du bist nicht durch Zufall hier gelandet«, fuhr er fort. »Dieser Ort stellt ein Portal für dich dar, er ist der Startpunkt für deinen Weg, deine Pilgerreise.«
Er drehte sich um und sah sie an.
»Du hast immer noch nicht begriffen«, fuhr er fort, »dass du dich auf einer Reise befindest. Und manche Pilgerreisen dauern Jahre und gehen über sehr weite Strecken.«
Caitlin dachte nach. Sie fühlte sich überwältigt. Eigentlich wollte sie gar keine Reise machen. Sie wollte nach Hause, zusammen mit Caleb, und wieder gesund und munter im einundzwanzigsten Jahrhundert sein – diesen ganzen Albtraum hier wollte sie am liebsten schnell hinter sich lassen. Wie satt sie es war, immer unterwegs zu sein, ständig auf der Flucht, pausenlos auf der Suche. Sie wollte einfach nur ein normales Leben führen, das Leben eines ganz normalen Teenagers.
Doch dann gebot sie sich selbst Einhalt, denn es führte zu nichts, wenn sie diese Gedanken weiterverfolgte. Die Dinge hatten sich endgültig geändert, und nichts würde mehr so sein wie zuvor. Sie rief sich ins Gedächtnis, dass der Wandel jetzt ihre neue Normalität war. Nie wieder würde sie das alte, durchschnittliche Menschenmädchen Caitlin sein. Inzwischen war sie älter und weiser. Und auch wenn ihr der Gedanke nicht behagte – sie war auf einer ganz speziellen Mission, die sie einfach akzeptieren musste.
»Aber worin besteht meine Pilgerschaft?«, wollte Caitlin wissen. »Was ist meine Bestimmung? Wohin genau reise ich überhaupt?«
Er ging voraus zum Ende des letzten Ganges und blieb dann vor einem großen, kunstvoll verzierten Grabmal stehen.
Als Caitlin die Energie spürte, die von dem Grab ausging, war ihr sofort klar, dass es sich um das Grab des heiligen Franz von Assisi handeln musste. Durch die bloße Nähe zu der Grabstätte wurden ihre Kräfte aufgeladen – sie wurde zunehmend stärker und hatte das Gefühl, bald wieder sie selbst zu sein. Erneut fragte sie sich, ob sie als Mensch oder als Vampir zurückgekehrt war. Sie vermisste ihre Kräfte sehr.
»Du bist immer noch ein Vampir«, sagte der Priester. »Mach dir keine Sorgen. Es dauert einfach eine Weile, bis du wieder du selbst wirst.«
Obwohl es ihr peinlich war, dass sie schon wieder vergessen hatte, ihre Gedanken zu schützen, fühlte sie sich durch seine Worte getröstet.
»Du bist eine ganze besondere Person, Caitlin«, sagte er eindringlich. »Wir Vampire brauchen dich dringend. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass ohne dich unsere ganze Gattung und auch die Menschheit vom Aussterben bedroht sind. Wir brauchen dich. Wir brauchen deine Hilfe.«
»Aber was soll ich denn tun?«, fragte sie verzagt.
»Wir sind darauf angewiesen, dass du den Schutzschild findest«, erklärte er. »Und um dem Schild auf die Spur zu kommen, musst du zuerst deinen Vater aufspüren. Nur er – einzig und allein er – weiß, wo es ist. Und um ihn zu finden, musst du deinen Clan suchen. Deinen richtigen Clan.«
»Aber ich habe keine Ahnung, wo ich anfangen soll«, erwiderte sie. »Ich weiß ja nicht mal, warum ich an diesem Ort und in dieser Zeit gelandet bin. Warum Italien? Warum im Jahr 1790?«
»Die Antworten auf diese Fragen musst du selbst herausfinden. Aber ich kann dir versichern, dass es ganz besondere Gründe dafür gibt, warum du in dieser Zeit wieder aufgetaucht bist. Du wirst ganz spezielle Leute treffen und ganz besondere Aufgaben erfüllen. Und dieser Ort hier und diese Zeit werden dich zu dem Schild führen.«
Caitlin überlegte.
»Aber ich weiß doch gar nicht, wo mein Vater ist. Und ich weiß immer noch nicht, wo ich anfangen soll.«
Lächelnd sah er sie an. »Doch, du weißt es«, widersprach er. »Das ist dein Problem, du vertraust deiner Intuition nicht. Du musst lernen, tief in deinem Inneren zu suchen. Probier es aus, jetzt gleich. Schließ die Augen und atme tief und gleichmäßig.«
Caitlin tat, was er ihr geraten hatte.
»Stell dir die Frage: Wohin muss ich als Nächstes gehen?«
Caitlin zerbrach sich den Kopf, doch nichts geschah.
»Lausche dem Geräusch deines Atems. Werde innerlich ganz ruhig.«
Als Caitlin seiner Anweisung folgte und es tatsächlich schaffte, sich zu konzentrieren und gleichzeitig zu entspannen, blitzten in ihrem Kopf plötzlich Bilder auf. Schließlich schlug sie die Augen wieder auf und sah ihn an.
»Ich sehe zwei Orte«, sagte sie. »Florenz und Venedig.«
»Gut«, antwortete er. »Sehr gut.«
»Aber ich bin verwirrt. Wohin soll ich denn jetzt zuerst gehen?«
»Bei einer Reise gibt es keine falsche Wahl. Jeder Weg bringt uns nur an einen anderen Ort. Die Entscheidung liegt ganz bei dir. Deine Bestimmung ist sehr stark, aber trotzdem hast du Willensfreiheit. Du kannst bei jedem Schritt wählen. Jetzt zum Beispiel stehst du vor einer sehr wichtigen Entscheidung. In Florenz wirst du deinen Verpflichtungen nachkommen und dem Schutzschild ein Stück näherkommen. Das ist das, was gebraucht wird. Doch in Venedig geht es um eine Herzensangelegenheit. Also musst du zwischen deiner Mission und deinem Herzen wählen.«
Caitlins Herz schlug schneller.
Herzensangelegenheit. Hieß das, dass Caleb in Venedig war?
Ihr Herz zog sie nach Venedig, doch ihr Verstand sagte ihr, dass Venedig der Ort war, an dem sie sein sollte, um ihren Auftrag zu erfüllen.
Sie fühlte sich hin- und hergerissen.
»Du bist jetzt eine erwachsene Frau«, fuhr der Priester fort. »Du triffst deine Wahl. Doch wenn du der Stimme deines Herzens folgst, wird Leid daraus entstehen«, warnte er. »Der Weg des Herzens ist nie leicht – und auch nie so, wie man es erwartet.«
»Ich bin völlig durcheinander«, gestand sie hilflos.
»Wir arbeiten am besten, wenn wir träumen«, sagte er. »Nebenan befindet sich ein Kloster, in dem du übernachten kannst. Triff deine Entscheidung einfach morgen. Bis dahin wirst du auch wieder vollkommen wiederhergestellt sein.«
»Danke«, sagte sie, ergriff seine Hand und drückte sie.
Als er sich umdrehte, um zu gehen, schlug ihr Herz heftig. Es gab noch eine letzte Frage, die sie ihm unbedingt stellen musste – die wichtigste von allen. Aber ein Teil von ihr hatte große Angst davor. Zitternd öffnete sie den Mund, um zu sprechen, aber er war so trocken, dass kein Ton herauskam.
Er ging den Gang entlang und war schon fast verschwunden, als sie schließlich den Mut aufbrachte.
»Warten Sie!«, rief sie. Dann fügte sie leiser hinzu: »Bitte, ich habe noch eine Frage.«
Er blieb stehen, wandte sich jedoch nicht zu ihr um. Er schien zu wissen, was sie fragen wollte.
»Mein Baby«, stieß sie mit bebender Stimme hervor. »Hat er … sie … es überlebt? Die Reise? Bin ich noch schwanger?«
Jetzt drehte er sich langsam um und sah sie an. Dann senkte er den Blick.
»Es tut mir leid«, antwortete er dann so leise, dass sie ihn kaum verstand. »Du bist in die Vergangenheit gereist. Kinder können nur vorwärtsgehen. Dein Kind lebt, aber nicht in dieser Zeit, sondern in der Zukunft.«
»Aber …«, widersprach sie aufgewühlt. »Ich dachte, Vampire können nur in die Vergangenheit reisen, nicht in die Zukunft.«
»Das stimmt. Ich fürchte, dein Kind lebt ohne dich in einer anderen Zeit an einem anderen Ort.« Erneut schlug er die Augen nieder. »Es tut mir so leid«, fügte er hinzu.
Mit diesen abschließenden Worten drehte er sich um und verschwand endgültig.
Und Caitlin fühlte sich, als hätte ihr jemand einen Dolch mitten ins Herz gestoßen.
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