Kyle durchbrach den steinernen Sarg mit einem einzelnen Faustschlag. Er zersplitterte in eine Million Stücke, und er trat geradewegs aus dem aufrecht stehenden Sarg hervor, auf den Beinen und kampfbereit.
Er wirbelte herum, bereit, jeden anzugreifen, der auf ihn zukommen sollte. Tatsächlich hoffte er, dass jemand zum Kämpfen auf ihn losging. Diese Zeitreise war besonders nervend gewesen, und er hatte Lust, seinen Zorn an jemandem auszulassen.
Doch als er sich umblickte, sah er zu seiner Enttäuschung, dass die Kammer leer war. Da war nur er.
Langsam kühlte sein Zorn ab. Zumindest war er am richtigen Ort gelandet und, wie er jetzt schon spüren konnte, in der richtigen Zeit. Er wusste, dass er geübter im Zeitreisen war als Caitlin, und er konnte sich genauer platzieren. Er blickte sich um, und zu seiner Zufriedenheit sah er, dass er genau da war, wo er sein wollte: Les Invalides.
Les Invalides war ein Ort, den er immer schon geliebt hatte, ein wichtiger Ort für jene seiner Art, die mehr dem Bösen geneigt waren. Ein Mausoleum tief unter der Erde, aus Marmor erbaut, wunderschön verziert, mit Sarkophagen, die sich an den Mauern entlang reihten. Das Gebäude hatte eine zylindrische Form, mit einer 30 Meter hoch aufragenden Decke, die in einer Kuppel endete. Es war ein Ort der Trauer, die perfekte Ruhestätte für all die Elitesoldaten Frankreichs. Es war auch, wie Kyle wusste, der Ort, an dem Napoleon eines Tages bestattet sein würde.
Doch noch nicht. Es war erst 1789, und Napoleon, der kleine Bastard, war noch am Leben. Eines von Kyles Lieblingsexemplaren ihrer Art. Er würde gerade um die 20 Jahre alt sein, erkannte Kyle, gerade am Anfang seiner Karriere. Er würde noch einige Zeit lang nicht hier begraben sein. Da natürlich Napoleon von seiner Art war, war das Begräbnis eine reine Schau, rein dazu gedacht, die Massen der Menschen glauben zu lassen, er wäre einer von ihnen gewesen.
Kyle lächelte beim Gedanken daran. Hier war er nun, in Napoleons letzter Ruhestätte, bevor Napoleon überhaupt „gestorben“ war. Er freute sich darauf, ihn wiederzusehen und in alten Zeiten zu schwelgen. Immerhin war er einer der wenigen seiner Art, für den Kyle zumindest halben Respekt übrig hatte. Aber er war auch ein arroganter kleiner Bastard. Kyle würde ihn zurechtstutzen müssen.
Kyle überquerte langsam mit hallenden Schritten den Marmorboden und sah sich an. Er hatte schon bessere Zeiten gesehen. Er hatte ein Auge an dieses grässliche kleine Kind, Calebs Sohn, verloren, und sein Gesicht war immer noch entstellt von dem, was Rexius ihm in New York angetan hatte. Als wäre das nicht genug, hatte er nun eine große Wunde an der Wange von dem Speer, den Sam im Kolosseum auf ihn geschleudert hatte. Er war ein Wrack, und das wusste er.
Aber es gefiel ihm auch irgendwie. Er war ein Überlebender. Er war am Leben, und niemand hatte es geschafft, ihn aufzuhalten. Und er war wütender als je zuvor. Nicht nur war er entschlossen, Caitlin und Caleb davon abzuhalten, das Schild zu finden, doch nun war er auch fest entschlossen, sie beide bezahlen zu lassen. Sie leiden zu lassen, so wie er gelitten hatte. Sam stand auch auf seiner Liste. Sie alle drei—er würde vor nichts Halt machen, bevor er nicht jeden von ihnen genüsslich gefoltert hatte.
Mit wenigen Sprüngen lief Kyle die Marmortreppe hoch und in das obere Geschoss des Grabmals. Er schlug einen Bogen zum Ende der Kapelle unter der riesigen Kuppel, und griff hinter den Altar. Er befühlte die Mauer aus Kalkstein, suchend.
Endlich fand er, was er gesucht hatte. Er drückte einen versteckten Riegel, und ein Geheimfach öffnete sich. Er griff hinein und zog ein langes, silbernes Schwert hervor, dessen Griff mit Juwelen besetzt war. Er hielt es gegen das Licht und begutachtete es zufrieden. Genau so, wie er es in Erinnerung hatte.
Er warf es sich über die Schulter, drehte sich um und machte sich auf den Weg den Korridor entlang zum Eingangstor. Er holte aus und mit einem mächtigen Tritt flog die große Eichentür aus den Angeln. Der Krach hallte durch das leere Gebäude. Kyle war zufrieden darüber, dass er seine volle Kraft bereits zurückhatte.
Kyle sah, dass es eine ruhige Nacht war, und er entspannte sich. Wenn er wollte, konnte er durch die Nacht fliegen, direkt auf sein Ziel zu—doch er wollte seine Zeit genießen. Das Paris von 1789 war ein besonderer Ort. Es war immer noch, erinnerte er sich, gespickt mit Huren, Säufern, Spielern, Kriminellen. Hinter den schönen Fassaden und der Architektur lag ein ausgedehntes Nachtleben im Untergrund. Er liebte es. Die Stadt stand ihm zur vollen Verfügung.
Kyle hob das Kinn, lauschte, spürte, schloss die Augen. Er konnte Caitlins Präsenz in der Stadt deutlich spüren. Und Calebs. Bei Sam war er sich nicht so sicher, aber er wusste, dass zumindest zwei von ihnen hier waren. Das war gut. Nun musste er sie nur noch finden. Er würde sie überrumpeln und, schätzte er, sie recht einfach beide umbringen können. Paris war ein viel simplerer Ort. Es gab keinen großen Rat der Vampire wie in Rom, dem er Rede und Antwort stehen musste. Noch besser, es gab hier einen starken bösen Clan, geführt von Napoleon. Und Napoleon war ihm was schuldig.
Kyle beschloss, dass der erste Punkt auf seiner Tagesordnung sein würde, den verkümmerten kleinen Kerl aufzuspüren und ihn bezahlen zu lassen. Er würde von Napoleon alle seine Männer einfordern, die tun sollten, was sie konnten, um Caitlin und Caleb aufzuspüren. Er wusste, dass Napoleons Männer nützlich sein würden, wenn er auf Widerstand stoßen sollte. Er würde diesmal nichts dem Zufall überlassen.
Aber er hatte noch Zeit. Er konnte zuerst seinen Durst stillen und seine beiden Füße fest auf den Boden pflanzen. Außerdem war sein Plan hier bereits in Bewegung gesetzt worden. Bevor er Rom verlassen hatte, hatte er seinen alten Handlanger Sergei aufgetrieben und ihn hierher vorausgeschickt. Wenn alles nach Plan verlaufen war, war Sergei bereits hier und hart an der Arbeit, ihre Mission zu erfüllen und Aidens Clan zu infiltrieren. Kyle grinste breit. Er liebte nichts mehr als einen Verräter, ein kleines Wiesel wie Sergei. Er hatte sich zu einem äußerst nützlichen Spielzeug entwickelt.
Kyle sprang wie ein Schuljunge voll Freude die Treppen hinunter, bereit, sich direkt auf die Stadt zu stürzen und sich zu nehmen, was immer er wollte.
Als Kyle die Straße entlang lief, sprach ihn ein Straßenkünstler an, ihm Leinwand und Pinsel entgegenstreckend, ihm deutend, er möge ihm gestatten, ihn zu malen. Wenn Kyle eines hasste, dann war das jemand, der ihn malen wollte. Er hatte aber so gute Laune, dass er beschloss, den Mann am Leben zu lassen.
Doch als der Mann nicht nachgab und Kyle aggressiv nachlief und ihm die Leinwand entgegenstieß, verspielte er sein Glück. Kyle holte aus, packte seinen Pinsel und stieß ihm dem Mann direkt zwischen die Augen. Eine Sekunde später brach der Mann tot zusammen.
Kyle nahm die Leinwand und zerfetzte sie über der Leiche.
Kyle setzte recht selbstzufrieden seinen Weg fort. Es war jetzt schon eine großartige Nacht.
Als er in eine gepflasterte Gasse einbog, auf dem Weg in den Bezirk, an den er sich erinnerte, fühlte sich alles langsam wieder vertraut an. Mehrere Huren säumten die Straßen und winkten ihn zu sich. Gleichzeitig stolperten zwei große Männer aus einer Kneipe hervor, eindeutig betrunken, und stießen Kyle hart an, nicht darauf achtend, wohin sie gingen.
„He, du Idiot!“, schrie ihn einer von ihnen an.
Der andere wandte sich Kyle zu. „He, Einauge!“, schrie er. „Pass auf, wo du hinläufst!“
Der große Mann hob die Arme, um Kyle einen kräftigen Stoß an die Brust zu versetzen.
Doch seine Augen weiteten sich überrascht, als sein Stoß keine Wirkung zeigte. Kyle war nicht von der Stelle gerückt; es war, als hätte er eine Steinmauer gestoßen.
Kyle schüttelte langsam den Kopf, erstaunt über die Dummheit dieser Männer. Bevor sie reagieren konnten, griff er nach hinten über seine Schulter, zog sein Schwert mit einem Klirren, und mit einer fließenden Bewegung schwang er es und schlug ihnen beiden im Bruchteil einer Sekunde die Köpfe ab.
Er sah zufrieden zu, wie ihre Köpfe davonrollten und beide Körper zu Boden sackten. Er steckte sein Schwert weg, packte eine der kopflosen Leichen und zog sie zu sich. Er versenkte seine Fangzähne direkt im offenen Hals und trank herzhaft, während das Blut herausspritzte.
Kyle konnte die Schreie der Huren um ihn herum ausbrechen hören, als sie sahen, was geschah. Dem folgten die Geräusche von Türen und Fensterläden, die zugeschlagen wurden.
Die ganze Stadt hatte jetzt schon vor ihm Angst, erkannte er.
Gut, dachte er sich. Das war eine Begrüßung, wie er sie gern hatte.
Caitlin und Caleb flogen weg von Paris, bei Tagesanbruch über die französische Landschaft; sie klammerte sich fest an seinen Rücken, während er durch die Luft sauste. Sie fühlte sich inzwischen stärker und hatte das Gefühl, wenn sie fliegen wollte, dann könnte sie dies nun. Doch sie wollte ihn nicht loslassen. Sie liebte es, wie sein Körper sich anfühlte. Sie wollte ihn einfach nur festhalten, spüren, wie es war, wieder zusammenzusein. Sie wusste, es war verrückt, aber nachdem sie so lange getrennt gewesen waren, hatte sie Angst, dass er für immer davonfliegen würde, wenn sie ihn nun losließ.
Unter ihnen änderte sich die Landschaft ständig. Recht bald verschwand die Stadt, und die Landschaft wurde zu dichten Wäldern und sanften Hügeln. Näher an der Stadt lagen gelegentlich Häuser, Bauernhöfe. Doch je weiter sie sich entfernten, umso offener wurde das Land. Sie kamen an einem Feld nach dem anderen vorbei, weitläufigen Wiesen, gelegentlichen Bauernhöfen, grasenden Schafen. Aus Schornsteinen stieg Rauch auf, und sie nahm an, dass Leute am Kochen waren. Wäscheleinen spannten sich über Rasen, und Laken hingen von ihnen herunter. Es war ein idyllischer Anblick, und die Juli-Temperaturen waren gerade genug gesunken, dass die kühlere Luft, besonders so hoch hier oben, erfrischend war.
Nach stundenlangem Fliegen machten sie eine Kurve, und der neue Ausblick raubte Caitlin den Atem: da am Horizont lag ein schimmerndes Meer, leuchtend blau, dessen Wellen gegen eine endlose, unberührte Küste rauschten. Als sie näherkamen, stieg das Land höher an, und die sanften Hügel kamen direkt ans die Küste heran.
Eingebettet in die Hügel, inmitten des hohen Grases, sah sie ein vereinzeltes Gebäude am Horizont stehen. Es war eine prächtige mittelalterliche Burg, aus antikem Kalkstein gestaltet, übersät mit kunstvollen Skulpturen und Wasserspeiern. Sie lag hoch auf einem Hügel eingebettet, überblickte das Meer und war umringt von Feldern von Wildblumen, soweit das Auge reichte. Es war atemberaubend schön, und Caitlin fühlte sich, als wäre sie in einer Postkarte gelandet.
Caitlins Herz schlug vor Aufregung hoch, als sie sich fragte, ob dies, wie sie zu träumen wagte, Calebs Heim sein konnte. Irgendwie spürte sie, dass es das war.
„Ja“, rief er ihr durch den Wind zu, wie immer ihre Gedanken lesend. „Hier ist es.“
Caitlins Herz pochte vor Entzücken. Sie war so aufgeregt, und fühlte sich so stark, dass sie bereit war, selbst zu fliegen.
Sie sprang plötzlich von Calebs Rücken herunter und schwang sich durch die Luft. Einen Moment lang war sie entsetzt, unsicher, ob ihre Flügel hervortreten würden. Doch einen Moment später taten sie es und trugen sie durch die Luft.
Sie liebte das Gefühl, wie die Luft durch sie floss. Es fühlte sich toll an, sie wiederzuhaben, unabhängig zu sein. Sie stieg und fiel, schoss in die Höhe neben Caleb, der ihr Lächeln erwiderte. Sie stürzten sich gemeinsam in die Tiefe, dann hoch, schwangen sich hin und her durch die Luftlinie des anderen, und manchmal berührten sich ihre Flügelspitzen.
Gemeinsam schwangen sie sich hinunter, auf die Burg zu. Sie sah uralt aus; sie wirkte abgenutzt, aber nicht auf schlechte Art. Für Caitlin fühlte sie sich jetzt schon an wie ein Zuhause.
Während sie alles in sich aufnahm, die Landschaft betrachtete, die sanften Hügel, den fernen Ozean, verspürte sie das erste Mal seit sie sich erinnern konnte eine Art Frieden. Sie fühlte sich, als wäre sie endlich zuhause. Sie konnte ihr gemeinsames Leben mit Caleb hier sehen, zusammenleben, vielleicht sogar noch einmal eine Familie gründen, wenn das möglich war. Sie würde glücklich den Rest ihrer Tage hier mit ihm verbringen—und endlich, endlich, konnte sie nichts sehen, dass ihnen dazu im Weg stand.
Caitlin und Caleb landeten zusammen vor seiner Burg, und er nahm ihre Hand und führte sie zum Eingangstor. Die Eichentür war von einer dicken Schicht Staub und Meersalz überzogen und war eindeutig schon jahrelang nicht geöffnet worden. Er probierte den Türknauf. Sie war verschlossen.
„Es ist hunderte Jahre her“, sagte er. „Ich bin freudig überrascht, dass sie überhaupt noch hier ist, nicht von Vandalen zerstört—dass sie sogar immer noch verschlossen ist. Es gab da einen Schlüssel…“
Er streckte die Hand hoch über den Türrahmen hinaus und fühlte die Kerbe hinter dem Steinbogen. Er suchte sie mit den Fingern ab, und schließlich hielt er inne und holte einen langen silbernen Skelettschlüssel hervor.
Er schob ihn ins Schloss, und er passte perfekt. Mit einem Klicken drehte er ihn herum.
Er lächelte ihr zu und trat zur Seite. „Du hast die Ehre“, sagte er.
Caitlin drückte gegen die schwere mittelalterliche Tür, und sie öffnete sich langsam, krächzend, und Brocken von verkrustetem Salz fielen dabei von ihr ab.
Gemeinsam gingen sie hinein. Der Eingangsraum war düster und von Spinnweben überzogen. Die Luft war abgestanden und feucht, und man konnte spüren, dass sie seit Jahrhunderten nicht mehr betreten worden war. Sie blickte an den hohen, gewölbten Steinmauern hoch, an den steinernen Fußböden entlang. Alles war von mehreren Schichten Staub überzogen, auch die Glasfenster, und das blockierte das Licht und ließ es finsterer erschienen, als es war.
„Hier entlang“, sagte Caleb.
Er nahm ihre Hand und führte sie einen engen Korridor hinunter, der am Ende in eine Festhalle führte, mit hohen, gewölbten Fenstern zu beiden Seiten. Hier drin war es wesentlich heller, selbst mit dem Staub. Hier drin standen auch noch einige übrig gebliebene Möbel: eine lange, mittelalterliche Eichentafel, umringt von reich verzierten Holzstühlen. Im Zentrum der Halle stand ein riesiger Marmorkamin, einer der größten Kamine, die Caitlin je gesehen hatte. Es war unglaublich. Caitlin fühlte sich, als wäre sie geradewegs wieder in die Cloisters marschiert.
„Ich habe es im 12. Jahrhundert bauen lassen“, sagte er, während er sich umblickte. „Damals war das der gängige Stil.“
„Du hast hier gelebt?“, fragte Caitlin.
Er nickte.
„Wie lange?“
Er dachte nach. „Nicht länger als ein Jahrhundert“, sagte er. „Zwei vielleicht.“
Caitlin war wieder einmal erstaunt über die riesigen Zeitschritte in der Welt der Vampire.
Plötzlich wurde sie jedoch besorgt, als ihr etwas anderes einfiel: hatte er hier mit einer anderen Frau gelebt?
Sie hatte Angst, zu fragen.
Plötzlich wandte er sich zu ihr herum und sah sie an.
„Nein, das habe ich nicht“, sagte er. „Ich habe hier allein gelebt. Das versichere ich dir. Du bist die erste Frau, die ich je hierher gebracht habe.“
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