Читать книгу «Der Dunkelgraf» онлайн полностью📖 — Ludwig Bechstein — MyBook.

4. Eine Lebensrettung.

Inhaltsverzeichnis

Eine Zeitlang ritt Graf Ludwig in trüben Gedanken durch die frühlingsknospende Waldung im stummen Schweigen dahin. Er fühlte, daß seine erste Jugendzeit mit jedem Schritt seines Rosses weiter hinter ihn zurücktrete, wie ein schöner Traum, daß eine eigenthümliche Welt hinter ihm sinke, in der er heimisch und glücklich gewesen war, und mit dem heutigen Tage eine neue fremde Welt sich ihm aufthue, die er noch nicht kannte und die keineswegs geneigt sein werde, ihn mit Liebe zu empfangen und auf Rosen zu betten. Bald genug erinnerte schon der immer schlechtere Weg durch das Gehölz an den rauhen Boden der Wirklichkeit, und störte gewaltsam die Erinnerungen an das entschwundene Jugendglück. Es galt, dem Schritt der Pferde mit Aufmerksamkeit zu folgen und sie so zu lenken, daß sie nicht allzutief in die zahllosen Moraststellen traten. Hie und da lagen noch von Buschwerk geschützte und gehäufte Schneemassen, die weder Sonne noch Regen bisher zu überwältigen vermochten, und so waren Herr und Diener herzlich froh, als nach einem langsamen und beschwerlichen Ritt der Waldweg ein Ende nahm und ein Gehöft erreicht wurde, das aus nur wenigen Häusern bestand und den Namen Clus führte; es saß ein gräflicher Zinsbauer dort und hielt eine kleine Schankwirthschaft.

Dort stieg der junge Graf mit Philipp ab, damit der Knecht des Bauern die Füße der Pferde ein wenig wasche und reinige. Ludwig erging sich in seinen Gedanken, die auf’s Neue brütend und trübe wurden, in der Nähe des Gehöfts, während Philipp dem Knechte behülflich war und mit diesem und dem Bauer schwatzte, und da war ringsum nichts, was aufheiternd auf des Jünglings Seele zu wirken vermocht hätte. Selbst der klare blaue Morgenhimmel hatte getäuscht, den zahllosen Mooren des Landes waren so viele und starke Nebel entdampft, daß sie emporziehend den Himmel wieder völlig verdüstert hatten. So hemmten sie zwar die Aussicht und Fernsicht nicht ganz, aber welche Aussicht und welche Fernsicht ließen sie frei! Oede farblose Haidestrecken, so weit das Auge reichte, und weit reichte es nicht, denn die völlige Fläche der Gegend gönnte keinen ausgedehnten Blick. Der Freund schöner, romantischer Gegenden darf nicht in diese sumpfigen Oeden wallen; hier in diesen Nordseeküstenländern erhebt nur eins die Seele, das ist das Meer, das gewaltige Meer! Zur Rechten streifte der Blick am Vareler Busch, der hier endete, ostwärts bis Seggehorn und Jürgengrave hinab, Oertchen, die der Wald verdeckte. Dort am Nordrande des beschränkten Rundes der Aussicht grenzten der Kirchthurm von Bockhorn und die Windmühle dieses Ortes jene ab. Westwärts das weitgedehnte Marschland des Amtes Neuenburg – dort ein einsames Gehöft – es heißt Grabhorn – dort wieder eins – es heißt Grabstätte – und ganz nahe dem Hofe Clus, im Westen, da erhob sich auf einem niedrigen Hügel jener Ort, den am gestrigen Abend die alte Reichsgräfin in ihrem Zorne genannt: der Vareler Rabenstein, und zeichnete seine düstern Formen wie eine dunkle Gespensterwarte auf die graue Nebelwand, die dahinter stand und nach dieser Richtung hin den Fernblick völlig abschnitt. Das war eine Umgebung, ganz geeignet, Gedanken düsterer Melancholie zu wecken und zu nähren.

Jetzt gedachte Ludwig des empfangenen Briefes, er zog denselben hervor, und stärker klopfte sein Herz – was konnte der Brief enthalten? Jedenfalls eine Ausforderung zum Kampfe auf Tod und Leben – nach dem was vorgefallen war, gab es keinen andern Weg der Sühne für beiderseitige unaussprechliche Beleidigung. Folgendes schrieb der Erbherr:

»Der gestrige Vorgang trennt uns beide für dieses Leben, keiner von uns darf und wird den andern mehr kennen. Verzeihen können wir einander die gegenseitigen, in maßloser Uebereilung ausgestoßenen Beleidigungen, aber vergessen können wir sie nicht. Ein Zweikampf wäre zwecklos und widersinnig, er wäre allzuungleich. Das Leben meines Gegners ist ein noch unbeschriebenes Blatt, es beginnt erst – warum sollte ich es zu vernichten trachten? Ich bin nicht mordlustig. Mein Leben aber gehört nicht mir allein, es gehört meiner Familie, es gehört noch höheren Zwecken, denen ich diene und treu dienen werde, es gehört meinem Vaterlande. Eines nur will ich aussprechen, und das allein ist der Zweck, weshalb ich überhaupt noch einmal das schriftliche Wort ergreife. Die alte Frau – in ihrer stets ungerechten und unbeugsamen Härte, in ihrem unermeßlichen Stolze auf ihre Familie und ihre Abkunft – hat auf das Empfindlichste die Ehre der Familie angegriffen, der sie sich doch ohne Zwang verbunden hat. Wenn nun in meinem Gegner, wie sie zu sagen beliebte, wie in mir, das Blut jenes Ahnherrn, den sie nannte, fließt, so wird derselbe nicht wollen und wünschen, daß seine deutsche Abkunft wegwerfend behandelt und der französischen untergeordnet werde. Auch wir haben Familienehre, auch wir haben einen Namen von hellem Klang und guter Geltung, wenn wir auch nicht voll aragonischer Arroganz mit Königskronen und Sternenmänteln halbmythischer Personen prahlen. Nicht ererbter Glanz und hohe Namen eines wälschen Geschlechtes, das auch in den Schoos seiner Verwandtschaft eine Lucretia Borgia aufnahm, sondern Thaten, Thaten des Muthes, der Aufopferung und der Treue, haben unsern Vorfahren die Wege zu Ruhm und Ehre gebahnt. Jener berühmte William schwang sich durch seine Treue und Einsicht von einem Leibpagen empor zum Baron von Cirenchester, Viscount von Woodstock, zum Grafen – zum Herzog von Portland, zum Pair von England. Er war es, der Wilhelm den Dritten, Prinzen von Oranien, auf den Königsthron Großbritanniens hob, er war es, der den weltgeschichtlichen Frieden zu Ryswik vermittelte und zu Stande brachte, und den von langjährigen Kriegen erschöpften Ländern die Ruhe wieder gab. Das wiegt schwerer als das verdienstlose Glück, in weiblicher Linie von einem vertriebenen Titularkönige von Neapel abzustammen, dem Frankreich das Gnadenbrod bis zu seinem ruhmlosen Tode gab. Meine Vettern in England bekleiden hohe Aemter zu Lande und bei der Marine, sie sind Lords und Ritter des Hosenbandordens, die Töchter des Hauses vermählten sich in die angesehensten englischen Familien, eine mit einem Grafen von Essex, eine andere mit Wilhelm, Lord Byron, u. s. w. Mein Großvater war Präsident des Rathes der Staaten von Holland und Westfriesland, ein Herr zu Rhoon und Pentrecht, welche Herrschaften in Holland noch heute mir und Niemand sonst, als meiner Familie gehören. Der Zwist, in dessen Folge die Großmutter sich von dem Großvater trennte, entsprang über die von ihrer Familie allerdings herrührenden deutschen Güter, und die so oft von der Ersteren im Munde geführte Beraubung ist nichts, als die vom Reichshofrath in Anspruch genommene Hülfe Dänemarks zum Behufe der Wiedereinsetzung meines Vaters in seine wohlerworbenen Rechte. Daß Streitigkeiten zwischen der englischen Linie des Hauses und der niederländischen entstanden, hervorgerufen durch die verschiedenartigsten und ungeheuer verwickelten Rechtsansprüche an die so zerstreut und fern von einander liegenden Besitzungen, ist genugsam bekannt, doch auch erwiesen, daß sie in Güte und für ewige Zeiten feierlich vertragen wurden, und nur die Großmutter ist es, die unaufhörlich ihre an das Fabelhafte grenzenden Ansprüche immer auf’s Neue erhebt, und wiederum auf neue sinnt, wenn man sich irgend geneigt zeigt, in einem und dem andern Punkte nachzugeben. Es ist vorauszusehen, daß nur ihr Tod diesen verwickelten Knoten lösen wird.

Mein Gemüth kennt keinen Haß, keine Rache, auch keinen Neid – nie habe ich gesucht, in ein Familiengeheimniß einzudringen und den Schlüssel einer dunkeln Abkunft zu finden, nie darnach gefragt, mit welchem Recht oder mit welchem Unrecht ein junger Mensch gleichsam als Sohn des Hauses im Hause und als der Großmutter bevorzugter Liebling auferzogen wurde, wenn auch oft durch Andere die Frage darnach an mich gethan ward. Gefällt es der Großmutter, die so gern verhüllt und verheimlicht, den Schleier zu heben, und finden sich dann Rechte an das Familiengut, so werde ich sie gewiß nicht antasten; finden sich aber keine rechtsbegründeten Ansprüche, und werden deren dennoch erhoben, so weiß ich, was ich mir und dem Namen, wie der makellosen Ehre meiner Familie schuldig bin. Damit wünsche ich dem Herrn Prätendenten Glück auf den Weg, und zeichne

Wilhelm Gustav Friedrich, des heiligen römischen Reiches Graf und regierender Souverain von In- und Kniphausen etc.

Schloß Varel, am 20. März 1794.«

Mit eigenthümlichen Gefühlen las Ludwig diesen Brief. Der Anfang hatte ihn versöhnt, der Schluß verletzte ihn wieder, das heiße Jugendblut kochte in ihm auf, und Glut trat auf seine Wangen.

So gibt er mir den Laufpaß, der mächtige »Souverain«, der Souverain über ein Paar Quadratmeilen Landes; und sieht mit Hohn auf mich, den nicht ebenbürtigen, ungesetzlichen Sprößling und Eindringling, herab! O Großmutter, Großmutter! Ich sag’ es noch einmal: wärst du doch gestern Abend nicht dazwischen getreten! Was soll mir das Leben mit einem geliehenen Namen, von dem ich nicht weiß, habe ich das Recht, ihn zu führen oder nicht? Ein Mensch ohne Namen ist wie ein Mensch ohne Schatten, beides ist ein Ding der Unmöglichkeit. Wie sprach die Großmutter? »Du mußt das Dunkel deiner Geburt mit dir nehmen als deinen Schatten!« – Also ein Schatten ist meine ganze Habe, mein Erbtheil – mein Alles – mein Name ist ein Darlehn – auch nur ein Schatten, meine Geburt – meine Abstammung, meine Herkunft – Alles Dunkel und Schatten – so bin ich denn ein Dunkelgraf – Hahaha! Es ist gleich sehr lächerlich, wie zum Verzweifeln!

Es war gut, daß Philipp die gereinigten Pferde vorführte und dadurch den trüben Gang der Gedanken des Jünglings unterbrach, den das Schmerzgefühl, sich namen- und heimathlos in die ihm fremde Welt hinaus gestoßen zu sehen, zu übermannen drohte. Sein Jugendleben war so schön und so sorgenlos, so freudenvoll und so glücklich dahin geflossen, wie ein heller freudiger Murmelbach muntern Laufs durch blumenvolle hellbesonnte Bergmatten rollt, und in Sprüngen über glattes Gestein und glänzende Kiesel hüpft. Treffliche Lehrer hatten ihn gut unterrichtet; ohne auf die Bahn eines Gelehrten geführt werden zu sollen, hatte man ihm doch eine Grundlage von der Kenntniß der alten Sprachen beigebracht, aber Ludwig sprach und schrieb auch gleich geläufig deutsch und holländisch, englisch und französisch. An den ritterlichen Uebungen des Reitens, Fahrens, Fechtens, Eislaufens, wie an den Künsten des Weidwerkes im Wald, auf Feld, auf Fluß und im Meere, war kein Unterricht gespart worden. Der junge, körperlich zart, aber doch kräftig entwickelte Mann vermochte das wildeste Roß zu bändigen, ein Boot durch stürmisch empörte Wellen glücklich zu rudern, und hatte stets Gefallen an solchen Uebungen der Kraft und Gewandtheit gefunden. –

Wohin denn reiten der junge gnädige Herr? mit dieser Frage riß Philipp den Sinnenden aus seinem grübelnden und brütenden Nachdenken, und diese Frage war eine äußerst wichtige, denn es gab nur zwei Wege, einer, der nach Norden zu den Städten und Orten und Inseln der Nordseeküste führte, und ein zweiter, der in gerade entgegengesetzter Richtung nach dem Herzen des Herzogthums Oldenburg und nach dessen Hauptstadt leitete; doch trat dem neuen Herkules am Scheidewege beim Clushof weder eine Gestalt der Tugend, noch eine des Lasters nahe, sondern nur die Gestalt des Bauers und seines Knechtes, die nach einem Trinkgeld für ihre Bemühung lungernd die groben schmutzigen und arbeitgewohnten Hände aufhielten.

Wohin wir reiten, Philipp? fuhr Ludwig aus seinen träumerischen und selbstquälerischen Gedanken auf, indem er die Ansprüche des Bauers und des Knechtes zu befriedigen Anstalt traf; denn wahrlich, er hatte an diese Frage selbst noch nicht gedacht, er hatte keine Absicht, keinen Plan, keinen Zweck, nie wurde mehr ein Ritt ins Blaue hinein, was in das Friesische übersetzt: ins Nebelgraue hinein lautet, angetreten, und so sah sich der Graf Ludwig wider Verhoffen und fast willenlos zu einem fahrenden Ritter und Abenteurer durch des Schicksals Willen gestempelt. Er überdachte einige Augenblicke die an ihn gestellte Frage und erwog deren Schwere. »Nach den Niederlanden!« Dies setzte sich in ihm als Hauptgedanke fest, aber welchen Weg dahin einschlagen? Den endlos langen einförmigen über Oldenburg, Quaakenbrück und Lingen, oder den an der frischen Nordsee, durch Friesland, wo täglich, ja stündlich sich Gelegenheit bot, zu Schiffe zu gehen und die Welt zu durchfahren? Nordwärts lichtete sich der Himmel und die Ferne, und die Bockhorner Mühle ließ ihre gewaltigen Flügel, ein Spiel des Windes, rasch umdrehen; südwärts schleierte die stehende Nebelwand alles ein, und so kam es, daß Ludwig, zumal ihm zu rechter Zeit die abschreckende Schilderung einfiel, welche ihm vor wenigen Stunden noch der Haushofmeister seiner Großmutter, Herr Windt, von seinem Wege gemacht, raschen Entschlusses auf seine Isabelle sich schwang und dem Diener, der ein Gleiches auf seinen Braunen gethan, gegen Bockhorn zu auf der sandigen Haidestraße voransprengte, bis es nöthig wurde, die Thiere wieder im gemachsamen Schritt gehen zu lassen. Der Weg war besser, und führte in schnurgerader Linie nach und durch Bockhorn, von da am Blauhand Grod und an cultivirtem und nicht cultivirtem Geestland vorüber, bis fast nahe zu den Deichdämmen des Jahdebusens, in die Herrlichkeit (soviel als Herrschaft) Gödens hinein und hindurch und endlich in die Herrlichkeit Kniphausen.

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