Читать книгу «Sewastopol» онлайн полностью📖 — Льва Толстого — MyBook.
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Wir wollen in den großen Saal des Kasinos gehen. Kaum haben wir die Thür geöffnet, da erschreckt uns plötzlich der Anblick und der Geruch von vierzig oder fünfzig amputierten, sehr schwer verwundeten Kranken, die einen auf Pritschen, die meisten auf der Diele liegend. Wir dürfen dem Gefühl, das uns an der Schwelle zurückhält, nicht nachgeben – es ist kein schönes Gefühl; gehen wir nur vorwärts, schämen wir uns nicht, daß wir gekommen, von den quälendsten Schmerzen Gepeinigte zu sehen – schämen wir uns nicht, zu ihnen zu gehen und mit ihnen zu sprechen: die Unglücklichen sehen gern ein mitfühlendes Menschenantlitz, sprechen gern von ihren Qualen und hören gern Worte der Liebe und Teilnahme ... Wir wollen in der Mitte der Lagerstätten entlang gehen und ein weniger düsteres und schmerzdurchfurchtes Gesicht suchen, zu dem wir hingehen können, um zu sprechen.

Wo bist du verwundet? – fragen wir unentschlossen und zaghaft einen alten, abgemagerten Soldaten, der auf einer Pritsche sitzt, uns mit einem treuherzigen Blicke verfolgt und uns aufzufordern scheint, an ihn heranzukommen. Ich sage: zaghaft fragen wir, weil Leiden nicht nur tiefes Mitgefühl, sondern auch Scheu vor der Möglichkeit zu beleidigen und Hochachtung vor dem, der sie erträgt, einflößen.

Am Bein, antwortet der Soldat, aber zugleich bemerken wir selber an den Falten der Decke, daß ihm ein Bein bis zum Knie fehlt. Gott sei Dank, fügt er hinzu: ich werde jetzt aus dem Lazarett entlassen werden.

Und ist es schon lange her, daß du verwundet worden bist?

Ja, vor sechs Wochen, Euer Wohlgeboren.

Schmerzt es dich jetzt?

Nein, jetzt schmerzt es nicht, – gar nicht; nur die Wade scheint mir weh zu thun, wenn schlechtes Wetter ist, das ist alles.

Wie und wo bist du verwundet worden?

Auf der fünften Bastion, Euer Wohlgeboren, wie das erste Bombardement war, ich hatte das Geschütz hergerichtet, wollte nach einer anderen Schießscharte gehen, und da traf er mich ins Bein, es war mir, als ob ich in eine Grube stürzte, – fort war das Bein.

Empfandest du nicht Schmerz in diesem ersten Augenblick?

Nein, nur ein Gefühl, als wenn ich mit etwas Heißem ans Bein gestoßen würde.

Nun, aber dann?

Und dann war weiter nichts; nur als man mir die Haut straff zog, war mir, als ob sie wund gerieben würde. Das Erste, Euer Wohlgeboren, ist, an nichts denken; wenn man nichts denkt, dann ist auch weiter nichts. Alles kommt daher, daß der Mensch denkt.

Da tritt an uns eine Frau heran, in einem grauen gestreiften Kleide, mit einem um den Kopf gebundenen schwarzen Tuch, sie mischt sich in unser Gespräch mit dem Matrosen und beginnt von ihm zu erzählen, von seinen Leiden, dem verzweifelten Zustande, in dem er sich vier Wochen lang befunden, – wie er, verwundet, die Tragbahre hatte anhalten lassen, um die Salve unserer Batterie zu sehen, wie die Großfürsten mit ihm gesprochen und ihm 25 Rubel geschenkt, und wie er ihnen gesagt, daß er wieder auf die Bastion wolle, um die jungen Leute zu unterweisen, wenn er selber nicht mehr arbeiten könnte. Während die Frau dies in einem Atem hersagt, sieht sie bald uns, bald den Matrosen an, der, abgewandt und als wenn er nicht auf sie hörte, auf seinem Kopfkissen Charpie zupft, – und ihre Augen leuchten dabei von einem besonderen Entzücken.

Das ist meine Hausfrau, Euer Wohlgeboren! bemerkt uns der Matrose, mit einem Ausdrucke, als wenn er spräche: Sie müssen ihr schon verzeihen, es ist einmal so, Weiber müssen dummes Zeug schwatzen.

Wir beginnen die Verteidiger Sewastopols zu verstehen, wir schämen uns förmlich vor diesem Menschen. Wir möchten ihm gar viel sagen, um ihm unser Mitgefühl und unsere Bewunderung auszudrücken, aber wir finden keine Worte oder sind nicht zufrieden mit denen, die uns gerade einfallen, und beugen uns schweigend vor dieser schweigsamen und unbewußten Größe und Stärke des Geistes, dieser Scham vor dem eigenen Werte.

Nun möge Gott dich bald gesund werden lassen, sagen wir zu ihm und bleiben vor einem anderen Kranken stehen, der auf der Diele liegt und in unerträglichen Schmerzen den Tod zu erwarten scheint.

Es ist ein blonder Mensch mit einem geschwollenen und bleichen Gesicht. Er liegt auf dem Rücken, den linken Arm hinten unter gelegt, in einer Lage, die fürchterliche Schmerzen ausdrückt. Der vertrocknete, geöffnete Mund stößt mit Mühe röchelnden Atem aus; die blauen, glanzlosen Augen rollen nach oben gerichtet, und aus der umgeschlagenen Decke ragt der mit Binden umwundene Stumpf des rechten Arms hervor. Der dumpfige Geruch, den der leblose Körper ausströmt, fällt uns stark auf die Brust, und die verzehrende, innerliche Hitze, die alle Glieder des Dulders durchdringt, bemächtigt sich auch unser.

Wie, ist er besinnungslos? fragen wir die Frau, die hinter uns geht und uns, wie Verwandte, freundlich ansieht.

Noch nicht, er hört, befindet sich aber sehr schlecht, fügt sie flüsternd hinzu, ich habe ihm heute Thee zu trinken gegeben; obwohl er mir fremd ist, so muß man doch Mitleiden haben, – er hat fast gar nicht mehr getrunken.

Wie fühlst du dich? fragen wir ihn.

Der Verwundete bewegt auf unsere Frage die Pupillen, aber er sieht und versteht uns nicht.

Im Herzen brennt's.

Ein wenig weiter sehen wir einen alten Soldaten, der die Wäsche wechselt. Sein Gesicht und Körper sind ziegelfarbig und mager wie bei einem Skelett. Der eine Arm fehlt ihm gänzlich, er ist ihm an der Schulter abgenommen worden. Er sitzt gefaßt da, – er befindet sich auf dem Wege der Besserung; aber an dem toten, trüben Auge, an der schrecklichen Magerkeit und den Runzeln des Gesichts erkennen wir, daß dieses Wesen schon den größeren Teil seines Lebens durchlitten hat.

Auf der anderen Seite sehen wir auf einer Pritsche ein leidendes, bleiches und zartes Frauengesicht, auf dessen Wangen flammende Röte spielt.

Das ist unsere Matrosenfrau, am 5. hat sie eine Bombe am Bein getroffen, sagt uns unsere Führerin, sie brachte ihrem Manne Essen auf die Bastion.

Hat man sie amputiert?

Sie ist über'm Knie amputiert worden.

Jetzt gehen wir durch eine Thür links, wenn unsere Nerven stark sind; in diesem Zimmer werden die Verwundeten verbunden und operiert. Wir sehen hier die Ärzte mit Blut an den Armen bis zu den Ellbogen und mit blassen, finsteren Gesichtern um eine Pritsche beschäftigt, auf der mit geöffneten Augen und wie im Fieber sinnlose, bisweilen einfache und rührende Worte sprechend, ein Verwundeter chloroformiert liegt. Die Ärzte sind mit einer widerwärtigen, aber wohlthätigen Arbeit beschäftigt. Wir sehen, wie ein scharfes krummes Messer in den weißen, gesunden Körper einschneidet; – wir sehen, wie der Verwundete mit einem schrecklichen, herzzerreißenden Schrei und mit Verwünschungen plötzlich zur Besinnung kommt; – wir sehen, wie der Feldscher den abgeschnittenen Arm in eine Ecke wirft; – wir sehen in demselben Zimmer, auf einer Tragbahre, einen anderen Verwundeten liegen, der beim Anblick der Operation des Kameraden sich windet und stöhnt, nicht so sehr aus körperlichem Schmerz, wie aus Qual und Erwartung; – wir sehen schreckliche, herzerschütternde Szenen, wir sehen den Krieg nicht in dem üblichen schönen und glänzenden Gewande, mit Musik und Trommelklang, mit wehenden Fahnen und Generalen hoch zu Rosse, wir sehen den Krieg in seinem wahren Wesen – in Blut, in Leiden, in Tod ...

Treten wir aus diesem Hause der Qualen heraus, so empfinden wir unfehlbar ein tröstliches Gefühl, atmen voller die frische Luft ein, empfinden Vergnügen im Bewußtsein unserer Gesundheit, schöpfen aber zugleich aus der Anschauung dieser Leiden das Bewußtsein unserer eigenen Nichtigkeit und gehen ruhig und entschlossen auf die Bastionen ...

»Was bedeutet der Tod und die Leiden eines so nichtigen Wurmes, wie ich, im Vergleich zu dem Tode und dem Leiden so vieler?« Aber der Anblick des klaren Himmels, der strahlenden Sonne, der schönen Stadt, der geöffneten Kirche und des Kriegsvolks, das sich nach allen Richtungen hin bewegt, versetzt unsern Geist schnell in den normalen Zustand des Leichtsinns, der Alltagssorgen und des Genusses der Gegenwart.

Vielleicht begegnen wir einem aus der Kirche kommenden Begräbnis eines Offiziers, mit einem rosafarbenen Sarge, mit Musik und fliegenden Fahnen; an unser Ohr dringen vielleicht die Töne der Kanonade von den Bastionen, aber das versetzt uns nicht in die frühere Stimmung zurück: das Leichenbegängnis erscheint uns als ein wunderschönes militärisches Schauspiel, die Töne als ein minder schönes Kriegsgetön, und wir verknüpfen weder mit diesem Schauspiel, noch mit diesen Tönen den klaren, uns selbst betreffenden Gedanken an Leiden und Tod, wie wir das an dem Verbandort gethan haben.

An der Kirche und Barrikade vorüber kommen wir nach dem belebtesten Stadtteil. Auf beiden Seiten befinden sich Aushängeschilder von Verkaufsläden und Gastwirtschaften. Kaufleute, Frauen in Hüten und Tüchern, stutzerhafte Offiziere, – alles spricht uns von der Standhaftigkeit, dem Selbstvertrauen und der Sicherheit der Einwohner.

Wir müssen in ein Gasthaus rechter Hand gehen, wenn wir ein Gespräch von Seeleuten und Offizieren hören wollen; hier werden jedenfalls Gespräche über die verflossene Nacht, über Fenjka, über den 24. geführt, darüber, wie schlecht und teuer man die Koteletts bekommt, und wie der und jener Kamerad gefallen ist.

Hol's der Teufel, wie arg es heut bei uns ist! spricht mit Baßstimme ein bartloser Marineoffizier mit blonden Augenbrauen und Wimpern, der eine grüne, gestrickte Schärpe trägt.

Wo ist das – bei uns? fragt ihn ein anderer.

Auf der vierten Bastion, antwortet der junge Offizier, und wir betrachten unfehlbar mit großer Aufmerksamkeit und sogar mit einer gewissen Achtung den blonden Offizier bei den Worten: »auf der vierten Bastion«. Seine übermäßige Ausführlichkeit, sein Herumfuchteln mit den Händen, sein lautes Lachen und Sprechen, die uns erst keck erscheinen, erweisen sich als jene besondere prahlerische Stimmung, die leicht nach einer Gefahr über junge Leute kommt; wir denken, daß er anfangen wird, uns zu erzählen, wie arg es auf der vierten Bastion ist der Bomben und Gewehrkugeln wegen – weit gefehlt! arg ist es dort, weil es schmutzig ist. – »Man kann nicht nach der Batterie gehen, spricht er, indem er auf seine bis über die Waden mit Schmutz bedeckten Stiefel zeigt. Und heut habe ich meinen besten Kommandeur verloren, direkt in die Stirn ist er getroffen worden,« sagt ein anderer. – »Wer war es? Mitjuchin?« »Nein ... Nun, wird man mir endlich den Kalbsbraten geben ... Seid ihr Kanaillen!« fügt er hinzu, zu der Bedienung des Gasthauses gewandt. »Nicht Mitjuchin, sondern Abramow. Es war ein braver Kamerad – sechs Ausfälle hat er mitgemacht!«

Am andern Ende des Tisches sitzen bei Koteletts mit Schoten und einer Flasche sauren Krimweins, sogenannten Bordeaux, zwei Offiziere von der Infanterie: der eine mit rotem Kragen und zwei Sternen auf dem Mantel, ein junger Mann, erzählt dem andern, mit schwarzem Kragen und ohne Sterne, von dem Treffen an der Alma. Der erstere hat schon ein wenig getrunken, und man merkt es an den Pausen, die er in seiner Erzählung macht, an dem unentschlossenen Blick, der zweifelnd zu fragen scheint, ob man ihm auch glaube, hauptsächlich aber an der allzu großen Rolle, die er in allem spielt, und weil alles zu furchtbar klingt, daß er stark von der strengen Wiedergabe der Wahrheit abweicht. Aber wir sind nicht in der Stimmung, diese Erzählungen mit anzuhören, die wir noch lange an allen Enden Rußlands werden zu hören bekommen; wir wollen so schnell als möglich auf die Bastionen, besonders auf die vierte, von der man uns so vieles und so verschiedenartiges erzählt hat. Wenn jemand sagt, er sei auf der vierten Bastion gewesen, so sagt er das mit besonderer Befriedigung und mit Stolz; sagt jemand: ich gehe auf die vierte Bastion, so sieht man ihm sicher eine kleine Erregung oder allzugroßen Gleichmut an; will man jemanden necken, so sagt man: dich sollte man in die vierte Bastion schicken; begegnet man Tragbahren und fragt: woher? – so bekommt man meist die Antwort: von der vierten Bastion. Es giebt überhaupt zwei völlig verschiedene Meinungen über diese schreckliche Bastion: die Meinung solcher, die nie dort waren und die überzeugt sind, daß die vierte Bastion das sichere Grab für jeden ist, der dorthin geht – und solcher, die dort hausen, wie der blonde Midshipman, und die, wenn sie von der vierten Bastion sprechen, uns sagen, ob es in der Erdhütte trocken oder schmutzig, warm oder kalt ist u. s. w.

In der halben Stunde, die wir im Gasthaus zugebracht haben, hat sich das Wetter geändert: der Nebel, der über das Meer gebreitet lag, hat sich zu grauen, düsteren, feuchten Wetterwolken geballt und verhüllt die Sonne; ein trauriger Staubregen sprüht vom Himmel und netzt die Dächer, die Straßen und die Soldatenmäntel ...

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