Читать книгу «Mords-Töwerland» онлайн полностью📖 — Карстен Хенн — MyBook.

Als die Polizisten gehen, liegt mir nichts mehr daran, mich zu Moni zu flüchten und mich von ihr trösten zu lassen. Die Sache ist mir zu heikel. Dass sie Schulden bei Herbert hatte, wusste ich nicht. Und dass sie glaubte, er habe sie mehr geliebt als mich, habe ich auch nicht für möglich gehalten. Mein Gott, ich glaube, ich habe mich noch nie in einem Menschen so getäuscht. Moni! Hast du meinen Herbert auf dem Gewissen? Ein schrecklicher Gedanke! Andererseits … der Verdacht, den die Polizisten geäußert haben, kann nicht schwerwiegend sein, sonst hätten sie Moni mitgenommen. Aber sicherlich sind sie schon längst auf der Suche nach Beweisen. Und sobald die gefunden sind, wird Moni verhaftet. Es sei denn, meine ursprüngliche Vermutung stimmt und Thea mit den lila Haaren steckt hinter Herberts gewaltsamem Tod.

Nur – die Beweislage könnte schwierig sein. Diese Thea wird natürlich alles abstreiten, ihre Freundinnen werden sich vermutlich auf ihre Seite stellen. Und dann? Dann wird die Polizei von Verleumdung reden und sich nicht weiter um die Dame kümmern. Nein, ich brauche hieb- und stichfeste Beweise. Allermindestens schwerwiegende Indizien. Nur … wo kriege ich sie her? Ich muss mir was einfallen lassen.

Das Wichtigste wird sein, mich unauffällig zu verhalten. Die Polizei hat sicherlich meinen Namen notiert, aber ob man mich suchen wird? Ich weiß es nicht. Könnte natürlich sein. Dass ich verschwunden bin, spricht unter Umständen gegen mich. Wer abhaut, ist immer verdächtig. Andererseits … sobald ich die Beweise gegen Thea zusammen habe, wird niemand mehr auf die Idee kommen, mir etwas anzuhängen. Ich habe ja auch überhaupt kein Motiv. Ich habe Herbert geliebt! Und er mich auch! Allerdings … wenn Moni dabei bleibt, dass ihr der erste Platz in Herberts Herzen gehört hat, könnte den Polizisten die Idee kommen, dass ich es bin, die aus Eifersucht gemordet hat. Nein, nein, besser, ich halte mich zurück. Anscheinend werde ich noch gar nicht vermisst. Nur von Moni. Und solange niemand nach mir sucht, kann ich mich umhören, ohne aufzufallen.

Ich ziehe mich an den Strandaufgang am Strandhotel zurück. Da ist immer viel los, ich werde nicht weiter auffallen. Auch wenn man schon nach mir suchen sollte. Das Problem ist nur: Ich habe Hunger. Durst habe ich auch. Aber kein Geld, um mir etwas zu besorgen. Was mache ich nur? Wenn mir vor lauter Hunger die Beine zittern, wie soll ich dann Herberts Tod aufklären?

Strandaufgänge sind in solch einem Fall immer das Beste. Taschen werden zum Strand oder zurück geschleppt, oft abgesetzt, um zu verschnaufen oder einem Kind die Nase zu putzen, da muss man nur schnell und entschlossen sein. Sich einen Leckerbissen schnappen und dann nichts wie weg. Niemand wird gern zum Dieb, aber was soll ich machen? Normalerweise hätte ich mich bei Moni eingefunden, aber auf die kann ich mich ja nicht mehr verlassen.

Der kleine Junge hat eine große Packung mit Zwiebäcken in sein Plastikauto geladen. Er hat genug damit zu tun, es durch den tiefen Sand zu ziehen. Dass seine Zwiebäcke verschwunden sind, als er mit seinen Eltern und seiner großen Schwester endlich an der Wasserkante ankommt, wird sich keiner von denen erklären können. Das ist super gelaufen. Wer will schon gern als Dieb erkannt oder gar verfolgt werden? Es wäre mir ganz schön peinlich gewesen, wenn man mit Fingern auf mich gezeigt und gerufen hätte: »Haltet den Dieb!«

Als ich sämtliche Zwiebäcke verputzt habe, geht es mir schon wesentlich besser. Ich fühle mich stark genug für meine Aufgabe. Wasser habe ich auch getrunken, es gibt ja einige Zapfstellen in der Nähe des Strandaufgangs, also bin ich jetzt ziemlich gut drauf. Rein körperlich gesehen. Wie es in meinem Herzen und meiner Seele aussieht … na, das kann sich wohl jeder denken. Darum werde ich mich später kümmern, wenn Herberts Mörderin hinter Schloss und Riegel sitzt. Jetzt will ich mich erst mal in der Sonne ausstrecken und darauf warten, dass das Kurkonzert beginnt. Da wird Thea mit den lila Haaren garantiert auftauchen, und dann werden wir mal sehen, wie ich sie überführe. Vielleicht macht sie einen Fehler. Und dann …

Als die Musiker noch ihre Instrumente auspacken und stimmen, kommen schon die ersten Konzertbesucher. Viele bleiben erst mal am Schiffchenteich stehen und betrachten gruselnd das Wasser, wundern sich vielleicht sogar, dass es nicht rot gefärbt ist von Herberts Blut.

Ehrlich gesagt, ich wundere mich auch. Dass jemand so umsichtig war und das Wasser gewechselt hat, habe ich nicht erwartet. Bravo! Es gibt auch auf Juist Menschen, die mitdenken. Vermutlich der Besitzer des Spielzeugladens, der die Schiffchen verkauft, die die Kinder hier so gerne schwimmen lassen. Er schreibt immer liebevoll den Namen des Kindes auf das Segel, ehe das Boot über die Ladentheke geht. Der weiß natürlich, dass er kein einziges Schiffchen loswird, wenn das Wasser im Schiffchenteich nicht klar, sondern rot gefärbt ist.

»Es hilft ja nichts«, höre ich jemanden sagen. »Das Leben muss weitergehen.«

Eine Freundin von Thea! Wo die ist, wird auch Thea nicht mehr weit sein.

Da! Ich erkenne sie schon von Weitem. Ihre lila Haare sind ja nicht zu übersehen. Sie kommt in der Begleitung ihrer Freundinnen, das habe ich ja erwartet. Ich setze mich auf den Rasen, wie es viele tun, die nicht nur die Musik hören, sondern währenddessen auch für frische Bräune sorgen wollen, tue gelangweilt, habe aber in Wirklichkeit Thea und ihre Freundinnen fest im Blick.

»Da drinnen ist er gefunden worden«, sagt eine mit viel Pathos in der Stimme. »Schrecklich!«

Thea hat tatsächlich die Stirn, dies zu bestätigen. »Ja, ganz fürchterlich. Obwohl … ein sympathischer Mensch war das nicht. So was gönnt man ja seinem ärgsten Feind nicht.«

Diese Heuchlerin!

»Wo mag er jetzt sein?«, fragt eine andere mit Gänsehaut auf der Stimme, als wollte sie hören, dass mein Herbert im Kühlhaus des Kurhauses gelandet sei. »Auf Juist gibt’s doch keine Pathologie.«

»Er wird dort sein, wo auch die toten Juister hinkommen, die eines natürlichen Todes sterben. Auf der Insel werden die Menschen ja auch mal krank und müssen irgendwann den Löffel abgeben. Trotz des guten Klimas.« Theas Freundin kommt sich sehr schlau vor mit diesem Satz. »Und beerdigt werden sie hier auch.«

Aber Thea weiß es besser. »Ein Mordopfer wird erst beerdigt, wenn der Mord aufgeklärt und der Mörder gefunden ist.«

»Ehrlich?« All ihre Freundinnen sind entgeistert. »Und wenn das Wochen dauert?«

»Er muss nur gut gekühlt werden.«

Ich kann mir das nicht anhören. Die Vorstellung, dass mein Herbert irgendwo gekühlt wird wie ein Brathähnchen, das spätestens in drei Tagen verzehrt werden muss, macht mir schwer zu schaffen. Herbert war immer so stark, so klug, hat mich beschützt, stand immer an meiner Seite und war stets loyal. Das hat man ja gesehen, als die lilafarbene Thea mich beim Kurkonzert beleidigt hat.

Während am Schiffchenteich darüber gerätselt wird, wer Herbert auf dem Gewissen haben könnte, und Thea so tut, als könne sie es sich nicht erklären, wird mir übel. Gut, dass ich noch nichts Vernünftiges gegessen habe, sonst hätte ich womöglich dem Dirigenten des Kurorchesters vor die Füße gekotzt, der gerade die Bühne betritt.

Zum Glück werde ich jedoch abgelenkt. Wen sehe ich da auf den Schiffchenteich zukommen? Die alte Frau Sönksen! Was für eine Freude! Obwohl sie ja gewissermaßen schuld an Herberts Tod ist. Nein, sie ist nicht schuldig, höchstens mitschuldig. Wenn sie nicht dieses wahnsinnig leckere Schwarz-Weiß-Gebäck produzierte, dann wäre das alles nicht passiert, das muss mal ganz klar gesagt werden.

Ich hätte Thea daran hindern können, meinen Herbert in den Schiffchenteich zu stoßen. Okay, okay, ich habe noch immer keine Beweise, aber Theas Verhalten zeigt doch, dass sie schuldig ist. Wie harmlos sie tut! Wie mitfühlend sie sich gibt! Dahinter erkennt man doch gleich ihr schlechtes Gewissen.

»Walli!«

Nun hat Frau Sönksen mich auch gesehen. Mich hält jetzt nichts mehr. Aufgeregt laufe ich zu ihr, um sie zu begrüßen. Meine liebe Frau Sönksen! Herbert mochte sie genauso gern wie ich. Er ließ mich immer allein zu ihr laufen, der Weg war ja nicht weit, und er vertraute mir. So wie gestern Abend. Wie oft hat er gesagt: »Meinetwegen mach einen Besuch bei Frau Sönksen …« Gestern Abend allerdings nicht. Da habe ich den Entschluss gefasst, ohne auf Herberts Aufforderung zu warten. Wäre er doch nur mit mir in den »Friesenhof« gegangen! Dann hätte mich der Hunger nicht zu Frau Sönksen getrieben.

Ich setze an zu einem großen Sprung, will Frau Sönksen auf den Schoß hüpfen, aber mit einem Mal werde ich zurückgerissen, jemand hält mich, etwas hält mich, irgendwas …

»Vorsicht! Die Leine!«, höre ich jemanden schreien.

In diesem Moment komme ich keinen Schritt weiter. Straff gespannt ist sie, meine Leine, irgendwo fest verhakt. Sie zerrt an mir, zieht mich zurück … da höre ich einen weiteren Schrei. Dann einen riesigen Platsch, das Wasser spritzt bis auf meinen Rücken. Und schließlich dieses ausgesprochen hässliche Geräusch, wenn ein Knochen knirscht und zerbirst.

Ich reiße mit aller Kraft, und zum Glück gibt die Leine endlich nach. Es wäre mir durchaus recht gewesen, wenn sie sich vom Halsband gelöst hätte. Sie ist mir den ganzen Tag schon sehr lästig. Es wäre besser gewesen, Herbert hätte sie mir abgenommen, bevor ich zu Frau Sönksen gelaufen bin. Das wollte er eigentlich auch, weil ja auf den Straßen nichts mehr los war und ich keinem Pferdefuhrwerk in die Quere kommen konnte. Er hat sich zu mir hinabgebeugt, aber ich war viel zu aufgeregt, weil ich an Frau Sönksens Schwarz-Weiß-Gebäck dachte, wollte nicht warten, bin einfach losgerannt, so wie gerade eben … Dann habe ich etwas Ähnliches gehört. Auch da hat sich meine Leine verfangen, hat sich ruckartig gespannt, und es hat ein Platschen gegeben, Wasser ist aufgespritzt, aber ich hatte nur das Schwarz-Weiß-Gebäck von Frau Sönksen im Kopf und habe mich nicht weiter darum gekümmert. Auch jetzt hält sie es in der Hand, die gute Frau Sönksen. Wie lieb von ihr, dass sie daran gedacht hat.

Brav setze ich mich vor sie hin, mache Männchen, bereit zuzuschnappen, wenn mir ein Gebäckstück vor die Schnauze gehalten wird. Aber Frau Sönksen scheint mich plötzlich nicht mehr zur Kenntnis zu nehmen. Irgendwas hat sie erschüttert. So gewaltig, dass ihr nun die Tüte mit dem Gebäck aus der Hand fällt. Nun gut, das ist mir recht. Noch lieber fresse ich natürlich alles auf einmal auf, als für jedes Gebäckstück Männchen zu machen.

Erst als das ganze Schwarz-Weiß-Gebäck verputzt ist, kümmere ich mich um das Theater, das am Schiffchenteich herrscht.

»Polizei!«

Schon wieder? Warum? Ich dränge mich durch die vielen Beine, die um den Schiffchenteich herum stehen, und da sehe ich die Bescherung. Thea mit den lila Haaren liegt im Wasser. So wie Herbert. Bäuchlings! Es dauert verdammt lange, bis endlich ein Mann ins Wasser steigt und sie umdreht. Ihre Freundinnen kreischen, der Mann drückt mal hier und mal da, horcht an ihrer Brust und schüttelt dann den Kopf. »Ich nehme an, Schädelbasisbruch«, sagt er, als verstünde er etwas davon. Ich habe keine Ahnung, was damit gemeint ist.

»So muss auch der Mann gestern zu Tode gekommen sein!«, höre ich eine Stimme und habe mit einem Mal das Gefühl, das es besser ist, mich zu verdrücken. Am besten ziemlich schnell, ehe jemand auf meine Leine tritt und mich stoppt, so wie das stachelige Gebüsch am Schiffchenteich.

Ich renne los, so schnell ich kann.

Zu Moni!

Jetzt ist es mir egal, dass sie behauptet hat, Herbert habe sie mehr geliebt als mich. Moni war immer gut zu mir, dass sie Herbert auf dem Gewissen hat, kann ich nicht mehr glauben. Und Thea mit den lila Haaren? So zu Tode gekommen wie Herbert? Das verstehe, wer will.

Ich jage die Straße hinab, die Leine flattert hinter mir her. Jetzt aber so schnell es geht zu Moni! Da Frau Sönksens Schwarz-Weiß-Gebäck verzehrt ist, wird es mir bei Moni am besten gehen. Sie wird mir hoffentlich die Leine vom Halsband lösen.

Sonst passiert am Ende noch ein Unglück …