Читать книгу «Anton Reiser» онлайн полностью📖 — Karl Philipp Moritz — MyBook.
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Nun konnte man auf dem Turme in H[annover] durch die Schalllöcher, welche über der Galerie offen standen, auch die Glocken treten sehen; und Anton verschlang beinahe mit seinen Augen dieses ihm ganz neue Schauspiel, da er die große metallne Maschine, die den alles erschütternden Klang verursachte, unter den Füßen der ganz klein scheinenden Leute, die in dieser Höhe standen und auf die Balken traten, wechselsweise in die Höhe steigen sahe.

Es war ihm, als habe er in das innerste Eingeweide des Turms geblicket, und als habe sich ihm das geheimnisvolle Triebwerk, des wunderbaren Schalles, den er so oft mit Rührung vernommen hatte, nun in der Ferne enthüllt. – [106]Allein seine Neugierde wurde hierdurch nur noch mehr erregt, statt befriedigt zu werden – er hatte nur die eine Hälfte der Glocke, die sich mit ihrer ungeheuren Wölbung emporhub, und nicht ihren ganzen Umfang gesehen – von der Größe dieser Glocke hatte er von Kindheit an gehört, und seine Einbildungskraft vergrößerte das Bild in seiner Seele noch zu unzähligen Malen, so dass er sich davon die romanhaftesten und ausschweifendsten Ideen machte.

Bei seinen Schmerzen nun, die er am Fuße erduldete; bei aller Bedrückung von seinen Eltern, worunter er seufzte; was war sein Trost? was war der angenehmste Traum seiner Kindheit? was sein sehnlichster Wunsch, über den er oft alles vergaß? – – Was anders, als die nahe Beschauung des Zifferblatts und der Galerie am neustädtischen Turme in H[annover], und der Glocken, die darin hingen.

Länger als ein Jahr hindurch versüßte ihm dies Spiel seiner Phantasie die trübsten Stunden seines Lebens – aber ach, er musste H[annover] verlassen, ohne seines sehnlichsten Wunsches gewährt zu werden. – – Doch das Bild vom neustädtischen Turme wich nie aus seinen Gedanken, es verfolgte ihn nach B[raunschweig], und schwebte ihm dort oft in nächtlichen Träumen auf hohen Treppen in tausend labyrinthischen Krümmungen vor, wo er den Turm hinaufstieg, auf der Galerie stand, und mit unaussprechlichem Vergnügen das Zifferblatt am Turme betastete, und dann inwendig nicht nur die große Glocke, sondern noch unzählige andre kleinere, nebst mehr wunderbaren Dingen dicht vor Augen sahe, bis er etwa mit dem Kopfe an den unübersehbaren Rand der großen Glocke stieß, und erwachte.

Sooft nun der Pastor P[aulmann] von den Höhen der [107]Vernunft sprach, so dachte Anton mit Entzücken an die Höhen seines geliebten Turms, an die Glocke darin und an das Zifferblatt, – und dann auch an das hohe Chor, worauf die Orgel in der B[rüdern]kirche stand – dann erwachte auf einmal alle seine Sehnsucht wieder und der Ausdruck: die Höhen der Vernunft, presste ihm Tränen der Wehmut aus den Augen.

Der eigentliche abhandelnde Teil von den Predigten des Pastor P[aulmann], wo derselbe mit erstaunlicher Geschwindigkeit sprach, war für Anton freilich verloren, weil er ihm mit seinen Gedanken unmöglich folgen konnte. In der Hoffnung aber auf den ermahnenden Teil hörte er ihn dennoch mit Vergnügen an – es war ihm dann, als wenn sich nun erst die Wolken zusammenzögen, die bald in ein wohltätiges Gewitter oder einen sanften Regen ausbrechen würden.

Nun ging er aber einmal mit dem Gedanken in die Kirche, die Predigt des Pastor P[aulmann] zu Hause aufzuschreiben, und auf einmal war es, als ob es, indem er zuhörte, in seiner Seele licht wurde, seine Aufmerksamkeit hatte eine neue Richtung erhalten – vorher hatte er mit dem Herzen zugehört, jetzt hörte er zum ersten Male mit dem Verstande zu – er wollte nicht nur durch einzelne Stellen erschüttert werden, sondern das Ganze der Predigt fassen, und nun fing er an, den abhandelnden Teil ebenso interessant als den ermahnenden Teil zu finden. – Die Predigt handelte von der Nächstenliebe, wie glücklich die Menschen sein würden, wenn jeder das Wohl aller übrigen, und alle übrige das Wohl jedes einzelnen zu befördern suchten. – Nie ist ihm diese Predigt mit allen ihren Abteilungen und Unterabteilungen aus dem Gedächtnis gekommen, die er [108]mit dem Vorsatz hörte, um sie aufzuschreiben, welches er tat, sobald er zu Hause kam, und den August, dem er es nun vorlas, sehr dadurch in Verwundrung setzte.

Das Aufschreiben dieser Predigt hatte gleichsam eine neue Entwickelung seiner Verstandeskräfte bewirkt. – Denn von der Zeit fingen seine Ideen an sich allmählich untereinander zu ordnen – er lernte selbst für sich über einen Gegenstand nachdenken – er suchte die Reihe seiner Gedanken wieder außer sich darzustellen, und weil er sie niemandem sagen konnte, so machte er schriftliche Aufsätze, die denn freilich oft sonderbar genug waren. – Denn hatte er vorher mit Gott mündlich gesprochen, so fing er nun an, mit ihm zu korrespondieren, und schrieb lange Gebete an ihn, worin er ihm seinen Zustand schilderte.

Er fühlte sich jetzt umso mehr zu schriftlichen Aufsätzen gedrungen, weil es ihm gänzlich an aller Lektüre fehlte – denn L[obenstein] hatte ihm schon lange kein Buch mehr in die Hände gegeben, ausgenommen Engelbrechts, eines Tuchmachergesellen zu Winsen an der Aller Beschreibung von dem Himmel und der Hölle, welches er ihm geschenkt hatte. –

Einen ärgern Aufschneider kann es nun wohl in der Welt nicht mehr geben, als dieser Engelbrecht gewesen sein muss, von dem man geglaubt hatte, dass er wirklich tot wäre, und der nun, nachdem er sich wieder erholt hatte, seiner alten Großmutter weismachte, er sei wirklich im Himmel und in der Hölle gewesen; diese hatte es dann weitererzählt, und so war dies köstliche Buch entstanden.

Der Kerl entblödete sich nicht zu behaupten, er sei mit Christo und den Engeln Gottes bis dicht unter dem Himmel geschwebt, und habe da die Sonne in die eine, und den [109]Mond in die andre Hand genommen, und am Himmel die Sterne gezählt.

Demohngeachtet waren seine Vergleichungen zuweilen ziemlich naiv, – so verglich er z. B. den Himmel mit einer köstlichen Weinsuppe, wovon man auf Erden nur wenige Tropfen gekostet hat, und die man alsdenn mit Löffeln essen könne – und die himmlische Musik war ebenso weit über die irdische Musik erhaben, als ein schönes Konzert über das Geleier eines Dudelsacks, oder über das Tüten eines Nachtwächterhorns.

Und was ihm für Ehre im Himmel widerfahren war, davon konnte er nicht genug rühmen.

In Ermangelung besserer Nahrung musste sich nun Antons Seele mit dieser losen Speise begnügen, und wenigstens wurde doch seine Einbildungskraft dadurch beschäftigt, – sein Verstand blieb gleichsam neutral dabei – er glaubte es weder, noch zweifelte er daran; er stellte sich das alles bloß lebhaft vor.

Indes ging jetzt L[obenstein]s Unwillen und Hass gegen ihn häufig bis zu Scheltworten und Schlägen; er verbitterte ihm sein Leben auf die grausamste Weise; er ließ ihn die niedrigsten und demütigendsten Arbeiten tun. – Nichts aber war für Anton kränkender, als wie er zum ersten Male in seinem Leben, eine Last auf dem Rücken, und zwar einen Tragkorb mit Hüten bepackt, über die öffentliche Straße tragen musste, indem L[obenstein] vor ihm herging – es war ihm, als ob alle Menschen auf der Straße ihn ansähen.

Jede Last, die er vor sich, oder unter dem Arme, oder an den Händen tragen konnte, schien ihm vielmehr ehrenvoll zu sein, als dass er glaubte, sie mache ihm Schande. – Nur dass er itzt gebückt gehen, seinen Nacken unter das Joch [110]beugen musste, wie ein Lasttier, indes sein stolzer Gebieter vor ihm herging, das beugte zugleich seinen ganzen Mut darnieder, und erschwerte ihm die Last tausendmal. Er glaubte sowohl vor Müdigkeit als vor Scham in die Erde sinken zu müssen, ehe er mit seiner Bürde an den bestimmten Ort kam.

Dieser bestimmte Ort, war das Zeughaus, wo die Hüte, welche Kommissarbeit waren, abgeliefert wurden. – Nicht sehnlicher hatte sich Anton gewünscht, die Glocken und das Zifferblatt auf dem neustädtischen Turm in H[annover], als dies Zeughaus, inwendig zu sehen, vor welchem er so oft, ohne seinen Wunsch befriedigen zu können, vorbeigegangen war. Aber wie sehr wurde ihm itzt dies Vergnügen versalzen, da er es in solchem Zustande zu sehen bekam.

Dies Tragen auf dem Rücken schwächte seinen Mut mehr, als irgendeine Demütigung, die er noch erlitten hatte, und mehr als L[obenstein]s Scheltworte und Schläge. Es war ihm, als ob er nun nicht tiefer sinken könne; er betrachtete sich beinahe selbst, als ein verächtliches, weggeworfenes Geschöpf: Es war dies eine der grausamsten Situationen in seinem ganzen Leben, an die er sich nachher, sooft er ein Zeughaus sahe, lebhaft wieder erinnerte, und deren Bild wieder in ihm aufstieg, sooft er das Wort Unterjochung hörte.

Wenn ihm so etwas begegnet war, so suchte er sich vor allen Menschen zu verbergen; jeder Laut der Freude war ihm zuwider; er eilte auf das Plätzchen hinter dem Hause an die Oker hin, und blickte oft stundenlang sehnsuchtsvoll in die Flut hinab. – Verfolgte ihn dann selbst da irgendeine menschliche Stimme, aus einem der benachbarten [111]Häuser, oder hörte er singen, lachen, oder sprechen, so deuchte es ihm, als treibe die Welt ihr Hohngelächter über ihn, so verachtet, so vernichtet glaubte er sich, seitdem er seinen Nacken unter das Joch eines Tragkorbes gebeugt hatte.

Es war ihm denn eine Art von Wonne selbst in das Hohngelächter mit einzustimmen, das er seiner schwarzen Phantasie nach über sich erschallen hörte – in einer dieser fürchterlichen Stunden, wo er über sich selbst in ein verzweiflungsvolles Hohngelächter ausbrach, war der Lebensüberdruss bei ihm zu mächtig, er fing auf dem schwachen Brette, worauf er stand, an zu zittern und zu wanken. – Seine Knie hielten ihn nicht mehr empor; er stürzte in die Flut – August war sein Schutzengel; er hatte schon eine Weile unbemerkt hinter ihm gestanden, und zog ihn beim Arm wieder heraus – es waren demohngeachtet mehr Leute dazugekommen – das ganze Haus lief zusammen, und Anton wurde von dem Augenblick an, als ein gefährlicher Mensch betrachtet, den man, so bald, wie möglich, aus dem Hause fortschaffen müsse. – L[obenstein] schrieb den Vorfall sogleich an Antons Vater, und dieser kam vierzehn Tage darauf mit unmutsvoller Seele, nach B[raunschweig], um seinen missratenen Sohn, in dessen Herzen sich, nach dem Urteil des Herrn von F[leischbein], der Satan einen unzerstörbaren Tempel aufgebauet hatte, nach H[annover] wieder abzuholen.

Er hielt sich noch ein paar Tage bei dem Hutmacher L[obenstein] auf, während welcher Zeit Anton noch mit verdoppeltem Eifer, in Gegenwart seines Vaters, alle seine Geschäfte verrichtete, und eine Beruhigung darin suchte, noch zuletzt alles zu tun, was in seinen Kräften stand. Von [112]der Werkstatt, von der Trockenstube, vom Holzboden, und von der B[rüdern]kirche nahm er nun in Gedanken Abschied – und seine allerangenehmste Vorstellung, wenn er wieder nach H[annover] kommen würde, war, dass er dann seiner Mutter von dem Pastor P[aulmann] würde erzählen können.

Je näher die Abschiedsstunde herannahte, desto leichter wurde ihm ums Herz. – Er sollte nun bald aus seiner engen drückenden Lage herauskommen. – – Die weite Welt eröffnete sich wieder vor ihm.

Von August war der Abschied zärtlich, von L[obenstein] kalt wie Eis – es war an einem Sonntagnachmittage, bei trübem Himmel, da Anton mit seinem Vater wieder aus dem L[obenstein]schen Hause ging, – er blickte die schwarze Türe mit den großen eingeschlagenen Nägeln noch einmal an, und wandte ihr getrost den Rücken, um wieder aus dem Tore zu wandern, vor welchem er vor kurzem noch einen so interessanten Spaziergang gemacht hatte. – Die hohen Wälle der Stadt, und der Andreas-Turm waren bald aus seinem Gesicht verschwunden, und er sahe nur noch den Brocken in der Ferne mit Schnee bedeckt, in trüber Dämmrung sich in den dicht aufliegenden Wolken verlieren.

Das Herz seines Vaters war gegen ihn kalt und verschlossen; denn dieser betrachtete ihn völlig mit den Augen des Hutmacher L[obenstein], und des Herrn von F[leischbein], als einen in dessen Herzen der Satan einmal seinen Tempel errichtet habe – es wurde unterwegens wenig gesprochen, sondern sie wanderten immer stillschweigend fort, und Anton bemerkte kaum die Länge des Weges, auf eine so angenehme Art unterhielt er sich mit seinen Gedanken, – wenn er nun seine Mutter und seine Brüder [113]wiedersehen, und ihnen seine Schicksale würde erzählen können.

Die vier schönen Türme von H[annover] ragten endlich wieder hervor – und wie einen Freund, den man nach langer Trennung wiedersieht, betrachtete Anton den neustädtischen Turm, und seine Glockenliebe erwachte auf einmal wieder. –

Er sahe sich nun wieder in den Mauern von H[annover] und alles war ihm neu – seine Eltern hatten eine andre kleinere und dunklere Wohnung auf einer abgelegenen Straße bezogen – das war ihm alles so fremd, indem er die Treppen hinaufstieg, als ob er da unmöglich zu Hause gehören könne. –

Allein so kalt und abschreckend das Betragen seines Vaters gegen ihn gewesen war, so laut und ausbrechend war itzt die Freude, womit ihm seine Mutter und Brüder entgegeneilten, die seine von Frost aufgesprungenen Hände besahen, und von denen er nun zum ersten Mal wieder bedauert wurde.

Als er am andern Tage ausging, besuchte er alle die bekannten Plätze, wo er sonst gespielt hatte – es war ihm, als sei er während der Zeit alt geworden, und als wollte er sich nun an die Jahre seiner Jugend zurückerinnern – ihm begegnete ein Trupp seiner ehemaligen Mitschüler und Spielkameraden, die ihm alle die Hände drückten, und sich über seine Wiederkunft freueten.

Und sobald er nur mit seiner Mutter allein war, was konnte er wohl anders tun, als ihr von dem Pastor P[aulmann] erzählen? – Sie hatte ohnedem eine unbegrenzte Ehrfurcht gegen alles Priesterliche, und konnte mit Anton recht gut in seinen Gefühlen für den Pastor P[aulmann] [114]sympathisieren. – Oh! welche selige Stunden waren das, da Anton so sein Herz ausschütten, und stundenlang von dem Manne sprechen konnte, gegen den er, unter allen Menschen auf Erden, die meiste Liebe und Achtung hatte.

Er hörte nun die h[annover]schen Prediger, aber welch ein Abstand! Unter allen fand er keinen P[aulmann], einen ausgenommen namens N…, der wenn er im heftigen Affekt sprach, einige Ähnlichkeit mit ihm hatte. –

Kein Prediger konnte bei Anton Beifall finden, wenn er nicht wenigstens so geschwind, wie der Pastor P[aulmann] sprach, – und ich weiß nicht, wenn der Prediger als Redner betrachtet wird, ob er denn so ganz unrecht hatte? – der Lehrer muss langsam, der Redner muss geschwind sprechen. – Der Lehrer soll allmählich den Verstand erleuchten, der Redner unwiderstehlich in das Herz eindringen – mit dem Verstande muss man langsam, mit dem Herzen schnell zu Werke gehen, wenn man seines Zweckes nicht verfehlen will – freilich wird der immer ein schlechter Lehrer sein, der nicht zuweilen Redner wird, und der ein schlechter Redner, der nicht zuweilen Lehrer wird – aber wenn Fox im Englischen Parlamente spricht, so geschieht es mit einer Geschwindigkeit, die ihresgleichen nicht hat, und in diesem brausenden Strome reißt er alles mit sich fort, und erschüttert die Seelen seiner Zuhörer, wie es der Pastor P[aulmann] durch seine Meineidspredigt tat.

Einen Prediger, namens M[arquard] an der G[arnison]kirche in H[annover] hörte Anton eines Sonntags mit dem größten Widerwillen predigen, weil derselbe auch nicht die mindeste Ähnlichkeit mit dem Pastor P[aulmann] hatte, sondern in Ansehung seiner etwas langsamen und bequemen Sprache fast gerade das Gegenteil von ihm war. Anton [115]konnte sich nicht enthalten, da er zu Hause kam, gegen seine Mutter eine Art von Hass zu äußern, den er auf diesen Prediger geworfen hatte – aber wie erstaunte er, als diese ihm sagte, dass er bei ebendiesem Prediger würde zum Religionsunterricht, und Beichte und Abendmahl gehen müssen, weil er ihr Beichtvater wäre, und sie zu seiner Gemeine gehörte.

Wem hätte es Anton geglaubt, dass er diesen Mann, gegen den er damals eine unwiderstehliche Abneigung empfand, einmal würde lieben können, dass dieser einmal sein Freund, sein Wohltäter werden würde?

Indes ereignete sich ein Vorfall, der Antons Seele, die schon zur Schwermut geneigt war, in eine noch traurigere Stimmung versetzte: seine Mutter wurde tödlich krank, und schwebte vierzehn Tage lang in Lebensgefahr. – Was Anton dabei empfand, lässt sich nicht beschreiben. – Es war ihm, als ob er in seiner Mutter sich selbst absterben würde, so innig war sein Dasein mit dem ihrigen verwebt. – Ganze Nächte durch weinte er oft, wenn er gehört hatte, dass der Arzt die Hoffnung zur Genesung aufgab. – Es war ihm, als sei es schlechterdings nicht möglich, dass er den Verlust seiner Mutter würde ertragen können. – Was war natürlicher, da er von aller Welt verlassen war, und sich nur noch in ihrer Liebe und in ihrem Zutrauen wiederfand.

Der Pastor M[arquard] kam, und reichte Antons Mutter das Abendmahl – nun glaubte er, sei keine Hoffnung mehr, und war untröstlich – er flehte zu Gott um das Leben seiner Mutter, und ihm fiel der König Hiskias ein, der ein Zeichen von Gott erhielt, dass seine Bitte erhört, und ihm sein Leben gefristet sei.

Nach einem solchen Zeichen sahe sich itzt auch Anton [116]um, ob nicht etwa der Schatten an der Mauer im Garten zurückgehen wollte? – und der Schatten schien ihm endlich zurückzugehen – denn eine dünne Wolke hatte sich vor der Sonne hingezogen – oder seine Phantasie hatte diesen Schatten zurückgedrängt – aber von dem Augenblick an fasste er neue Hoffnung; und seine Mutter fing wirklich wieder an, zu genesen. Er lebte nun auch von neuem wieder auf – und tat alles, um sich bei seinen Eltern beliebt zu machen. Allein bei seinem Vater gelang es ihm nicht; dieser hatte, seitdem er ihn aus B[raunschweig] wieder abgeholt, einen bittern, unversöhnlichen Hass auf ihn geworfen, den er ihn bei jeder Gelegenheit empfinden ließ – jede Mahlzeit wurde ihm zugezählt, und Anton musste oft im eigentlichen Verstande sein Brot mit Tränen essen.

Sein einziger Trost in dieser Lage waren seine einsamen Spaziergänge mit seinen beiden kleinern Brüdern, mit denen er ordentliche Wanderungen auf den Wällen der Stadt anstellte, indem er sich immer ein Ziel setzte, nach welchem er mit ihnen gleichsam eine Reise tat. –

Dies war seine liebste Beschäftigung von seiner frühesten Kindheit an, und als er noch kaum gehen konnte, setzte er sich schon ein solches Ziel an einer Ecke der Straße, wo seine Eltern wohnten, welches die Grenze seiner kleinen Wanderungen war.

Er schuf sich nun den Wall, welchen er hinaufstieg in einen Berg, das Gesträuch, durch welches er sich durcharbeitete in einen Wald, und einen kleinen Erdhügel im Stadtgraben, in eine Insel um; und so stellte er mit seinen Brüdern in einem Bezirk von wenigen hundert Schritten, oft viele meilenweite Reisen an – er verlor sich und verirrte sich mit ihnen in Wäldern, erstieg hohe Klippen, und kam [117]auf unbewohnte Inseln, – kurz, er realisierte sich mit ihnen, seine ganze idealische Romanenwelt, so gut er konnte. –