»He! Guter Freund!« rief dieser dem Hirten zu.
Es war einer jener fremden Händler, die alle Märkte des Comitats besuchen und die man dazwischen in Städten, Flecken und selbst in den geringsten Dörfern antrifft. Sich den Leuten verständlich zu machen, ist ihnen eine Kleinigkeit, sie sprechen eben alle Mundarten. Niemand hätte sagen können, ob der hier Erschienene ein Italiener, Sachse oder Walache sei; man erkannte aber leicht, dass er Jude, polnischer Jude war, an seiner langen hageren Gestalt, der gebogenen Nase, dem spitz auslaufenden Vollbarte, wie an der vorspringenden Stirn und den lebhaften Augen darunter.
Dieser Hausierer handelte mit Brillen, kleinen optischen Instrumenten, Thermometern, Barometern, geringwertigen Wanduhren u. dgl.
Was nicht in seinem, an starken Achselgurten hängenden Warenkasten untergebracht war, das hing ihm am Halse und am Leibgürtel – ein richtiger wandelnder Kramladen.
Wahrscheinlich hegte auch dieser Jude die Achtung, vielleicht die stille Scheu, die nun einmal alle Schäfer anderen Leuten einflößen. So begrüßte er denn Frik zunächst mit einer Handbewegung. Dann begann er in rumänischer Sprache, diesem Gemenge aus Latein und Slavisch, mit fremdem Tonfalle:
»Es geht Euch doch nach Wunsch, guter Freund?
– Jawohl ... je nach der Witterung,« antwortete Frik.
– »Dann geht‘s Euch heute also gut, denn es ist schönes Wetter.
– Und morgen desto schlechter, denn da wird‘s regnen.
– Regnen ...?« rief der Händler. »Regnet‘s in Eurem Lande auch ohne Wolken?
– Nun, Wolken werden diese Nacht schon kommen ... und zwar von da draußen ... von der schlimmen Seite des Berges.
– Woran erkennt Ihr das?
– An der Wolle meiner Schafe, die starr und trocken wie gegerbte Haut ist.
– Das ist freilich eine schlimme Aussicht für die, die draußen im Freien ihre Arbeit haben.
– Und desto angenehmer für die, die in ihrem Hause unter Dach bleiben können.
– Gewiss, Schäfer; doch dazu muss man auch ein Haus besitzen.
– Habt Ihr Kinder?« fragte Frik weiter.
»Nein.
– Seid Ihr verheiratet?
– Nein.«
Diese Fragen stellte Frik, weil sie hier landesüblicherweise an Jeden gerichtet werden, dem man auf der Landstraße begegnet.
Dann fuhr er fort:
»Woher kommt Ihr, Hausierer?
– Von Hermannstadt.«
Hermannstadt ist eine der bedeutendsten Städte Siebenbürgens. Von dieser aus gelangt man in das bis nach Petroseny herabreichende Tal der ungarischen Sil.
»Und Ihr geht ...?
– Nach Kolosvar.«
Um nach Kolosvar (Klausenburg) zu kommen, hat man sich weiterhin im Tale des Maros zu halten und erreicht dann über Karlsburg, längs der ersten Ausläufer der Bilarberge hingehend, die Hauptstadt des Comitats. Die Wegstrecke beträgt etwa zwanzig Meilen (150 Kilometer).
Diese Händler mit Thermometern, Barometern und allerhand Kleinkram erscheinen immer wie Gestalten besonderer – nur nicht hofmännischer – Art. Das liegt in ihrem Geschäft. Sie »verkaufen Zeit und Wetter« in jeder Form, die Zeit, wie sie verfließt, das Wetter, wie es eben ist und wie es sein wird, wie andere »zweibeinige Ballentiere« Körbe, Strick- und Baumwollwaren verhandeln. Man wäre versucht, sie Reisende des Hauses Saturn & Cie. – mit dem »Goldenen Stundenglas« als Warenschutzmarke – zu nennen. Zweifelsohne machte der Handelsjude diese Wirkung auf den biederen Frik, der verwundert diese Menge von Gegenständen betrachtete, die ihm so gut wie ganz neu waren und deren Bestimmung er nicht kannte.
»He, Hausierer,« fragte er, den Arm vorstreckend, »wozu dient das Ding da, das wie die Zähne eines alten Gehenkten an Eurem Gürtel klappert?
– Oh, das sind lauter wertvolle Sachen,« erwiderte der Fremde, »lauter Dinge, die all‘ und jedem nützlich sind.
– All‘ und jedem,« entgegnete Frik mit den Augen zwinkernd ... »auch für einen Schäfer?
– Auch jedem Schäfer und Hirten.
– Und das lange glänzende Ding da ...?
– Dies Instrument,« belehrte ihn der Jude, indem er einen Thermometer in der Hand auf und ab gleiten ließ, sagt Euch, ob es warm oder kalt ist.
– Aber, guter Freund, das weiss ich doch allein, wenn ich unter der dünnen Jacke schwitze oder unter dem dicken Flausrock friere.«
Offenbar genügten solche Wahrnehmungen einem Schäfer, der sich um das Warum? Dabei nicht kümmerte.
»Und die alte dicke Uhr dort mit dem einen Zeiger dran?« erkundigte er sich weiter, auf einen Aneroidbarometer weisend.
»Das ist keine alte Uhr, sondern ein Instrument, das Euch vorhersagt, ob‘s morgen schön sein oder regnen wird ...
– Ist das wahr ...?
– Gewiss, darauf könnt Ihr Euch verlassen.
– Na, ‚s mag ja sein; ich möchte das Ding aber doch nicht, und wenn‘s nicht mehr als einen Kreuzer kostete. Ich brauche ja nur nachzusehen, wie die Wolken durch die Berge ziehen oder ob sie hoch über deren Gipfeln hingehen, da weiß ich das Wetter für vierundzwanzig Stunden auch im Voraus. Da draußen, Ihr seht wohl den Nebel, der fast auf der Erde hinschleicht? ... Na, wie ich Euch sagte, das bedeutet für morgen Wasser.«
Der Schäfer Frik, ein langgeschulter Wetterbeobachter, konnte in der Tat jedes Barometer entbehren.
»Da ist wohl die Frage überflüssig, ob Ihr vielleicht eine Uhr braucht?« nahm der Handelsjude wieder das Wort.
»Eine Uhr? ... Ach, ich habe eine, die geht ganz allein und hängt mir, wo ich gehe und stehe, über dem Kopfe – das ist die Sonne da oben. Seht Ihr, Freundchen, wenn die sich über die Spitze des Roduk da drüben stellt, dann ist es Mittag, und wenn sie durch das Loch des Egelt guckt, ist es sechs Uhr Abends. Das wissen meine Schafe ebenso gut wie ich; die Schafe und die Hunde erst recht. Da behaltet nur Euren Kram.
– Freilich,« bemerkte der Händler, »wenn ich nur Schäfer zu Kunden hätte, da würd‘ es mir schwer werden, etwas zu verdienen. Ihr braucht also gar nichts von meinen Waren?
– Nicht das geringste!«
Die billigen Ramschwaren des Juden waren übrigens auch wirklich nicht viel wert; die Barometer zeigten gerade dann nicht auf »Schön Wetter« oder »Veränderlich«, wenn es ihre Pflicht gewesen wäre, und die Uhrweiser bezeichneten die Stunden zu lang oder die Minuten zu kurz – mit einem Worte, der Jude trug den reinen Ausschuss trödeln. Den Schäfer mochte auch ein gewisses Misstrauen beschleichen, denn er machte gar keine Miene, den Beutel zu ziehen. Da, als er schon den langen Stab zum Weitergehen bewegte, tippte er noch auf eine Art Röhre, die am Traggurt des Hausierers hing, und sagte:
»Wozu dient denn die kleine Röhre hier?
– Diese Röhre ist keine simple Röhre.
– Na, ‚s ist doch auch kein Ofenrohr?«
Der Schäfer verstand darunter eine Art altmodischer Pistole mit erweiterter Mündung.
»Nein,« erklärte der Jude, »das ist ein Fernrohr.«
Es war in der Tat eines jener Jahrmarkt-Instrumente, die die betrachteten Gegenstände fünf- bis sechsmal vergrößern oder sie um ebenso viel näher zu bringen scheinen, was ja in der Wirkung auf dasselbe hinauskommt.
Frik hatte das Fernrohr losgebunden; er besah es sich genau, drehte und wendete es nach allen Seiten und verschob die Einzelzylinder übereinander.
Dann richtete er wie ungläubig den Kopf hoch auf.
»Ein Fernrohr?« sagte er.
»Ja, Schäfersmann, und zwar ein ganz vorzügliches, das Euch befähigt, viel weiter als gewöhnlich zu sehen.
– Oho, ich habe sehr gute Augen, Freundchen. Bei klarer Luft erkenne ich die entlegensten Felsen bis zur Spitze des Retyezat und die letzten Bäume im Grunde des Talweges des Vulkan.
– Ohne die Augen halb zu schließen?
– Ohne solche Kunststückchen. Das verdank‘ ich dem heilsamen Tau, wenn ich vom Abend bis zum Morgen unter freiem Himmel schlafe. Glaubt nur, das wäscht die Pupille rein.
– Was ... der Tau?« erwiderte der Hausierer. »Der macht ja die Leute weit eher blind ...
– Nur die Schäfer nicht!
– Mag sein! Doch wenn Ihr auch gute Augen habt, so sind meine doch noch besser, sobald ich sie ans Ende meines Fernrohres bringe.
– Das müsst‘ ich erst sehen.
– Werft doch einmal selbst einen Blick durch das Fernrohr.
– Ich? ...
– Versucht‘s nur.
– Und das kostet nichts?« fragte Frik, der von Natur etwas misstrauisch vorsichtig war.
– »Nichts ... gar nichts, wenigstens wenn Ihr das Fernrohr nicht kauft.«
In dieser Hinsicht beruhigt, nahm Frik das Instrument, das der Hausierer für ihn passend einstellte. Nachdem er dann das linke Auge geschlossen, brachte er das rechte nahe an das Okular.
Erst blickte er in der Richtung des Vulkan und aufwärts nach dem Plesa hinaus. Nachher senkte er das Instrument und richtete es nach dem Dorfe Werst hinab.
»Wahrlich,« rief er, »‚s doch richtig! Das trägt weiter als meine Augen ... Da die Landstraße... ich erkenne darauf die Leute! ... Richtig, Nic Deck, der Forstwächter, der, die Flinte auf dem Rücken, vom Rundgange heimkehrt, mit ...
– Wie ich‘s Euch sagte!« unterbrach ihn der Hausierer.
»Ja ... richtig ... das ist Nic! fuhr der Schäfer fort. Und wer ist das Mädchen im roten Rocke und schwarzen Leibchen, die aus dem Hause des Meister Koltz tritt, wie um jenem entgegenzugehen?
– Seht nur ordentlich hin, Schäfer, und Ihr werdet das Mädchen ebenso gut erkennen, wie den jungen Mann ...
– Ja ... wirklich ... das ist Miriota ... die schöne Miriota! – Oh, diese verliebten Leute! Jetzt mögen sie aber auf ihrer Hut sein, denn ich habe sie hier deutlich am Ende des Fernrohres und es entgeht mir keine Zärtlichkeit.
– Nun, was sagt Ihr jetzt von dem Instrumente?
– Was soll ich sagen? – dass man damit weiter sehen kann als sonst.«
Wenn Frik in seinem Leben noch niemals durch ein Fernrohr geblickt hatte, musste das Dorf Werst doch wohl zu den Ortschaften des Comitats Klausenburg gehören, die am weitesten hinter der Zeit zurückgeblieben waren. Und dass es an dem war, wird der Leser bald selbst erkennen.
»Jetzt, Schäfer,« fuhr der Fremde fort, »schaut noch einmal hindurch, aber weiterhin als nach Werst. Das Dorf liegt viel zu nahe. Seht darüber hinaus, weit, weit hinaus!
– Und das kostet auch nicht mehr?
– Keinen Heller mehr.
– Gut. Ich will mich einmal in der Gegend der ungarischen Sil umsehen. Aha ... da ist der Kirchturm von Livadzel! Den erkenn‘ ich an dem Kreuze, woran der eine Arm fehlt. Da ... und weiter draußen seh‘ ich den Turm von Petroseny, auch seinen Weißblech-Wetterhahn mit geöffnetem Schnabel, so als wollte er seine Glucken rufen! ... Und ganz unten ... das muss der Turm von Petrilla sein ... Doch, nicht wahr, Hausierer, Ihr sagtet, das kostete deshalb immer nicht mehr ...
– Das Hindurchsehen kostet nichts, Schäfer.«
Frik wendete sich jetzt nach dem Plateau von Orgall hin; dann folgte er mit dem Fernrohre den Waldmassen im Schatten der Abhänge des Plesa, und schließlich trat die Burg in das Gesichtsfeld des Glases.
»Richtig!« rief er. Der vierte Ast liegt zu Boden ... ich hatte doch recht gesehen! Na, den wird auch Keiner aufheben, um ihn am Johannisfeste als hübsche Fackel zu gebrauchen ... Nein, Keiner ... nicht einmal ich selbst! Das hieße ja Leib und Seele der Hölle verschreiben! Doch keine Sorge; Einen gibt‘s doch, der ihn noch diese Nacht in seiner Höllenküche verbrennen wird ... das ist der Chort!«
Der Chort – so heißt der Teufel, wenn er hier im Lande gesprächsweise erwähnt wird.
Der Jude hätte vielleicht nach einer Erklärung dieser Worte gefragt, die für Jeden unverständlich sein mussten, der nicht aus Werst oder dessen Nachbarschaft herstammte, doch schon rief Frik wieder mit einer aus Schrecken und Erstaunen gemischten Stimme:
»Da ... was ist denn das? ... Ein Dunst, der über dem alten dicken Turme schwebt? ... Ist‘s denn wirklich nur Dunst? ... Nein, das könnte man für Rauchwolken halten! ... Unmöglich! Seit langen, langen Jahren haben die Schornsteine der Burg nicht mehr geraucht!
– Wenn Ihr da draußen Rauch seht, Schäfer, so wird‘s schon Rauch sein.
– Nein, Hausierer ... nein! Wahrscheinlich ist nur das Glas Eures Instrumentes angelaufen.
– So wischt es doch ab.
– Und wenn ich das täte ...«
Frik drehte das Fernrohr um und setzte es, nachdem er die Gläser mit dem Ärmel abgerieben hatte, wieder vor das Auge.
Es war tatsächlich eine Rauchsäule, die dort aus dem Wartturme aufwirbelte. Bei der ganz stillen Luft stieg sie kerzengerade empor und verschwamm schließlich im Dunste der Höhe.
Frik stand wie versteinert und sprach kein Wort. Seine ganze Aufmerksamkeit wandte er der Burg zu, nach der schon der Schatten der Täler unter dem Plateau von Orgall langsam empor schlich.
Plötzlich ließ er das Fernrohr herabsinken, griff nach dem kleinen Quersack, der unter seiner Jacke hing und fragte:
»Was soll Euer Rohr kosten?
– Anderthalb Gulden,« antwortete der Händler.
Er hätte das Fernrohr auch schon für einen Gulden weggegeben, wenn Frik sonst Lust zum Kaufe gezeigt hätte. Der Schäfer feilschte aber nicht. Offenbar unter dem Drucke einer ebenso plötzlichen wie unerklärlichen Verblüffung, senkte er die Hand in den Quersack und brachte das verlangte Geld hervor.
»Kauft Ihr das Fernrohr für Euch selbst?« fragte der Hausierer.
»Nein ... für meinen Herrn, den Ortsrichter Koltz.
– Dann gibt er Euch zurück, was ...
– Jawohl, die zwei Gulden, die es mich gekostet hat.
– Wie ... die zwei Gulden, sagt Ihr?
– Natürlich ... Nun übrigens Gute Nacht, Freundchen.
– Gute Nacht, Schäfersmann!«
Frik pfiff die Hunde heran, ließ diese die Herde zusammentreiben und zog rasch in der Richtung nach Werst davon.
Der Jude, der ihm nachschaute, schüttelte leicht den Kopf, als ob er es mit einem halben Narren zu tun gehabt hätte.
»Hätt‘ ich das gewusst,« murmelte er vor sich hin, »dann würd‘ ich ihm das Fernrohr etwas teurer verkauft haben!«
Nachdem er dann seine Waren am Gürtel und auf den Schultern wieder geordnet, schlug er, am rechten Ufer der Sil hinabwandernd, den Weg nach Karlsburg ein.
Wohin er ging, hat für uns keine weitere Bedeutung. Er taucht nur dieses einzige Mal in unsrer Erzählung auf. Der Leser wird ihn nicht wieder zu sehen bekommen.
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