| »Ich bin kein Steuermann, doch wärst Du fern Wie Ufer, von dem fernsten Meer bespült. Ich wagte mich nach solchem Kleinod hin.« |
| Romeo und Julia. |
Eine glückliche Mischung von Land und Wasser, bei einem glänzenden Mond, und einem Himmel, wie er unter dem vierzigsten Breitegrad zu seyn pflegt, ist ohne Zweifel ein reizendes Gemälde. So war die Landschaft beschaffen, welche der Leser jetzt seiner Einbildungskraft zu vergegenwärtigen hat.
Sandy-Hook, zur Hälfte Holländisch, zur Hälfte Englisch – was häufig bei Namen von Oertern in den ehemaligen Besitzungen der vereinigten Provinzen Hollands der Fall ist – hieß die Spitze oder das lange, niedrige und schmale Cap, welches die breite Bucht des Rariton den Winden und Wogen der offenen See verschließt. Offenbar entstanden durch die Strömung der verschiedenen, ihre Gewässer der Bai zuführenden Flüsse von der einen, und durch die ausgesetzte Gegenwirkung der Meereswogen von der anderen Seite, hängt diese Landzunge in der Regel mit dem flachen Gestade Neu-Jersey's zusammen: allein es gibt jahrelange Perioden, wo die See durch einen schmalen Arm die innere Seite des Caps vom festen Lande trennt und aus Sandy-Hook ein Eiland macht. Dies war auch gerade zu der Zeit, von der wir schreiben, der Fall.
Längs der äußern oder Meeresseite dieses niederen, schmalen Sanddamms läuft ein glatter, regelmäßiger Strand, wie fast überall an der Küste von Jersey; die innere Seite aber ist eingezackt, so daß dadurch mehrere Ankerplätze gebildet werden, in denen Schiffe eine bequeme, und gegen den Ostwind geschützte Lage finden. Unter diesen Ankerplätzen ist ein sehr netter kreisförmiger, in welchem Fahrzeuge von geringer Wassertragt vollkommen eingebuchtet, und sicher gegen alle Winde vor Anker liegen. Der Hafen, oder, wie er stets genannt wird, die Runde Bucht, liegt an dem Punkt, wo das Vorgebirge an das Festland stößt, so daß der eben genannte Meeresarm mit dem Wasser der Bucht in unmittelbarer Verbindung steht, so oft die Durchfahrt offen ist. Der Shrewsbury, ein Fluß vierter oder fünfter Größe, in anderen Worten, von nur einigen Hundert Fuß Breite und geringer Länge, kommt von Süden, läuft fast in paralleler Linie mit der Küste, und mündet sich, ebenfalls unweit der Runden Bucht, in die Bai. Zwischen dem Shrewsbury und dem Meere hat das Land viel Ähnlichkeit mit dem Cap, da es flach ist und, obgleich nicht ganz unfruchtbar, viel Sand hat. Da, wo nicht natürlicher Wiesengrund ist, oder die kunstfleißige Hand des Menschen Ackerland geschaffen hat, bedeckt Gehölz, von nicht sehr großen Fichten und Eichen, den Boden. Das westliche Flußufer hingegen erhebt sich schroff und steil zur Höhe eines Berges, und am Fuße desselben war es, wo aus Gründen, die sich vielleicht im Verlaufe unserer Erzählung von selbst ergeben, Alderman Van Beverout für gut befunden hatte, seine Villa zu erbauen, die er, in Uebereinstimmung mit holländischer Sitte, »Luft in Ruh« genannt hatte. Der Kaufmann, der als Knabe Einiges von den Klassikern gelesen, wollte in dieser Benennung seine Kenntniß des Alterthums bekunden, denn er behauptete, sie sey gleichbedeutend mit dem Ciceronischen: Otium cum dignitate.
Die Wahl des Flecks war von solcher Art, daß, wenn Liebe zur Einsamkeit und reinen Luft die Beweggründe unseres Bürgers von Manhattan gewesen wären, jene Wahl dennoch nicht besser hätte ausfallen können. In den angrenzenden Gründen hatte sich bereits früh in dem vorhergehenden Jahrhunderte eine achtbare Familie, Namens Hartshorne, angesiedelt, dieselbe, welche noch bis zur jetzigen Stunde dort wohnt. Ihre Besitzung war so umfangreich, daß dieser Umstand allein schon hinreichte, andere Ansiedler entfernt zu halten, wenn auch die Bildung und der Gehalt des Bodens größere Versuchung dargeboten hätte, als dies in einer Zeit der Fall seyn konnte, wo der beste Acker für einen Spottpreis zu haben war. Was die Luft betrifft, so wurde sie durch die kaum eine englische Meile entfernte See stets rein und gesund erhalten. Nach dieser allgemeinen Skizzirung des Schauplatzes so vieler Ereignisse in unserer Geschichte, folge hier eine etwas mehr in's Einzelne gehende Beschreibung der Villa selbst.
Das Haus »Lust in Ruh« war ein niederes, unregelmäßiges Gebäude aus Backsteinen, schneeweiß angestrichen, und, in jedem Betracht, im streng holländischen Geschmack. Giebel und Wetterhähne in Menge, ein Dutzend kleiner, gewundener Schornsteine, und zahllose Vorrichtungen an den erhöhten Stellen, wo die Störche horsten sollten. Diese luftigen, radartigen Flächen waren jedoch nesterlos geblieben, was den guten Bauherrn nicht wenig Wunder nahm; denn es ging ihm, wie so Vielen, welche sich in unserer westlichen Hemisphäre niederlassen, ohne die auf der östlichen Hemisphäre entstandenen und nur auf diese anwendbaren Gewohnheiten und Ansichten je ablegen zu können. Alle Neger in der Umgegend nämlich sagten einstimmig aus, es gäbe keine Störche in Amerika; allein der alte Holländer blieb dabei, es sey doch seltsam, daß seine Horste ohne Störche blieben! Vor der Fronte des Hauses befand sich ein kleiner, aber äußerst netter, mit Strauchwerk eingefaßter Plan, und aus dem reichen Erdreich, welches den Fuß des Berges ausmachte, hoben sich, fast so alt wie dieser selbst, zwei schöne Ulmen empor. Ueberhaupt fehlte es dem Gebäude auf dieser, von der Natur gebildeten Terrasse, nirgends an Schatten; sie war dicht mit Obstbäumen besetzt, und hier und da standen auch heimische Pinien und Eichen. Am Rande des Vorderplatzes stürzte sich das Land ziemlich jäh abwärts, bis zum Niveau der Flußmündung. Kurz, es war ein geräumiges, aber anspruchloses Landhaus; für jede häusliche Bequemlichkeit war gesorgt, aber nicht für architektonische Schönheiten, man müßte denn die rostigen Wetterhähne und die geschlängelten Schornsteine für Schönheiten gelten lassen. Nicht weit ab standen einige Außengebäude zur Aufnahme der Negersklaven, und näher dem Flusse Scheunen und Stallung, weit geräumiger und dauerhafter, als nöthig zu seyn schien, wenn man nur das sehr mittelmäßige Ackerland und den kleinen Umfang der Meierei in Anschlag brachte. In einem kleinen, aus Holz gebauten Werft, sah man die Pirogue liegen, in welcher der Eigenthümer derselben die Ueberfahrt über die äußere Bai gewagt hatte.
Während der ersten Abendstunden war an dem Hin- und Herblitzen der Lichter und der allgemeinen und lärmenden Bewegung unter den Schwarzen zu erkennen, daß der Herr der Villa angekommen sey. Nach und nach aber nahm dies rege Treiben ab, und ehe die Glocke neun schlug, bewegte sich kein Licht mehr im Hause alles ward still, wahrscheinlich also hatte sich die Gesellschaft, von der Tagesreise ermüdet, schon getrennt und zur Ruhe begeben. Auch unter den Sklaven hatte der Lärmen aufgehört, und süßer Schlaf sich herniedergesenkt auf ihr bescheidenes Obdach.
Vom äußersten nördlichen Punkte der Villa, welche, wie erwähnt worden, sich an den Berg anlehnte, stand ein kleiner Flügel, die Façade nach Osten zugekehrt, und folglich mit der Aussicht auf den Fluß und das Meer. Dieser Theil des Gebäudes war eben so wie die übrigen, ja noch mehr, in kleine Bäume und Strauchwerk eingehüllt, aber nach einem ganz verschiedenen Styl erbaut. Es war ein Sommer-Pavillon, welchen die schöne Barbérie sich auf ihre Kosten, nach eigenem Geschmack hatte errichten lassen. Hier pflegte die Erbin eines doppelten Vermögens während der Wochen, die sie auf dem Lande zubrachte, ihren kleinen Haushalt einzurichten, und sich mit denjenigen weiblichen Arbeiten, die ihren Jahren und ihrer Neigung am meisten zusagten, zu beschäftigen. Aus Höflichkeit gegen die normannische, schöne Bewohnerin, hatte der galante François diesen besondern Theil der Villa la Cour des Fées getauft – ein Name, der nach und nach allgemein angenommen, obgleich verstümmelt ausgesprochen wurde.
Die Jalousien des Hauptzimmers im Pavillon waren diesen Abend noch nicht heruntergelassen, und die schöne Bewohnerin an einem der Fenster sichtbar. Alida stand in einem Alter, wo der Mensch für lebhafte Eindrücke, namentlich für die Schönheiten der Natur, die meiste Empfänglichkeit hat, und reine Wonne erfüllte die Seele des Mädchens, während sie im Anschauen der lieblichen Landschaft ganz versunken dasaß.
Ein junger Mond, und ein von Myriaden von Sternen glühendes Firmament übergossen die ausgebreitete Wasserfläche mit einem sanften Licht; nur hier und da glänzte eine bewegte Woge etwas blendender in den weichen Strahlen. Von der See her wehte ein fast unmerkbares, oder, wie die wenig romantische Matrosensprache es nennt, dumpfes Lüftchen, mit der angenehmen Kühle des Abends auf seinen Fittichen. Auf der Oberfläche des unermeßlichen Ozeans, sowohl inner- als außerhalb der Sandbarriere, wodurch das Cap gebildet wird, herrschte vollkommene Ruhe; die Wasserfläche hob und senkte sich langsam schwer, wie das Athemholen eines schlafenden Wesens von ungeheurer Körpergestalt. Der einzig hörbare Ton war die Brandung, wie sie in lang gekräuselten Wellen sich zischend, schwer und ohne Unterbrechung an den Strand heranwälzte, bald mit schwellendem Rausche, hohl und drohend, bald in dumpfes, fernes Gemurmel hinsterbend. Der eigenthümliche Reiz in dieser Abwechslung des Tones, verbunden mit der feierlich stimmenden Stille der Nacht, lockten Alida auf ihren kleinen Balkon, wo sie sich über den Schatten, den ein Hagebuttenstrauch warf, hinüberlehnte, um den Theil der Bai anzustaunen, der am Fenster dem Auge entzogen blieb.
Die Schöne lächelte, als sie an der äußersten Spitze des schutzgewährenden Caps ein Schiff vor Anker liegen und dessen Masten im Monde schimmern sah. Ein Blick weiblichen Stolzes strahlte aus ihrem glänzend-schwarzen Auge, und ihre volle Lippe schwellte wie im Gefühle weiblicher Macht, während sie mit den zartgeformten Fingern, und ohne es zu wissen, auf das Balkongitter trommelte.
»Ah, der loyale Capitän Ludlow! wie schnell hat er doch seine Fahrt beendigt!« sprach die Jungfrau, denn das Siegesgefühl in ihrer Brust war zu natürlich, als daß sie nicht ihren Gedanken hätte Laute geben sollen. »Fast werde ich mich zu meines Onkels Meinung bekehren, und glauben, daß die Königin vom Capitän ziemlich schlecht bedient wird.«
»Schon einer Gebieterin treu dienen wollen, ist keine leichte Aufgabe,« erwiederte eine Stimme aus dem Gesträuch hervor, welches unterhalb des Fensters wuchs, so daß man von oben nicht sehen konnte, was oder wen es verbarg; »wer aber Zweien ergeben ist, darf mit Recht verzweifeln, auch nur bei Einer sein Glück zu machen.«
Alida schrak zurück, und im nächsten Augenblick sah sie ihren Platz im Balkon von dem Befehlshaber der Coquette eingenommen.
Der junge Mann bemühte sich, das Auge der Schönen zu befragen, ob er die niedrige Scheidewand, die ihn noch von ihrem Wohnzimmer trennte, überspringen dürfe; sey es nun, daß er irrthümlich den Ausdruck für aufmunternd hielt, oder daß seine Jugend und die Hoffnung ihn kühn machten – er thats.
Der schöne Sprößling des Hugenotten war gewiß nicht gewohnt, ihr Gemach mit so wenig Umständen erstürmt zu sehen, aber dessenungeachtet drückte ihr Gesicht weder Furcht noch Erstaunen aus. Nur reichlicher stieg ihr das Blut in die Wangen, nur glänzender ward ihr ohnedies stets lebhaftes Auge, nur fest und gebietend ward die Stellung ihrer herrlichen Gestalt, als sie mit einem Tone, der jede fernere zweideutige Auslegung vernichtete, die Worte sprach:
»Ich habe zwar gehört, daß Capitän Ludlow viel von seinem Rufe dem Entern verdanke; allein ich hoffte, sein Ehrgeiz würde sich mit den Lorbeern begnügen, die er im ehrlichen Kampfe dem Feinde abgenommen.«
»Schönste Alida, ich bitte, verzeihen Sie mir,« unterbrach sie der Jüngling; »Sie kennen ja die Hindernisse, welche die eifersüchtige Wachsamkeit Ihres Oheims meinem Wunsche, Sie zu sprechen, entgegensetzt.«
»Sie helfen ihm wenig, denn der Alderman Van Beverout ist so schwach, zu glauben, daß das Geschlecht seiner Mündel sie gegen solche Coups de main genugsam schütze.«
»Nein, Alida, dies heißt die Winde an Laune übertreffen! Sie wissen zu gut, wie ungern Ihr Vormund meine Bewerbung sieht, als daß Sie eine geringe Abweichung von der kalten Sitte gewaltsam zu einem ernstlichen Klagegrund machen könnten. Der Inhalt Ihres Briefes gab mir Hoffnung, ja, ich will es sagen, Kühnheit; empfangen Sie meinen Dank dafür, aber Erwartungen, die erst so kürzlich vielleicht zu einer größern Höhe, als die Vernunft billigt, von Ihnen emporgehoben wurden, sollten Sie nicht grausam wieder zerstören.«
Schon hatte die Gluth, die des Mädchens Wange zuerst bedeckte, zu weichen angefangen, als diese Worte sie verdoppelt dahin zurückriefen, und einen Augenblick lang wollte ihre Zuversicht sie verlassen; da besann sie sich schnell, und antwortete gefaßt, obgleich nicht ohne innere Erschütterung:
»Die Vernunft, Herr Capitän, hat der weiblichen Schicklichkeit enge Grenzen angewiesen. Vielleicht war es mehr gutmüthig als klug, daß ich Ihren Brief beantwortete; nur zu schnell geben Sie mir Ursache, meinen Irrthum zu bereuen.«
»Theure Alida, gebe ich Ihnen jemals Ursache, Ihr Zutrauen zu bereuen, so möge Schande in meinem Amte und das Mißtrauen Ihres ganzen Geschlechtes meine Strafe seyn. Doch habe ich nicht vielmehr Ursache, mich über Ihr folgewidriges Betragen zu beschweren? Konnte ich vermuthen, daß ein so bitterer Verweis – denn bitter macht ihn Ihre Kälte und Ironie – mich strafen würde für ein so verzeihliches Versehen, für den Wunsch, Ihnen meinen Dank auszudrücken?« »Dank!« erwiederte Alida, und diesmal war ihr Staunen kein angenommenes. »Das Wort ist stark, Sir, und paßt nicht für die einfache Verbindlichkeit, auf welche das Darlehen eines Bandes Gedichte Anspruch machen kann.«
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