Читать книгу «Wolf unter Wölfen» онлайн полностью📖 — Ханса Фаллада — MyBook.
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Es ist ganz unnütz für Pagel, den Klub zu wechseln (denn es gibt in diesen Tagen Spielklubs wie Sand am Meer, wie es überall Heroin und Koks gibt, Schnee; wie es überall Nackttänze, französischen Sekt und amerikanische Zigaretten gibt; wie es überall Grippe, Hunger, Verzweiflung, Unzucht, Verbrechen gibt). Nein, die Raubvögel am Kopfende des Tisches erkennen ihn immer gleich. Sie erkennen ihn an der Art seines Eintretens, dem prüfenden Blick, der fremd alle Gesichter streift, um an dem Spielfeld haften zu bleiben. Sie erkennen ihn an seiner übertriebenen Ruhe, seiner gespielten Gleichgültigkeit, der Art seines Setzens, an den langen Pausen, die er macht, die Sprünge der Chancen auszulassen, um eine Serie zu fassen: sie erkennen den gleichen Vogel im andern Gefieder!

An diesem Abend war Wolfgang nervös. Zweimal hatten ihm die Schlepper die Haustür vor der Nase zugeschlossen, um den unerwünschten Spieler zu verscheuchen, bis es ihm gelang, sich mit einer Gesellschaft einzuschmuggeln. Der Mann mit dem traurigen Wachtmeistergesicht hatte getan, als höre er seine Bitte um Spielmarken nicht; Wolfgang hatte sich sehr zusammennehmen müssen, um nicht laut zu werden. Schließlich hatte er seine Jetons doch bekommen.

Im Spielraum hatte er sofort gesehen, daß eine gewisse Halbweltdame, von Kennern der Devisenvamp genannt, anwesend war. Er hatte schon einige Male an verschiedenen Orten mit diesem anspruchsvollen, lauten Mädchen Zusammenstöße gehabt, weil sie, in einer Pechsträhne und dem Ende ihrer Mittel nahe, unbedenklich über die Einsätze ihrer Mitspieler zu verfügen pflegte. Am liebsten wäre er umgekehrt. Eine Spielmarke war ihm auf die Erde gefallen, was von unheilvoller Bedeutung war, denn es besagte, daß dieser Raum sein Geld zu behalten wünschte. (Es gab viele Vorzeichen solcher Art – bis auf eines oder zwei alle von schlimmer Vorbedeutung.)

Dann war er doch an den Tisch getreten, um zu spielen. Er konnte es immerhin – im Rahmen seiner Gewohnheiten – versuchen, da er nun einmal hier war. Wie alle Spieler war auch Wolfgang Pagel der unerschütterlichen Überzeugung, daß das, was er tat, gar kein richtiges Spiel war, daß es ›nicht galt‹. Er glaubte fest daran, daß irgendwann einmal, blitzartig, in einer Sekunde, ihn das Gefühl überkommen würde: jetzt ist deine Stunde! In dieser Stunde würde er wirklich Spieler sein, der Liebling des blinden Glücks. Die Kugel im Rade würde schnurren, wie er setzte, das Geld würde herbeiströmen –: Alles, alles werde ich gewinnen! – Wenn er an diese Stunde dachte, manchmal, nicht sehr häufig, wie man den Genuß eines großen Glückes nicht wertlos machen will dadurch, daß man es zu oft vorkostet – wenn Wolfgang daran dachte, fühlte er, wie sein Mund trocken, die Haut über seinen Schläfen pergamenten wurde.

Er meinte, sich zu sehen, leicht vorgeneigt, mit glänzenden Augen – und zwischen die ein wenig auseinandergespreizten Hände glitt ihm das Papier, wie von einem Winde hineingeweht, all dies verschiedenartige Papier mit den ungeheuren Zahlen, Nullen über Nullen, ein betäubender, nie völlig zu verstehender Reichtum – astronomisch!

Bis diese Stunde kam, war er ein kleiner Freitischgänger des Glücks, ein Hungerleider, der mit den mageren Gewinnchancen des Parispiels vorlieb nehmen mußte. Gerne vorlieb nahm, denn ihm winkte die Aussicht auf Großes!

An diesem Abend war er für seine Verhältnisse nicht schlecht bei Kasse. Spielte er ein wenig vorsichtig, mußte sich ein ausreichender Gewinn nach Haus tragen lassen. Wolfgang Pagel hatte sein bestimmtes, auf Grund sorgfältiger Beobachtungen erdachtes System beim Spiel. Von den sechsunddreißig Zahlen des Roulette waren achtzehn rot, achtzehn schwarz. Zog man die siebenunddreißigste Chance, das Null, bei dem alle die Einsätze der Bank verfielen, nicht in Betracht, so stand die Chance für Rot und für Schwarz gleich. In einem unendlich weitergespielten Roulette mußte nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung gleich oft Rot wie Schwarz kommen. Das tat es auch sicher. Aber wie sich im Laufe des Spieles Rot und Schwarz ablösten, darüber schien eine viel geheimnisvollere Regel zu walten, die man halb beobachten, halb im Gefühl haben mußte.

Stand Wolfgang – wie stets, ehe er zum erstenmal setzte – beobachtend am Spieltisch, so sah er etwa, daß Rot kam, und noch einmal Rot, und wieder Rot. Ein viertes, fünftes, sechstes Mal Rot, es konnte bis zum zehntenmal gehen, bis zum fünfzehntenmal, ja, in ganz seltenen Fällen noch höher: Rot, immer Rot. Es war gegen jeden Sinn und Verstand, es widersprach aller Wahrscheinlichkeitsrechnung, es war die Verzweiflung aller ›Spieler mit System‹.

Dann kam auf einmal Schwarz, nach sechs-, achtmal Rot kam Schwarz! Kam zwei-, dreimal; nun kam wieder Rot, und nun ging es mit einem ermüdenden, immerwährenden Wechsel hin und her: Rot und Schwarz, Schwarz und Rot.

Wolfgang aber wartete noch immer. Nichts war zu sagen, kein Einsatz mit einiger Aussicht auf Gewinn zu wagen.

Aber plötzlich fühlte er, wie sich irgend etwas in ihm spannte. Er schaut auf das Fleckchen Spieltisch, das seinem Blicke frei ist. Ihm ist, als sei er eine Weile mit seinen Gedanken fortgewesen, ohne doch zu wissen, wo, als habe er das Spiel nicht verfolgt. Trotzdem weiß er, daß jetzt dreimal hintereinander Schwarz kam, er weiß, daß er nun setzen muß, daß jetzt eine Serie Schwarz begonnen hat – er setzt.

Er setzt drei-, viermal. Öfter getraut er sich nicht. Ach, zwölf-, fünfzehnmal Rot sind eine Ausnahme, da liegen die großen Gewinnchancen: Stehenlassen den Einsatz und Gewinn – verdoppelt! Stehenlassen – verdoppelt … immer weiter, in märchenhafte Zahlen hinein. Aber sein Kapital ist zu klein, er kann keinen Fehlschlag riskieren, er muß mit der hausbackenen Sicherheit vorlieb nehmen. Aber einmal – einmal bestimmt wird die Nacht kommen, und er wird setzen, weitersetzen, immer weiter … Er wird wissen, daß siebzehnmal Rot kommt, er wird es siebzehnmal setzen und keinmal mehr.

Und dann wird er nie wieder spielen. Dann werden sie mit dem Gelde etwas Geruhiges anfangen, ein Antiquitätengeschäft zum Beispiel. Er hat Sinn für so etwas, er geht gerne mit diesen Dingen um. Das Leben wird dann sanft und ruhig strömen, keine äußerste Anspannung mehr, nichts von tiefster Verzweiflung, keine Raubvogelgesichter mehr, die ihn gesträubt mustern, keine ganz unzweifelhaften Halbweltdamen mehr, die ihm seinen Einsatz stehlen …

Er hat seinen Platz am andern Ende des Spieltischs gesucht, um nicht in der Nähe des Valutenvamps zu sein, aber es hilft ihm nichts. Er setzt grade, da hört er schon ihre Stimme: Machen Sie doch Platz! Stehen Sie doch nicht so breit da! Andere möchten auch spielen.

Er macht eine Verbeugung, sieht sie nicht an und räumt ihr das Feld. Er findet einen andern Platz und fängt wieder an zu setzen. Er denkt daran, daß er heute besonders vorsichtig spielen, etwas mehr als sonst nach Haus bringen muß: morgen um halb eins wollen sie heiraten.

Nun gut. Nun gut. Sie ist ein ausgezeichnetes Mädel, es wird nie eine geben, die ihn selbstloser liebt, so wie er ist, ohne ihn mit einem lästigen Ideal zu vergleichen. Sie werden also morgen heiraten, warum eigentlich, ist im Augenblick nicht feststellbar. Es kommt nicht darauf an, es wird schon richtig sein. Aber er wünschte, er würde ein bißchen aufmerksamer spielen, eben hätte er keinesfalls Schwarz setzen dürfen. Dahin! Dahin! Also jetzt …

Plötzlich hört er wieder die böse, gereizte Stimme hinter sich. Sie streitet jetzt mit einem andern Herrn, spricht sehr hoch und empört. Natürlich: ihre Nase ist ganz weiß, die schnupft Schnee, das Luder, kokst. Keinen Zweck, mit ihr anzubinden, die weiß schon nüchtern nicht, was sie will oder tut. Und jetzt erst recht –!

Er sucht sich wiederum einen andern Platz und fängt von neuem zu spielen an.

Diesmal geht alles gut. Er setzt vorsichtig, und holt wieder auf, was er bisher zugesetzt, ja, er kann schon sein ganzes Betriebskapital zurückziehen und mit dem Gewinn operieren. Neben ihm steht ein Jüngling mit flackernden Augen und fahrigen Bewegungen, der todsicher sein Jungfernspiel macht. Solche bringen Glück. Es gelingt ihm, dem Jüngling, ohne daß er es merkt, über den Rücken zu streichen, mit der linken Hand, der linken Hand – so etwas steigert die Gewinnaussichten! Daraufhin läßt er den Einsatz einmal länger stehen, als er sonst gewagt hätte. Er gewinnt wieder. Der Raubvogel schießt ihm einen kurzen, bösen Blick zu. Gut.

Er hat jetzt genug für morgen, für ein paar Tage länger noch (wenn der Dollar nicht gar zu sehr steigt), er könnte nach Haus gehen. Aber es ist noch ganz früh; er weiß, er würde nur Stunden wach im Bett liegen und über das Spiel nachdenken, er weiß, er würde von Reue gepackt sein, daß er diese Glückssträhne nicht ausgenützt hat …

Er steht ruhig da, seine gewonnenen Jetons in der Hand, hört auf die Kugel, die Rufe des Croupiers, das leise, kratzige Scharren der Harken auf diesem Spielsaal, aber vielleicht ist er ganz woanders. Das Klappern der Kugel erinnert an ein klapperndes Mühlrad. Ja, es ist einschläfernd; das Leben, wenn man es spürt, erinnert immer an Wasser, fließendes Wasser; panta rhei, alles fließt, hieß es auf der Penne, noch vor der Kadettenanstalt. Auch weggeflossen.

Er fühlt, daß er sehr müde ist, außerdem ist seine Mundhöhle ledrig vor Trockenheit. Eine Schweinerei, daß es hier nichts zu trinken gibt. Er müßte an den Wasserhahn auf der Toilette gehen. Aber dann weiß er nicht, wie das Spiel weitergeht. Rot – Schwarz – Schwarz – Rot – Rot – Rot – Schwarz … Natürlich, etwas anderes gibt es nicht: rotes Leben und schwarzer Tod. Etwas anderes wird nicht gereicht und erfunden, sie mögen erfinden, soviel sie wollen, Leben und Tod, darüber hinaus gibt es nichts …

Null!

Natürlich – Null hatte er vergessen, das gab es natürlich auch noch. Die Parispieler vergaßen immer Null, und plötzlich war ihr Geld fort. Aber wenn es Null gab, so war Null der Tod, und das war auch ganz richtig. Dann war Rot die Liebe, eine etwas übertriebene Sache, aber nun gut: angenehm, wenn man es hatte. Aber Schwarz – was war Schwarz dann? Nun, für Schwarz blieb noch das Leben, auch wieder übertrieben, aber nach der andern Seite hin. Nicht völlig schwarz, grau hätte auch gereicht. Oft ein lichtes, fast silbriges Grau. Gewiß, Peter ist ein gutes Mädchen.

Ich habe ja Fieber, dachte er plötzlich. Aber ich habe, glaube ich, jeden Abend Fieber. Ich müßte wirklich Wasser trinken. Jetzt gehe ich sofort.

Statt dessen schüttelte er die Spielmarken in der Hand, tat eilig die aus der Tasche dazu und setzte alles, grade als der Croupier rief: Nichts mehr! auf Null. Auf Null.

Das Herz blieb ihm stehen. ›Was tue ich da?‹ fragte er sich verwirrt. Das Gefühl der Trockenheit in seinem Munde verstärkte sich zum Unerträglichen. Die Augen brannten, über den Schläfen spannte pergamenten die Haut. Unfaßbar lange schnurrte die Kugel, ihm war, als sähen ihn alle an.

›Alle sehen mich an. Ich habe auf Null gesetzt. Alles, was wir haben, habe ich auf Null gesetzt – und Null bedeutet Tod. Morgen ist Trauung …‹

Die Kugel schnurrte noch immer; unmöglich war es, den Atem noch länger wartend anzuhalten. Er atmete tief auf – die Spannung ließ nach …

Sechsundzwanzig! rief der Croupier. Schwarz, ungleich, passe … Pagel stieß durch die Nase die Luft, beinahe erleichtert. Es war richtig gewesen: der Spielsaal hatte sein Geld behalten. Der Valutenvamp hatte ihn nicht umsonst verwirrt. Grade sagte das Mädel halblaut: Diese kleinen Nebbichs! Spielen wollen sie – in der Sandkiste sollten sie spielen! Der raubvogelhafte Croupier schoß einen scharfen, triumphierenden Blick auf ihn ab.

Einen Augenblick stand Wolfgang noch wartend. Das Gefühl der Befreiung aus quälender Spannung verging. ›Hätte ich noch eine Spielmarke‹, dachte er. ›Nun, es ist egal. Einmal wird der Tag kommen.‹

Die Kugel schnurrte schon wieder. Langsam ging er hinaus, an dem traurigen Wachtmeister vorüber, die dunkle Treppe hinab. Lange stand er in dem Hauseingang, bis ihn ein Schlepper hinausließ.

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