Aber auch die Nacht barg keine Ruhe für sie, nun leuchtete es rot in ihr auf, mit einem glühenden, bösen Rot … ach, der Hund von drüben war aufgestanden. Größer und größer werdend kam er über die Straße auf sie zu. Sein gähnender Rachen mit den spitzen, scharfen Eckzähnen war schon über ihrem Kopf. Böse rot die Augen, böse rot die drohenden Fänge, und nun legte er mit ungeheurem Gewicht seine Pfote auf ihre Schulter, sie schreit vor Angst, aber kein Ton drang bis an ihr Ohr. Sie sinkt hin …
Der Diener Ernst, die Hand auf ihrer Schulter, sagt mahnend: Fräulein, bitte! Fräulein!!
Von weit sah ihn Petra kommen und fragte doch gleich, als habe die Frage seit seinem Fortgehen dringend in ihr gewartet: Was haben die gesagt?
Der Diener bewegte zweifelnd die Schultern. Dann: Wo ist der junge Herr hin? Er sieht sie zögern, er sagt beruhigend: Vor mir brauchen Sie sich nicht zu genieren, ich bin bloß der Diener von seiner Tante. Ich erzähl schon nichts, was ich nicht will.
Und sie, da er doch Schlimmeres nicht erfahren kann, als er oben schon gehört haben wird: Fort. Geld besorgen.
Und ist nicht wiedergekommen?
Nein. Noch nicht. Ich warte.
Sie standen beide eine Weile schweigend da, sie geduldig wartend, was das Schicksal und vielleicht dieser Mann für sie bereithielt, er unschlüssig, ob er so einfach fortgehen könne, seiner Herrin zu berichten. Unschwer war zu erraten, was Frau Generalmajor von Anklam über dieses Mädchen dachte, was sie zu tätiger Hilfe sagen würde. Immerhin …
Der Diener Ernst trat langsam aus dem Torweg auf die Straße, sah unschlüssig auf und ab, der Erwartete war nicht zu sehen … Einen Augenblick hatte er den Gedanken, einfach fortzugehen. Er glaubte, genau zu wissen, daß dieses Mädchen ihn mit keinem Wort daran hindern würde. Es war die einfachste Lösung, jede andere konnte ihm Schwierigkeiten bei Exzellenz machen. Oder aber ihm Geld kosten – und je wertloser das vom Diener Ernst in einem Menschenalter ersparte kleine Kapital wurde, um so fester hing er an diesen Scheinen mit den unsinnigen Zahlen. Zu Haus in seiner kleinen Kammer füllte er eine blecherne Teepackung nach der andern mit ihnen …
Trotzdem …
Er sah noch einmal die Straße auf und ab: nichts. Zögernd, ein wenig unwillig über sein eigenes Tun, ging er in den Torweg zurück und fragte ebenso widerwillig: Und wenn der junge Herr nun kein Geld bringt?
Sie sah ihn nur an, mit einer leichten Bewegung des Kopfes – schon die vage Aussicht in diesen Worten, Wolfgang könne doch noch kommen, wenn auch ohne Geld, belebte sie.
Und wenn er gar nicht wiederkommt, was tun Sie dann?
Ihr Kopf sank ein wenig nach vorn, die Lider schlossen sich – ohne daß ein Wort laut wurde, war klar genug, wie gleichgültig ihr dann alles war.
Fräulein, sagte er zögernd, ein Diener verdient nicht viel. Und dann habe ich ja auch all mein Erspartes verloren, aber wenn Sie dies nehmen wollen …
Er versucht, ihr einen Schein in die Hand zu schieben. Er hat ihn aus der abgegriffenen, dünnen Brieftasche gewählt: Fünfzigtausend. Und da sie ihre Hand zurückzieht, dringender: Nein, nein, Sie können das ruhig nehmen. Es ist ja nur das Fahrgeld, damit Sie auch nach Haus kommen. Er stutzt, überlegt. Sie können doch hier nicht so weiterstehen! Sicher haben Sie irgend jemand Verwandtes, zu dem Sie erst einmal fahren können.
Wieder bricht er ab. Ihm ist eingefallen, daß sie in diesem Aufzug, die Beine bis über die Knie nackt, nur in vertretenen Hausschuhen, mit einem jämmerlichen Herrenpaletot, der zu viel Brust sehen läßt, unmöglich auf eine Elektrische steigen kann.
Er steht da, betreten, verlegen, fast schon ärgerlich. Er möchte ja helfen, aber Herrgott! – wie hilft man denn da?! Er kann sie doch nicht mit sich nehmen, einkleiden – und schließlich: was dann?!
O Gott, Fräulein! sagt er plötzlich traurig. Wie hat es nur der junge Herr so weit kommen lassen können?!
Petra aber hat nur eines verstanden: Sie meinen also auch, daß er nicht wiederkommt?
Der Diener bewegt die Schultern. Wie kann ich das wissen? Haben Sie sich denn gezankt? Sie wollten doch heute heiraten?
Heiraten – richtig! Das Wort erreicht sie noch, sie hat gar nicht mehr daran gedacht. Wir heiraten heute, ja … sagt sie und lächelt vage. Sie erinnert sich, daß sie heute den Namen ›Ledig‹ verlieren sollte, der immer etwas gewesen war wie ein Makel. Sie erinnert sich daran, wie sie erwachte und nicht nach seiner Geldtasche zu sehen wagte und doch noch sicher war: heute würde es sein! Dann waren die ersten Zweifel gekommen, seine unentschlossene Haltung, als sie ihn drängte, dann forderte, dann bat … Und wie sie gefühlt hatte, beim Zuschlagen der Tür schon: heute wird es nun doch nicht sein!
Aber plötzlich dann (und unbegreiflich, doch geschehen: der Hunger hatte ihr brennendes Hirn selbst das vergessen lassen) – plötzlich war vor dem Spiegel die Erkenntnis über sie gekommen, das Wissen, daß er wohl gegangen, aber doch bei ihr geblieben war, ewig unverlierbar in ihr. Was dann geschehen war: das bettelnde Hocken in der Thumannschen Küche mit dem Schielen nach Idas Schnecken, die Austreibung, das tatenlose Warten hier im Durchgang – das hatte nur der Hunger gemacht, arglistiger Feind im Leib und Hirn, der sie hatte vergessen lassen; was nie vergessen werden durfte: dies in ihr.
Was war denn los mit ihr? War sie denn verhext und verzaubert?! Sie hatte es doch immer noch geschafft in ihrem Leben, die Mutter hatte sein mögen mit ihr so roh, wie sie nur konnte – ein paar Tränchen, aber weiter! Die liebenswürdigen Kavaliere mit den messerscharfen Bügelfalten auf der Mädchenjagd mochten nachher noch so gemein und geizig sein – die Zähne zusammen, aber weiter! Wolfgang mochte wiederkommen oder nicht wiederkommen – schlimm, traurig, böse … Aber zweiundzwanzig Jahre lang hatte sie nur um der eigenen Person willen jeden Dreck gefressen – und jetzt sollte sie hier stehen, tatenlos, bestellt und nicht abgeholt – da zum erstenmal im Leben ein anderes auf sie angewiesen ist, auf sie ganz allein, und keine andere Frau auf der Welt kann sie ersetzen – einfach lächerlich!
Eine Fülle von Gedanken strömt auf sie ein, sie kann es alles gar nicht so schnell erfassen. Nachdem der Hunger ihren armen Kopf eine Zeit in Schwärze und vage Träume versenkt hat, macht er ihn jetzt überlebendig, ganz wach und klar: es ist aber alles ganz einfach. Sie hat für jemanden zu sorgen, und da dieser jemand in ihr ist, muß sie zuerst für sich sorgen – nichts ist selbstverständlicher. Alles andere findet sich dann schon.
Und während sie dies denkt, denkt sie auch schon anderes in ihrem Kopf. Sie macht Pläne, was sie zu tun hat, später, aber auch jetzt gleich. Und darum sagt sie plötzlich ganz klar und bestimmt: Ja, es ist nett von Ihnen, daß Sie mir das Geld geben wollen. Ich kann es sehr gut gebrauchen. Danke schön!
Der Diener sieht sie verblüfft an. Es ist nur der Bruchteil einer Minute vergangen, seit er sie daran erinnert hat, daß sie heute heiraten wollte. Der Diener Ernst kann nicht ahnen, welche Gedanken dieser eine Satz in ihrem Hirn wachgerufen hat, was alles sie in diesen wenigen Sekunden erlebte und plante. Er sieht nur die Veränderung in ihrem Gesicht, das plötzlich nicht mehr schlaff, das voller Leben ist, sogar Farbe hat es bekommen. Er hört plötzlich statt der zögernden, halblauten Sprache einen energischen Ton, fast schon Befehl. Ohne auch nur zu überlegen, hat er ihr das Geld in die Hand gelegt.
Na, Fräulein, sagt er überrascht und wieder leise geärgert, plötzlich sind Sie ja so munter! Warum denn? Das Standesamt ist schon zu. Ich glaube wirklich, Sie haben einen sitzen.
Nein, antwortet sie. Mir fiel nur plötzlich etwas Gutes ein. Und daß ich Ihnen so komisch vorkomme, liegt nicht am Trinken. Aber ich habe nichts gegessen, ziemlich lange schon, und davon wird einem so komisch im Kopf …
Nichts gegessen! empört sich nun wirklich der Diener Ernst, der all sein Lebtage stets zur bestimmten Stunde seine bestimmte Mahlzeit gegessen hat. Nichts zu essen! Aber so etwas sollte der junge Herr nun wirklich nicht machen!
Sie sieht ihn an, mit einem halben, verlorenen Lächeln. Sie weiß, was in seinem Kopf vorgeht, was er denkt und voller Empörung fühlt, und sie muß über ihn lächeln. Denn dieses Mal, da der brave, wohlerzogene Diener Ernst, ergraut im Umgang mit den ersten Kreisen, wirklich einmal für sie Stellung nimmt und gegen den jungen Herrn, dieses Mal spürt sie so recht, wie weit Menschen voneinander leben. Der junge Herr hätte sie schlecht behandeln dürfen, er hätte sie betrügen dürfen, er hätte sie sitzenlassen dürfen – das alles hätte den guten Diener Ernst (und seine meisten Mitmenschen) nicht gar so sehr empört. Aber daß er ihr nichts zu essen gab –! Nein, so etwas tat man nun wirklich nicht!!
Er betrachtet sie mit gerunzelter Stirn, sie kann ihm ansehen, vor wie großen Entschlüssen er steht, da macht sie es ihm leicht. Wenn Sie mir bloß ein paar Schrippen holen wollten! sagt sie. Hier gleich um die Ecke ist ein Bäckerladen. Und dann brauchen Sie sich keine Sorgen mehr um mich zu machen. Sobald ich ein bißchen gegessen habe, komme ich schon zurecht. Ich habe einen Plan … Natürlich hole ich Schrippen, sagt er eifrig. Und vielleicht sonst noch etwas, etwas zu trinken, Milch, ja?
Er hastet davon, er geht in drei, vier Läden: Butter, Brot, Semmeln, Wurst, ein paar Tomaten .. Er denkt nicht mehr an sein Geld, die Ersparnisse … Die Tatsache, daß ein Mensch Hunger hat, aber nichts zu essen, hat ihn ganz verwirrt. ›So etwas hätte der junge Herr nicht tun dürfen‹, denkt er immer wieder. ›Sie mag sein, wie sie will, aber hungern lassen – nein!‹
Er ist gelaufen, hat sich und die schläfrigen Ladeninhaber gehetzt, alles mußte eilig gehen, schnell. Am liebsten hätte er gesagt: ›Bitte, es ist nämlich für einen Menschen, der verhungert …‹ – Aber nun, da er zurückkommt, steht er noch verwirrter: sie ist nicht da. Nicht am Torweg, auf der Straße nicht, auch nicht auf dem Hof. Sie ist fort!
Zögernd entschließt er sich, noch einmal zu der Thumann hinaufzusteigen, sicher nicht sehr gerne, denn diese hemmungslos Geschwätzige hatte für ihn eine gar zu fatale Ähnlichkeit mit Ihrer Exzellenz, Frau Generalmajor Bettina von Anklam. Aber er bekam nur die Ida zu sehen, halb schon gewerblich, halb noch häuslich bekleidet, was ihn ziemlich erschreckte. Und diese junge Dame erkundigte sich sehr ungnädig bei ihm, ob es wohl piepe in seinem Hirnkasten, denn: Det Aas kommt mir nich wieder rin! Wenn die bloß schellt, hat se schon ’ne Schelle! Nee, wat sich solche Leute alles einbilden –!
Diener Ernst steigt wieder treppab, geht wieder über die Höfe, kommt wieder in den Torgang.
Im Schatten des Türflügels steht niemand. Kopfschüttelnd geht er auf die Straße: nichts. Diese Tüten und Päckchen mit Lebensmitteln, diese Flasche voll Milch, das kann er doch nicht mit zu seiner Herrschaft nehmen. Fräulein sähe es sicher, und sicher erzählte Fräulein es Ihrer Exzellenz.
Er kehrt wieder um, baut seine Besorgungen im tiefsten, dunkelsten Winkel hinter dem Türflügel auf und geht endgültig ab, nicht ohne sich noch häufig umzusehen. Erst als er in der Untergrund sitzt, denkt er nicht mehr zurück, kann er wieder vorausdenken.
›Was sage ich bloß Exzellenz –?!‹
Nach sorgfältiger Überlegung beschließt er, möglichst wenig zu sagen.
О проекте
О подписке
Другие проекты
