Die Equipage des Grafen Monford fuhr indessen langsam den sogenannten »Schloßberg« hinauf, denn der Graf hielt außerordentlich auf seine Pferde und litt nie, daß sie nutzlos angestrengt wurden, strafte auch nichts härter, als einen Verstoß gegen die darüber erlassenen Befehle. Der leichte Wagen knirschte über den hier reichlich ausgestreuten Kies, und der Weg zog sich bis zur Treppe des Herrenhauses durch einen wahren Flor von in voller Blüthe stehendem Hollunder, Goldregen, Akazien und Schneeballen hin, während die Front des ganzen Gebäudes mit allen nur erdenklichen Topfgewächsen so reich geschmückt war, daß selbst die breite, kunstvoll gearbeitete Marmortreppe, die zu dem Gartensalon und Empfangszimmer hinauf führte, einem vollblühenden Garten glich und den Duft ihrer Blumen durch die geöffneten Fenster in alle Räume des Schlosses sandte.
Und alle Räume waren so reich als geschmackvoll ausgestattet, denn Graf Monford besaß ein bedeutendes Vermögen und hatte auf seinen weiten Reisen gelernt, sich die Bequemlichkeiten und den Luxus aller Himmelsstriche anzueignen, ohne dabei sein Haus zu überladen. Die kostbarsten Gemälde, die herrlichsten Statuen und Statuetten schmückten die Zimmer, aber wo sie standen, schien es auch, als ob sie fehlen würden, wenn man sie weggenommen hätte.
Eine zahlreiche Dienerschaft füllte dabei das Haus – Graf Monford hatte früher auf von seinem Vater ererbten Besitzungen in Westindien gelebt und sich daran gewöhnt, eine Masse von Dienstleuten um sich zu haben – und herrliche Pferde standen in den Ställen, die sich, mit weiten Rasengründen für die Fohlen, eine ganze Strecke in den Park hineinzogen.
Als er ausgestiegen war, blieb er auch noch eine Weile (während seine Gemahlin nach oben ging, um Toilette zum Diner zu machen, und der Bediente eine Anzahl aus der Stadt mitgebrachter Pakete aus dem Wagen nahm) auf der Treppe stehen, um indessen seine beiden Goldfüchse zu betrachten, die, ungeduldig über den Aufenthalt, die schönen Köpfe auf und nieder warfen.
»Der Soliman scheut noch immer,« sagte er dabei, während sein prüfender Blick über die Thiere glitt und den Kutscher besorgt machte, daß er etwas Ungehöriges daran entdecke, – »daß wir ihm das gar nicht abgewöhnen können.«
»Er ist lammfromm geworden, Herr Graf,« erwiderte aber der Mann, indem er mit dem Ende der Peitsche langsam eine Stechfliege vom Halse des besprochenen Thieres zu entfernen suchte – »aber die fremden Beester jetzt in der Stadt, da scheut beinahe jedes Pferd.«
Der Graf nickte und betrat dann den mit feinen indischen Matten belegten Marmorboden des untern Saales, während der Kutscher, da Alles aus dem Wagen entfernt war, leise mit der Zunge schnalzte und nach den Stallgebäuden hinüberfuhr.
Im Salon war Graf Monford sonst gewöhnt, daß ihm seine Tochter entgegenkam. Er traf heute nur ihre Gesellschafterin, Mademoiselle Beautemps, eine ausgetrocknete Französin, sehr elegant gekleidet, aber mit einem etwas verbissenen Zug um die dünnen Lippen und sehr steifer, selbstbewußter Haltung.
»Wo ist Paula, Mademoiselle?«
»Ich war eben im Begriff, sie zu suchen, Herr Graf,« erwiderte die Dame. »Sie ist in den Park spazieren gegangen, ohne mir ein Wort davon zu sagen.«
»Das wäre freilich unverantwortlich,« entgegnete Graf Monford, während es wie ein leises, halb spöttisches Lächeln um seine Lippen zuckte, »besonders wenn man bedenkt, daß das Kind erst siebzehn Jahre alt ist und wahrscheinlich im nächsten Jahre heirathen wird. Hat sie ihre Kammerjungfer mit?«
»Sie ist vollständig allein gegangen.«
»Vollständig allein? So – nun, sie weiß, daß wir um fünf Uhr diniren, und wird zur rechten Zeit zurück sein.«
»Aber nicht einmal Zeit behalten, ihre Toilette zu machen. Wenn mir der Herr Graf erlauben...«
»Sie werden sie dann verfehlen und ebenfalls das Diner versäumen. Sie wird schon kommen« – und damit schritt er in sein Zimmer hinüber, das zu ebener Erde lag.
Mademoiselle Beautemps biß sich auf die Lippen, antwortete aber nur, sich ihrer Stellung und Würde bewußt, durch eine sehr förmliche Verbeugung, die der alte Herr nicht einmal bemerkte, und trat dann auf die Treppe hinaus, um die Ankunft ihres ungehorsamen Zöglings mit anscheinender Geduld, bei der sie aber in innerlichem Ärger fortwährend in raschem Tacte die Marmorplatten mit dem Fuß schlug, zu erwarten.
Ein Reiter kam den Weg heraufgesprengt, hielt an der Treppe, sprang aus dem Sattel, warf die Zügel seines warm gewordenen Thieres dem ihm folgenden Reitknecht zu, und war dann in wenigen Sätzen oben bei der Gouvernante.
»Ah, guten Morgen, Mademoiselle – Karl, reib das Pferd gut ab, und daß dann der Fingal gesattelt wird – ich reite nach dem Diner gleich wieder in die Stadt zurück. – Wo ist Paula, Mademoiselle?«
»Thut mir leid, Ihnen keine Auskunft geben zu können, Herr Graf,« sagte die Dame achselzuckend; »die Comtesse scheint die Zügel der Regierung selber in die Hand nehmen zu wollen.«
»Durchgebrannt?« lachte der junge Mann, indem er seine Handschuhe auszog und in den Reitrock steckte. »Die Eltern sind aber zu Hause, wie ich sehe,« setzte er mit einem Blick auf die Wagenspuren hinzu, »und wahrhaftig, gleich fünf Uhr – alle Wetter, da habe ich keine Zeit mehr zu verlieren!« und rasch sprang er in das Haus und in sein eigenes Zimmer hinauf.
Mademoiselle Beautemps hatte wenigstens die Genugthuung, nicht länger auf die Folter gespannt zu sein, denn in diesem Augenblick kam auch die Comtesse aus dem Park herauf. Sie mußte scharf gegangen sein, denn sie sah erregt aus.
»Aber, Comtesse, ich bitte Sie um Gottes willen, wo haben Sie gesteckt? Kann man denn nicht auf einen Augenblick den Rücken wenden!«
»Sind die Eltern schon da?«
»Schon lange, es wird gleich servirt werden. Und wie sehen Sie aus! Mit der Frisur können Sie gar nicht bei Tafel erscheinen! Wo waren Sie?«
»Im Park. Ist George auch schon da?«
»Alle – es wird den Augenblick dinirt. Ich muß wirklich in Zukunft bitten...«
Paula ließ sie gar nicht ausreden. An ihr vorüber huschte sie durch den Saal in ihr eigenes kleines Boudoir, wo Bertha, ihre Kammerjungfer, sie schon erwartete, und als Mademoiselle Beautemps, damit nicht zufrieden, sich das Wort abgeschnitten zu sehen, ihr dahin folgen wollte, um ihre Ermahnung und Strafpredigt zu beenden, hatte die sorgsame Zofe schon den Riegel vorgeschoben. Es wurde Niemand mehr eingelassen.
Paula brauchte aber für ihre Toilette außerordentlich wenig Zeit; das volle, herrliche Haar fiel fast von selbst in seine natürlichen Locken, und noch ehe die Gräfin Mutter den Speisesaal betrat, wo in diesem Augenblick gerade die Suppe aufgetragen wurde, war sie dort.
Ihr Bruder stand schon am Fenster und blätterte in einem Haufen von Zeitungen.
»Ah, da bist Du ja!« rief er ihr entgegen. »Sag', Schatz,« flüsterte er dann, »hat Dir Papa schon etwas mitgetheilt?«
»Mir, George?« fragte Paula erstaunt – »was soll er mir mitgetheilt haben? Ich weiß von nichts!«
»Nun, dann kommt es noch,« lächelte George, ihr freundlich zunickend. »Apropos, Paula, gehst Du Dienstag mit in's Theater? Die Räuber werden gegeben. Handor ist famos als Karl Moor.«
»Ich weiß es nicht,« sagte Paula erröthend, »wenn es Papa erlaubt...«
»Hoffentlich nicht, Comtesse,« bemerkte hier die Gesellschafterin, die gerade zur rechten Zeit in den Saal getreten war, um die Frage zu hören; »denn mit meiner Zustimmung besuchen Sie das Theater nicht so oft. Es ist ein Tempel des Lasters, in dem junge Mädchen eigentlich gar nichts zu suchen haben.«
»Mademoiselle!« wollte George gereizt ausfahren, als sich die Thür öffnete und die Eltern erschienen. Die Unterhaltung war damit abgebrochen.
»George – ah, da bist Du ja, Paula! Hast Du einen Spaziergang gemacht, mein Kind?«
»Mein lieber Vater...«
»Schon gut, Du bist ja noch zur rechten Zeit eingetroffen. Höre, George, Du hast Deinen Rappen wieder tüchtig warm geritten. Wenn Du meinem Rath folgst, schonst Du das Pferd.«
»Ich hatte mich verspätet, Papa, und ließ ihn nur ein wenig austraben. Heute Nachmittag nehme ich den Weißfuß.«
»Du willst wieder fort?«
»Ich habe mich zu einer Partie Whist bei Boltens engagirt und vorher noch Einiges zu besorgen.«
»Setzen wir uns.«
Das Diner wurde gewöhnlich schweigend verzehrt, da es Graf Monford nicht liebte, sich in Gegenwart der Diener zu unterhalten. Nur vollkommen gleichgültige Dinge durften besprochen werden, und selbst diese so kurz als möglich, und doch hätte George gar zu gern schon während der Tafel von dem Theater angefangen, das er leidenschaftlich gern besuchte. Aber es ging eben nicht, denn er wußte im Voraus, daß er entweder keine Antwort oder gar einen Verweis bekommen hätte.
George war das treue Abbild seiner Schwester, nur etwa zwei oder drei Jahre älter als sie, aber mit denselben edlen und offenen Zügen, denselben kastanienbraunen Augen, aber fast schon ein wenig zu selbstständig für seine Jahre, wozu denn freilich die Erziehung im elterlichen Hause Vieles beigetragen.
Als junger Bursche und noch unter einem Hofmeister wurde er mit eiserner, nachsichtsloser Strenge bis zu dem Augenblick behandelt, wo er zur Universität abging, und dort plötzlich und mit einem Schlag sein eigener, freier Herr war. Natürlich wußte er die ihm so rasch und unerwartet gekommene Freiheit nicht immer nur zu gebrauchen, sondern mißbrauchte sie auch nicht selten.
Dazu kam, daß Graf und Gräfin Monford sich Jahre lang auf Reisen befanden, wo denn die Kinder auch nur auf fremde Menschen angewiesen blieben und ihre Eltern nicht einmal zu sehen bekamen, und mit der ganzen vorangegangenen Erziehung konnte es kaum anders geschehen, als daß sich beide Theile mehr und mehr entfremdet werden mußten.
Graf und Gräfin Monford hatten in der That keine Kosten und Mühen gescheut, um ihre Kinder Alles lernen zu lassen, was sie in ihren Bereich bringen konnten, aber sie machten ein sehr großes Haus, und nur zu oft ist es ja in solchen »großen Häusern« leider der Fall, daß die gesellschaftlichen Pflichten den elterlichen vorgezogen werden oder, wie man sich einredet, vorgezogen werden müssen. Man hat Rücksichten zu nehmen (wie die Entschuldigungen heißen), überdies zuverlässige Leute daheim, denen man die Kinder recht gut anvertrauen kann. Eine Gesellschaft jagt dann die andere, einmal daheim oder auch außer dem Hause, von allen aber sind die Kinder ausgeschlossen, und ihre kurze Jugendzeit vergeht, ohne daß sie sich erinnern, der Mutter mehr als ein- oder zweimal auf dem Schooß gesessen zu haben.
Aber ein Kind will nicht allein Pflege – die kann ihm jeder gemiethete und gute Dienstbote geben – es will auch Liebe, und wenn ihm die entzogen wird, so wächst es auch wohl ohne sie frisch und kräftig auf, aber in seinem Herzen bleibt ein leerer, öder Raum, den es sich selber dann oft mit verderblichen Stoffen füllt. Unter der Obhut Fremder aufgewachsen, hatten sie allerdings vor den Eltern, denen sie erst herangewachsen näher traten, eine gewaltige Ehrfurcht gehabt, aber sie kannten kein anderes Gefühl und hielten diese Ehrfurcht für Liebe, während die Eltern stolz, recht stolz auf ihre Kinder waren und auch diesen Stolz für Liebe nahmen. So täuschten sich beide Theile über ihre Gefühle, und auch die Welt, und doch waren beide Kinder von Herzen seelensgut und brav, und auch die Eltern fest überzeugt, Alles für sie gethan zu haben, was in ihren Kräften stand, um vollen Anspruch auf ihre Dankbarkeit zu haben.
Die Liebe aber, die den beiden Geschwistern durch ihre Eltern mehr unbewußt als absichtlich entzogen worden, brachten sie dafür einander selber in desto reicherem Maße zu. Mit unendlicher Zärtlichkeit hingen beide an einander, ob auch ihre Charaktere noch so verschieden sein mochten.
Paula, von zartem Körperbau, mit vieler Phantasie begabt, neigte mehr zur Schwärmerei. Sie las viel und, leider, unter Anleitung der Französin, nicht immer recht passende Bücher; sie liebte dabei leidenschaftlich das Theater und konnte sich durch irgend ein gegebenes Schau- oder Trauerspiel so aufregen lassen, daß sie halbe Nächte lang ihre Kissen mit Thränen netzte. Unglücklicher Weise fand sie dabei in der Familie, der sie, während die Eltern auf Reisen gewesen, zur Obhut übergeben worden, nur zu viel Nahrung, denn diese hatte ein kleines Liebhabertheater in ihrer eigenen Wohnung errichtet, verkehrte viel mit Künstlern und fachte dadurch den Funken, der in Paula's Herzen glimmte, zur lichten Flamme an.
Das Technische in der Aufführung bei den kleinen, dort gegebenen Stücken hatte man nämlich nicht gut bewältigen können oder es auch vielleicht für zu mühsam gehalten. Ein geschickter Leiter wurde für nothwendig erachtet, und dort hatte Paula Handor kennen lernen.
George seinerseits war nichts weniger als ein Schwärmer und hing viel mehr dem Realistischen an. Er liebte wohl auch das Theater, weil es ihm Unterhaltung bot, ohne daß er sich aber sonst auch nur mit einer Faser seines Herzens dazu hingezogen fühlte. Weit mehr beschäftigten ihn die seinem Stande auch angemesseneren ritterlichen Übungen. Er war ein perfecter, tollkühner Reiter, ein eifriger und für sein Alter recht guter Jäger, besonders ein sicherer Schütze, und wenn er nebenbei auch etwas Musik und Malerei trieb und mit Vergnügen ein gutes Buch las, hatte er doch keinen rechten Trieb dafür. Er verstand etwas von Jedem, ohne es in irgend einer Sache zur Vollkommenheit zu bringen, und da er das selber fühlte, verlor er auch bald die Lust daran.
Auch an dem Liebhaber-Theater hatte er sich anfangs mit großer Lust betheiligt und vielen Eifer dabei gezeigt, aber es ermüdete ihn doch bald, wie er denn nie lange an einer Sache Vergnügen fand, und als Ende März die Auerhahnbalz begann, gab er es vollständig auf und fuhr lieber Nachts hinauf in den Wald, um Morgens um zwei oder drei Uhr an Ort und Stelle auf dem Balzplatz zu sein.
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