»Halt,« sagte Höfken »hier gilt es eine Wette; da, Handor, ehe Du uns Dein Abenteuer erzählst, sag' uns einmal, was für Wein das ist.«
»Und wer hat Dir gesagt, daß ich Euch überhaupt mein Abenteuer erzählen werde?«
»Als ob der schweigen könnte,« lachte ein Anderer; »hast Du wieder bei Deiner jungen Putzmacherin geschwärmt oder bei der dicken Banquierstochter, oder gar mit der kleinen Jüdin den Romeo gelesen? Der Mensch hat, bei Gott, ein Glück, um das man ihn beneiden könnte.«
»Thorheiten!« lachte Handor verächtlich; »welchen Wein meint Ihr?«
»Hier dieses Glas; aber jetzt koste vorsichtig, es gilt eine Wette.«
»Gebt mir vorher ein Stück Brod.«
Das Verlangte wurde gebracht, und während jetzt Handor den Wein mit Kennermiene prüfte und kostete, herrschte lautlose Stille in dem kleinen Raum. Trauvest, der gerade in die Thür trat, blieb auf der Schwelle stehen.
»Nun, wo ist der gewachsen?«
Handor kostete noch einmal. »Rüdesheimer Berg,« sagte er dann.
»Rüdesheimer?«
Handor nickte.
»Meine Herren,« sagte Trauvest, »ich muß Ihnen mittheilen, daß ich gestern zwei Fässer Wein, eins mit Markobrunner und eins mit Rüdesheimer Berg, habe abziehen lassen, und wie ich eben von meinem Küfer höre, hat er beim Siegeln den Lack verwechselt, was schuld an dem Irrthum ist; Herr Handor hat Recht, es ist allerdings Rüdesheimer Berg.«
»Alle Wetter,« rief Hauptmann von Seidlitz, »die Zunge muß Handor viel Geld gekostet haben!«
»Oder anderen Leuten,« meinte Pfeffer.
»Allen Respect übrigens vor Ihrer Zunge, Herr Handor,« fuhr Trauvest fort, »und wenn Sie das Theater aufgeben wollten, möchte ich Sie wohl als Reisenden engagiren; Sie sollten ganz vortreffliche Provisionen bekommen.«
»Herzlichen Dank, lieber Trauvest,« lachte der erste Liebhaber, »bin von Ihrer Güte überzeugt, befinde mich aber doch jetzt noch besser so. Sollte ich aber wirklich einmal in den Fall kommen...«
»Dann wenden Sie sich nur an mich, ich halte mein Wort,« nickte der alte Mann.
»Apropos, Handor,« rief der Maler Arnold, der ihm gegenüber saß, »haben Sie schon die schöne Fremde gesehen, welche heute angekommen ist, die Gräfin Rottack? Die Familie ist hier nach Haßburg übergesiedelt.«
»Nein,« rief Handor; »ist sie hübsch?«
»Bildschön,« versicherte Arnold ganz in Feuer. »Sie wurde mir heute unter den Buden gezeigt, wo sie mit ihrem Manne und den Kindern spazieren ging; ein reizendes Wesen mit einem von den Gesichtern, die der liebe Gott nur wenig Begünstigten mitgegeben, und denen man auf den ersten Blick gut sein muß. Und was für wunderbar goldenes Haar sie hat! Ich bin ihnen eine Weile nachgegangen, nur um die Sonne auf dem Haar blitzen und leuchten zu sehen.«
»Meiner Seel',« rief Pfeffer »wenn Sie so entzückt von rothen Haaren sind, weshalb malen Sie denn nicht einmal meine Schwester, die Bassini? Die brennt.«
Alle lachten.
»Der Pfeffer ist doch ein ganz nichtsnutziger Patron, nicht einmal seine eigene, leibliche Schwester kann er ungeschoren lassen,« rief Berthel.
»Bah, ungeschoren,« sagte Pfeffer, »sie trägt eine Perrücke!«
»Lassen Sie mir die Bassini in Ruhe!« rief Höfken dazwischen; »das ist eine ganz brave Person, wenn sie auch sonst vielleicht ihre Wunderlichkeiten hat. Und wie ordentlich und ehrlich bringt sie sich mit ihrer kleinen Gage durch, daß sie nicht einen Pfennig Schulden in der Stadt hat!«
»Das kann Handor auch von sich sagen,« meinte Pfeffer.
»Ich wollte, es wäre wahr, Pfeffer,« bemerkte Trauvest trocken, und ein tolles Gelächter brach von allen Seiten los.
»Lacht nur,« sagte aber der erste Liebhaber, während sich ein spöttischer Zug um seine Lippen legte; »wir wollen aber einmal sehen, wer von uns hier heute über vier Wochen die wenigsten Schulden haben wird, Ihr oder ich.«
»Du hast wohl in die Lotterie gesetzt?« fragte Höfken.
»Nein, er heirathet eine Gouvernante und wird Gouverneur,« meinte Pfeffer.
»Thorheit,« rief Handor, »da kommt der Champagner, und nun Gläser her und ein volles Glas den schönsten Augen!«
Für den Augenblick war jedes weitere Gespräch gestört, denn das Einschenken, Anstoßen und Trinken beschäftigte die Anwesenden so vollkommen, daß sie nicht einmal den Eintritt eines neuen Gastes bemerkten.
Es war der junge Graf Monford, der gar nicht etwa so selten die Künstlerkneipe besuchte, weil er dort immer sicher war, gute Gesellschaft zu finden.
»Nun mußt Du uns aber auch Deine schönsten Augen nennen, Handor,« rief Höfken ihm zu, »denn wenn ich ihnen ein Glas bringen soll, muß ich auch wissen, an welchem Theile des Himmels diese Sterne stehen.«
»Nie indiscret, Kamerad,« lachte Handor, »Jeder von uns trinkt den Augen, die er für die schönsten hält.«
»Und in dem Sinne nehme ich auch ein Glas mit,« rief George Monford; »heh, Kellner, noch Champagner!«
Handor war bei der Stimme rasch herumgefahren, und für den Augenblick verlor sein Antlitz jede Farbe; aber in dem Tumult bemerkte es Niemand, und Handor hatte auch rasch genug seine Fassung wiedergewonnen.
»Graf Monford,« rief er erfreut, ihm die Hand entgegenstreckend und sie herzlich schüttelnd, »lassen Sie sich auch einmal wieder bei uns sehen?«
»Ich bin heute eigentlich nur hergekommen, um Sie auf ein paar Minuten zu sprechen,« sagte der junge Mann.
»Mich?«
»Nachher; eine Geschäftssache,« lachte George; »Sie brauchen nicht zu erschrecken. Also den schönsten Augen, meine Herren, und da ist wohl Keiner hier, der den Toast nicht mittränke.«
»Bitte um Verzeihung,« sagte Pfeffer, »wenn ich auf etwas Derartiges anstieße, so wäre es höchstens auf die »beste Brille«; der Teufel soll die schönen Augen holen, wenn man Abends nicht mehr damit lesen kann.«
»Hahaha, Freund Pfeffer, immer giftig!«
Graf George rückte jetzt mit zum Tisch und das Gespräch wurde allgemeiner; nur Handor war merkwürdig einsilbig geworden, und so ausgelassen lustig er im Anfange geschienen, so schweigsam zeigte er sich jetzt, daß es sogar den Tischgenossen auffiel. Wie er aber nacheinander ein paar Gläser des feurigen Trankes hinuntergestürzt, wurde er etwas lebendiger; doch lagen ihm immer noch die paar Worte auf dem Herzen, welche ihm der junge Graf vorher gesagt. Was wollte der von ihm? Eine Geschäftssache? War er dem Liebesverhältniß mit dessen Schwester auf die Spur gekommen und wollte ihn jetzt vielleicht gar fordern? Die Cavaliere nannten das eine Geschäftssache. Das Gefühl wurde ihm zuletzt so unbehaglich und drückend, daß er aufstand, hinter Graf George's Stuhl ging und, leise seine Schulter berührend, sagte: »Mein lieber Herr Graf, Sie wollten mir vorhin etwas mittheilen; wenn ich bitten dürfte, ich kann nicht mehr lange bleiben.«
»Ach ja,« rief George, indem er aufsprang und nach seiner Uhr sah, »meine Zeit ist ebenfalls um; sagen Sie einmal, lieber Handor,« fuhr er dann leise fort, indem er ihn unter dem Arm nahm und etwas bei Seite führte, »ich habe eine Bitte an Sie.«
»An mich?«
»Zuerst muß ich Ihnen die Mittheilung machen, daß wir morgen über acht Tage, also am Freitag, die Verlobung meiner Schwester Paula in unserem Hause...«
»Ihrer Schwester Paula....?«
»Bst, nicht so laut, die Sache ist noch Geheimniß, soll wenigstens nicht vor der Zeit öffentlich bekannt werden, und ich ersuche Sie auch deshalb um Ihre Discretion; also daß wir dann in unserem Hause Paula's Verlobung feiern, und ich wollte sie gern zu dem Tage, unter anderen Sachen die ich mir ausgedacht, mit der Aufführung irgend eines hübschen Stückes auf unserem kleinen Liebhaber-Theater überraschen. Haben Sie etwas recht Hübsches, Neues, das wir bis dahin noch lernen können, und sind Sie vielleicht selber im Stande, uns bei der Inscenesetzung und den Proben zu unterstützen? Aber es muß natürlich Alles heimlich betrieben werden, denn weder Braut noch Bräutigam dürfen etwas davon erfahren.«
»Herr Graf,« sagte Handor, und er mußte sich Mühe geben, die Worte heraus zu bringen, so hatte der Schreck über die all' seinen Hoffnungen drohende Nachricht seine Zunge gelähmt, »ich – ich glaube gewiß, daß ich etwas Passendes finde, und stehe Ihnen mit Vergnügen zu Diensten.«
»Danke Ihnen, lieber Handor,« sagte der junge Mann, indem er ihm die Hand drückte, »Sie werden uns dadurch unendlich verbinden; Sie wissen ja selber, wie meine Schwester das Theater liebt und dafür schwärmt. Irgend ein hübsches neues Lustspiel von Scribe vielleicht und nicht zu lang; aber Sie können am besten beurtheilen, was dafür passend ist.«
»Gewiß, Herr Graf, gewiß, ich – ich finde sicher etwas; nur – nur in diesem Augenblick...«
»Nun, natürlich läßt sich das nicht so Knall und Fall bereden,« sagte Graf George; »überlegen Sie sich die Sache, und bitte, geben Sie mir morgen Abend spätestens Nachricht. Ich muß jetzt fort, denn ich bin zu einer Whistpartie engagirt. Also, adieu Handor, auf Wiedersehen!« und damit reichte er ihm die Hand. »Guten Abend, meine Herren!«
Handor trat zum Tisch zurück und mußte sich merklich zwingen, seine ruhige Fassung zu bewahren. Er bestellte noch eine Flasche Champagner und trank hastig; aber die Gedanken ließen ihm nicht Ruhe, er mußte allein sein und stand endlich auf, die Gesellschaft, der seine Aufregung nicht entgehen konnte, zu verlassen.
Ein paar Gäste wollten ihn noch mit seiner Zerstreutheit necken; aber er ging nicht auf ihre Scherze ein und verließ endlich nach einer unbestimmten Entschuldigung das Zimmer.
Draußen an der Treppe, die hinauf auf die Straße führte, traf er Trauvest, an dem er mit einem kurzen Gruß vorüber wollte.
»Hören Sie, mein lieber Handor,« redete ihn dieser an.
»Ja, Trauvest?«
»Sie nehmen es mir nicht übel,« fuhr der Wirth freundlich fort, »aber ich muß Sie wirklich bitten, daß Sie mir wenigstens einen Theil Ihrer schmählich aufgelaufenen Rechnung zahlen. Ich selber habe meine letzte Weinsendung in den nächsten Tagen zu berichtigen und bin wirklich in Verlegenheit, wo ich das Geld hernehmen soll; ich würde Sie sonst doch noch nicht belästigen.«
»Hm, ja, Trauvest, wie viel bin ich Ihnen denn eigentlich so ungefähr schuldig?«
»Nun, es werden ohne das Heutige immer so eine dreihundert und einige siebzig Thaler sein.«
»Dreihundert, alle Teufel, das hat sich merkwürdig aufsummirt!«
»Ja, lieber Gott,« sagte Trauvest achselzuckend, »billige Weine trinken Sie nicht, und eine hübsche Zeit ist ebenfalls verstrichen, seit Sie die letzte Abzahlung machten.«
»Sie haben Recht, Trauvest,« sagte Handor, indem er seinen Paletot zuknöpfte; »den Wievielten schreiben wir heute?«
»Der Monat geht auf die Neige.«
»Am Ersten sollen Sie bedacht werden, Sie gehen vor.«
»Vergessen Sie's nur nicht, Herr Handor.«
»Gewiß nicht, alter Freund; guten Abend!« Und er stieg die Treppe hinauf, die hinaus in's Freie führte.
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