Florian erwachte nun aus dem Nachdenken, durch die Mutter aufgescheucht. Mit taumelnden, schaukelnden Sprüngen hopste auch er heran. Es schien immer, als würde er die Richtung wechseln, als triebe ihn eine Menge von Einfällen oder gänzliche Ziellosigkeit jeden Augenblick anderswohin. Doch wollte er zur Mutter und kam zur Mutter.
Das junge Mädchen lachte laut.
Florian stutzte bei diesem Ton, stemmte die Vorderbeine breit auseinander und sprang zur Seite. Er sprang mit allen vieren zugleich in die Luft und schnellte sich viel höher, als nötig gewesen wäre. Dann beruhigte er sich, torkelte wieder nahe zur Mutter und zu den Menschen, die bei der Mutter standen. Auf eine erheiternde Art hatte man von Florian mit seiner dünnen Gestalt, von der Unproportioniertheit seiner Gliedmaßen, vom schmalen, ramsnasigen Kopf, vom Mienenspiel seines Kindergesichts den entscheidenden Eindruck, daß er absichtlich eine drollige Komödie aufführte und nicht wüßte, was er tat, daß er dümmer wäre als das dümmste Erdwesen, dann wieder, daß er klüger und listiger wäre als alle andern Geschöpfe.
»Ein Komiker«, lachte das Mädchen.
»Wie alle gesunden Fohlen«, sagte Neustift.
Anton jedoch mußte ein Loblied anstimmen, fühlte sich verpflichtet, Bewunderung für seinen Pflegling zu erringen. »Ja, der Florian«, fing er ganz bescheiden an, »unter tausend andern Fohlen muß man ihn herausfinden, weil . . . weil . . . kein anderer ist so wie er . . . weit und breit keiner!«
Er sah die keimende Schönheit Florians, sah die werdenden Vorzüge dieses Jungtiers; er nahm jetzt schon als vollendet an, was erst im Entstehen begriffen war. Seine Erfahrung half ihm dabei, sein weiches Gemüt und seine Vernarrtheit.
Der Rittmeister hielt auf der flachen Hand Sibylle ein Stück Zucker hin. Sibylle blies es an und nahm es auf. Der Zucker knirschte zwischen ihren Zähnen. Dann begehrte sie mit vorgestellten Ohren, mit flach zu Neustifts Händen gesenktem Haupte mehr.
Das junge Mädchen bot Florian Zucker. Der kam neugierig heran, stöberte unruhig in der Hand des jungen Mädchens, warf den Zucker ins Gras, tat einen Sprung und stellte sich neben die Mutter.
»Der versteht das nicht«, entschuldigte Anton, »er trinkt ja noch und hat noch nie etwas gegessen.«
»Oh!« Das junge Mädchen war enttäuscht und ein wenig beschämt.
Neustift erwischte Florian, legte den Arm über den Widerrist. Florian wollte sich losreißen. Ein leichter Druck genügte, und er blieb ruhig, duckte sich ergeben dem beherrschenden Willen. Sibylle hatte sich an den Rittmeister gedrängt, aber nur, um zu beobachten.
»Merken Sie, Gräfin«, sagte Neustift, »wie geduldig, wie gutartig diese Lipizzaner sind?«
»Wirklich«, stimmte das junge Mädchen zu, »die geborenen Höflinge.«
»Sie treffen das Richtige«, lachte Neustift, »die Lipizzaner gehören dem Kaiser. Sie haben das Vertrauen, das die Majestät erwarten darf, und sie sind viel uneigennütziger als die andern Höflinge, sie sind zum Unterschied von den Menschen weder intrigant noch boshaft. Übrigens, sehen Sie her . . .« Er öffnete Florian den Mund. »Da haben sie ganz kleine Milchzähne. Erst wenn die Kunden an den Rändern scharf werden und der Mutter weh tun, hört das Füllen auf zu trinken.«
Er ließ Florian los. Der jagte taumelnd, hopsend, springend im engen Kreise um die Gruppe.
»Florian!« lockte Anton. »Florian!« Aber Florian hörte nicht, wollte nicht hören. Man glaubte bei seinem regellosen Laufen, er müßte stürzen und sich im Sturz überschlagen. Doch nichts dergleichen geschah. Er war nur in einem Jubel. Anton schwieg und sah entzückt, wie Florian die wiedergewonnene Freiheit feierte.
»Bei den Lipizzanern kommen die Zähne langsamer«, wandte sich der Rittmeister an das junge Mädchen. »Alles vollzieht sich bei den Lipizzanern langsam. Die Natur geht bedächtig zu Werk, um ein vollkommenes Geschöpf zu formen.«
Da Sibylle seine Taschen und Hände beschnupperte, reichte er dem jungen Mädchen ein Stück Zucker. »Da, Gräfin, geben Sie's der Sibylle.«
Nachdem Sibylle den Leckerbissen genommen hatte, rieb das Mädchen die Handflächen trocken. »Sonderbar«, murmelte es errötend, »das ist so sanft, so zärtlich . . . wie ein Kuß . . .«
Neustift blickte zur Seite, antwortete nicht, und sie gingen weiter.
Auf der Kuppe einer geringen Bodenwelle blieb das junge Mädchen stehen und sah sich um. »Ah«, rief es mit gebreiteten Armen, »ah, schön! Schön!«
Nach einer kleinen Pause setzte es hinzu: »Und alle diese herrlichen Pferde . . . zauberhaft! Gibt's das schon lange?«
»Was?«
»Nun, das hier! Lipizza?«
Neustift schwenkte die erhobene Hand: »Jahrhunderte, Gräfin, Jahrhunderte!«
»Wissen Sie das genau, oder reden Sie nur so ins Blaue?«
»Ach Gott, ein bißchen ist mir bekannt, und mehr sag' ich ja nicht . . .«
»Woher stammen Ihre Kenntnisse? Haben Sie das studiert?«
»Studiert eigentlich nicht. Unsereins weiß diese Dinge eben. Man ist doch ein Reiter.«
Das Mädchen streifte ihn mit einem wohlgefälligen prüfenden Blick. »Erzählen Sie, was Sie wissen«, befahl sie.
Vom Meere wehte ein sanfter kühlender Lufthauch über das Plateau von Lipizza und milderte die Bruthitze der Sommersonne.
Florian stand ganz nahe vor dem Mädchen und starrte es wie ein Wunder an.
»Komiker«, lächelte das junge Mädchen, und als sie sich wendete, hielt sie gegenüber Sibylle, die ihnen gefolgt war.
»Was für seelenvolle Augen«, sagte das Mädchen. »Augen der Liebe«, entschlüpfte es ihr.
Der Rittmeister sah sie fest an: »Kennen Sie die Augen der Liebe?«
Sie senkte den Blick und flüsterte: »Nein. Aber so stelle ich sie mir vor, so dunkel, so durchglüht von innerer Güte, von grenzenlosem Verstehen, von stummer Beredsamkeit . . .« Sie schwieg und wurde dunkelrot.
Eine Pause entstand. Das Mädchen klopfte Sibylle den glatten Hals.
»Auch meine Augen«, begann Neustift schüchtern, »sind Augen der Liebe, wenn ich Sie anschaue, Elisabeth.« Da keine Antwort kam, sprach er weiter: »Aber ich glaube, meine Augen sind nur blau. Ich habe keine Hoffnung . . .« Er schwieg.
Elisabeth liebkoste Sibylle, und an Neustifts Worten vorbei bemerkte sie: »Wie zart, wie fein . . . Wunderbar!« Sachlich fragte sie: »Vollblut natürlich?«
Sachlich erteilte Neustift Auskunft: »Vollblut kann man kaum sagen. Diese Spanier wurden vor etwa zweihundert Jahren mit Neapolitanern und später mit Arabern gekreuzt. Genau genommen also Halbblut, aber adligster Art!«
»Spanier? Warum nennen Sie die Lipizzaner Spanier?« Neustift sammelte sich. Er trat auf Florian zu, berührte dessen Brust und Lenden. »Dieser Bursche da ist von weit älterem Adel als wir beide. Selbst wenn wir das Alter unserer Familien zusammenrechnen und das Alter der Dynastie dazu, reicht's noch lange nicht.«
Elisabeth kam voll überraschten Interesses näher. Sie standen einander gegenüber, zu beiden Seiten des Füllens. Florian blieb ruhig zwischen ihnen, ließ sich von beiden schmeicheln und schnupperte nach seiner Mutter, die sich quer zu dieser Gruppe gestellt hatte. »Das wären ja Jahrtausende«, meinte Elisabeth mit zweifelndem Tone. »Ist das nicht übertrieben?«
»Gewiß nicht«, antwortete Neustift. »Schon Hannibal ist mit diesen Pferden über die Alpen gezogen. Denken Sie doch . . .«
Elisabeth lachte. »Hannibal mit Lipizzanern? Hören Sie auf!«
»Damals waren es Pferde aus Spanien«, entgegnete Neustift ganz ernst, »oder aus Nordafrika.«
Noch immer lachte Elisabeth ungläubig. »Wer kann das behaupten?«
»Sehen Sie sich einmal antike Reliefs an«, gab Neustift zurück, »und betrachten Sie dieses Tier.« Er wies auf Sibylle, die mit hochgeschwungenem Hals im Profil vor ihnen stand. Er wurde eifrig: »Genau so waren die Pferde zu jener Zeit, genau so! Sie hatten wie heute die prächtige Gestalt, das heroische Pathos der Gebärde, die bezaubernd leichte Anmut der Bewegung, die zierlichen Ohren, die sanfte Neigung zur Ramsnase. Deshalb glaube ich, daß Hannibals Rosse die Vorfahren von diesen da sind.« Er geriet in Begeisterung. »Bedenken Sie doch, Elisabeth, wieviel Schönes und Heiliges wir heutigen Menschen von den Ländern des Mittelmeers empfangen haben! Gott und die Götter, Kunstwerke und Poesie und . . . und . . .«
»Und diese Pferde«, ergänzte Elisabeth, die wieder lächelte.
»Ja, auch diese Pferde«, sagte Neustift energisch. Er klopfte Sibylle auf die Kruppe. »Gibt es etwas Herrlicheres als Pferde? Und unter allen Pferden etwas, das diesen Pferden gleichkäme? Für mich nicht. Für mich gehört das Pferd zu den hohen Dingen. Entschuldigen Sie, ich bin nur ein Reiter.«
Elisabeth ging an ihm vorbei. »Nur ein Reiter«, sagte sie, »nur!« Sie faßte Sibylle bei den Kinnbacken und drückte einen Kuß auf ihre Nase. »Da, meine Gute! Auch für mich gehörst du zu den hohen Gütern dieser schönen Welt, auch für mich.« Sie wandte sich zu Neustift. »Wirklich, ich bin sehr froh, daß wir hergefahren sind. Noch nie war ich in Lipizza. Merkwürdig. Es ist doch gar nicht so weit von uns. Sie sagten vorhin, das Gestüt besteht schon sehr lange . . .«
»Sehr, sehr lange.«
»Weiter! Wissen Sie nicht noch mehr? Reden Sie doch! Woran denken Sie eigentlich?«
»Eigentlich an Sie«, sprach Neustift leise, »nur an Sie, Elisabeth! Sie haben mich gefragt, also darf ich sprechen. An Ihr kupferbraunes Haar, an Ihre schönen braunen Augen, an Ihre stolze kleine Nase, an den tapferen Schwung Ihrer Lippen, an . . .«
»Genug«, unterbrach ihn Elisabeth, nun gleichfalls flüsternd. »Nicht hier, bitte . . . bitte . . .« Laut redete sie weiter: »Sie wollten doch von Lipizza erzählen . . .« Sie warf einen forschenden Blick zu Anton hinüber, der hinterdrein ging. Aber Anton war mit Sibylle und Florian beschäftigt.
»Ja, Lipizza«, gehorchte Neustift, »da ist nicht viel zu sagen, Gräfin. Gegründet hat das Gestüt der Erzherzog Karl . . .«
»Der von Aspern, der Napoleon besiegt hat?«
Neustift unterdrückte ein Lächeln: »O nein! Der Erzherzog Karl, den ich meine, hat im sechzehnten Jahrhundert gelebt. Der Vater des steirischen Ferdinand . . .«
»Der steirische Ferdinand? Wer ist das wieder?«
»Das war der erste römisch-deutsche Kaiser, unter dem der Dreißigjährige Krieg ausgekämpft wurde.«
»Ach, ich bin verzweifelt über meine Unbildung.« Elisabeths frisches Mädchenantlitz war von Kummer umdüstert.
Neustift ergriff ihren Arm, was sie duldete. »Du bist herrlich, wie du bist«, sagte er, an ihr Ohr geneigt. »Ich hasse die Gebildeten!«
Elisabeth löste sich von ihm. »Sie, Neustift?« Es klang verwundert. »Ein Gelehrter wie Sie?«
Er lachte kurz auf. »Ich ein Gelehrter? Ich weiß knapp so viel, wie ein Österreicher braucht, damit er begreift, was Österreich und ein Österreicher ist.«
»Zu Hause werden Sie mir noch mehr erzählen«, bat Elisabeth, »ja . . . vom steirischen Ferdinand . . .«
»Gern, gern.« Neustift wurde enthusiastisch. »Und von Matthias und von Rudolf dem Zweiten, der auf dem Hradschin auf der Prager Burg mit Löwen und Adlern in einem Saal gewohnt hat . . .«
»In einem Saal?«
»Ja! Er war die leibhaftige, die geheimnisvolle Majestät! Man hat kaum einen Begriff von den großen Persönlichkeiten, die es unter den Habsburgern gab. Da hat die Geschichtsfälschung seit 1866 viel verwischt und verschlechtert.« Neustift geriet in Feuer. »Dieser Rudolf hat das Fundament zu allen unseren Kunstsammlungen gelegt. Er fühlte den Zauber, der von den Gemälden und Statuen und von den Werken der Goldschmiede ausgeht. Und er liebte die Pferde. Weißt du, er hat als Kaiser niemals mehr im Sattel gesessen, aber seinen Marstall hat er Tag für Tag aufgesucht, hat sich am Anblick der edlen Rosse gefreut und sie gehätschelt.«
»Wir wollen heim«, schlug Elisabeth vor. Sie war angeregt. »Das also«, sagte sie froh, »das ist Lipizza, seit vielen hundert Jahren.« Sie drehte sich im Kreise.
Mitten durch die Rudel schritten sie, schlenderten langsam dem Ausgang zu. Elisabeth drängte sich absichtlich zwischen zwei oder drei Stuten, sooft sie derartige Gruppen nahe beisammen sah. »Hoh!« rief sie, »Platz!« oder: »Geh, mein Kind!« Sie wußte, daß man die Tiere ansprechen muß, um sie nicht zu erschrecken. Daß ein Lipizzaner nur sehr selten scheu wird, davon hatte sie freilich keine Ahnung.
Neustift ging hinter ihr, neben ihr, wie sich's eben traf. Er pfiff leise Kavalleriesignale vor sich hin.
Sibylle und Florian folgten, als hätte der Besuch nur ihnen allein gegolten, und als wäre es ihnen nun angenehme Pflicht, den Gästen das Geleite zu geben. Anton wich nicht von seinen Pfleglingen.
Rechts und links tasteten die Hände von Elisabeth und Neustift an Pferdeleibern, an einer glatten, prächtig gerundeten Kruppe mit anerkennendem Klatschen, an einer breiten, gesunden Brust mit liebkosendem Klopfen, an einem steil und stolz gebogenen Hals, im Flaum des warmen Seidenfells oder, vom tiefen dunklen Blick der Pferdeaugen ruhig und forschend betrachtet, mit zärtlichem Streicheln über die samtzarten Nüstern.
Sie waren ganz eingeschlossen, ganz dicht umgeben von der Herde, atmeten mit dem Grasgeruch, mit der salzigen Luft, die vom Meere heraufwehte, den scharfen Dunst, der diesen starken Körpern entströmte. Er hatte hier im Freien etwas Erfrischendes, etwas vom warmen, kräftigen unschuldigen Leben. Milchweiße Schimmel waren da, Eisenschimmel, deren schneeiger Leib stellenweise wie von feinen, grauen Wolken überbreitet schien. Ein nobles Perlgrau mischte sich in willkürlichen, immer geschmackvollen Zeichnungen bald auf dem Rücken, bald gegen Brust und Lenden hin, bald abwärts von den Schenkeln mit der festlich weißen Grundfarbe. Das Weiß der Mähnen aber und der langen dichten Schweife, die gleich kostbarem Fahnenschmuck getragen wurden, hatte manchmal einen Stich ins Elfenbeinfarbene, manchmal eine strahlende Helligkeit wie gesponnenes Mondlicht.
Elisabeth blieb stehen. »Auf bald«, sang sie beinahe, so fröhlicher Schwung war in ihrer Stimme. »Auf baldiges Wiedersehen, Lipizza!«
Jemand berührte sanft ihre Schulter. »Oh Sibylle«, rief sie aus, »du brauchst mich nicht zu mahnen. Ich weiß, was sich gehört.«
Sie hielt dem Tier wieder ein Stück Zucker hin: »Da, zum Abschied. Auf Wiedersehen, Sibylle.«
Florian begann in Kreisen seinen grotesken Fohlengalopp. Er galoppierte um die Mutter, um Elisabeth und Neustift.
»Florian!« rief Elisabeth. Anton schrie: »Florian!« Er brüllte: »Florian! Florian!«
Florian hörte nicht.
»Lassen wir ihn«, meinte Elisabeth, »ich bin dagegen, kleine Kinder zum Adieusagen zu zwingen.«
Und sie gingen.
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