Wanda schwieg erröthend. Eben trat Valerius hinzu. Auch er hatte schon an die fernere Unsicherheit seiner Mutter gedacht. Die Reden des Generals wußten seine Besorgnisse so zu erhöhen, daß er jetzt bittend in Gräfin Elisabeth drang, ihren einsamen Aufenthalt mit Tilly’s geräuschvollem Lager zu vertauschen. Sie wurde endlich überstimmt, ihre eigne Ängstlichkeit, die zarte Besorgniß für Marie und Wanda, ließen sie einwilligen. Der Tag, wurde festgesetzt, an dem Valerius sie abholen sollte. Leise triumphirend, schritt Alexius im Zimmer umher, Wanda begleitete ihn mit scheuunruhigen Blicken. —
Endlich wieherten die Pferde im Hofe; Valerius, in den langen Reitermantel gehüllt, sagte den Seinigen Lebewohl. Der General, indem er mit dankenden Worten Abschied nahm, drückte der Gräfin Elisabeth einen flüchtigen Kuß auf die Stirn. — Sie fuhr mit der Hand an die Stelle, es durchzuckte sie ein unnennbares Wehe. Als sie wieder zu sich kam, ritten die beiden dunklen Gestalten schon in die finstere Nacht hinaus.
Die Zeit bis zum bestimmten Tage flog rasch dahin. Der Frühling trat indeß schöner und schöner hervor, die Natur schüttelte die letzten Bande des Winters von sich und Blätter und Blüthen schaukelten sich wieder auf den frisch belebten Zweigen der Bäume. Aber in Elisabeths und Wanda’s Herzen wollte der alte Frohsinn, die beglückende und unbefangene Heiterkeit nicht wiederkehren. Das Lager stand vor ihnen wie ein drohendes Gespenst, sie zitterten vor der Stunde, wo sie ihr liebes, heimathliches Schloß verlassen sollten, wie vor einem herannahenden Unglück.
Und doch verbargen sich beide gegenseitig, die Nothwendigkeit wohl erkennend, dieses Gefühl; nur die kleine Marie fragte einigemal mit bangen, verweintem Gesichtchen, ob sie denn mit müßte in’s Lager? Das Kind schien seit einiger Zeit gar nicht mehr dasselbe, alle Munterkeit war dahin, traurig hing es das goldgelockte, sonst immer lächelnde Köpfchen. Zuweilen schmiegte es sich mit auffallender Zärtlichkeit an Wanda oder Elisabeth; es schien, als ahne es das Schicksal, daß es bald von den geliebten Pflegern seiner Kindheit sich trennen würde.
Da leuchtete eines Abends ein langer Zug glänzend gewaffneter Krieger durch das Thal; die Zeichen der kaiserlichen Farben flatterten in der Luft, und grüßend neigte Valerius seinen Degen, als er mit seiner Bedeckung den Schloßberg hinaufritt, und Wanda und Elisabeth am Fenster erblickte. Die Koffer standen geschnürt auf den Wagen, und der folgende Morgen war zur Abreise bestimmt.
Gräfin Elisabeth hatte sich in ihrem vertrauten Cabinet verschlossen; Wanda, mit Marien an der Hand, durchschritt noch einmal die ausgeleerten Gemächer der Burg. Unten winkte der Garten, ihr stilles Lieblingsplätzchen mit seinen jungen Blumen und Blüthen. Wanda fühlte sich mächtig dahin gezogen, sie stieg hinab, um auch ihm ihr weinendes Lebewohl zu bringen. An Mariens Hand durchflog sie die duftenden Gänge und Gebüsche. Die Luft wehete ihr so mild, so trostbringend entgegen, sie ging weiter, und immer weiter in das nahe Wäldchen, wo eine kleine Kapelle, die sie einst selbst gebaut hatte, sich befand. Indem sie näher traten, bemerkte sie, daß die kleine bemooste Thür halb offen stand, und ein leises Geflüster drang aus dem innern Heiligthum hervor.
Plötzlich stürzten einige gewaffnete Männer heraus, ergriffen beide Mädchen, hoben sie auf ihre Arme, und flohen mit ihnen in höchster Schnelligkeit den Berg hinab. Vergebens strebten jene, tödtlich erschrocken, sich den eisernen Armen zu entwinden, Marie schrie mit lauter tönender Stimme um Hülfe, Wanda lag in halbohnmächtigem Zustand in den Armen ihres Entführers.
Unten am Fuße des Berges wurden sie niedergesetzt, in einiger Entfernung hielten viele Pferde und eine vierspännige Kutsche. Die Geraubten hielten sich in der Angst ihres Herzens fest umschlungen, als ein höher Kriegsmann auf sie zu kam, ungerüstet, bloß einen leichten Helm in die dunklen Locken gedrückt.
»Weh!« schauderte Wanda zusammen, »Bernhard!!« —
Marie war aufgesprungen, hoffend, lächelnd, blickte sie dem Jüngling entgegen. »Wo,« fragte dieser ruhig, nach seinen Leuten zurückgewendet, wo habt ihr die dritte Dame? — Memmen!« donnerte er sie zornig an, daß sie erbleicht zurückfuhren, »habe ich euch nicht befohlen, drei zu bringen?« —
»Lassen Sie es gut seyn,« fiel ihm Wanda klagend ein, »es ist an uns genug! Sie Räuber! womit haben wir verdient, daß Sie uns so behandeln! Lassen Sie uns frei! Bernhard, so habe ich mich denn in Ihnen so schrecklich geirrt! Gott im Himmel! was bleibt denn Wahrheit, da Sie logen?« —
»Fräulein,« unterbrach sie Bernhard, »schelten Sie jetzt nicht; ich habe sehr auf Ihr Vertrauen, auf Ihre Stärke gerechnet! Meine edle Wanda! ich kann frei in Ihr schönes Auge sehen, ich bin rein von Betrug! Steigen Sie in jenen Wagen. Sie werden sich einige Zeit von Ihrer Mutter trennen, aber ich führe Sie froh und freudig wieder in ihre Arme.« —
Sie schwieg, ihre Blicke hafteten starr auf seinen Augen, als wollte sie in seine innere Seele sehen. —
»Sie sind im Begriff,« fuhr er fort, »sich in Tilly’s kaiserliches Lager zu begeben. — Wie, in Tilly’s Lager?!! In diesem ausgelassenen, sittenlosen Haufen, in Alexius Nähe, sollte ich die edle Elisabeth, die engelreine Wanda wissen? Drum folgen Sie mir!«
»Und Sie könnten verlangen,« fiel ihm Wanda ein, »daß ich die unglückliche Elisabeth verlasse? Nein! wo sie athmet, bin auch ich. Ich danke Ihnen, Bernhard, mein edler Freund! Lassen Sie das Schicksal seinen Lauf gehen. Gott wird uns schützen.«
Bernhard wandte noch Manches ein, sie widerlegte seine Gründe mit ruhiger Klarheit.
»Sie wollen, Sie wollen also wirklich nicht?« rief er endlich. »Nun, es sey! ich will Sie nicht zwingen! Leben Sie wohl, Sie hohe, reine Seele. — Aber,« fuhr er fort, meinen Schmerz kann ich Ihnen nicht ersparen; ich nehme Marien mit mir — unabänderlich! Sie erbleichen, Wanda? Seyn Sie stark, machen Sie mir meinen Entschluß nicht noch schwerer durch Ihre Thränen!«
»Mein Kind! meine Schwester!« rief Wanda unter heftigem Weinen. Gott! o Gott! Sie sind hart. Können Sie es uns erlassen, so haben Sie Mitleid! Aber,« fuhr sie sich ermannend fort, »Bernhard, ich will auch groß seyn, ich will Sie durch ein unbegränztes Vertrauen bestechen! Da nehmen Sie das Kind, das heilige, theure Kleinod unsers Herzens! Ich will nicht fragen, wer Sie ihm sind, sondern glauben, es sey in guten Händen.«
»So habe ich’s gern, edles Mädchen?« rief Bernhard, indem er einen Siegelring vom Finger zog und eine goldne Kette, die um seinen Küraß hing, losmachte. »Großen Seelen kleidet großes Vertrauen. Nehmen Sie diesen Schmuck zum Pfande, daß Sie das Ihrige nicht belog. Er ist mir sehr theuer, das Liebste unter allen irdisch werth losen Dingen!« —
Wanda empfing die Sachen halb bewußtlos; innerlich brach ihr Herz. Sie fühlte Marien gewaltsam von sich losreißen, sie sah sie, trotz ihres Sträubens, in die Kutsche heben. Die Reiter sprengten fort, das schwere Fuhrwerk rasselte von dannen, ohnmächtig sank sie in das feuchte Gras nieder. —
Als Wanda endlich wieder zu sich kam, befand sie sich im Schloß auf einem Sopha liegend. Man hatte sie vermißt, und endlich, nach langem fruchtlosen Suchen, sie in ihrem hülfsbedürftigen Zustande gefunden. Es war schon dunkel; Gräfin Elisabeth saß mit verweinten Augen zu ihrem Haupte. Wanda erzählte ihr in abgebrochenen Sätzen das Geschehene.
»Tröste Dich, Mutter!« sagte sie, als am Ende Elisabeths Schmerz sich in einen Strom von Thränen ergoß. »Glaube mir, er ist edel! Ich, ich hafte für ihn! Marie konnte in keine bessere Hand kommen!« —
»Ach!« rief Gräfin Elisabeth, mit gefalteten Händen, »Dir, Dir, Vater der Unschuld, empfehle ich sie an, wenn Menschen sie verlassen; o behüte ihr liebes, kleines Leben!«
Eben trat Valerius düster herein. Er hatte das Gerücht von etwas Außerordentlichem schon vernommen. Gräfin Elisabeth erklärte ihm den Zusammenhang.
»Seht Ihr,« sagte er, »es betrügt auch alles, alles mein Herz! So rächt sich dieser Schwede! Ich hatte Marien sehr lieb; bei Gott! Darum nimmt er sie mir weg!«
Wanda hätte ihm gern widersprochen, aber sie schwieg.
Als sie mit ihrer Mutter allein im Schlafzimmer war, fiel plötzlich beim Auskleiden Ring und Kette von Bernhard klirrend zu ihren Füßen. An der letzteren befand sich eine verschlossene goldene Kapsel, die endlich nach einigen Versuchen Wanda’s aufsprang. Ein schönes, feines Portrait mit diamantnem Rahmen lag darin.
Es war das Brustbild einer Dame von etwa vierzig Jahren, nicht mehr in voller Blüthe, aber von hinreißender Anmuth umflossen. Bernhards Züge lächelten auf diesem weichen, himmlischen Gesicht, die Augen strahlten von einer Freundlichkeit, einer Huld, die selbst im Bilde entzückte. Einfach und schmucklos war das hellbraune Haar aufgesteckt, und ein dunkeles Gewand, bis dicht unter das Kinn reichend, begränzte dies bezaubernde marmorweiße Oval des Gesichts.
Auf der Kehrseite dieses Bildes war noch ein anderes angebracht. Ebenfalls eine Dame, aber noch in voller Jugend, von hoher Schönheit umstrahlt. Ueber diese Züge schien ein leiser Anflug des Schmerzes zu wehen. Das große braune Auge lächelte wie in stiller Trauer, um die feinen Lippen schwebte ein schöner Zug leiser Melancholie. Durch ihr tiefbraunes Haar waren Perlen und weiße Rosen geflochten, auch der Gürtel des schwarzen Kleides war mit weißen Perlen umkränzt. —
Wanda betrachtete die Bilder, in stillem Entzücken verloren. Sie drückte sie fest an ihr Herz.
»Seine Mutter,« flüsterte sie, »und — seine Braut! — — Das ist die Braut für solchen Heldenjüngling! Ach keine andere kann es seyn! — Aber,« fuhr sie weich und sinnend fort, »ich habe ihn ja auch verstanden! ich habe ihm ja auch in der tiefsten Seele gelesen —« —
Ein heißer Thränenstrom stürzte über ihre Wangen, und eine unnennbare Wehmuth zitterte in ihrem Herzen. »Arme, arme Wanda!« riefen ihr tausend Stimmen zu, während sie sich niederlegte, und unter immer leiser fließenden Thränen entschlummerte.
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