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Zweites Capitel

Während nun Paris trotz seiner Gemüthsbewegung in einen unruhigen Halbschlummer verfiel, saß Domitian, der Herrscher Roms, auf seinem Lager, das ihm heute keinen Schlummer gewähren wollte und vergrub die nackten Füße tief in die Zotteln des Löwenfells, das auf dem Mosaikfußboden ausgebreitet lag. Schon mehrmals hatte seine zitternde Hand den Schlaftrunk an die Lippen geführt, der auf dem Seitentisch unter dem schweren Purpurvorhang stand, vergebens, der Trank wirkte nicht mehr, ärgerlich goß er ihn auf das Löwenfell und griff sich seufzend an die brennende Stirn. Dann starrte er ausdruckslos in die kränkliche Flamme des Candelabers, die ihren traurigen Glanz über die prächtige Bettstatt, den goldschweren Vorhang streute und deren leichte Rauchsäule an der mattschimmernden Marmorwand vorbei nach dem Fenster hinschwebte. Der Vorhang bewegte sich leise im Nachtwind und des Kaisers mißtrauischer Blick ruhte zuweilen auf ihm, als traue er seinen Falten zu, daß sie die Hand eines Mörders verbergen könnten. Die Sklaven schliefen in ihren Zellen, der eintönige Schritt der Wache hallte auf dem Corridor wieder, in der Ferne rieselte, an die Stimme eines wimmernden Kindes gemahnend, der Brunnen eines der Vorgemächer. In dem weiten Palast wachte nur der Besitzer der stummen todten Pracht, die gleichgültig von Wänden und Decken herabglänzte auf die Qual des Gebieters. Das kleine geöffnete Fenster zeigte die im Sternenlichte fahlschimmernden Dächer Roms, über die in der Ferne die Tempelsäulen des Capitols geisterbleich aufragten. Der Kaiser warf einen geblümten Mantel um, schlüpfte gähnend in ein Paar bereitstehende Pantoffel und schritt schwerfällig zum Fenster. Nachdem er das zitternde Sternengewimmel, die unter ihm schlummernde von einem leichten violetten Nebel überdeckte Riesenstadt mit müdem gebrochenen Auge betrachtet, fielen seine Lider ein wenig über die Augen herab, indeß seine Athemzüge ruhiger gingen, als genösse er mit Behagen wie im Traume die kühle Nachtluft, den milden Sternenglanz und den Anblick der in mattsilbernen Duft gehüllten Stadt.

Plötzlich, als ein etwas heftigerer Windhauch seine Stirne berührte, zuckte er zusammen, sah mit gerunzelter Stirne hinter sich und eilte dann, so gut es ihm seine etwas dünnen Beine und der Umfang seines Körpers erlauben wollten, nach dem Thürvorhang, den er aufhob. »Antonius,« rief er in das Gemach. Da noch keine Antwort erfolgte, man aber eine Bettstatt erknirschen hörte, rief er noch einmal: »Antonius!«

Hierauf erfolgte ein verdrießliches Geseufze und erst als der Kaiser zum dritten Male rief, gab eine scharfe Fistelstimme zur Antwort: »Ja Herr.«

»Stehe auf!«

»Es ist ja noch völlige Nacht, Herr,« krähte die Kinderstimme schläfrig aus der Dunkelheit hervor.

»Zu was eine solche Nacht nur überhaupt da ist,« brummte Domitian in den Bart. »Begreifst du es, Antonius?«

»Beim Zeus, Herr,« erwiderte die dünne Stimme, »man sagt, die Armen und Müden hätten sie nöthig – die müssen schlafen.«

Als sich nun Domitian von der Thür entfernte schob sich hinter dem Vorhang eine Zwerggestalt hervor, blieb stehen, kratzte sich gähnend den großen dichtbehaarten Kopf und rieb sich dann mit ärgerlicher Miene die Augen. Domitian setzte sich wieder auf sein Bett und winkte den Verwachsenen heran, dem er mit einer fast liebevollen Sorgfalt das Löwenfell zurechtrückte. »Der Schlaf gehört nicht zum Dienstpersonal,« sagte der Herrscher mit ernster, fast weicher Stimme, »er kommt und flieht wie es seiner Laune behagt. Heute floh er mich bereits nach drei Stunden; die Götter sind deinem Kaiser ungnädig, nun aber, so leiste du mir ein wenig Gesellschaft, Antonius!«

»Ach Herr, was hast du an der Gesellschaft eines Buckligen?« gähnte der Kleine herbeihinkend und sich mit wackelndem Kopfe auf das Löwenfell kauernd. Domitian wühlte in den struppigen Haaren seines Lieblings, streichelte ihm die runzelige Wange und sah, wie in böse Träume verloren, vor sich hin. Dann plötzlich sein Haupt erhebend, lächelte er trübe vor sich hin und sagte freundlich: »Siehst du? wir gehören zu einander Du bist verwachsen – das ist eine Krankheit, mir fehlt der Schlaf, das ist auch eine Krankheit.«

»Ja Herr, ich trage einen Buckel und du trägst die Krone, beides sind Verunstaltungen,« seufzte der Zwerg, den Kopf auf die Kniee seines Herrn legend, schloß dann die Augen und fügte weinerlich hinzu: »Ich wollte, du ließest mich noch ein wenig schlafen, meine Verunstaltung hindert mich nicht daran.«

Domitian hörte nicht auf die Bitten des Ermüdeten, versprach ihm aber die köstlichsten Leckerbissen, wenn er ihn jetzt ein wenig unterhielte, seine Seele sei heute Nacht ungewöhnlich beunruhigt.

»Ist das der Fall,« murmelte der Zwerg, »so hast du ein altes gutes Mittel, dich aufzuheitern. Hier liegt dein Schreibgriffel – hier sitzt eine Fliege« . . .

Domitian, hierdurch an seine Lieblingsbeschäftigung, die Jagd auf Fliegen erinnert, lachte vor sich hin und indem er das Haupt seines Verwachsenen zwischen den Händen rieb, sagte er scherzhaft: »Oder ich könnte dir zur Unterhaltung auch die Haare jedes einzeln auszupfen – was meinst du? – Doch fürchte nichts – ich bin heute nicht in meiner Fliegenstimmung und du bist mein getreuester Diener. Wen hätte ich auch sonst außer dir, Antonius?« setzte er mit fast väterlicher Freundlichkeit hinzu. »Außer dir habe ich keinen, dem ich ganz vertrauen könnte.«

»Oho,« stöhnte der Zwerg.

»Bezweifelst du dies?« frug Domitian, »weißt du nicht, daß ein Herrscher immer von Schurken umgeben ist? Ja, mein Lieber, die Lage der Fürsten ist höchst beklagenswerth, weil man ihnen betreffs ihrer sichren Kunde einer Verschwörung nicht eher Glauben schenkt, als bis sie ermordet sind.«

»Ich bin also dein einziger Freund?« frug der Zwerg und beschloß seinen Herrn zu ärgern.

»Der einzige, dem ich nicht mißtraue,« sagte der Kaiser.

»Nun, du hast doch Domitia, deine Frau!« sagte der Zwerg höhnisch lächelnd und befreite seine Ohren von den liebkosenden Fingern des Gebieters.

Domitian, als diese Antwort an sein Ohr schlug, zog seine Kniee so rasch unter der Wange seines Lieblings hinweg, daß sich dieser den Kopf heftig an der metallenen Bettstatt aufstieß. Die Hände an die verletzte Wange drückend, begann er laut zu stöhnen, den kläglichen Blick zu Domitian emporschlagend. Kaum aber hatte er dessen starres, unheimlich auf ihn gerichtetes Auge und den zusammengekniffenen Mund wahrgenommen, als er zugleich aufhörte zu seufzen. Er nahm die Hände von der Wange und beugte beklommen vor sich hinsehend den Kopf tief herab. Jetzt wußte er, was seinen Herrn nicht schlafen ließ; dieser Blick, diese heftige Bewegung sagte es ihm, daß das allgemeine Stadtgespräch bis zu Domitianʼs Ohr gedrungen war und daß gewisse düstere Befürchtungen in Beziehung auf Domitiaʼs Treue den Herrscher veranlaßten, nächtlicherweile Trost bei seinem verhätschelten Liebling zu suchen. Jetzt kannte er auch das Mittel, durch das er sich an seinem Herrn für die gestörte Nachtruhe rächen konnte, und als Domitian sich jetzt langsam, fast schleppend erhob, in dem Gemach auf und ab zu wandeln, machte sichʼs der Kleine auf dem Boden bequem.

»Zürnst du mir, Herr?« frug er, einestheils von der Begierde zu quälen getrieben, anderntheils ängstlich nach einem Ausweg spähend, wenn es gefährlich werden sollte, den Löwen gereizt zu haben.

»Wer heißt dich von Domitia reden?« flüsterte der Kaiser, und griff, indem er neben dem Candelaber stehen blieb, mit der rechten Hand krallenartig in die Falten des Vorhanges. Der Zwerg lächelte verschmitzt.

»Von Domitia reden?« lächelte er, »du hättest viel zu thun, wenn du in den Kneipen Roms verbieten wolltest, daß von Domitia die Rede ist, denn – am Ende, Herr, gestehe selbst, was nützen Geheimnisse, Herr,« fügte er gleichgültig die Hand vor den gähnenden Mund drückend hinzu, »Geheimnisse, die doch schließlich keine sind.«

Er seufzte, schnickte nachlässig mit der Hand, dann sah er, indem er das eine Auge boshaft zupreßte, mit dem andern, dessen durchdringende Pupille hastig hin und her rann, zu dem Herrscher empor.

Domitian, der jetzt vor dem Candelaber stand, schaute, das finstere Gesicht zur Seite neigend, mit fast erschrockener Miene zu dem Kleinen herab, der behaglich grinsend im Gesicht seines Triumphs seine Arme um die Kniee schlang und sich wie ein Affe in das Löwenfell wickelte.

»Keine mehr sind?« wiederholte der Kaiser mit fast tonloser, stammelnder Stimme, – was sagst du – ich dachte. —«

»Nun Herr,« entgegnete Antonius, ein von der Schadenfreude durchbebtes Mitleid heuchelnd, – mein hoher Herr, es thut mir wirklich leid, daß ich gezwungen bin, so offen mit dir zu reden, ich habe jedoch von jeher die Wahrheit selbst einem Mächtigen gegenüber mich nicht geschämt, aufrecht zu halten, und da du doch selbst sagtest, ich sei dein treuster Freund« – er hielt inne, wiegte sich befriedigt her und hin, und frug dann: »Sagtest du das etwa nicht?«

Domitian nickte.

»Nun,« begann der vergnügte Bucklige aufʼs neue, die Worte, die er sprach, wie Dolche zuspitzend, »so darf ich mir wohl, zwar bittere, aber heilsame Freundschaftsdienste dir zu leisten herausnehmen. Freilich blutet mir der Mund, solchen Namen zu nennen, und an eine solche Schandthat zu gemahnen, ist fast so gefährlich, als der Thäter selbst zu sein. Doch ist mein Trost, daß du ja auf Alles vorbereitet warst, ich sage dir ja nichts Neues, – du weißt es ja so gut wie dein Lieblingszwerg, so gut, wie die ganze Stadt es weiß – so gut —«

Als der Kleine hier abbrechen mußte, da seine freudenzitternde Stimme ihm im athemlosen Halse stecken blieb, entfuhr dem Kaiser ein lautes erbittertes: »Was?« dem er leiser hinzufügte, »was soll ich wissen?« Der Kleine kroch an die Füße seines Herrn heran, die er streichelte, und frug in geheimnißvollem, bedauerndem Ton: »Wie? kennst du den Schauspieler Paris nicht? Den schlanken jungen Mann, mit dem die Frauen Roms so gerne Blicke tauschen, den süßen Tänzer, mit dem selbst eine gewisse hochgestellte Dame sich so gern unterhält.«

Domitian dessen Brust sich krampfhaft hob, hielt an sich und bat den Kleinen möglichst gleichgültig, er möge ihm von diesem Mimen erzählen, den er allerdings ein wenig kenne.

»Nun, es ist derselbe, auf den Martial das stadtbekannte Epigramm gemacht,« sagte der Zwerg. Alsdann pries er schmunzelnd die Schönheit des Tänzers, seufzend seine eigene Häßlichkeit betonend, die ihm leider unmöglich mache, der Gebieterin Roms zu gefallen, beschrieb dessen geschmeidiges Aeußere, ahmte den kindlich weichen Klang seiner Stimme nach, ließ ein Streiflicht auf die Liebesabenteuer desselben fallen, und ließ durchblicken, daß es ausgemacht sei, daß kein weibliches Herz diesem Jüngling widerstehen könne, sobald er Frauenrollen tanze. Die bekannte Frau eines Ritters habe sich ihm zu Liebe ruinirt, andere seien in Krankheiten verfallen, mehrere hätten sich umʼs Leben gebracht, aus Liebe zu ihm. »Man sagt sogar, eine sehr, sehr vornehme Frau schwärme für ihn,« schloß der Erzähler seinen Bericht, »aber daran mußt du nicht denken, guter Herr, dies Wort ist mir nur so entschlüpft.« Domitian war indessen, die Brauen nachdenklich zusammenziehend, an das Fenster getreten, als ein wachhabender Krieger eintrat, ihm zu melden, Paris harre im Atrium auf weitere Befehle. Während der Zwerg erstaunt frug, ob denn Paris zu dieser Stunde im Palast weile, schwollen auf des Kaisers ohnehin gerötetem Gesichte die Stirnadern mächtig an, aber er gab in gelassenem Tone den Befehl, die Wachen sollten sich bereit halten. Alsdann verlangte er den Centurio Silius, der auch sogleich erschien.

Der Kaiser sah dem demütig dastehenden Hauptmanne so lange schweigend ins Gesicht, daß diesem es anfing unheimlich zu werden, bis der Kaiser endlich, die Verwirrung des armen Mannes bemerkend, zu ihm sagte: »Kann ich mich auf dich verlassen?«

»Ich bin ein Soldat des römischen Reichs,« erwiderte Silius stolz.

»Schon gut,« gab der Kaiser zurück, schritt einmal durch das Gemach, blieb dann vor dem Centurio stehen und sagte zu diesem, während seine Stimme ein wenig zitterte: »Verberge dich hier in dem anstoßenden Gemach! Wenn ich Paris entlasse, indem ich hinzufüge: ›Ich bin mit dir zufrieden‹, so führt ihr ihn ohne Verzug in die Behälter der Löwen, die für das nächste Kampfspiel bestimmt sind, verstehst du?«

Er brach ab, als er aber den Hauptmann keine Miene seines Gesichts verziehen sah, fuhr er mit möglichst würdevollem Gesichtsausdruck fort: »Denn dieser Mensch scheint mir gemeingefährlich. Mir kam zu Ohren, er richte Unheil an unter den Römern.«

Wiederum brach er ab und fuhr dann, vielleicht durch die Stille beunruhigt, zögernd fort: »Doch höre weiter. Entlasse ich ihn aber mit den Worten: ›Hüte dich fortan, den Zorn deines Kaisers herauszufordern,‹ so führt ihr ihn unbehelligt in seine Wohnung zurück.«

»Wohl, hoher Herr,« entgegnete der Hauptmann, ein möglichst unbetheiligtes Gesicht machend: »sollen wir ihn im ersten Fall vor die Löwen des circus maximus werfen, oder befiehlst du einen anderen Circus?«

»Das gilt gleich; im übrigen halte dich genau an den Wortlaut!« rief Domitian dem Gehenden nach, indeß er einem an dem Thürvorhang harrenden Diener ein kurzes: »Herein mit ihm!« zurief.

Domitian lehnte nun, nachdem er wieder mit seinem Zwerg allein war, regungslos in der Fensternische und heftete, den Kopf ein wenig auf die Brust herab geneigt, seine Augen auf den Thürvorhang, durch welchen Paris jeden Augenblick eintreten mußte.

Antonius, der noch immer auf dem Fell kauerte, brannten mehrere Fragen auf der Zunge, doch die starren Züge, die von unten nach oben gerichteten Augen seines Herrn ließen ihn erkennen, daß es gefährlich werden könnte, in diesem Augenblick eine ungeschickte Frage zu stellen. Doch erwartete er mit einem Behagen den Tänzer, als gelte es, im Circus dem Spiel des Hasen zuzuschauen, der noch nicht weiß, daß der Tieger bereits auf ihn lauert.

Der finstere, mißtrauische Domitian liebte außer seinem Zwerge, den er als Spielzeug behandelte, nur noch ein Wesen in der Welt aufrichtig und mit der ganzen düstern Zähigkeit einer Natur, die weiß, wie sehr sie von den Besseren verachtet, von den Schwächern gefürchtet wird. Im Gegensatz zu andern Herrschern, die das Böse unbewußt, instinktiv, gleichsam naiv ausübten, besaß Domitian Verstand und Selbsterkenntniß genug, um in jedem Augenblicke sein eignes Thun beurtheilen zu können. Daher kam es, daß er nicht wie Andere, blindlings, so zu sagen mit einer gewissen Unschuld seiner bösen Neigung folgte, wenn ihm die Wahl zwischen zwei verschiedenen Handlungsweisen freistand, sondern daß er prüfend verfuhr und daß er, wenn es ihm seine stolze Laune, seine frostige Menschenverachtung eingab, das Schlimmere, Grausamere vorzuziehen, daß er alsdann von Gewissensbissen gequält ward, welchen Gewissensbissen das Mißtrauen nothwendig entspringen mußte. Eben dieses Mißtrauen, das die naiven Bösewichter nur in geringerem Grade heimsucht, war es, was ihn in die Einsamkeit trieb, ihn die Menschen meiden hieß. Da er nun aber doch ein Mensch, also zur Geselligkeit geboren war, und da er die Einsamkeit zuweilen in ihrer ganzen öden Bitterkeit aufʼs Schmerzlichste empfand, lag in ihm der seltsame Widerspruch, unaufhörlich nach Menschen zu suchen, die er als treu ergebene an sich fesseln könne.

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